Houston Rockets

Westbrook und Harden in Houston

Harmoniert das Guard-Duo?

James Harden und Russell Westbrook. Alleine der Klang der beiden Namen löst eine Bandbreite an Reaktionen in der NBA-Community aus, die wenigstens hier die allerseits gewünschte Diversität widerspiegelt. Der beste Spieler mit dem unansehnlichsten Game und der schlechteste Superstar unserer Zeit in einem Team – dieses Mal ohne Kevin Durant.

Wir hatten direkt nach dem Trade gegen Chris Paul zwei Gedanken gefasst, die gegensätzlich schienen, aber irgendwie doch vereinbar sein müssen: Dieses Team ist besser und schlechter zugleich geworden.

Wieso die Rockets schlechter geworden sind, lag für viele auf der Hand: Chris Paul ist ein sehr viel besserer Fit neben James Harden als Russell Westbrook. Paul kann sowohl on- als auch off-ball spielen, spielt dasselbe Tempo wie Harden, sodass die Mitspieler eine durchgängige Strategie verfolgen können und es nicht einen abrupten Bruch im Spiel gibt. Paul trifft die überlegteren, besseren Entscheidungen und sollte in den Playoffs der bessere Spieler sein – wenn er fit bleibt. Und gerade dies ist normalerweise das große Plus Russell Westbrooks.

Ich hätte die Houston Rockets vor der Saison als Favoriten auf den ersten Platz im Westen gesehen. Nicht mit großem Vorsprung und in einer Gruppe mit den Clippers und Lakers, aber die Aussicht, dass man statt 58 Spielen Chris Paul fast 80 Spiele Russell Westbrook bekäme und die Warriors kein Championship-Team mehr aufbieten können, war zu verlockend. Unsere Redaktion entschied sich für drei andere Teams, aber intern hatte ich eigentlich darauf gedrängt, dass Houston Teil der Diskussion sein müsste. Denn 20 Spiele mehr mit einem zweiten Ballhandler wären massiv.

Wer holt sich den Westen?

Und es sieht momentan auch nicht schlecht aus. Die Rockets sind 11-3 gestartet, bevor sie die nächsten drei Spiele verloren haben, Harden spielt wieder wie der wertvollste Spieler der Liga und führt die Rockets zur drittbesten Offensive der NBA. Chris Paul wird momentan nicht vermisst, und dass obwohl mit Gerald Green und Eric Gordon wichtige Rollenspieler längerfristig fehlen und diese das durch das strikte Regiment Fertittas ausgedünnte Team  nicht ersetzen kann, da für einen Contender nicht genügend Geld investiert wird.

Es scheint also alles beim Alten zu sein – und das dürfte perspektivisch ein Problem sein, denn Russell Westbrook spielt auch noch immer so wie in der letzten Saison und könnte mittelfristig das Problem der Rockets werden, wenn es in den Playoffs darum geht, Serien zu gewinnen.

Westbrook ist seit jeher ein Enigma, das polarisiert. Das liegt an seiner Spielweise und seiner übersprühenden Energie, zu der man erst eine Distanz aufbauen muss, um ihn wirklich objektiver betrachten zu können. Ich hatte dies im April schon versucht:

Russell Westbrook wird erst wieder ein Superstar sein, wenn er es schafft, sich selbst Würfe zu kreieren, die er effizient verwandelt. Solange er dies nicht vermag, ist er nicht gleich ein schlechter NBA-Spieler, aber nicht das, was die Houston Rockets brauchen.


Man könnte nun einwenden, dass die Rockets doch eine Top 3 Offense stellen und Westbrook seinen Teil dazu beiträgt, um erfolgreichen Basketball zu spielen, so wie alle anderen Spieler des Teams auch. Dazu kommt, dass Houston merklich den Stil geändert hat, um sich an Westbrooks Spiel anzupassen. Die Pace ist in den Top 3 der Liga und kommt dem transitionlastigen Spiel Westbrooks entgegen. Normalerweise sollte es gar keine großen Probleme geben, vor allem am offensiven Ende nicht. Defensiv ist man zudem durchschnittlich und steht insgesamt ziemlich gut da.

Nur – welchen Einfluss hat Westbrook denn auf diese Offense? Was trägt er dazu bei, dass die Rockets so gut dastehen – und was ist Hardens Verdienst?

Vorab sollte klar sein, dass Westbrook eine Defensive beeinflussen kann und dies auch heutzutage noch tut. Westbrook ist kein Borderline-NBA-Spieler, den niemand respektiert. Er wird als Ballhandler ernstgenommen – und muss das auch. Wird Westbrook nicht ordentlich gecheckt, kann er weiterhin zum Ring explodieren und dort überdurchschnittlich abschließen:

Wenn wir an Westbrook denken, dürfte das das Bild sein, was allgemein von ihm gezeichnet wird: unnachahmlich schnell, nicht zu stoppen und gut am Ring. Aber Russell Westbrook hat in dieser Saison als Ballhandler aus dem Halbfeld noch kein einziges Mal gedunkt. Das muss er auch nicht, aber unser vorgefertigtes Bild stimmt eben manchmal nicht. Westbrook Dunks entstehen nach Pässen von Harden oder im Fastbreak. Das ist nicht verwunderlich, weil die Rockets so schnell sind wie schon seit ganz langer Zeit nicht mehr. Dementsprechend ist es gut, dass Westbrook die Offensive beschleunigt, schließlich konnten Teams im letzten Jahr 1.09 PPP erzielen und wenn man diesen Bereich stärkt, sollten die Rockets dadurch auch profitieren.

Nur zerfällt dieses ganze Gedankenkonstrukt, wenn wir uns der Realität stellen und uns ansehen, wie die Rockets zu ihren Punkten kommen: Sowohl Westbrook als auch Harden sind unterdurchschnittliche bis richtig miese Finisher in Transition und kommen auf 1,03 sowie 0,93 Points pro Fastbreak.

Wenn schon die beiden Starspieler nicht so gut in Transition sind, bedeutet dies zumeist auch nichts Gutes für das Team. Tatsächlich rangiert Houston im untersten Viertel der Liga, was die Effizienz im Fastbreak angeht. Das Team war im letzten Jahr dafür nicht gebaut und kann es in diesem Jahr – trotz Westbrooks Energie – auch nicht aufs Parkett bringen.

Westbrook selbst nimmt nahezu jeden dritten Wurf in Transition und ist dabei ineffizient – wenn man sich nur die Transition anschaut. Tatsächlich ist das aber noch immer die beste Möglichkeit für Westbrook, an Punkte zu kommen. Denn im Gegensatz zum Halbfeld sind 1,03 erzielte Punkte gut für Russell. Die Rockets sind im Halfcourt allerdings ein Top 10 Team der Liga – trotz Russell Westbrook.


Coach D’Antoni hat bereits erkannt, dass sein Starduo nicht so gut wie möglich miteinander harmoniert und beginnt beide immer rigoroser zu staggern, um mehr Impact aus beiden Spielern zu ziehen. Was sich hier herauskristallisiert, ist nur ein erstes Indiz und die zwei pausierten Spiele Westbrooks haben sicherlich auch noch zu viel Einfluss auf die Zahlen, aber Houston spielt einfach sehr viel besser mit James Harden als mit Russell Westbrook.

Steht Westbrook auf dem Feld, erzielen die Rockets ein Net-Rating von -0,6, bleiben unter ihrer durchschnittlichen offensiven Effizienz und verteidigen durchschnittlich. Steht Harden auf dem Feld, sind die Rockets bei +6,9, performen leicht besser offensiv und verteidigen besser.

Auffälliger wird es jedoch, wenn die Stars sitzen. Wenn Harden Platz nimmt, implodiert das Team. Die Offense greift auf dem Niveau der Orlando Magic an (27.) und verteidigt wie die New Orleans Pelicans (25.). Sitzt Westbrook, stellt man die beste Offensive der NBA und verteidigt wie die Milwaukee Bucks (6.).

Der Unterschied ist enorm. Aber es sind bisher nur Indizien und zu wenig Sample Size, um gleich  über zu reagieren. Untypisch ist dies in diesem Ausmaß allerdings schon, weil beide einen Großteil miteinander auf dem Feld verbringen und Westbrook trotzdem auf kein positives Net-Rating kommt – bei einem Team, das 11-3 gestartet ist und mit Tucker, House und Harden genügend Gravity kreiert, damit Westbrook arbeiten kann.

Im letzten Jahr konnten die Rockets mit Paul oder Harden auf der Bank gleich gut performen (insgesamt +2,5). Das Staggern war hier sinnvoll und entlastete beide Spieler.


Dabei ist Westbrook nicht per sé ein Minus auf dem Feld oder schadet dem Team. Er (und Harden natürlich auch) setzt die Bigs ein, die alle hypereffizient am Ring agieren können, er nimmt Last von Hardens Schultern, er findet die Wings und eröffnet ihnen freie Würfe.

Er attackiert weiterhin den Korb und sucht sehr viel mehr als Harden den Pass, aber vermag es weiterhin nicht, die richtige Entscheidung zu treffen. Zu oft lässt er sich dazu einladen, den Dreier zu nehmen, dem ihm mittlerweile jedes Team zu geben scheint – auch weil Westbrook diese immer noch zu mehr als 50% aus dem Dribbling nimmt. Er beherrscht diesen Wurf nicht (den Catch-and-Shoot-Dreier allerdings auch nicht), kommt aber nicht auf die Idee, seine Wurfauswahl zu hinterfragen.

Auch James Harden merkt, dass sein Spiel beeinträchtigt wird.

“The whole season they’re running doubles teams at me. I’ve never seen that in an NBA game where you’ve got really good defenders & someone else running at the top of the key. Y’all let me know the last time you’ve seen that.”

Quelle

Er nennt hier nicht Westbrook als Grund – oder denkt dies vielleicht auch gar nicht -, aber wenn wir uns ansehen, welche Spieler zum Doppeln kommen, und wenn wir überlegen, was sich im Team der Rockets verändert hat, dann bleiben nicht viele Möglichkeiten übrig. Dass Eric Gordon erst schlecht und jetzt gar nicht mehr spielt, beeinflusst natürlich auch die Entscheidung vieler Teams, Harden zu doppeln.

Aber Westbrook kann das Doppeln einfach kaum bestrafen. Dabei sieht sein Wurfprofil eigentlich so aus, wie man sich dies wünscht: 35% der Würfe am Ring, 30% Dreier. Nur erzielt Westbrook aus seinen Dreiern 0,66 Punkte pro Wurf. Bereits im letzten Jahr kam er zu der zweifelhaften Errungenschaft, nur hinter dem 37-jährigen Kobe Bryant (28,5%) und Jason Williams (28,7%) die drittschlechteste Dreierquote aller Zeiten bei mindestens 400 Versuchen erzielt zu haben (29,0%). In dieser Saison nimmt er (auf 36 Minuten normiert) 0,7 Dreier mehr und trifft sie mit 7% weniger. Westbrooks problematisches Shotmaking ist zu größeren Teilen dafür verantwortlich, dass Houston nicht klar die beste Offensive der NBA stellt.

Auch das Zusammenspiel von Harden und Westbrook funktioniert bisher noch nicht so wie erhofft. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass Harden mit Paul auch nur indirekt agierte. Harden assistiert Westbrook mehr (ungefähr 1 Assist pro Spiel) als Paul damals (0,3). Beide Playmaker arbeiteten nicht für Harden oder besorgten ihm viele Würfe (0,5 Assists pro Spiel). Das ist auch nicht Hardens Spiel – aber bei Harden wissen wir zumindest, was funktioniert. Chris Paul hat dies auch erkannt und funktionierte sehr gut neben Harden. Westbrook behindert Harden bisher eher, als dass er ihn entlastet.  

Dabei sollte aber nochmals betont werden, dass Westbrook nicht einfach subtrahiert werden könnte und Houston dann automatisch ein besseres Team wäre. Er schadet dem Team zwar, indem er verhindert, dass man offensiv und defensiv nicht noch besser ist, aber sein Ersatz müsste ein guter sekundärer Ballhandler sein – kein Rollenspieler. Russell Westbrook hat einen gewissen Wert für die Rockets, weil er die gegnerische Defensive attackiert und zur Reaktion zwingt. Dazu findet er die Rollenspieler der Rockets und setzt sie ein. Das kann kein Rollenspieler übernehmen. Aber Russell Westbrook ist kein Chris Paul. Houston benötigt aber einen Playmaker wie Chris Paul neben James Harden.

Ausblick

Die Houston Rockets sind ordentlich in die Saison gestartet und konnten die frühen Ausfälle ihrer Rotationsspieler gut verkraften. Um aber nicht nur in der Regular Season zu Siegen zu kommen, muss das Team einen Weg finden, um Russell Westbrook so einzusetzen, dass er der zweite Star des Teams sein kann. Westbrook hat sein Spiel nicht modifiziert. Vielleicht kann er dies auch nicht. Aber Houston ist momentan trotz Russell Westbrook so gut – und nicht seinetwegen.

Wie Westbrook dem Team genau helfen soll, ist noch unklar. Aus der Vergangenheit haben wir bisher kein Teamkonstrukt gesehen, bei dem Westbrook in irgendeiner Form ohne Ball wertvoll sein konnte. Wir haben bei Oklahoma City gestritten, ob nicht Kevin Durant einfach öfter den Ball bekommen sollte. Wir haben nach Durants Abgang gesehen, dass Paul George sich um Ballhandling-Aufgaben eher drückte und Westbrook das Feld überließ, um zwar effizient zu agieren, aber das Team nicht mit Westbrook zusammen zu führen. Wir sehen momentan in Houston keine Entwicklung Westbrooks.

Dabei brauchen wir gar keine Transformation Westbrooks zum Off-Ball-Spieler, der nur in der Ecke parkt und sich von Harden bedienen lässt. Chris Paul war das in den letzten Jahren auch nicht. Aber Harden braucht eine zweite Angriffswelle, wenn sein Drive versagt und er auch keinen offenen Schützen findet. Dann muss Westbrook da sein und übernehmen können. Paul löste das in der Vergangenheit meist so, dass er entweder den freien Mitspieler fand oder einen effizienten Wurf für sich selbst kreieren konnte. Aber Paul ist auch der entgegengesetzte Spielertyp im Vergleich zu Russell Westbrook: Paul zog fast nie zum Korb, war ein Meister der Midrange und des Dreiers. Westbrook muss einen Weg finden, um effizient zu scoren. Transition kann nicht die Lösung sein, wenn Houston nur zu knapp 20% überhaupt in den Fastbreak geht. In der verbleibenden Spielzeit darf Westbrook keine Last sein.

Es sind noch genügend Spiele zu spielen, um Lösungen zu finden. Mit der jetzigen Konfiguration scheint Houston nur für eine richtig gute Regular Season gerüstet zu sein. Sobald man auf bessere Teams in Bestbesetzung und in einem Playoff-Format trifft, kann man nicht darauf hoffen, dass James Harden 40 oder mehr effiziente Punkte pro Spiel liefert, um die Lücken des Kaders zu kaschieren. Houston braucht – wenn der Besitzer dies schon nicht liefert – einen verlässlichen Backup für den Plan A. Russell Westbrook sollte Plan B sein. Er ist anders als Harden und erweitert das Angriffsspiel um die Transitiondimension – allerdings scheint dies bisher auch nicht die Lösung zu sein. Westbrook muss einen Weg finden, um im Halbfeld nicht bloßgestellt zu werden. Er muss sich bewegen – sinnbildlich und wortwörtlich. Nur dann kann Houston ein Contender in diesem Westen sein.

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