Dallas Mavericks

Die (un-)erwartete Krise der Mavs

Über Gründe und Folgen des miserablen Dallas-Starts

Wie praktisch alle Beobachter waren wir in unserer Season-Preview zu Dallas verhalten optimistisch: Mal wieder hatten Mark Cuban und Co. zwar nicht den erhofften ganz großen Fisch an Land gezogen, aber dank Kevin Durants Entscheidung für die Warriors immerhin Harrison Barnes und Andrew Bogut ins Team holen können. Mit den zu erwartenden Wiederverpflichtungen von Dirk Nowitzki und Deron Williams sah das Team zumindest besser aus als die Vorjahresversion, die durch DeAndre Jordans Unentschlossenheit deutliche Lücken aufwies. Zum ersten Saisonspiel starteten, wie zu erwarten, die vier genannten plus Wes Matthews und mussten sich erst nach Overtime den Indiana Pacers mit einem hervorragend aufspielenden Myles Turner geschlagen geben.

Anschließend ging es jedoch praktisch nur noch abwärts bis auf den letzten Platz ligaweit bei einer Bilanz von 2-10. Die Playoffs sind damit wohl schon Ende November außer Reichweite: Für den Rest Jahres müssten die Mavs etwa 57% ihrer Spiele gewinnen (entspricht über die volle Saison etwa einem 47-Siege-Team) um überhaupt noch eine positive Bilanz zu erreichen – so gut hat praktisch niemand das Team vor der Saison eingeschätzt. Zudem verlor Dallas bereits gegen einige schlagbare Gegner, während in den nächsten fünf Spielen unter anderem zwei mal die Spurs sowie die Clippers und Cavaliers warten. Eine Bilanz von 2-15 oder 3-14 – mit den Pelicans wartet zumindest ein ähnlich krisengeschütteltes Team – am 1. Dezember ist also zu erwarten.

(K)eine Überaschung

Der oberflächliche Grund für die Misere ist recht schnell gefunden, wirft man einen Blick auf die Verletzungsbilanz der ersten Spiele. Nowitzki konnte bisher nur 3 von 12 Spielen absolvieren und erreichte davon höchstens im angesprochenen ersten Spiel seine Normalform. Auch Williams verletzte sich nach fünf Spielen, was durch den längerfristigen Ausfall von Devin Harris und der späteren Verletzung der positiven Überraschung J.J. Bareas zusätzliche Probleme erzeugte – Quincy Acy kosteten die fehlenden Guards den Rosterspot zugunsten Jonathan Gibsons. Doch der Ausfall Nowitzkis wiegt vermutlich schwerer und verdeutlicht das Problem, vor dem die Mavs eigentlich schon seit Jahren stehen und das auch im Season-Preview-Pod angesprochen wurde: Ohne ihren Franchise Player funktioniert wenig auf dem Parkett. Was in seiner Prime noch akzeptabel war, kann ein 39-Jähriger Nowitzki nicht mehr auffangen.

Die Krise macht somit die Fehler der vergangenen Jahre sichtbar: Den Mavs ist es nach der Meisterschaft weder gelungen, nochmals einen Contender zu formen, noch eine wirksame Verjüngung des Teams durchzuführen. Das war allerdings schon vor Jahren absehbar – Cubans Beharren auf dem immer gleichen Vorgehen sorgte dafür, dass der Absturz irgendwann kommen musste. Mit etwas mehr Glück wäre er bis nach Nowitzkis Karriereende hinauszuzögern gewesen, was jedoch mittelfristig nicht unbedingt bessere Aussichten versprochen hätte. Jetzt erhalten die Mavs bereits eine Vorschau auf das, was dann kommen wird – und sind für die Zukunft gar nicht so schlecht aufgestellt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die veränderte Situation

Anders gesagt: Vor genau einem Jahr wäre der Absturz tatsächlich ziemlich katastrophal gewesen. Im Kader standen genau drei Spieler mit Geburtsjahr in den 1990ern: der frisch gedraftete Justin Anderson, der mittlerweile gewaivte John Jenkins und der im Rondo-Trade erhaltene Dwight Powell. Das noch größere Problem als die fehlenden Upside-Spieler im Kader war jedoch ein anderer Teil des Rondo-Pakets: Neben Jae Crowder, der wohl wie kein anderer die vergebenen Chancen der Mavs seit der Meisterschaft symbolisiert, wurde auch ein Pick nach Boston geschickt. Ab der Saison 2015/6 war der Firstrounder nur für die Positionen 1-7 geschützt, so dass die Celtics über Jahre Hoffnungen auf einen Lottery Pick gehabt hätten – für ein Team im Rebuild eine ziemlich riskante Position, wie etwa an den Lakers seit einigen Jahren sichtbar. Dieses Problem hat sich jedoch erledigt: Dank des ziemlich überraschenden Playoff-Einzugs der Mavs in der vergangenen Saison erhielt Boston immerhin nur den 16. Pick, Guerschon Yabusele. Damit belastet der auf Jahre geschützte Pick nicht mehr die Flexibilität der Mavs: Außer zwei praktisch irrelevanten Top 55-geschützten Secondroundern hält Dallas jetzt alle eigenen Draftrechte.

In der aktuellen Saison hat sich zudem die Altersstruktur des Teams im Vergleich zum Vorjahr deutlich verändert. Die Starter weisen zwar immer noch einen recht hohen Altersschnitt auf: Matthews, Bogut und Williams haben die 30 schon erreicht, wobei die beiden letztgenannten nach der laufenden Saison Free Agents sind. Auch die Backup-Spielmacher Harris und Barea sind ähnlich alt. Der Rest des Teams, immerhin sieben Spieler, ist jedoch nach 1990 geboren: Neuzugang Harrison Barnes ist trotz zweier Finals-Teilnahmen erst 24 und konnte den Ausfall von Nowitzki nutzen, sich als effiziente Scoring-Option vor allem als nomineller Power Forward zu zeigen (21,3 PP/G bei 106 ORtg). Der recht teuer wiederverpflichtete Dwight Powell sucht zwar (wie auch Erstrundenpick Justin Anderson) insbesondere offensiv noch seine Form, weist aber trotz seiner schon 25 Jahre noch Potential auf – er knackte erst diese Saison die Marke von 100 NBA-Spielen. In Seth Curry konnten die Mavs im Sommer zudem einen weiteren jungen Spieler günstig verpflichten. Die größte Änderung ist jedoch, dass drei Rosterspots an junge Minimum-Rookies gingen: den letztjährigen Second Round Pick A.J. Hammons sowie die beiden nicht gedrafteten Nicolas Brussino und Dorian Finney-Smith. Letzterer schaffte es sogar in die Starting Five und konnte sein Potential als vielseitiger Verteidiger andeuten.

Ab in die Lottery

Ein Blick auf die Statistiken verrät zwar, dass mit Ausnahme Barnes‘ kein junger Spieler der Mavs wirklich überzeugende Werte auflegt. Allerdings ist das angesichts der aus den Ausfällen resultierenden Struktur der Mannschaft nicht sonderlich überraschend und auch kein allzu großes Problem, wenn es sowieso in den Komplettrebuild gehen soll. Der ist die wohl vielversprechendste Perspektive: Jetzt den jungen Spielern Minuten geben, so dass sich zumindest ein oder zwei brauchbare Rotationsspieler neben Barnes entwickeln können. Wenn die übrigen nur die Bilanz nach unten ziehen, ist das mit Blick auf den kommenden Draft auch akzeptabel – schließlich haben die Mavs ihren Pick ab dieser Saison sicher. Die kommende Draftclass gilt als recht vielversprechend, so dass Cuban vielleicht durch die aktuelle Krise zu seinem Glück gezwungen wird. An sich lehnte der Mavs-Besitzer die als Tanking verschriene Strategie mehrfach deutlich ab. Eine verletzungsbedingt schlechte Bilanz lässt sich jedoch nicht mit einem gezielt verschlechterten Team gleichsetzen, was angesichts der bestehenden NBA-Regeln entgegen des schlechten Rufs seine Berechtigung besitzt.

Daher brauchen die Mavs sich auch nicht scheuen, das beste aus der Situation zu machen. Praktisch heißt das, dass außer Nowitzki alle Veteranen auf dem Trade Block stehen sollten, um wenn möglich noch einige Assets für den Rebuild zu sammeln. Falls sich für Bogut und Williams kein Trade ergibt, ist das angesichts der auslaufenden Verträge kein Problem. Zumindest Matthews sollte trotz schlechter Effizienzwerte und seines hohen Vertrags für ein Team attraktiv sein, das Defense und Erfahrung sucht. Damit würde zwar Nowitzki auf eine Abschiedstour ohne sportliche Relevanz gehen – was aber nach solch einem Saisonstart nicht mehr sinnvoll zu verhindern ist.

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