San Antonio Spurs

Ein Tag im Job von Pop

Eine Analyse der Rotation und potenzieller Lineups der San Antonio Spurs

Die Rückkehr von Tim Duncan zu einer offiziellen Rolle bei den San Antonio Spurs weckte bei vielen Fans der Franchise aus Texas Erinnerungen. Erinnerungen an eine andere Ära, voller Playoff-Siege und Titel. Doch diese Ära ist vorbei, „Timmy“ kehrt nicht etwa als Spieler zurück, sondern er wird Assistant des einzigen Überbleibsels dieser vergangenen Zeiten, Head Coach Gregg Popovich. Die Blicke der Teamverantwortlichen richten sich sicherlich nicht auf Vergangenes, ihre Aufmerksamkeit gilt allein der Zukunft und dabei stehen sie vor einer großen Herausforderung.

Das Team aus San Antonio befindet sich ein Jahr nach dem Abgang der letzten beiden verbliebenen Mitglieder der „Big 3“ Manu Ginóbili und Tony Parker in einer Übergangsphase. Einerseits verfügt das Team nach wie vor über erfahrene Veteranen um die Allstars DeMar DeRozan und LaMarcus Aldridge, die im letzten Jahr große Teile dazu beigetragen haben, die Playoff Streak von 22 Jahren am Leben zu erhalten. Auf der anderen Seite baut das Team zunehmend mehr auf einen Kern aus jüngeren Talenten um Dejounte Murray, Derrick White und Lonnie Walker.

Sie sind es, die die Zukunft der Franchise bestimmen und die Bilder von Titeln der Vergangenheit wieder in die Realität überführen sollen. Die im Sommer an Rudy Gay und DeMarre Carroll herausgegebenen Verträge zeichnen ein deutliches Bild des Zeitplans, den das Front Office verfolgt. Sie laufen ebenso im Sommer 2021 aus wie die Altverträge von Patty Mills, Aldridge und DeRozan im Falle dessen, dass er im nächsten Sommer seine Player Option ziehen sollte. Stand jetzt hätten die Spurs deshalb zu diesem Zeitpunkt Capspace für zwei Maximal-Verträge, selbst wenn man den Caphold von White und moderate Vertragsverlängerungen für Murray und Pöltl im nächsten Sommer miteinberechnet. Betrachtet man die voraussichtlich sehr starke Free-Agency-Class im Jahr 2021, scheint das keine schlechte Ausgangslage für die Franchise zu sein.


Doch um bis dahin attraktiv für potenzielle Star Free Agents zu sein, müssen die jüngeren Spieler ihr Potenzial bewiesen haben und die Rollen dieser Spieler klar definiert sein. Das ist nur möglich, indem man diesen Talenten zuvor ausreichend Spielzeit einräumt, um sie und ihre verschiedenen Rollen in unterschiedlichen Lineups zu testen. Gleichzeitig soll natürlich die Playoff-Streak am Leben erhalten werden und die berühmte „Winning Culture“ der Spurs aufrechterhalten bleiben.

Es ist ein schwieriger Spagat zwischen kurzfristigem Erfolg und dem Einsatz von Veteranen, um diesen zu unterstützen und dem idealen Aufbau für die Zukunft und der Spieler, die darin die größte Rolle einnehmen sollen. Wie diese Gegenteile unter einen Hut zu bringen sind, wird eine spannende Aufgabe für Pop und seine Assistants um Becky Hammon und Tim Duncan. Daher habe ich mich an den Versuch gewagt, eine Rotation auszuarbeiten, die beide Zwecke erfüllt und bin dabei auf einige Erkenntnisse und Probleme gestoßen, die in diesem Artikel thematisiert werden sollen.

Wie sieht die „ideale“ Rotation aus?

Am deutlichsten zu erkennen ist der Spagat zwischen Alt und Jung auf den Guard-, bzw. Perimeter-Positionen, auf denen viele Spieler um Einsatzzeiten kämpfen werden. Pop kann dabei zwischen langjährigen Veteranen wie DeRozan, Mills und Belinelli, aber auch einer ganzen Riege an jungen Talenten wählen.

Depth Chart der San Antonio Spurs für die Saison 19/20
(Anmerkung: Einordnung der Spieler eher danach, welche Position sie spielen werden und nicht unbedingt nach Idealposition)

Dejounte Murray galt vor seinem Kreuzbandriss während der letztjährigen Preseason, der ihn während der gesamten vergangenen Saison zum Zuschauen zwang, als der große Hoffnungsträger der Franchise. Seit Mitte Juli ist er vom medizinischen Stab der Spurs wieder als vollständig genesen eingestuft und betrachtet man die zuvor in ihn gesetzten Erwartungen, darf es als sicher betrachtet werden, dass er langfristig einen der Spots als Starter erhält.

Dort soll er gemeinsam mit Derrick White eine Backcourt-Paarung bilden, die für gegnerische Guards mit ihrer defensiven Stärke und Vielseitigkeit extrem unangenehm sein kann. White befindet sich nach seinem Durchbruch in der letzten Saison nun in seinem dritten Jahr bei den Spurs und es ist zu erwarten, dass seine Rolle von den in der letzten Saison gespielten 25.8 Minuten pro Partie weiterwächst. Im Idealfall sollte immer einer der beiden jungen Guards als Point-of-Attact-Verteidiger auf dem Feld sein, um dem Team mehr defensive Stabilität zu geben als im letzten Jahr.

Für Bryn Forbes, der im letzten Jahr 81 Spiele als Starter bestritt und dabei im Schnitt 28 Minuten pro Spiel spielte, bleibt somit wohl nur eine Rolle als Bankspieler. Der 26-Jährige geht zwar ebenfalls erst in seine vierte NBA-Saison, wird nach dieser allerdings Unrestricted Free Agent und es ist fraglich, ob er danach noch weiterhin eine Rolle im Team spielt. Sein Vorteil ist, dass seine Rolle auch bereits klar definiert ist. Er ist ein absoluter Shooting-Spezialist und traf im letzten 42.6% seiner 8.8 Dreier pro 100 Possessions. Er funktioniert damit ideal als Spacing-Option für viele verschiedene Lineups und wird dementsprechend auch weiterhin fixer Bestandteil der Rotation sein.

Der letzte junge Spieler, der für Minuten in Betracht kommt, ist Lonnie Walker. Walker steht nach einem unscheinbaren Rookie-Jahr in der Liga vor seiner Sophomore-Saison und gilt innerhalb der Organisation als großes Talent. Er könnte der nächste in einer Reihe junger Spurs-Talente sein, die im zweiten Jahr ihren Durchbruch in der Liga schaffen. Nach seinen ansprechenden Leistungen in der Summer League und im letzten Jahr in der G-League sollte er mindestens genug Minuten bekommen, um eine echte Einordnung seiner Fähigkeiten in den NBA-Kontext zu ermöglichen. Der Vorteil Walkers ist es, dass er mit seiner Größe von 6-5 und insbesondere seiner Wingspan von 6-10 auch in der Lage sein sollte, viele gegnerische Small Forwards zu verteidigen. Er kann somit die Back-up-Minuten hinter DeRozan übernehmen, der als Starter auf der Drei gesetzt ist.


Mit einem Großteil der Minuten verteilt an Murray, White und Forbes bleiben jedoch trotzdem nicht viele Backcourt-Minuten für die Veteranen des Teams. Der bis vor kurzem als einer der besten Spieler des World Cups für Australien auftrumpfende Patty Mills erhält sicherlich einige Minuten als Ersatz auf der Point Guard-Position. Mit seiner Schnelligkeit und Creation wird insbesondere in Spielen in den Vordergrund treten, in denen der Rest des Teams sich schwertut, effiziente Offense zu kreieren. Für Marco Belinelli bleibt in dieser Rechnung nur ein Platz außerhalb der Rotation. Mit seinem guten Shooting bleibt er jedoch auch eine Option für einige Minuten von der Bank, sollte einer oder mehrere der jüngeren Spieler nicht so gut aufspielen können wie erhofft.

Der Rest der Rotation gestaltet sich deutlich einfacher: Dass die Free-Agent-Ziele des Front Offices in der vergangenen Offseason ausschließlich auf der Power-Forward-Position beheimatet waren, lassen darauf schließen, dass LaMarcus Aldridge in Zukunft fest als Center eingeplant ist. Lineups mit zwei klassischen Big Man gemeinsam mit Jakob Pöltl sollten damit nur noch in einigen sehr speziellen Matchups zum Tragen kommen. Der junge Österreicher erhält in diesem Szenario sämtliche Back-up-Minuten hinter Aldridge.

Jakob Pöltl

Die letzten beiden fixen Plätzen in der Rotation gehen an die beiden Forwards Rudy Gay und DeMarre Caroll, die beide mit ihrem starken Körper und der Fähigkeit vom Perimeter zu agieren, eher dem entsprechen, was im modernen Basketball von einem „Power Forward“ verlangt wird. An dieser Stelle ist die Rotation sicherlich etwas dünner als von den Verantwortlichen der Spurs ursprünglich geplant, nachdem Marcus Morris sich aus dem ursprünglich vereinbarten Vertrag zurückgezogen hat. Sein „Ersatz“ Trey Lyles hat deshalb wohl ebenfalls Chancen auf die eine oder andere Minute Einsatzzeit. Rookie Luka Samanic spielt noch keine Rolle für die Überlegungen dieses Jahres, da Rookies im System der Spurs traditionell ohne besondere Umstände eher keine Rolle spielen, insbesondere wenn sie derart roh in die Liga kommen wie Samanic. Ähnliches gilt für den anderen Rookie Keldon Johnson, der allerdings schon etwas NBA-reifer ist und im Falle von Verletzungen eventuell schon die Chance bekommen könnte, sich als Back-up auf der dünn besetzten Small-Forward-Position zu beweisen.

Mit diesem langen Vorwort hier nun ein Blick auf die tatsächliche Rotation, die ich mit Hilfe des Tools von earlybirdrights.com zusammengestellt habe:

Potenzielle Rotation der San Antonio Spurs (erstellt mit Hilfe von https://earlybirdrights.com/rotations/)

Können die jungen Talente gemeinsam funktionieren?

Große Teile der Rotation und der Anzahl an Minuten für bestimmte Spieler werden von den zuvor angestellten Überlegungen bestimmt. Der eingangs angerissene Hintergedanke dessen, dass bestimmte junge Spiele in bestimmten Lineups und Situationen getestet werden müssen, ist ein weiterer einflussreicher Faktor. So gibt es zwei verschiedene Lineup-Kombinationen, die ich persönlich für besonders interessant halte.

Das erste solche Lineup ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Ansammlung der drei größten Talente in einer einzigen Kombination, das bedeutet Murray als PG, White als SG und Walker als SF mit den anderen beiden Plätzen zur freien Auswahl, sodass ideale Voraussetzungen geschaffen werden, um den Dreien Erfolg zu ermöglichen. Ich habe mich entschieden, dieses Lineups jeweils zu Beginn des zweiten und vierten Viertels einzusetzen, da dies die Minuten sind, in denen DeRozan für gewöhnlich pausiert.

Zu testen, ob diese drei Spieler gemeinsam gleichzeitig auf dem Feld stehen können, ist für die zukünftige Planung des Kaders von enormer Bedeutung. In der Theorie könnten sich die drei Youngster ideal ergänzen. Alle drei bringen eine enorme Athletik mit. Murray und White haben bereits bewiesen, dass sie Impact-Defender sein können und auch Walker deutet hier ein gewisses Potenzial an. Eine Perimeter-Defense aus diesen drei Spielern wäre in der Lage, in vielen Situationen zu switchen und sich gegen verschiedenste gegnerische Kombinationen zu behaupten.


Es stellt sich jedoch die Frage, ob ein solche Lineup über genug Shooting und Playmaking verfügt, um auch offensiv erfolgreich zu sein. Auch wenn aktuell noch der eine primäre Ballhandler fehlt, verfügen doch alle drei Spieler über die notwendigen Fähigkeiten, um Würfe zu kreieren. White konnte zudem beim Team USA ein deutlich verbessertes Gespür für gute Situationen beim Cutting vorweisen, welches ebenfalls dazu beitragen sollten, effiziente offensive Abschlüsse zu generieren.

Das mangelnde Spacing ist jedoch ein größeres Problem. Murray war vor seiner Verletzung ein absoluter Non-Shooter und White im letzten Jahr deutlich unterdurchschnittlich in diesem Bereich seines Spiels. Walkers bisherige Shooting-Performances, insbesondere bei Pull-ups, machen Hoffnung, dass er ein positiver Einfluss sein könnte, allerdings muss er dies erst noch auf dem NBA-Niveau unter Beweis stellen.

Daher habe ich mich entschieden, dem Lineup Carroll, der ein verlässlicherer Shooter ist als Gay, und Aldridge, der mehr Spacing einbringt als Pöltl und zusätzlich jederzeit einen Teil der Shotcreation-Aufgaben übernehmen kann, an die Seite zu stellen. Sollte sich der Jump-Shot und das Playmaking von einem oder mehreren der jungen Spieler deutlich verbessert zeigen, ist es sicherlich eine Überlegung wert, an Aldridges Stelle Pöltl einzubauen. Ein solches Lineup würde über ein hohes defensives Potenzial verfügen und es kann als wahrscheinlicher angenommen werden, dass Pöltl auch Teil der langfristigen Planung ist und es daher interessant wäre, ihn in diesem Kontext zu sehen.

Wie maximiert das Team Derrick Whites Impact?

Whites beste offensive Waffe sind nach wie vor seine aggressiven Drives zum Korb, wo er dank seiner Athletik und guten Finishing-Fähigkeiten effektiv abschließen kann. In der vergangenen Saison war er jedoch oftmals von Lineups umgeben, in denen nur sehr wenig Spacing vorhanden war, sodass er diese Möglichkeiten nicht ideal ausspielen konnte.

Der Aufstieg des Derrick White

Wie in meinem ersten Artikel für Go-to-Guys.de bereits skizziert, macht die kleine Sample Size, die man im letzten Jahr von White als primärem Ballhandler in Lineups mit viel Shooting sehen konnte, durchaus Hoffnung. Es ist daher eine Überlegung wert, Whites offensiven Wert zu maximieren, indem man ihm so viele Shooter an die Seite stellt wie irgendwie möglich. Zudem ermöglicht dies eine deutlich bessere Evaluation Whites für die Zukunft, was von enormer Bedeutung ist, da er eins der sicheren Puzzle-Teil der Zukunft der Spurs darstellt. Dieser Gedankengang stellt die Grundlage dar für das zweite der zuvor angesprochenen interessantesten Lineups.

Das Lineup, das in meinem Entwurf jeweils das erste und dritte Viertel beendet, beinhaltet neben White als Point Guard dementsprechend Edel-Shooter Bryn Forbes als Shooting Guard, Lonnie Walker als Small Forward, DeMarre Carroll als Power Forward, der aufgrund seines höheren Shooting-Volumens den Vorzug gegenüber Gay erhält und LaMarcus Aldridge als Center. Sollte der Jumper von Trey Lyles wieder eher in dem Ausmaß fallen wie im vorletzten Jahr (38.1%) als in dem der der vergangenen Spielrunde (25.5%), könnten diese Lineups auch seine Chance sein, ein Teil der Rotation zu werden. Dies gilt insbesondere sollte Lonnie Walker seinen Jump-Shot noch nicht auf die NBA übertragen können, in welchem Falle Carroll auch seine Position als Small Forward einnehmen könnte.

Zu schön, um wahr zu sein

Die oben skizzierte „ideale“ Rotation wird so natürlich niemals in einem Spiel tatsächlich zustande kommen. Dem entgegen stehen neben den normalen Faktoren wie Verletzungen, Pausen für einzelne Spieler, spezielle Matchups etc. noch einige praktische Gründe entgegen, die eine in der Realität stark veränderte Minutenverteilung erwarten lassen. Wie eingangs bereits beschrieben, war dies allerdings auch nicht unbedingt der Sinn dieses Artikels. Wer eine etwas realistischere Aufteilung sehen möchte, dem kann ich die Analyse von Jabari Young empfehlen, der als Beat Writer bei theathletic über mehr Insights in die Organisation verfügt als ich.

Für mich lag der Fokus meiner Ideen darauf ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die jungen Spieler ideal zurechtfinden können und die Playoffs trotzdem noch im Bereich des Möglichen liegen. In der Realität dürfte der Fokus der Organisation allerdings stärker auf dem letzteren Punkt liegen und weniger auf der Ausrichtung der Zukunft. Zusätzlich schenkt Pop in kritischen Situationen schon immer eher seinen Veteranen das Vertrauen, junge Spieler müssen sich dieses hingegen erst mit guten Leistungen verdienen. Dies dürfte dazu führen, dass jene Veteranen mehr Spielzeit bekommen werden als von mir prognostiziert. Es ist äußert unwahrscheinlich, dass Patty Mills weniger Minuten spielt als Lonnie Walker, Marco Belinelli völlig aus der Rotation gestrichen wird oder DeRozans Spielanteile nach 35 Minuten pro Spiel im letzten Jahr derartig schrumpfen.


Zusätzlich baut mein Modell auf einer relativ hohen Minutenanzahl für Dejounte Murray auf, der erst in der Preseason sein Comeback von einer schweren Verletzung feiern wird. In der Vergangenheit zeigte sich der Coaching Staff in solchen Situationen eher vorsichtig mit der Belastung von Spielern. Insbesondere zu Beginn der Saison wird Murrays Anteil an der Rotation daher eher im niedrigen 20-Minuten-Bereich sein. Der Großteil der dadurch freiwerdenden Minuten können von Mills und Forbes abgefangen werden. Es erscheint auch möglich, dass Forbes zu Beginn der Saison deshalb noch den Vorzug als Starter erhält.

Meine Analyse soll weniger als bestmögliche Vorhersage, sondern viel mehr als Denkanstoß dienen, wie die Herausforderungen der vorausliegenden Saison angegangen werden könnten. Sie zeigt daher eher eine Idealversion auf, die davon ausgeht, dass Murray wieder völlig fit ist und die jungen Spieler wie Walker genug Leistung zeigen, um sich ihren Platz in der Rotation zu erkämpfen. Das einzig Gewisse ist, dass Pop mich wie jedes Jahr überraschen wird. Aber das ist schon okay, schließlich ist es mein erster und sein 8.325ster Tag in dem Job…

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