NBA, San Antonio Spurs

Auf der Suche nach einer Zukunft

Saisonrückblick und Ausblick der San Antonio Spurs

Wann und wie auch immer sie tatsächlich enden mag, die NBA-Saison 2019/20 stellt das endgültige Ende einer Ära dar. Nach 22 Jahren aufeinanderfolgender Playoff-Teilnahmen stehen die San Antonio Spurs vor dem ersten Gang in die Lottery seit einer langen Zeit. Selbst in dem Fall, dass es eine Art Play-In-Tournament geben sollte und sich die Spurs trotz aller Unwahrscheinlichkeit irgendwie doch noch für ein Post-Season-Tournament qualifizieren, ist es spätestens diese Saison auch dem letzten Beobachter klar geworden, dass die glorreichen Zeiten mit fünf Titeln und vielen Playoff-Erfolgen lange hinter dem Team liegen. Wenn die meisten Spurs-Fans ehrlich zu sich selbst sind, müssen sie sich eingestehen, dass das tatsächliche Ende der Ära rückblickend betrachtet mit einem traurigen Sonntagabend deutscher Zeit vor nun knapp drei Jahren und dem Fuß von Zaza Pachulia einhergeht. Aber erst in dieser Saison wurde offensichtlich, wie weit das Team aus San Antonio von jeder Form von hochklassigem NBA-Basketball oder Contender-Dasein entfernt ist. Es scheint daher ein guter Moment gekommen zu sein, um auf die Fehler der Vergangenheit und die Zukunft der erfolgsverwöhnten Franchise zu blicken.

Gestorben in Eindimensionalität

Eine Kombination aus effizientem Scoring und elitärem Playmaking für andere ist für gewöhnlich das, was einen Superstar der NBA auszeichnet. Genau diese Skillset-Kombination konnte DeMar DeRozan in der vergangenen Saison unbestreitbar aufweisen. 22.2 Punkte pro Spiel bei einem True Shooting von 59.7%, eine Assist Percentage im 96. Percentile und Assist-zu-Turnover-Ratio von 2.3 lassen daran nur wenig Zweifel aufkommen. In allen Bereichen, in denen DeRozan den Ball in der Hand hat, völlig egal ob es als Pick&Roll-Ballhandler, in Isolation oder in dieser Saison auch verstärkt als Post-up-Spieler ist, befindet er sich mindestens im 80. Percentile. Kein anderer Non-Allstar mit halbwegs beständiger Gesundheit kann in dieser Saison ein solches Resümee als hocheffizienter On-Ball-Scorer aufweisen.

Play Type Statistiken von DeMar DeRozan RS19/20 (Quelle: Synergy)

Dass die Spurs ohne ihn auf dem Feld trotzdem fünf Punkte pro Possession besser sind, lässt sich leider ebenso leicht erklären mit den Dingen, die DeRozan nicht kann. Sei es Off-Ball-Spacing oder schlichtweg jedwede Form von Defense: In den Bereichen, die nicht zu DeRozans Stärken zählen, ist er direkt einer der schlechtesten Spieler der gesamten Liga. Es ist nicht unzutreffend, dass Nate Duncan DeRozan vor Kurzem in seinem Podcast zum Worst-Defensive-Player-of-the-Year ernannt hat. Ein solcher Spieler stellt sein Team vor eine ganz besondere Teambuilding-Herausforderung, die prinzipiell jedoch nicht unmöglich ist. Zum Ausgleich der enormen Eindimensionalität des Stars benötigt das Team viele versatile Rollenspieler, die insbesondere in den Bereichen stark sind, in denen dieser schwächelt. In DeRozans Fall sind das demnach kurz gesagt 3&D-Spieler. Die Spurs verfügen nur leider über keinen einzigen Spieler, auf den diese Beschreibung auch nur im Geringsten zutrifft. Jene Spieler des Kaders, die gute Schützen und Off-Ball-Spieler sind, sind alle durchweg unterdurchschnittliche bis grausame Verteidiger. Die guten Verteidiger des Kaders haben hingegen alle bis zu einem gewissen Grad Probleme mit ihrem Wurf.

LaMarcus Aldridge als zweiter Co-Star neben DeRozan stellt in dieser Hinsicht auch keinerlei Hilfe dar; eher das Gegenteil ist der Fall. Der Big hat in seinem fünften Jahr in San Antonio spürbar an lateraler Schnelligkeit verloren, wodurch aus einem soliden Verteidiger ein sehr schlechter wurde, der Gegenspieler nach Belieben am Korb scoren lässt. Dass Aldridge ab Mitte Dezember begann, deutlich mehr Dreier zu nehmen und sie auch zu treffen, half dem Spacing-Problem spürbar, war aber nicht ausreichend, um einen dauerhaften Aufschwung der Team-Performance zu begünstigen. Zu schlecht war der Fit des Starting-Lineups um die beiden ehemaligen Allstars herum. Insbesondere der Fit zwischen DeRozan und Point Guard Dejounte Murray ließ extrem zu wünschen übrig. Auch wenn sich der Wurf des 23-Jährigen im Laufe der Saison verbessert zeigen konnte, stellt er nach wie vor off-ball keinerlei Gefahr dar, so dass mit ihm und DeRozan auf dem Feld die Offense viel zu wenig Spacing aufweist, um effizient agieren zu können.

Offensivrating, Defensivrating und Netrating der San Antonio Spurs mit DeMar DeRozan und/oder Dejounte Murray auf dem Feld

Es bleibt extrem fragwürdig, warum die beiden nicht so stark wie möglich gegeneinander gestaggert wurden, obwohl der Misserfolg der Kombination so offensichtlich war. So stand Murray beispielsweise nur 610 Possessions ohne DeRozan auf dem Feld, jedoch 2318 mit ihm.

Wie viel Magie hat Pop noch zu geben?

Diese Frage stellt nur eine der zweifelhaften Rotationsentscheidungen dar, die der Coach der Spurs in dieser Saison getroffen hat. Auch das lange Festhalten an dem katastrophal spielenden Marco Belinelli oder die vielen Minuten pro Spiel für Bryn Forbes trafen unter Fans nur auf wenig Verständnis. Dazu kamen teilweise grausame taktische Ideen, wie beispielsweise in mehreren Spielen gegen die Suns, in denen Bryn Forbes Devin Booker verteidigen sollte, während sich Dejounte Murray daneben in der Nähe von Ricky Rubio beinahe langweilt. Langweilt nicht etwa, weil Rubio ein schlechter Spieler ist, sondern schlicht deswegen, weil der Ball folgerichtig kein einziges Mal auch nur in dessen Nähe ging, sondern stattdessen eine Isolation nach der anderen für Booker als Play gelaufen wurde.

Bei dieser Kritik handelt es sich sicherlich um einige valide Punkte, die nicht zu bestreiten sind. Es gilt im Rahmen einer größeren Coaching-Diskussion allerdings insbesondere auch zu beachten, dass Coaching nicht die Aufgabe eines einzelnen Menschen ist, sondern die eines gesamten Staffs. Rückblickend betrachtet muss die Frage gestellt werden, ob die Abgänge von Ettore Messina zurück nach Italien und Ime Udoka zu den Sixers nicht doch größere Spuren hinterlassen haben als man im vergangenen Sommer erwartet hat. Sie wurden mit Tim Duncan und Will Hardy durch zwei Assistant Coaches ersetzt, die zuvor noch keinerlei nennenswerte Erfahrung als Assistants sammeln konnten. Ganz zu schweigen von der unheimlichen Erfahrung und den vergangenen Erfolgen, die Messina selbst als Head Coach vorweisen konnte. Noch wichtiger ist jedoch, dass die beiden neuen Assistants auch zuvor bereits stark in die Franchise eingebunden waren und es somit kaum neues Blut in der Coaching-Struktur der Spurs gab. Die Franchise aus San Antonio steht in der kommenden Offseason nun vor der Frage, ob sie sich darauf verlässt, dass internes Wachstum und mehr Erfahrung für die neuen Coaches eventuell wieder dazu führen kann, Zweifel an der Coaching-Leistung auszuräumen oder ob man eventuell von außen neue Impulse hinzugewinnen muss.

Dabei sollte jedoch auch nicht verschwiegen werden, dass es auch in dieser Saison durchaus einige Zeichen guten Coachings gab. Wie schon beinahe traditionell während Pops Laufzeit mit den Spurs funktionierten die Bench Lineups hervorragend. Sitzen DeMar DeRozan und LaMarcus Aldridge auf der Bank, weisen die Spurs ein Netrating von +6.6 auf. Kein anderes Team kommt einem solchen Ergebnis auch nur nahe, wenn die beiden etatmäßig besten Spieler nicht auf dem Feld stehen. Dieser Erfolg ist vermutlich auch ein Grund, warum Pop nur zögerlich bereit war, das starke Bench Lineup aufzuspalten, um Murray und DeRozan zu staggern.

Offensivrating, Defensivrating, Netrating ausgewählter Teams ohne ihre beiden besten Spieler RS19/20

Die gesamte Überlegung über neue Verstärkungen des Coaching Staffs zur neuen Saison lässt natürlich völlig außen vor, ob Pop selbst überhaupt noch der Anführer dieses Teams ist. Nach der Verschiebung von Olympia in den Sommer 2021 ließ Pop verlautbaren, dass er sein Commitment zu Team USA auf jeden Fall aufrechterhalten möchte. Einen Rückschluss darauf, ob das automatisch auch bedeutet, dass er noch eine weitere Saison als Head Coach der Spurs ableistet, lässt dies allerdings nicht zwingend zu. Auch bei dem 71-Jährigen dürften nach dem Ablauf der vergangenen Saison ernsthafte Zweifel aufgetreten sein, ob das Team in der aktuellen Form irgendwann in naher Zukunft auch nur um den Kampf um die Playoff-Plätze ernsthaft eingreifen kann. Die Zeichen könnten daher eher auf einem Abschied in das Rentner-Dasein und in die Hall-of-Fame stehen. Sollte es soweit kommen, würden sich die Fragezeichen über die Zukunft der Spurs noch einmal deutlich verdichten.

Ein Blick in die Zukunft

Aber auch rein auf der Spielerseite existieren weiterhin mehr als genug Fragezeichen, um das Front Office der Spurs nachts wach zu halten. Für mich persönlich war die Saison nicht unbedingt hauptsächlichen aufgrund der sportlichen Ergebnisse eine Enttäuschung, so mies diese auch gewesen sein mögen. Das aus meiner Sicht viel größere Problem besteht darin, wie wenig man über den Fit des jungen Kerns miteinander lernen konnte. Vor der Saison hatte ich beschrieben, dass die meiner Meinung nach größte Aufgabe der Spurs in naher Zukunft sei, zu bestimmen, ob und wie Dejounte Murray und Derrick White koexistieren können. Trotz mehr oder weniger vollständiger Gesundheit der beiden Youngsters bekamen die Fans trotzdem lediglich eine 198 Possessions dauernde Kostprobe der Kombi. Möchte man den Fit der beiden ohne die erdrückende Präsenz von DeMar DeRozan evaluieren, sinkt diese sowieso schon viel zu niedrige Sample Size auf nur noch 52 Possessions, aus denen sich (leider) wirklich gar keine Rückschlüsse mehr ziehen lassen.

Betrachtet man nun die Saison eines jeden jungen Spielers im Einzelnen, ergibt sich ein ebenso erfreuliches wie auch ernüchterndes Bild. Das mag im ersten Moment nach einem Widerspruch klingen, ist es aber tatsächlich nicht. Beinahe jeder einzelne Spieler des jungen Kerns kann in der vergangenen Saison Fortschritte vorweisen, die das durchschnittliche Wachstum selbst eines jungen Spielers übertreffen. Und doch hat auch keiner der Spieler einen der wirklich außergewöhnlichen Sprünge gemacht, die nötig wären, um sie zu einem der elitären Talente der Liga zu machen, die die Zukunft einer Franchise verändern können.

Der Dejounte-Murray-Effekt

Dejounte Murray kam besser von seinem Kreuzbandriss zurück, als man es erwarten konnte und bringt definitiv einige der Skills mit, die die Spurs in den vergangenen Jahren dringend vermisst haben. Gemeinsam mit seinem sich entwickelnden Jump Shot, der insbesondere aus der Midrange inzwischen sehr gut geworden ist, macht diese Rückkehr durchaus Hoffnung auf mehr. Andererseits ist Murray auch zum Start der nächsten Saison bereits 24 Jahre alt und hat noch nicht eine effiziente offensive Saison auf NBA-Niveau gespielt. Das ist nicht unbedingt das Profil von vielen zukünftigen Stars der Liga, selbst wenn man Murrays spezielle Verletzungs-Vorgeschichte beachtet.

Derrick White hat in der vergangenen Saison beachtliche Fortschritte gemacht, die aufgrund seiner Degradierung zum Bankspieler ein wenig unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit geflogen sind. Insbesondere als Pick&Roll-Ballhandler konnte er sich im Vergleich zu seiner Sophomore-Saison deutlich steigern. Seine insgesamte Karriere-Prognose läuft aufgrund seines relativ hohen Alters aber dennoch eher auf das eines soliden Starters hinaus.

 

Lonnie Walker weist aufgrund seiner unglaublichen Athletik und seines jungen Alters vermutlich das höchste Star-Potenzial aller Spieler der Spurs auf. Allerdings hat er nach wie vor entscheidende Mängel im Decision Making und  Playmaking, die einen solchen Outcome eher unwahrscheinlich machen. Jakob Pöltl konnte sich insgeheim zu einem der besseren Shotblocking- und Rimprotecion-Bigs der Liga mausern, ist aber mit seinem Skillset eher ein Rollenspieler eines guten Teams als eine entscheidende Figur. Ähnliches gilt für Rookie Keldon Johnson, der sich mit seinem guten Finishing, Slashing und guter on-ball Defense in die Herzen vieler Fans spielen konnte. Seine Self Creation off-the-dribble ist außerhalb von straight-line-Drives aber weiterhin stark limitiert und lässt nur wenig Rückschlüsse auf Star-Potenzial zu. Eine weitestgehende Unbekannte ist der noch sehr rohe Luka Samanic, der aber in der G-League auch nicht unbedingt brillieren konnte. Würde man mich dazu zwingen zu wetten, ob einer dieser jungen Spieler es Zeit seiner Karriere in ein Allstar-Team schafft, müsste ich darüber sehr lange nachdenken. Sicherlich spricht die Quote für jeden einzelnen Spieler eher dagegen.

Der wichtigste Schritt eines jeden Rebuild oder Retools ist es, den einen Spieler zu finden, um den herum man den nächsten echten Contender aufbauen kann. Dieser befindet sich augenscheinlich noch nicht im derzeitigen Kader der Spurs und auch der Blick auf den 2020er Draft, in dem man aller Wahrscheinlichkeit nach an Position Elf picken wird, macht in dieser Hinsicht nur wenig Hoffnung. Es wird nun mehr oder minder dringend Zeit, die Ausrichtung der Franchise dahin zu ändern, diesen einen Spieler zu finden. Daryl Morey sprach in einem Podcast mit Zach Lowe vor Kurzem darüber, dass der durchschnittliche Rebuilding-Prozess eines Teams in der Vergangenheit acht Jahre gedauert hat. Ein Durchschnitt, der sich durch schlechte Management-Entscheidungen allerdings auch schnell zu einer gefühlten Ewigkeit hinziehen kann.

Unter der Annahme, dass die Spurs sich in der kommenden Saison in die dritte Saison dieses Prozesses begeben, scheint erstmal der Schluss nahe zu liegen, dass die Franchise aus Texas noch mehr als genug Zeit hat das Ruder herum zu reißen, um keines dieser negativen Beispiele zu werden. Dieser Schein könnte jedoch auch leicht trügerisch sein. Die Entscheidungen der letzten zwei Jahre, insbesondere im Rahmen des Kawhi-Leonard-Trades, haben bereits dafür gesorgt, dass das Team in seiner Ausgangsposition einiges an Boden verloren hat. Die Rookie-Verträge von Spielern wie Dejounte Murray und Derrick White laufen zeitnah aus und nicht nur die beiden befinden sich wie bereits zuvor beschrieben auf dem Weg dahin, solide bis gute NBA-Starter zu werden. Eine Ansammlung solcher Spieler kann schnell dazu führen, dass ein Team zu gut ist, um in die Spitze der Lottery einzudringen, wird zugleich aber vermutlich nie ausreichend sein, um wirklich ganz oben anzugreifen. Die derzeit beste Chance ein Ausnahmetalent zu finden, das die Zukunft der Franchise in die richtigen Bahnen lenken kann, scheint der Draft 2021 zu sein, in dem sich nach aktuellen Prognosen sogar mehr als einer solcher Spieler tummeln könnte.

Zeit für einen Neustart

Um in der entsprechenden Situation zu sein, diesen Umstand auch tatsächlich nutzen zu können, müssen die Spurs aber dringend die Marschrichtung vergangener Tage ändern. Auch dem Letzten muss in dieser Saison klar geworden sein, dass LaMarcus Aldridge und DeMar DeRozan nicht Teil des nächsten wirklich guten Spurs-Team seinen können. Es wird Zeit, sich von den Geistern der Vergangenheit zu verabschieden und einen Neuaufbruch in eine weniger sichere Zukunft zu wagen. Und zwar jetzt und nicht in zwei oder drei Jahren, wenn man den Retooling-Prozess nicht auf unbestimmte Zeit in die Länge ziehen und sich mit dem Mittelmaß der Liga anfreunden möchte.

 

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