Milwaukee Bucks

Offseason Preview: Milwaukee Bucks

Die Milwaukee Bucks stehen vor einer der wichtigsten Offseasons der Franchise-Geschichte. Nach einer dominanten Regular Season und darauf dem enttäuschenden Aus in Runde Zwei der Playoffs gegen die Miami Heat müssen sich die Bucks fragen, welche der beiden Saisonabschnitte mehr Wert für zukünftige Prognosen der Titelchancen des Teams hat und ob der aktuelle Kern gut genug für einen echten Run ist. Verkompliziert wird dieser Evaluation enorm davon, dass der Superstar der Bucks Giannis Antetokounmpo dieses Jahr zum vielleicht ersten Mal in seiner Karriere eine echte Entscheidung darüber treffen kann, ob er sich einen langfristigen Verbleib bei seinem aktuellen Team wünscht.

Die große Giannis-Frage

Als zweifacher MVP und amtierender DPOY kann sich Giannis nämlich schon in dieser Offseason ein Jahr vor dem Ende des aktuellen Vertrages dazu entscheiden, eine Super-Max-Extension für fünf weitere Jahre zu unterschreiben. Eine solche Extension würde Giannis für nahezu seine gesamte Prime binden an die Franchise, die ihn 2013 gedraftet hatte und bei der sich in den letzten Jahren zu dem Spieler entwickelt hatte, der er heute ist. Nach dem unerwartet frühen Aus des Teams in den Playoffs als bestes Team der Regular Season zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren wird es sich der 25-Jährige jedoch vermutlich sehr genau überlegen, ob er den Super-Max unterschreiben möchte. Bisher hat noch jeder Spieler, dem ein solches Vertragsangebot vorlag, dieses unterschrieben. Immerhin könnte Giannis so über die fünf Jahre ab 2021 hinweg über 220 Millionen Dollar gesichert verdienen. Der einzige bekannte Fall, in dem ein Spieler die Aussicht auf den Super-Max abgelehnt hatte, war Kawhi Leonard mit den San Antonio Spurs im Jahr 2018. Er wurde daraufhin von seinem Team mit noch einem Jahr Vertrag zu den Raptors getradet, noch bevor er den tatsächlichen Maximal-Vertrag vorgelegt bekommen hätte können.

Wie realistisch ist Giannis’ Wechsel zu den Warriors?

Auf den ersten Blick stehen die Bucks mit Giannis nun in einer ähnlichen Situation wie die Spurs 2018, falls dieser die Vertragsverlängerung im Sommer nicht unterzeichnet. Diese Ähnlichkeit ist jedoch nur augenscheinlich vorhanden und es gibt viele Details, die die Lage der beiden Spieler voneinander unterscheiden. Nach Unstimmigkeiten über die Behandlung seiner Verletzung hatten sich Leonard und das Team aus San Antonio öffentlich zerstritten und nachdem Leonard bereits das vorangegangene Jahr zu großen Teilen ausgesetzt hatte, war ein solches Vorgehen erneut zu befürchten, sollte er nicht getradet werden. Eine solche Situation ist bei Giannis absolut nicht zu erwarten, da der Grieche mehrfach betont hat, wie wohl er sich eigentlich bei den Bucks und in Milwaukee fühlt. Nur eine öffentliche Trade-Forderung könnte die Lage dahingehend für die Bucks verändern. Selbst wenn sich das Front Office nahezu sicher ist, dass Giannis in der Free Agency 2021 das Team verlassen möchte, scheint ein Trade eher unwahrscheinlich. Kein Trade-Angebot eines anderen Teams könnte den Bucks in den nächsten 10 Jahren auch nur einmal die Aussichten auf eine Titelchance geben, die Giannis Anwesenheit im Roster dem Team in der Saison 2020/21 verschaffen würde.

Der wahrscheinlichste Ausgang der gesamten „Giannis-Frage“ erscheint daher, dass dieser sich bis zur Free Agency 2021 Zeit lässt für eine Entscheidung, in der nächsten Saison jedoch trotzdem noch für das Team aufläuft. Die Bucks stehen demnach vor der Herausforderung, ein möglichst kompetitives Team für die kommende Saison um Giannis herum aufzustellen, um so eventuell den Star doch noch von einem Verbleib überzeugen zu können. Die Zukunft über 2021 hinaus spielt dabei eine geringere Rolle als die Chancen für die kommende Saison, nach Möglichkeit sollten jedoch keine Picks über 2021 getradet werden, um den Schaden im Falle eines Abgangs Giannis möglichst gering zu halten.

Die große Baustelle des Kaders

Trotz des erneuten eklatanten Mangels an Adjustments während den Playoffs scheint der Job von Headcoach Mike Budenholzer für die kommende Saison nicht in Gefahr. Es gibt zudem nur wenige junge Spieler im Kader der Bucks, die einen großen Entwicklungsschritt machen könnte und über Cap Space verfügt das Team ebenfalls nicht. Große Veränderungen am Kader und der Spielweise des Teams, um die Bucks einen Schritt voran zu bringen in ihren Hoffnungen auf den Titel, müssen daher vermutlich mit Hilfe eines Trade geschehen.

Voraussichtlicher Cap Sheet der Milwaukee Bucks für die Saison 2020/21

Während den Playoffs wurde offensichtlich, dass dem Team ein klassischer Pick&Roll oder Isolation-Ballhandler fehlt, der im Halbfeld die Offense dirigieren kann. Giannis´ Limitationen mit seinem Jumpshot verhindern zu häufig, dass er Konter finden kann, wenn das gegnerische Team die Zone befüllt und Khris Middleton ist trotz all seiner Stärken nicht dieser Spieler. Einen verlässlichen Halbfeld-Creator auf Playoff-Niveau zu finden ist jedoch keine leichte Aufgabe. Nach dem Ausscheiden der Bucks machten erste Gerüchte um einen Trade für Chris Paul die Runde, die jedoch kurze Zeit später wieder negiert wurden.

CP3 ist mit 35 Jahren im Spätherbst seiner Karriere angekommen und steht für die nächsten zwei Jahre noch für 85 Millionen US-Dollar unter Vertrag. Für die Oklahoma City Thunder, die sich am Beginn eines Umbruchs befinden, könnte es daher durchaus Sinn ergeben, Paul relativ kostengünstig abzugeben. Sollte er seine in der vergangenen Saison gezeigten Leistungen auf All-NBA-Niveau noch eine weitere Saison bestätigen können, wäre er jedoch die ideale Ergänzung für das Team der Bucks. Dank seines Shootings funktioniert er auch neben Giannis und kann diesem in der Regular Season den Großteil der Creation-Last überlassen. So wird er zugleich geschont und kann in den Playoffs in den entscheidenden Phasen das Zepter des Spiels in die Hand nehmen. Sein Vertrag ist zwar gewaltig, aber läuft auch nicht mehr so lange, dass er nicht für das Team auch bei einem Abgang von Giannis in der nächsten Offseason durchaus noch tragbar wäre. Im Gegenzug würden die Thunder jedoch als Entschädigung wohl das einzige nennenswerte Talent der Bucks Donte DiVincenzo und eventuell noch den 24. Pick des diesjährigen Drafts verlangen, was einen Rebuild erschweren würde. Andererseits ist weder DiVincenzo noch der Spieler, den die Bucks an Nummer 24 draften können, wirklich ein Blue-Chip-Asset, das die Zukunft einer Franchise entscheidend verändern kann und an dem man als Team unbedingt festhalten muss. Als Filler Salary müssten wohl Eric Bledsoe, dessen Limitationen in den Playoffs wieder einmal überdeutlich wurden, und Ersan Illyasova in den Trade inkludiert werden.

Entwurf eine Trades für Chris Paul (erstellt mit Hilfe von tradenba.com)

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt dieses Trades wäre es, dass die Bucks nach seiner Vollendung ein beinahe sicheres Tax-Team wären. Entgegen aller Beteuerungen lässt der Sign&Trade von Malcolm Brogdon nur wenige Zweifel daran, dass die Besitzer der Bucks zu diesem Schritt in der vergangenen Offseason nicht bereit waren. Berichten zufolge wurde Giannis nach dem Ausscheiden in dieser Saison jedoch versprochen, dass die Luxussteuer kein Problem mehr sei. Solche Aussagen ohne darauf folgenden Taten (oder ein „zufälliges“ Abrutschen unter die Luxussteuergrenze) gab es allerdings in den letzten Jahren häufiger bei verschiedenen Teams zu beobachten und ist insbesondere in der aktuellen finanziellen Lage wohl auch in diesem Jahr nicht auszuschließen. Möchten die Bucks irgendeine Chance haben, den Kader genügend aufzubessern, um Giannis eine echte Chance auf den Titel zu gewährleisten, ist das jedoch ein Muss in der kommenden Saison.

Neben Chris Paul kommen nur wenige andere Ballhandler als potenzielle Option für die Bucks in Frage, die in der Offseason verfügbar sein könnten. Jrue Holiday ist für die Bucks in einem Trade sicherlich zu teuer, ähnliches gilt vermutlich für Caris LeVert oder Spencer Dinwiddie. Eine andere interessante Option könnte Mike Conley im Austausch für ein ähnliches Paket wie oben beschriebenes sein, sobald dieser seine Player Option gezogen hat. Möchten die Jazz lieber einen jüngeren Kern rund um Donovan Mitchell aufbauen, könnte ein solcher Trade für den 33-jährigen Conley durchaus Sinn ergeben. Nach einer schwachen Regular Season zeigte sich Conley in der Bubble stark verbessert und könnte so viele der positiven Aspekte eines Chris Paul ebenfalls erbringen. Dass sein Vertrag ein Jahr kürzer ist, somit perfekt zu Giannis Timeline passt und zudem noch 7 Millionen günstiger ist als Paul, wäre für das Front Office der Bucks sicherlich ein netter Nebeneffekt. Wenn keine dieser Optionen Früchte trägt, wäre Pauls Mitspieler in OKC Dennis Schröder ebenfalls ein potenzieller Trostpreis für die Bucks, der jedoch die Creation-Probleme allein wohl kaum beheben könnte.

Die Tiefe des Kaders

All diese Trade-Ideen hätten eins gemeinsam: Die Tiefe des Kaders, in der letzten Saison noch eine absolute Stärke der Bucks, würde etwas reduziert werden. In Pat Connaughton, Kyle Korver und Marvin Williams werden zudem wichtige Rollenspieler und Veteranen des Teams Free Agents. Wesley Matthews hat eine Player Option knapp über dem Minimum und wird sich ihnen wohl als Free Agent anschließen. Williams hat bereits sein Karriereende angekündigt und Korver sollte im Best Case durch einen etwas jüngeren Spieler ersetzt werden, auch wenn der 39-Jährige in dieser Saison noch wichtige Minuten für das Team gespielt hat. Wes Matthews war dieses Saison als Starter und beste on-ball-Defense-Option gegen viele der Star-Wings der Liga ein enorm wichtiger Bestandteil des Teams und sollte nach Möglichkeit zurückgebracht werden. Da die Bucks für den letztes Jahr neu zum Team gestoßenen Matthews allerdings nur über Non Bird Rights verfügen, mit denen sie ihm etwas mehr als Minimum zahlen könnten, müssten die Bucks voraussichtlich auf ihre MLE zurückgreifen, um Matthews zu halten.

Potenzieller Kader der Milwaukee Bucks für die Saison 2020/21

Wenn das Team in einem Trade kein weiteres Salary aufnimmt und den ungarantierten Vertrag von Illyasova cuttet, könnte ihnen jedoch möglicherweise die non-tax-payer-MLE im Wert von beinahe 10 Millionen zur Verfügung stehen. Mit dieser MLE könnte man unter Umständen Free Agents nach Milwaukee locken, die eine noch größere Rolle im Team übernehmen können. Das Team benötigt vor allem noch weitere große Wings, die im Idealfall die Star-Wings der NBA verteidigen können und zudem offensiv Spacing neben Giannis bringen. Mit der vollen MLE über drei bis vier Jahre hinweg könnte man beispielsweise Jae Crowder ein Angebot machen, das die Heat mit ihrem Fokus auf Capspace in 2021 (unter anderem wegen Giannis) nicht matchen könnten. Danilo Gallinari gab in einem Interview vor Kurzem zu Protokoll, dass ihm ein Contender-Status seines neuen Teams wichtiger sei als das Gehalt und könnte daher unter Umständen ebenfalls für die MLE zur Verfügung stehen. Er kann sicherlich nicht die Star-Wings der Liga verteidigen, aber wäre offensiv mit seinem Pull-up-Shooting neben Giannis eine interessante Kombination, wenn auch ein wenig redundant mit Middleton. Jerami Grant von den Denver Nuggets wäre sicherlich ebenfalls eine spannende Option, dürfte sich mit seinen starken Playoff-Leistungen jedoch mehr Geld verdient haben als die Bucks ihm zahlen könnten. Finden die Bucks in einem Trade keinen geeigneten Ballhandler, könnten sie auch versuchen, diesen mit Hilfe der MLE zu finden. Wie bereits in der Offseason-Preview der Clippers beschrieben, ist der Free-Agent-Markt für Ballhandler in dieser Offseason allerdings extrem dünn.

Grant Riller

Eine andere Möglichkeit, weitere Tiefe zum Kader hinzuzufügen stellt der Firstround-Pick dar, den die Bucks in der vergangenen Saison im Sign&Trade für Malcolm Brogdon von den Indiana Pacers erhalten haben. Der Draft 2020 ist sicherlich nicht besetzt mit vielen Star-Talenten, verfügt dafür aber über eine große Tiefe an wertvollen Rollenspielern, von denen einer oder mehrere an 24 für die Bucks durchaus noch verfügbar sein könnten. Sucht man im Draft nach einem weiteren Ballhandler, sind Grant Riller oder Malachi Flynn eine gute Wahl. Riller war mit seinem Burst und Finishing einer der besten Ballhandler der gesamten College-Landschaft. Er kann sich jederzeit Separation von seinem Gegenspieler generieren und Würfe hochprozentig abschließen. Die starke Rim Protection der Bucks könnte dabei helfen, seine defensiven Schwächen zu verstecken, auch wenn es ihm sicherlich schwerfallen wird, sich über Screens zu kämpfen, wie es von den Perimeter-Spielern der Bucks erwartet wird. Sein Shooting ist noch ein kleines Fragezeichen, aber nicht so schlecht, dass er nicht auch neben Giannis funktionieren kann. Shooting ist das große Plus von Malachi Flynn, der der vermutlich beste Pull-up-Shooter im Draft ist. Er ist auch ein sehr guter Pick&Roll-Playmaker und könnte sich defensiv gut im Schema der Bucks zurechtfinden. Beide Spieler haben den Vorteil, dass sie bereits mehrere Jahre am College verbracht haben und daher eher in der Lage sind, schon in ihrer Rookie-Saison einen positiven Einfluss auf einen Contender zu haben. Lösungen für die große Playmaking-Frage sind das jedoch auf keinen Fall. Ein Trade scheint an dieser Stelle immer noch die mit Abstand beste Option.

Sollte der Pick in dem Trade nicht gebraucht werden, könnte er stattdessen genutzt werden, um die Tiefe des Kaders wieder aufzufüllen. Desmond Bane ist einer meiner Lieblingsspieler in diesem Draft und wäre der perfekte Fit für die Bucks. Der Guard von TCU ist meiner Meinung nach der beste Shooter der gesamten Draft-Klasse und bringt darüber hinaus genug Dribbling und Playmaking mit, um jeden Close-Out bestrafen zu können. Mit seiner Körper-Strength könnte er defensiv vor allem in Lineups mit Giannis auf der Fünf, in denen das Team mehr switchen möchte, enorm hilfreich sein. Bane hat jedoch in den letzten Wochen seinen Draft-Stock stark verbessert und klettert auch auf den Mainstream-Boards regelmäßig weiter nach oben. Es ist daher gut möglich, dass an der Stelle, an der die Bucks picken, sein Name bereits zuvor erklungen ist.

Desmond Bane

In einer ähnlichen Situation fand ich mich in einem Mock-Draft vor einigen Monaten wieder, in der ich unter anderem die Rolle der Bucks eingenommen habe. Meine Wahl fiel daraufhin auf Killian Tillie. Der 22-jährige Big von Gonzaga ist mit seinem Profil als sehr guter 3er-Schützer und starker Rimprotector der ideale Big für das System der Bucks. Er wäre daher insbesondere interessant, wenn sich die Bucks aufgrund der Tax-Probleme von Backup-Center Robin Lopez trennen. Mit seinem starken Playmaking und besserer defensiven Mobilität bringt Tillie noch Aspekte mit, die dem Team bisher gefehlt haben. Obwohl er gewisse Verletzungsprobleme hat, ist er an der Stelle der Bucks mit seinem Talent eine gute Option.

Die letzte Chance?

Die Milwaukee Bucks müssen in dieser Offseason beweisen, dass sie in der Lage sind, einen Championship-fähigen Kader rund um Giannis aufzubauen. Der einfachste Weg dahin scheint ein Trade für einen fähigen Pick&Roll-Creator zu sein, auch wenn die Auswahl an solchen Spielern eher gering ist. Den Kader mit einer Verlängerung für Wesley Matthews mit Hilfe der tax-payer-MLE und einem Guard im Draft abzurunden, könnte dann schon für den ganz großen Wurf reichen. Dafür benötigt es aber ein vor allem finanzielles Commitment der Besitzer des Teams, zu dem diese bisher nicht bereit waren. Eine spannende Zeit für alle Fans der Bucks ist angebrochen, deren Zittern vermutlich erst mit einer Verlängerung von Giannis im nächsten Sommer oder dem großen Schock enden kann.

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