San Antonio Spurs

Der Dejounte-Murray-Effekt

Welchen Einfluss nimmt der Guard auf das Spiel der San Antonio Spurs?

Es sind schwierige Zeiten für die San Antonio Spurs. Das erfolgsverwöhnteste Team der Liga steht nach der Niederlage gegen die Lakers bei einer Bilanz von nur sechs Siegen aus 18 Spielen und befindet sich in einer schweren Krise. Die Rufe nach einem drastischem Rebuild (zugegebenermaßen unter anderem von mir) werden immer lauter. Und doch gibt es auch einen Lichtblick für die Fans der Franchise aus Texas: Dejounte Murray. Der 23-Jährige ist seit Beginn der Saison zurück von einem Kreuzbandriss, der ihn die gesamte letzte Saison zum Zuschauen zwang. Trotz 24-Minuten-Limit weiß der junge Point Guard als Starter zu überzeugen und bekommt von Coach Pop große Verantwortung übertragen. Nach seiner Extension ist er der eine junge Leistungsträger des Teams, der langfristig an die Spurs gebunden ist. Und vergleicht man die Spielweise des Teams mit der des letzten Jahres, kann man schon heute erkennen, welchen Einfluss Murray auf das System der Spurs nimmt.

Wie verändert Murray die Spielweise der Spurs?

Wie schon in seiner letzten Saison vor der Verletzung, als er ins Second All-Defensive Team gewählt wurde, entfaltet Murray den größten Teil seines Impacts am defensiven Ende des Feldes. Er zeichnet sich dabei durch eine hohe Versatilität aus, sodass er in jedem Matchup den stärksten gegnerischen Perimeter-Spieler verteidigen kann. Eine Fähigkeit, die im Team der Spurs von umso höherer Bedeutung ist, da die anderen Starter auf den Perimeter-Positionen in DeMar DeRozan und Bryn Forbes  defensiv sehr limitiert sind. Er ist extrem aktiv als defensiver Playmaker und erzielt so 2.3 Steals pro 36 Minuten. Kein Spieler, der in dieser Saison mehr als 300 Minuten absolviert hat, erreicht so viele Deflections wie Murray (5.5 pro 36 Minuten). Gelegentlich wird ihm dieses Aktivitätsniveau allerdings auch zum Verhängnis und er erlaubt Gegenspielern einfache Scoring-Gelegenheiten, weil er nach einem versuchten Steal nicht in der richtigen Defensivposition ist.

In diesen Situationen fehlt es ihm noch an der Erfahrung, seine Position richtig einzuschätzen und zu wissen, wie er seine destruktiven Fähigkeiten gezielter einsetzen kann. In den allermeisten Fällen jedoch sind seine Bemühungen eine enorme Entlastung für eine ansonsten dieses Jahr häufig völlig überforderte Spurs Defense. Eine große Hilfe für sein Team ist Murray auch am defensiven Board. Mit einer defensiven Rebounding Percentage von 22.9% ist er auf Platz 2 unter allen Guards (nur geschlagen von Luka Doncic) und San Antonio lässt mit ihm auf dem Feld im Schnitt 1.6 Prozentpunkte weniger offensive Rebounds ihrer Gegner zu.

Auch wenn der allgemeine Wert von individuellem Rebounding bestenfalls umstritten ist, haben Murrays 5.3 defensive Rebound pro Spiel einen sehr direkten positiven Einfluss auf das Spiel der Spurs aufgrund dessen, was er mit dem Ball macht, sobald er in seine Hände gerät. Egal ob nach Rebounds oder Steals, Murray ist stets bemüht, sofort die Pace des Angriffs zu beschleunigen, leitet mit seiner Schnelligkeit immer wieder Fastbreaks ein und schließt diese auch zumeist selbst ab. Gegen die in Transition oder semi-Transition noch nicht geordnete Defense fällt es Murray leicht zum Korb zu ziehen, wo er mit viel Touch gut finishen kann. Mit 27.2% seiner Possession schließt der junge Point Guards nicht nur einen beinahe doppelt so hohen Anteil seiner Possessions in Transition ab wie der nächstbeste Spur (Bryn Forbes mit 16.5%), er ist dabei mit 1.27 ppp auch extrem effizient. Von allen Spielern der Liga, die eine vergleichbare Anzahl an Possessions pro Spiel in Transition abschließen, sind nur fünf effizienter als Murray.

Und diese Fähigkeiten wirken sich spürbar auf das Spiel der Spurs aus. War man im letzten Jahr noch abgeschlagen das Team mit den wenigsten erzielten Punkten in Transition pro Spiel (12.9), befindet man sich in diesem Jahr immerhin auf Platz 14 (18.5 Punkte pro Spiel) und stellt mit 1.20 ppp eins der zwei effizientesten Teams in Transition. Noch deutlicher wird dieser Effekt, betrachtet man nur die Werte des Teams von diesem Jahr mit Murray auf dem Feld oder ohne den 23-Jährigen.  Mit ihm auf dem Feld schließen die Spur nicht nur 2.3 Prozentpunkte ihrer Angriffe mehr in Transition ab, sie scoren dabei auch 0.25 Punkte mehr pro Transition-Angriff. Zusammengenommen bedeutet das, dass die Spurs mit Murray auf dem Feld 3.7 Punkte mehr pro 100 Possessions in Transition erzielen als ohne ihn. Dieser Wert rankt ihn unter den besten fünf Prozent aller Point Guards. 

Interessanterweise ist dieser Wert in den letzten Wochen während der 8-Spiele währenden Losing-Streak des Teams deutlich zurückgegangen. Betrachtet man lediglich die Werte vor dem 18. November, beträgt der Unterschied noch 4.8 durch Transition addierte Punkte, was für das 96. Percentile ausreichen würde.
Woher kommt dieser Unterschied? Insbesondere auffällig ist der Rückgang bei Transitionpunkten nach Live-Ball-Rebounds, bei denen Murray sich vor den letzten Spielen noch für die besten zwei Prozent aller Point Guards qualifizieren konnte. Es ist kein Zufall, dass sich die Spurs im selben  Zeitraum auf Platz 28 des defensiven Rankings befinden. Vor allem das Starting Lineup des Teams war vor seiner Umstellung gegen Philadelphia am vergangenen Wochenende nur selten in der Lage, Fehlwürfe des Gegners zu erzwingen. Ohne Fehlwürfe gibt es allerdings auch keine defensiven Rebounds und dementsprechend auch weniger Gelegenheiten für Murray, die Pace seines Teams zu pushen. Es ist daher zu erhoffen, dass, falls das Team eine Möglichkeit finden sollte, die Defense zu stabilisieren, auch der Impact von Murray wieder deutlich ansteigen kann.

Der zweite Grund, warum der Effekt in den letzten Spielen nur abgeschwächt zu betrachten ist, ist, dass sich gegnerische Teams zunehmend besser auf die Aktionen Murrays einstellen können. Er ist der einzige Spieler des Starting Lineups, der versucht, das Tempo zu beschleunigen. Gelegentlich wird er noch von Bryn Forbes unterstützt, aber die Mehrheit der Lineups, insbesondere DeMar DeRozan und LaMarcus Aldridge, trabt eher in die Offense, anstelle davon schnell umzuschalten. So können sich gegnerische Teams in der Rückwärtsbewegung allein auf Murray konzentrieren und es wird für ihn deutlich schwerer, zum Korb zu ziehen.

Warum ist die Offense der Spurs ohne Murray besser?

Trotz des zuvor beschriebenen Effekts ist die Offense der Spurs um 10.8 Punkte pro Possession besser, wenn Murray nicht auf dem Feld ist. Das liegt daran, dass selbst mit dem Point Guard auf dem Feld immer noch mehr als 80% der Possessions eben nicht in Transition abgeschlossen werden, sondern im Halfcourt gegen eine geordnete Defense. Und obwohl Murray auch in diesen Settings zunehmend mehr Verantwortung und Ballhandling-Aufgaben innerhalb der Offense übernimmt, hat er darin nach wie vor gravierende Schwächen. Das größte Problem ist dabei nach wie vor der Jump Shot des jungen Guards. Beim Finishing am Ring hat er spürbare Fortschritte gemacht und ist mit 66% getroffener Würfe elitär (83. Percentile unter allen Point Guards). Alles weiter entfernt,  bleibt jedoch eine gravierende Schwäche. So trifft er nur 22.2% seiner 1.2 Dreier pro Spiel und findet sich so im 11. Percentile unter allen Point Guards wieder.

Wie ein Blick auf das Shortchart Murrays und der Vergleich zu seiner letzten gesunden Saison 17/18 zeigen, hat der Guard schon deutliche Fortschritte im Vergleich zu vergangenen Spielzeiten gemacht und ist nun in der Lage, wenigstens tief absinkende Gegner aus der Midrange gelegentlich zu bestrafen. Das ist auch dringend nötig, da seine Gegenspieler bereitwillig diese Würfe zulassen, wenn sie dafür einen Drive von Murray zum Korb verhindern können. Noch bedeutender für die Spurs ist dieses Problem allerdings, wenn der Point Guard nicht den Ball in der Hand hat.

Steht Murray off-ball hinter der Dreierlinie, helfen seine Gegenspieler weit von ihm weg und die Offense der Spurs kommt so oftmals ins Stocken. Dieses Problem wird dadurch verschlimmert, dass in DeMar DeRozan ein weiterer absoluter non-Shooter einer der Starter auf den Perimeter-Positionen ist und in 80% von Murrays Possessions gemeinsam mit ihm auf dem Feld steht. Bekommt also beispielsweise LaMarcus Aldridge den Ball im Low-Post kann nicht nur einer der gegnerischen Spieler, sondern gleich zwei ihren direkten Gegenspieler verlassen und doppeln, beziehungsweise helfen. Das ist auch ein großer Teil dessen, warum Aldridge in vielen Spielen offensiv in dieser Saison bisher nicht sein Optimum abrufen kann.

Sind sowohl DeRozan als auch Murray auf dem Feld, können die Spurs pro 100 Possessions lediglich 103.2 Punkte erzielen, was nur für das 13. Percentile aller Lineups ausreicht. Steht Murray ohne DeRozan auf dem Feld, steigt dieser Wert auf 110.2 an, was im ligaweiten Vergleich aller Lineups immerhin überdurchschnittlich ist. Steht DeRozan ohne Murray auf dem Feld, sind die Veränderungen sogar noch dramatischer und das Offensivrating steigt auf 115.4 an (92. Percentile). Aufgrund des frühen Zeitpunkts innerhalb der Saison, basiert diese Erkenntnis auf einer kleine Sample Size, so stand Murray nur 137 Possessions ohne DeRozan auf dem Feld und die exakten Zahlen könnten daher stark verzerrt sein. Es erscheint jedoch offensichtlich, dass sowohl Murray als auch DeRozan deutlich effektiver agieren können, wenn das Spacing des Teams nicht durch die Anwesenheit des jeweils anderen drastisch eingeschränkt wird. Dies scheint auch der Headcoach der Spurs Gregg Popovich erkannt zu haben und ließ im letzten Spiel gegen die Lakers Derrick White an der Stelle Murrays starten und setzte Murray stattdessen vornehmlich mit der Second Unit ein.

Dass diese Second Unit mit deutlich mehr Spacing versehen ist, kommt Murray offensichtlich in seinem Spiel zu gute. So hat er mehr Platz, um per Drive zum Korb zu ziehen. Mit 9.3 Drives per game ist er der Spieler der Spurs, der nach DeMar DeRozan am zweithäufigsten auf diese Weise agiert. Auffällig ist dabei, dass er in diesen Situationen zwar nicht so effizient scoren kann wie DeRozan, aber deutlich häufiger seine Mitspieler per Assist findet. Diese Fähigkeit macht ihn unter anderem auch zum Spieler San Antonios, der die höchste Assist Percentage innerhalb des Teams aufweist. Er scort zwar seltener und weniger effizient als DeRozan, aber ist in der Lage, bei 15.2% seiner Wurfversuche Fouls zu ziehen (95. Percentile). Es ist dabei bemerkenswert wie oft er nach einem Foul noch für die And-One-Gelegenheit abschließen kann (bei 38.1% aller Shooting-Fouls, im besten Viertel unter allen Point Guards). Seine Fähigkeit, auch bei Kontakt in der Luft noch relativ stabil zu bleiben, erinnern nicht nur San Antonio Fans an Ex-Spur Kawhi Leonard.

Nach seinem relativ heißen Start in die Saison haben sich gegnerische Teams jedoch zunehmend besser auf diese Drives eingestellt. Wie bereits ausgeführt, ziehen sich Gegenspieler im direkten Duell oftmals zurück und bieten Murray die Gelegenheit zum Midrange-Jumper, wenn sie im Gegenzug den Abschluss am Korb verhindern können. Auf diese Aktionen fehlt Murray noch die passende Antwort. Zu oft versucht er trotz mehrerer Gegenspieler dort trotzdem zum Korb zu ziehen und scort bei Drives deswegen mit nur 48.2% relativ ineffizient – trotz seines eigentlich sehr guten Finishings. Oftmals trifft er die falsche Entscheidung, wann er lieber den einfachen Kick-Out-Pass spielen sollte und probiert es stattdessen mit sehr waghalsigen Pässen, die zwar manchmal für Highlights sorgen, aber zu oft auch zu Turnovern führen.

Er ist daher auch der Spieler der Spurs, der mit Abstand die meisten Turnover begeht. Möchte er in Zukunft eine noch größere Rolle als Playmaker übernehmen, muss er an dieser Stelle beweisen, dass er in der Lage ist, bessere Entscheidungen mit dem Ball in der Hand zu treffen. Wie bereits erwähnt, muss man ihm dabei jedoch zu gute halten, dass er aufgrund des mangelnden Spacings oftmals mit sehr schweren Entscheidungen konfrontiert ist. Hier ist auch das Offensivsystem der Spurs gefragt, ihm diese Aufgabe zu erleichtern und einfachere Reads anzubieten.

Was können die Spurs tun, um Murray besser in Szene zu setzen?

Die Versetzung Murrays in die mit deutlich mehr Spacing versehenen Bench-Lineups ist dafür ein wichtiger erster Schritt. Im Idealfall würde man sich aus Teambuilding-Perspektive wünschen, Murray ausschließlich mit guten Shooter zu umgeben. Mit nur zwei reliablen Shootern im gesamten Kader (Forbes und Mills), ist das allerdings nur sehr schwierig in die Praxis umzusetzen. Ein striktes Staggering Murrays mit DeRozan sollte jedoch die schwerwiegendsten Spacing-Probleme beseitigen.

Aber auch davon abgesehen, gibt es einige Möglichkeiten, wie Murray effektiver eingesetzt werden könnte. Besonders gut funktioniert das im Pick&Pop mit LaMarcus Aldridge. Nach dem Screen Aldridges wollen seine Gegenspieler zumeist den Drive Murrays verhindern, sinken daher in Richtung Zone ab und lassen Aldridge mehr oder weniger unbedrängt in der Midrange stehen. In Spot-Up-Situationen in der langen Midrange trifft Aldridge seinen Wurf zu über 58%, es handelt sich also um eine für Half-Court-Verhältnisse sehr effiziente Variante. Der Pass zu seinem Mitspieler ist in diesen Situationen ein sehr leichter Read für Murray und absolut problemfrei durchzuführen. Insbesondere zu Beginn der Saison haben die Spurs dieses Play sehr oft erfolgreich angewendet. Dies zeigt sich auch darin, dass kein anderer Spieler so viele Assists für Aldridge gespielt hat wie Murray, trotz dessen Minutes-Restriction und verpassten Back-to-Back-Spielen. Warum man in den letzten Spielen zunehmend seltener das Pick-and-Pop-Play der beiden angewendet hat, bleibt daher ein Rätseln und ist vermutlich nur so zu erklären, dass der Coaching Staff versucht, DeRozan wieder mehr Aufgaben mit dem Ball in der Hand zu übertragen.

Ein Tag im Job von Pop

Auch wenn der Kader nicht über ausreichend Shooter verfügt, gibt es noch eine weitere mögliche Lineup-perspektivische Veränderung, die Murray sehr entgegenkommen könnte. Wie auch von John Hollinger im letzten Duncan & Hollinger Podcast erwähnt, sollten die Spurs sich bemühen, den eingangs beschriebenen Transition-Effekt Murrays zu maximieren. Dies könnte ermöglicht werden, indem man Murray andere Spieler an die Seite stellt, die gemeinsam mit ihm gut verteidigen und nach Ballgewinnen das Tempo des Spiels erhöhen können. Als mögliche Spieler für diese Idee bieten sich vor allem die jungen Mitspieler Derrick White, Lonnie Walker und Jakob Pöltl an. Wie in meinem Artikel vor Saisonbeginn bereits beschrieben, hätte diese Variante auch den Vorteil, dass das Team besser evaluieren kann, wie die jungen Talente des Kaders in Zukunft zusammenpassen. Denn wenn die aktuellen Probleme der Spurs eines zeigen, dann, dass man die Zukunft der Franchise nicht an DeMar DeRozan oder LaMarcus Aldridge binden sollte, sondern die nächste Generation heranziehen muss. Murray könnte trotz einiger aktueller Probleme ein absolut integraler Bestandteil dieser Zukunft sein.

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