Chicago Bulls

Wohin gehen die Bulls?

Analyse des aktuellen Stands und Zukunft der Chicago Bulls

Die Bulls befinden sich im dritten Jahr ihres Neuaufbaus. Obwohl die Playoffs noch nicht außer Reichweite sind, scheint die Saison schon abgeschrieben. Nicht wenige hätten vor der Beginn der neuen Spielzeit mit mehr gerechnet. Eine Frage drängt sich auf: Wohin gehen die Bullen?

Zach LaVine hatte gepennt. Wieder einmal. Mit 28,5 Sekunden auf der Uhr ließ der Shooting Guard Gegenspieler Collin Sexton in seinem Rücken ungestört zum Korb ziehen, wo dieser einen Pass von Kevin Love per Dunk in zwei Punkte verwandelte. Keine halbe Minute vor Spielende waren die Cavs mit sechs Punkten vorne. Statt eines sicher geglaubten Sieges erlebten die Bulls gegen Kevin Loves Nachwuchs-Camp den zweiten späten Zusammenbruch im zweiten Spiel hintereinander. Statt von den Playoffs zu sprechen, übte man sich in Chicago in Zurückhaltung. „Ich glaube, wir haben uns zu sehr in den Gedanken ‚Oh, wir sind ein Playoff-Team‘ oder ‚Wir haben die Veteranen um uns herum‘ hineingesteigert“, sagte Wendell Carter nach dem Spiel zu Haus- und Hofreporter Sam Smith, „All das ist großartig, aber jetzt müssen wir gewinnen.“ „Wir haben vor der Saison gedacht, dass wir ein Playoff-Team sind oder zumindest um die Playoffs mitspielen. Jetzt sind wir auf dem Boden der Tatsachen gelandet“, pflichtete ihm sein Coach bei. 

Die zweite Krise

Jim Boylen ging bereits durch die zweite Krise seiner nicht einmal ein Jahr andauernden Amtszeit. Im Dezember 2018 hatte er den Trainerstuhl von Fred Hoiberg übernommen, um innerhalb einer Woche einen Teil des Teams gegen sich aufzubringen. Als Boylen nach der rekordverdächtigen 56-Punkte Niederlage gegen die Boston Celtics einen Tag nach einem Back-to-Back-Spiel ein 2,5 Stunden langes Training inklusive Liegestütze anordnete, gingen seine Schützlinge bis zur Spielergewerkschaft.

Kaum hatte der Käpt’n das Ruder in die Hand genommen, drohte schon die Meuterei. Doch Boylen hielt sich auf der Brücke, manövrierte die Bulls zu 22 Saisonsiegen und durfte drei erfahrene Seeleute an Bord begrüßen, mit deren Hilfe der altehrwürdige Tanker wieder auf Kurs gebracht werden sollte. Schon im Februar war Otto Porter Jr. in einer Art verfrühten Free Agency aus Washington gekommen. Fünf Monate später verstärkten die Bulls ihren Kader mit Tomas Satoransky und Thaddeus Young. Die Strategie war klar: Dem jungen Kern sollten Veteranen an die Seite gestellt werden, die diesen langsam wieder an erfolgreichen Basketball heranführen.

Diesen hatten die Zuschauer in der “Windy City” schon eine ganze Weile nicht mehr zu sehen bekommen. Während der letzten Spielzeit mit positiver Bilanz war ein Großteil des Kaders noch Jahre von seinem NBA-Debüt entfernt. Es war die Saison 2015/2016, in der die Bulls trotz 42 Siegen die Playoffs verpassten. Die enttäuschende Spielzeit markierte das Ende der wahrscheinlich erfolgreichsten Ära der Franchise nach Michael Jordan. Lokalmatador und MVP Derrick Rose ging im Tausch gegen Jose Calderon, Jerian Grant und Robin Lopez zu den Knicks, der ehemalige „Verteidiger des Jahres“ Joakim Noah folgte ihm in der Free Agency.

Ein Jahr später war schließlich auch Jimmy Butler weg. 41 Siege und ein Erstrundenaus gegen die Boston Celtics zeigten den Verantwortlichen, dass sie dort waren, wo kein Team gerne ist: Im grauen Mittelfeld der NBA; ohne Chancen auf einen Playoff-Run oder einen guten Draftpick. Die Bulls schickten Butler im Tausch gegen Kris Dunn, Zach LaVine und den Pick, der Lauri Markkanen wurde, nach Minneapolis. Der gesamte Kern einer ehemals erfolgreichen Mannschaft, eines mit guten Entscheidungen und einer gehörigen Portion Glück zusammengestellten Playoff-Teams, streifte sich nun regelmäßig ein anderes Trikot über.

Der lange Weg zurück

Und den Bulls blieb nur der Wiederaufbau.

Chicago ist die drittgrößte Stadt der USA. In der Metropolregion, die sich über drei Bundesstaaten erstreckt, leben fast 10 Millionen Menschen. Die Halle ist unabhängig von den gezeigten Leistungen meistens voll. International sind allenfalls die Lakers, Celtics und Knicks bekannter. Selbst wer mit der Abkürzung NBA wenig anfangen kann, kennt das markante Logo der Franchise. Trotzdem fehlt den Bulls die Strahlkraft, die den vier Franchises aus Los Angeles und New York City das Leben und Arbeiten etwas leichter macht. Keiner der begehrten Free Agents der vergangenen Jahre wurde ernsthaft mit dem Team aus der „Windy City“ in Verbindung gebracht. 

Wenn sich Stars den Bullen anschließen, dann meist solche mit dem Zusatz „ehemalig“. Pau Gasol kam 2014 als 34-Jähriger, Dwyane Wade zwei Jahre später ebenfalls. Carmelo Anthony und LeBron James sagten den Bulls bekanntermaßen ab, um in New York und Miami mit unterschiedlichem Erfolg auf Titeljagd zu gehen – und machten Forward Carlos Boozer so indirekt 80 Millionen Dollar reicher. Auch dort, wo die Bulls die volle Kontrolle über den Lauf der Dinge hatten, leisteten sie sich Ausfälle. 2014 besaßen die Bulls die Auswahlrechte, aus denen Jusuf Nurkic und Gary Harris werden sollten, nur um diese für Doug McDermott zu den Nuggets zu schicken. Christiano Felicio und sein 32 Millionen Dollar-Vertrag spülten nur durch Verletzungen in die Rotation. Chandler Hutchison wirkt wie ein verschenkter Erstrundenpick. 

Die Bulls sind der lebende Beweis dafür, dass die alte Unterscheidung in kleine und große Märkte ihre Gültigkeit verloren hat. Längst unterteilt sich die Liga in den Worten von BleacherReports Howard Beck in „Destinationen“ und „Nicht-Destinationen“. Und die Bulls gehören zu Letzteren. Wären die Knicks nicht die Knicks, hätte man Chicago in den vergangenen Jahren mit Recht als die Lachnummer der NBA betiteln können. Doch der Jimmy-Butler-Trade vor inzwischen rund zweieinhalb Jahren scheint am Ufer des Michigan-Sees eine kleine Zeitenwende eingeleitet zu haben.

Einiges erinnert an die Brooklyn Nets, die es in gerade einmal drei Saisons von der wahrscheinlich hoffnungslosesten Franchise der Liga zu einem ernstzunehmenden Playoff-Team brachten. In bester WALL-E Manier hatte General Manager Sean Marks die postapokalyptische Welt der Nets ohne viele Ressourcen, dafür mit umso mehr richtigen Entscheidungen aufgeräumt. Akteure, die aus unterschiedlichen Gründen anderswo durchs Raster fielen, entwickelten sich in Brooklyn zu überdurchschnittlichen NBA-Spielern – und stellten unter Beweis, dass zumindest in einem New Yorker Front Office gute Arbeit geleistet wird. “Es ist einfach zu sehen was sie anbieten können”, sagte KD beim Media Day über seinen neuen Arbeitgeber, “Ich musste nicht mal eine tiefergehende Analyse der Spieler hier machen. Es reicht schon, sich Spiele anzusehen und gegen sie zu spielen, um zu merken, was für ein Team und was für eine Organisation dieser Ort hier ist.” 

Die Nets als Vorbild?

Der Weg der Nets könnte zum Vorbild werden für all die ambitionierten Teams, die von den Free Agents bisher ignoriert wurden wie der Nerd von der Ballkönigin. Mit einer Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Veteranen scheint man in Chicago Relevanz unter Beweis stellen zu wollen, um schließlich die Stars von einem Wechsel in die “Windy City” zu überzeugen – auch wenn der Winter kalt und der Strand weit weg ist.

Der junge Kern der Bulls ist durchaus vielversprechend. Lauri Markkanen ist der erste und neben Zach LaVine wahrscheinlich wichtigste Bestandteil des Neuaufbaus. Wäre der Finne Mitte der 2000er-Jahre in die NBA gekommen, hätten ihn die einschlägigen Draft-Portale sicher mit einem gewissen Dirk Nowitzki verglichen. Als Markkanen gut eine Dekade später auf den Plan trat, reichte es immerhin noch für Ryan Anderson

In seinen ersten beiden NBA-Jahren deutete der ehemalige siebte Pick immer wieder sein Potenzial an – mehr noch, er wirkte wie einer der besten Spieler der Draft 2017. Doch zu Beginn dieser Spielzeit brachte der 2,13-Meter-Mann eine Leistung aufs Parkett, die tatsächlich eher an einen Ryan Anderson in seinen weniger guten Jahren erinnerte. Als hätte ihn jemand vom zukünftigen Star zum Rollenspieler degradiert, lief er, abgesehen von seinem überraschenden 35-Punkte-Auftritt im ersten Saisonspiel gegen die Hornets, erstaunlich passiv übers Parkett. Hinter LaVine spielte Markkanen die zweite Geige des nicht sonderlich wohlklingenden Bulls-Orchesters. 

Dazu erlebte der 22-Jährige die schlimmste Wurfkrise seiner noch jungen Profikarriere. Ende November – rund einen Monat nach Saisonstart – lag seine Dreierquote bei miserablen 29 Prozent. “Ich hatte noch nie so eine Phase, in der ich nicht nur Dreier verwerfe, sondern auch Layups und Dunks”, offenbarte Markkanen Ende November. 

Inzwischen erinnert Lauri wieder mehr an den Spieler, den die Fans in der “Windy City” kennen und lieben lernten. In seinen ersten beiden Jahren fanden 36,2 Prozent seiner durchschnittlich sieben Versuche per-36 von der Dreierlinie ihr Ziel. Dieses Jahr sind es immerhin knapp 34,5. Der ineffiziente Mitteldistanzwurf ist beinahe komplett aus seinem Repertoire verschwunden. Es ist naheliegend, bei einem 2,13-Meter-Hünen als erstes über den Wurf zu sprechen. Doch es ist nicht das einzige, was den Finnen auszeichnet. Er kann den Ring attackieren – und nach einem Switch gegen kleinere Gegenspieler im Post agieren. 

Eine unbekannte Rolle

Seit vergangener Saison teilt sich Markkanen den Fortcourt mit Wendell Carter. Obwohl der Big Man wie nahezu alle Top-10-Picks schon seit Jahren auf dem Radar der NBA zu finden war, ist er doch die mittelgroße Unbekannte des Teams. Nach einer Saison in einem Duke-Team, das viele Mäuler zu stopfen hatte, verpasste er verletzungsbedingt beinahe die Hälfte seiner ersten Spielzeit als Profi. Trotzdem deutete sich in der limitierten Zeit bereits an, warum die Bulls 2018 ihr siebtes Auswahlrecht auf den heute 20-Jährigen verwendeten. Er ist ein guter aktiver Rebounder, der seinem Team vor allem am offensiven Ende des Feldes pro Spiel ein paar zusätzliche Ballbesitze bescheren kann. Mit einer OREB% von 10,9 Prozent belegt Carter unter allen Profis, die in dieser Saison mindestens 35 Spiele bestritten, einen guten 16. Platz

Komplettiert wird das junge Trio durch Coby White. Der Teenager spielt, wie junge Point Guards in ihren ersten Saisons häufig spielen: schwankend. Auf Scoring-Ausbrüche folgen ernüchternde Auftritte, bei denen Cobys Anwesenheit auf dem Parkett kaum auffällt. Bereits vier Mal scorte er über 20 Punkte, um im nächsten Spiel ein einstellige Punktausbeute einzufahren. 

In seinem ersten Jahr in der Liga geht es darum, Ansätze zu zeigen; anzudeuten, welcher Spieler einmal aus ihm werden könnte. Und in Cobys Fall sind die Ansätze durchaus vielversprechend. Mit seiner Größe ist White prädestiniert für die Rolle als Combo Guard, der sich eher als Scorer und weniger als Spielmacher betätigt. Hinter dem neu verpflichteten Satoransky füllt der 19-Jährige in diesem Jahr die Rolle der “Mikrowelle”, die in limitierten Minuten Offensive kreiert. “Das war eine Herausforderung für mich, sicher”, sagte White angesprochen auf seine neue Aufgabe, “Ich bin seit Jahren nicht mehr von der Bank gekommen.”

Seinem Selbstbewusstsein scheint die ungewohnte Rolle zumindest keinen Abbruch getan zu haben. Coby scheut sich nicht, auch mal aus dem Lauf abzudrücken – selbst wenn der Pass zum Mitspieler die bessere Option gewesen wäre. Dazu zeigt White Qualitäten, wenn andere für ihn kreieren. Laut nba.com trifft er dieses Jahr 36 Prozent seiner Versuche aus dem Catch-and-Shoot. 

Cobys wahrscheinlich auffälligste Qualität ist seine Schnelligkeit. Trotz seiner Größe kann er Gegenspieler mit seinem guten ersten Schritt stehen lassen und den Korb attackieren. Genau dort tut sich der 19-Jährige derzeit noch schwer. Unter allen Guards belegt White dort seit Saisonbeginn durchgehend die hinteren Plätze. An der Freiwurflinie ist er ebenso seltener Gast: Pro Spiel verdient sich Coby von dort gerade einmal 1,7 Versuche. Defensiv ist er anfällig – trotz seiner Größe gehört White eher zu den Leichtgewichten der Liga und hat relativ kurze Arme – bringt aber zumindest das Potential mit, irgendwann einmal durchschnittlich zu verteidigen.

Ausblick

Obwohl die Playoffs durchaus noch in Reichweite sind, scheint die aktuelle Spielzeit verloren. Das bereits gut besetzte Lazarett der Bulls erhielt in den letzten Wochen Zuwachs. Zusätzlich zu Otto Porter und Wendell Carter fehlt den Bullen auch Lauri Markkanen verletzungsbedingt mehrere Wochen. Von den nominellen Startern sind mit LaVine und Satoransky lediglich zwei übrig. Mit diesem Rumpfteam wird der Kampf um den letzten Postseason-Platz sicher nicht einfacher. 

Vielleicht werden die Bulls in dieser Konstellation nie besser, als sie mit einem Team um Jimmy Butler geworden wären. Gleich eine handvoll Mannschaften bringt das Potential mit, sich in den nächsten Jahren im Osten in der Riege der Spitzenteams zu etablieren. Die Nets spielen ab der nächsten Saison mit dem wahrscheinlich besten Scorer der Liga. Philly, Milwaukee, Indiana und Boston könnten noch Jahre auf hohem Niveau bleiben. Miami – schon heute ein Spitzenteam – scheint sogar noch Luft nach oben zu haben, auch mit eben jenem Jimmy Butler. Es besteht eine nicht ganz kleine Chance, dass die Bulls genau dort an die gläserne Decke stoßen, wo sie auch ohne einen Rebuild gelandet wären. Vieles hängt davon ab, ob sich die großen Namen der Liga davon überzeugen lassen, dass sich in der “Windy City” auch ohne MJ Finalspiele erreichen lassen.

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