Milwaukee Bucks

Eine echte zweite Option für die Bucks?

Analyse des Spiels und Einflusses von Khris Middleton

Analyse des Spiels und Einflusses von Khris Middleton

Die Milwaukee Bucks stellen in diesem Jahr unangefochten das beste Regular Season Team der Liga und sind auf bestem Wege, die magische 70-Sieges Marke zu knacken. Ein wichtiger Bestandteil dieses Erfolgs ist Khris Middleton, der im Vergleich zum vergangenen Jahr große Fortschritte in seinem Spiel vorweisen kann. Im Folgenden beschäftige ich mich daher damit, was den 28-jährigen Allstar in dieser Saison so stark macht, ob er die legitime zweite Option eines Contenders sein kann und welchen Einfluss das auf die Playoff-Chancen der Bucks hat.

Der heißeste Jump-Shooter der Liga

Denkt man an das offensive Erfolgsrezept der Bucks, drängt sich der Gedanke an ein sehr analytisch geprägtes Wurfprofil auf: Viele Abschlüsse direkt am Korb, noch mehr Dreier, viel Spacing. Kurz gesagt, die Kombination aus Morey-Ball und Giannis´ schier unglaublicher physischer Präsenz beim Zug in die Zone.

Khris Middleton dagegen verkörpert eher das exakte Gegenteil dieser Spielidee. Er nimmt 25% seiner Abschlüsse aus der langen Midrange zwischen 14 feet und der Dreierlinie und nur 16% seiner Wurfversuche direkt am Ring. Nur drei Prozent aller von cleaningtheglass als Forward klassifizierten Spieler nehmen einen größeren Anteil ihrer Abschlüsse aus der langen Midrange und nur acht Prozent nehmen noch weniger Abschlüsse am Korb. 36% seiner Abschlüsse als Dreier ranken ihn in dieser Kategorie auch nur unterdurchschnittlich. Trotz dieser an sich eher ungewöhnlichen Wurfverteilung ist Middleton alles andere ineffizient. Mit 1.27 Punkte pro Wurfversuch übertrifft er nicht nur seinen Vorjahreswert um 0.14 Punkte, sondern er stellt gar einen der effizientesten High-Volumen Spieler (95. Percentile unter aller Forwards) der gesamten Liga dar. Sein Offensivrating von 120 zeigt ebenfalls eine erhebliche Verbesserung zu dem Wert vom letzten Jahr (109).

Diese Veränderungen sind umso bemerkenswerter, da Middleton im vergangenen Jahr noch klar weniger Abschlüsse aus der langen Midrange (17%) und mehr am Ring (22%), also ein deutlich Analytics-freundlicheres Wurfprofil, vorweisen konnte. Woher kommt demnach dennoch die drastische Effizienzsteigerung? Die Antwort ist denkbar einfach: Middleton trifft einfach aus allen Lagen überragend. Jeder Wurf wirkt nahezu mühelos und überrascht ist der Zuschauer nur dann, wenn einmal ein Wurf nicht fällt.

Mit 52.8% aus der Midrange übertrifft er alle anderen Spieler mit mindestens vier Versuchen pro Spiel aus dieser Distanz um mehr als fünf Prozent. Seine Dreierquote von 45% rankt ihn im 95. Percentile unter allen Forwards. Kombiniert erzielt Middleton so bei Jump Shots eine unglaublich gute eFG% von 58.7%. Einzig direkt am Ring schließt der Allstar der Bucks mit einer Quote von 61% nur unterdurchschnittlich ab. Insgesamt ergibt sich so eine 50.8% FG-Quote für den 28-Jährigen, die ihn gemeinsam mit seiner Freiwurfquote von 90.2% aktuell zu einem Bestandteil des elitären 50/40/90-Clubs machen. Er ist der einzige Spieler, der diese Auszeichnung in der Saison 19/20 bisher verdient und der erste seit Steph Curry 2015/16, der zugleich mehr als 20 Punkte pro Spiel erzielt.

Die Schwierigkeit seines Wurfmixes ist dabei generell relativ ähnlich geblieben. Mit 50.4% geht einem deutlich höheren Anteil seiner Field Goals ein Assist voraus als in der vergangenen Saison (42.5%). Im Gegenzug nimmt Middleton allerdings auch deutlich mehr Pull-up-Jumper, insbesondere aus der 2-Point Range. 5.0 Versuchen bei 54.4% in dieser Saison stehen in diesem Bereich nur 3.5 Versuche bei 43.2 prozentiger Erfolgsquote im vergangenen Jahr gegenüber. Die Anzahl seiner C&S-Dreier ist relativ identisch geblieben bei drei Versuchen pro Spiel, er trifft sie jedoch in dieser Saison deutlich besser. Eine Quote von 48.6% im Vergleich zu 35.1% in der vergangenen Saison erhöhen seine Gravity spürbar und machen ihn zu einem noch besseren Fit neben dem MVP-Favoriten Giannis. So erzielt Middleton pro Spiel zwei Punkte mehr als in der vergangenen Saison bei exakt derselben Anzahl an Wurf- und Freiwurfversuchen. Dies geschieht jedoch in rund zwei Minuten weniger pro Spiel. Aufgrund der hohen Menge an Blow-Out-Siegen schickt Coach Bud den 28-Jährigen in nur 29.6 Minuten pro Spiel aufs Feld. Sein positiver Einfluss in diesen Minuten ist jedoch unübersehbar.

Ein Boost für die Bucks

Mit Middleton auf dem Feld weisen die Bucks ein Offensivrating von 115.4 (87. Percentile) und ein Netrating von + 15.3 auf, was unter den besten zwei Prozent aller Lineups überhaupt ist. Noch interessanter zu beobachten sind jedoch die Effekte, wenn Middleton ohne Superstar Giannis auf dem Feld steht. Die Usage des zweiten Allstars der Bucks steigt sofort deutlich von 21.1% auf 32.8% an. Die Anzahl seiner assistierten Zweier sinkt von 43.1% auf 36.7%, bei Dreiern gar von 83.8% auf 57.7% . Der 28-Jährige wird zum Mittelpunkt der Offense der Bucks und diese funktioniert nicht nur genau so gut wie mit Giannis auf dem Feld, sondern sogar noch besser. Ein Offensivrating von 117.9 des Teams mit diesen Lineups ohne ihren Superstar ist nahezu unglaublich. Zum Vergleich: Die Houston Rockets fallen ohne Harden mit Westbrook auf 111.3, ebenso auf denselben Wert die Lakers ohne LeBron mit Anthony Davis.

Auffällig ist dabei, dass diese Lineups quasi die Eigenschaften von Middleton übernehmen. Wenigen Abschlüssen direkt am Ring stehen relativ viele lange Zweier und insbesondere viele Dreier entgegen. Und das alles bei herausragenden Quoten; als Team bei Zweiern aus der langen Midrange zwischen 14 feet und der Dreierlinie 52.9% zu werfen ist beinahe unmöglich. Noch mehr als in den Lineups mit Giannis stellen die kleineren Bucks-Mitspieler Screens für Middleton und versuchen so Switches für ihn gegen kleineren Gegenspieler zu erreichen. Mit dem guten Spacing der Bucks kann Middleton dann gegen diesen zu Werke gehen. Oftmals nutzt er seine Größenvorteile einfach, um über den Gegenspieler einen seiner hocheffizienten Jump-Shots abzufeuern.

Verteidigt ein Gegner ihn zu eng oder fällt auf den Wurf-Fake herein, kann er über die andere Schulter einfach zum Korb ziehen.

Middleton erhält auch verstärkt die Möglichkeit, als Ballhandler im Pick&Roll oder Pick&Pop zu mit einem der Lopez-Brüder als Screensetter zu agieren. Da um ihn herum in diesen Lineups für gewöhnlich vier fähige Shooter auf dem Feld stehen, gibt es für die gegnerischen Teams keine Möglichkeit zu doppeln oder andere Help Defense zu spielen. Geschieht dies doch, stehen einfache Passwege offen. Middleton ist kein wirklich guter Passer, aber doch zu mindestens ein willentlicher. So rankt seine Assist Percentage im Vergleich zu seiner Usage im 86. Percentile unter allen von ctg als Forward klassifizierten Spielern. Trotz des hohen Erfolgs dieser Lineups nutzt Coach Bud sie noch deutlich seltener als er könnte. Stattdessen erhält oftmals Eric Bledsoe die Gelegenheit seine Stats mit der Second Unit ein wenig aufzubessern. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Umstand mit einer erhöhten Minutenzahl dieser drei Spieler in den Playoffs jedoch deutlich ändern könnte, sodass stets zwei der drei auf dem Feld stehen.

Was bedeutet das für die Playoff-Chancen der Bucks?

So schön eine 70-Win Season oder Regular Season-Rekorde auch sein mögen, der Fokus der Bucks liegt unzweifelhaft auf den Playoffs. Das Aus gegen die Raptors im letzten Jahr hat einige systematische Schwächen der Offense des Teams aus Milwaukee gegen die besten Defenses der Liga aufgedeckt. Es fehlte der elitäre Creator für sich selbst oder andere, der in den spielentscheidenden Situationen das Zepter der Offense an sich reißen kann. Giannis scheiterte in dieser Rolle zu oft an seinem mangelnden Jump-Shot. Und auch wenn dieser sich stark verbessert zeigt und im Osten kein anderes Team der Qualität des Toronto-Teams vom letzten Jahr zu entdecken ist, können sich die Bucks nach wie vor nicht sicher sein, dass dieses Problem gelöst wurde.

Ob Khris Middleton allein diese Lösung sein kann, ist mindestens fraglich. Mit 0.90 Punkten pro Isolation-Possession ist Middleton im ligaweiten Vergleich zwar überdurchschnittlichen, unter allen Spielern mit mehr als 100 solcher Possessions in dieser Saison belegt er damit jedoch den viertletzten Platz. Ihm mangelt es an der elitären Athletik oder dementsprechenden Ballhandling, um an Gegenspielern einfach aus dem Dribbling vorbeiziehen. Insbesondere wenn die Bucks ihm kein Missmatch verschaffen können und er gegen elitäre Wing-Defender kreieren muss, gestaltet sich seiner Erfolgsquote eher gering. Und genau dieser Sorte Verteidiger wird sich Middleton in einem Playoff-Setting deutlich häufiger entgegensehen als bisher in der Regular Season.

Da auch Giannis selbst mit nur 0.01 Punkten pro Isolation-Possession mehr kaum besser abschneidet, liegt die Idee nahe, stattdessen auf ein Two-Man-Game der beiden Allstars zu setzen. Schon in  den vergangenen Playoffs war es eine offene Frage, warum Coach Bud nicht öfter die Pick&Roll-Kombination seiner besten Spieler zum Einsatz brachte. Auch wenn sich in diesem Jahr die Häufigkeit dieses Plays erhöht hat, ist es nach wie vor eher eine Seltenheit. Was umso überraschender ist, da diese Plays zumeist von großem Erfolg gekrönt sind. Mit Middleton als Ballhandler, Giannis als Roll-Man, drei Shootern und viel Spacing um sie herum, werden gegnerische Defenses vor die Qual der Wahl gestellt. Entweder sie konzentrieren sich darauf, Giannis Abrollen zum Korb zu verteidigen und ermöglichen so Middleton einen mehr oder minder offenen Wurf.

Oder die Defense konzentriert sich darauf, diesen Jump-Shot zu verhindern und Middleton spielt den Pass auf Giannis. Das ermöglicht diesem entweder einen freien Zug zum Korb oder er findet als Short-Roll-Playmaker den offenen Schützen, wenn die Hilfe kommt.

Mit 1.03 Punkten pro Possessions findet sich Middleton so im 89. Percentile unter allen Pick&Roll-Ballhandlern der Liga wieder. In den Playoffs dürften sich die meisten Gegner eher auf Giannis konzentrieren und den Jump-Shot für Middleton zulassen. Kann er dabei ähnliche Quoten halten wie in dieser Regular Season, ist das sicherlich keine sehr angenehme Alternative. Als heißester Jump-Shooter der Liga zeigt die wahrscheinliche Entwicklung der Quoten natürlich nur in eine Richtung, aber selbst mit leicht geringeren Werten handelt es sich dabei immer noch um sehr effiziente Offense.

Khris Middleton als Playoff-Closer?

Khris Middleton spielt derzeit die mit Abstand beste Saison seiner Karriere und wurde absolut zurecht ins Allstar-Team berufen. Er trägt entscheidend dazu bei, die Offense seines Teams zu tragen und die Erwartungen an ihn werden in den Playoffs sicherlich nicht geringer. Er, bzw. sein Two-Man-Game mit Giannis, stellen die beste offensive Option dar, die den Bucks zur Verfügung steht, wenn ihr normales System einmal nicht funktioniert. Middleton hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er in den Playoffs zumeist mindestens ebenso gute, wenn nicht sogar deutlich bessere Leistungen zeigen konnte als in der Regular Season; manche Celtics-Fans haben noch heute Alpträume dank seiner Erstrunden-Serie in der Postseason 2018. Die Bucks werden viel von ihrem zweiten Allstar verlangen und er muss unter Beweis stellen, dass er eine legitime zweite Option sein kann, wenn der Postseason-Run des Teams dieses Jahr mit der Larry O´Brien-Trophy enden soll.

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