Houston Rockets, NBA

Houston, wir haben kein Problem

Nach dem spektakulären Tausch zwischen den Rockets und Thunder spricht die Mehrheit der Basketballfans über den Contender aus Oklahoma City und die Auswirkungen auf das Team um Kevin Durant und Russell Westbrook (Go-to-Guys berichtete gestern). Dabei wird vergessen, dass zu einem Tausch immer noch zwei Franchises gehören und die Rockets das Team sind, welches den besten Spieler des Trades erhalten. Was also ist von den neuen Rockets um James Harden, Omer Asik und Jeremy Lin zu erwarten?

Der Weg aus der Sackgasse

Es ist eine Odyssee, die der General Manager der Houston Rockets, Daryl Morey in den letzten Jahren erleiden musste. Vor einiger Zeit galt Morey noch als einer der besten General Manager der Liga, als er das Duo Yao Ming und Tracy McGrady begründet hat. Diese Geschichte fand aufgrund von unzähligen Verletzungen der beiden Stars kein rühmliches Ende. Trotz dieser Probleme fand Morey jedoch immer wieder Wege, die Rockets irgendwie auf Kurs zu halten, indem er clevere Tauschgeschäfte aushandelte und ein hervorragendes Scoutingsystem installierte, die gutes Rollenspielermaterial nach Houston manövrierte. Zu nennen wären die Verpflichtungen von Luis Scola, Carl Landry, Ron Artest oder Kyle Lowry. Die Playoffs erreichten die Rockets in den letzten vier Jahren dennoch nicht, auch weil der Westen sehr stark und tief besetzt gewesen ist. Dies brachte Morey die Erkenntnis, dass es ganz ohne Starpower in der heutigen NBA doch nicht geht. Somit handelte er letztes Jahr einen Trade mit den Los Angeles Lakers und New Orleans Hornets aus, der Big Man Pau Gasol zu den Rockets bringen sollte. Bekanntlich stoppte die NBA diesen Trade aufgrund zuwider laufenden Interessen der Hornets und Daryl Morey stand zu seinem Unglück abermals am Anfang. Also ging er das nächste Ziel an, Dwight Howard, doch ironischerweise schnappten sich die Lakers den besten Center der Liga.

All diese Tauschgeschäfte gingen wahrlich nicht geräuschlos über die Bühne. Umso überraschender kam nun also am Wochenende der Tausch für den jungen Guard der Oklahoma City Thunder zustande. Es soll ein Befreiungsschlag sein, nicht nur für die Houston Rockets, sondern auch für Daryl Morey selbst, der aufgrund der vergangenen misslungenen Versuche, endlich wieder Starpower nach Houston zu locken, schon belächelt und kritisiert worden ist. Doch jetzt haben die Rockets wieder ein vielversprechendes Team zusammen, welches für einige Überraschungen im zugegebenermaßen starken Westen sorgen kann.

Drei Bankspieler = Starpower?

Überspitzt formuliert bauen die Rockets ihr neues Team mit drei Säulen auf, die noch vor kurzer Zeit Bankspieler gewesen sind: Jeremy Lin, James Harden und Omer Asik. Ersterer spielte sich letztes Jahr vom absoluten Niemand und Bankspieler in die Herzen der Basketballfans, insbesondere in New York City. Der defensivorientierte Center Omer Asik war die letzten beiden Jahre der Backup von Joakim Noah bei den Chicago Bulls und James Harden kam ebenfalls nur von der Bank, auch wenn er das natürlich so gut gemacht hat, dass er unbestreitbar der beste sechste Mann der NBA gewesen ist. Und gerade deswegen sind mit den drei Spielern auch einige Fragezeichen verbunden. In Houston sind es jetzt sie, die die volle Aufmerksamkeit der eigenen Fans und gegnerischen Teams erhalten. Ersteres ist vordergründig positiv, zweiteres kann sich negativ auf die eigene Leistung auswirken. Kommen die drei mit dem größeren Druck klar? Zumindest mehren sich die Anzeichen, dass dies gelingen könnte.

1. Omer Asik

Omer Asik war Defensivanker der 2nd Unit der Chicago Bulls und stand im Durchschnitt gerade mal 15 Minuten pro Partie auf dem Feld. Durchschnittlich drei Punkte und fünf Rebounds klingen weniger als nur unspektakulär. Trotzdem entschloss sich Morey Omer Asik einen hochdotierten Vertrag in Höhe von 25 Millionen $ über drei Jahre anzubieten. Der Grund ist nicht nur der RFA-Status Asiks, der ein hohes Angebot nötig gemacht hat, sondern auch der exorbitant große Einfluss, den Omer Asik auf die Verteidigung der Bulls hatte, wenn er auf dem Feld stand. In den knapp 1000 Minuten mit Omer Asik erzielten die gegnerischen Teams nur 91 Punkte pro 100 gegnerische Ballbesitze, in den 2000 Minuten ohne ihn sind es 100. Dabei ist zu betonen, dass diese 100, die die Bulls ohne Asik kassieren, immer noch ein sehr guter Wert sind. Umso beeindruckender ist die Defense mit Omer Asik in Aktion. Einwenden lässt sich natürlich, dass Asik im Schnitt nur die besagten 15 Minuten gesehen hat und es fraglich ist, ob er eine ebenso gute Leistung auch mit mehr als der doppelten Spielzeit vollbringen kann. Außerdem sind die Bulls auch ohne Asik eines der besten Defensivteams der NBA – dank Luol Deng, Joakim Noah und Taj Gibson. Es wird spannend sein zu beobachten wie sich Asik mit der Bürde des wichtigsten Defensivspielers arrangieren wird. In der Preseason deutete er übrigens  mit acht Punkten und 12 Rebounds an (in nur 25 Minuten pro Spiel), was diese Saison von ihm zu erwarten ist.

2. Jeremy Lin

Jeremy Lin startete letzte Saison bei den New York Knicks wie eine Rakete und sorgte damit für den vielleicht größten Hype der NBA-Geschichte. Die amerikanische und internationale Presse hat sich natürlich auf das Werbe-Phänomen Jeremy Lin gestürzt und es gemolken wie es nur geht. Über Wochen gab es in der NBA nur ein Thema: “Linsanity” hier, “Lincredible” oder “Lin your face!” dort. Allein aufgrund der medialen Wirkung eines Jeremy Lin hat sich die Verpflichtung von Jeremy Lin gelohnt, denn sein Gehalt spielt er aufgrund dieser Maschinerie locker ein. Doch Morey wird Lin nicht nur aufgrund seines wirtschaftlichen Wertes verpflichtet, sondern auch wegen seines spielerischen Talents. Was also kann Jeremy Lin?

Als Starter für die Knicks legte Lin in 25 Partien durchschnittlich sehr gute 18 Punkte, 4 Rebounds und 8 Assists vor. Problematisch ist jedoch, dass er in diesem Zeitraum auch 117 Ballverluste (!) zustande brachte, was 4.7 Ballverluste pro Begegnung entspricht. Mit diesem Wert hätte er die NBA im letzten Jahr mit großen Abstand angeführt. Und das ruft die Frage hervor, ob Lins Fähigkeiten auf dem Basketballfeld nicht doch eher Schall und Rauch sind; eine mediale Konstruktion, die der Basketballwelt vorgaukelt, dass Lin Qualitäten besäße, die er in Wirklichkeit nicht hat. Denn seine Schwächen sind unübersehbar, wenn man sich von der ausufernden Berichterstattung nicht blenden lässt. Sein Ballhandling ist schwach. Gegnerische Teams versuchen mittlerweile ihn zum Dribbling mit der sehr schwachen linken Hand zu zwingen. Die unzähligen Ballverluste sind kein Zufall. Von außen traf er als Starter mäßige 34%. Die 18 Punkten und acht Assists kommen vor allem deswegen zustande, weil er den Ball so dominieren durfte und in der Offense der Knicks viele Würfe bekommen hat, etwa auf Kosten eines Carmelo Anthonys.

Insgesamt machen ihn diese Schwächen keineswegs zu einem schlechten Point Guard. Er hat durchaus das Talent in einem Playoffteam eine gute Rolle zu spielen, doch für einen Starstatus auf dem Feld reicht es nicht. Das wird auch nicht dadurch geändert, dass er diesen Status bereits abseits des Feldes inne hat. Lin muss beweisen, dass er sich mit James Harden ergänzen kann und arbeitswillig ist, sein Spiel zu verbessern und Schwächen abzubauen. Dann würde sich die Verpflichtung Lins für die Rockets nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht gelohnt haben.

3. James Harden

Es gibt zwei Meinungen über James Harden. Die eine Seite der Basketballwelt hält ihn für überschätzt, weil er in schwierigen Momentan schnell abtauchen kann (siehe sein schwaches NCAA-Tournament mit Arizona State oder die Finals 2012), als 6th Man nicht selten gegen andere Bankspieler antritt und in erheblichen Umfang von einem Russell Westbrook und Kevin Durant proftiere. Die andere Seite hält ihn für unterschätzt und verweist auf die großartigen Leistung in der ersten Runde gegen Dallas, seinen entscheidenden Dreipunktewurf in den Conference Finals gegen die San Antonio Spurs oder behaupten, dass die Thunder immer dann ihren besten Basketball spielen, wenn James Harden auf dem Feld ist. Was ist wahr und was ist falsch? Einfach ausgedrückt ist alles wahr. Harden hat in zahlreichen Momentan seiner noch jungen Karriere sowohl Nerven gezeigt als auch bewahrt. Er war schon Held und Versager, aber eben auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Russell Westbrook und Kevin Durant. Es stimmt in der Tat, dass die Thunder mit Harden ihren besten Basketball gespielt haben, was sich insbesondere statistisch eindrucksvoll untermauern lässt. Mit James Harden erzielten die Thunder 114 Punkte pro 100 Ballbesitze (klare #1 der NBA), ohne ihn sind es nur 101 (Niveau der letztjährigen Hornets, Wizards oder Pistons). Das ist Fakt, doch bedeutet es nicht, dass in Oklahoma City plötzlich alles zusammenbricht und die Rockets jetzt einen traumhaften Offensivbasket spielen werden. Die Thunder müssen ihr Spiel anpassen und die Rockets müssen versuchen, das Beste aus einem großartigen Talent wie Harden herauszuholen.

Der bärtige Shooting Guard gehört zu den effizientesten Spielern der NBA-Gesichte. 20 Punkte aus 10 Würfen, kein Problem für James Harden. Er ist absolut tödlich im Pick & Roll (#9 NBA-weit) oder der Isolation (#7). In Sachen Handoff bzw. Off Screen ist er der effizienteste Spieler der Liga. Zusammen mit der Qualität Würfe aus der Weitdistanz sehr zuverlässig zu versenken (Spotup-Dreipunktewurf: 40%), überzeugt er auch abseits des Balls. Außerdem macht er seine Mitspieler durch sein sehr gutes Playmaking besser. Die einzige Schwäche, die sein offensives Arsenal bietet, ist der fehlende Mitteldistanzwurf, doch aufgrund der Stärke der anderen Qualitäten fällt das kaum ins Gewicht. Die Rockets bekommen einen Linkshänder mit einem gewaltigen offensiven Repertoire, der sich jetzt jedoch mit deutlich mehr Druck auseinandersetzen muss. Bei den Thunder waren Russell Westbrook und Kevin Durant die Alphatiere, nun steht Harden selbst in der Pflicht. Er soll das junge Team der Rockets anführen, nicht nur auf dem Feld, sondern auch abseits des Courts. Nach drei Jahren im Schatten der zwei Stars der Thunder ist das eine völlig neue Situation für ihn. Die Verteidigungsstrategie der gegnerischen Teams wird sich nun hauptsächlich auf ihn konzentrieren, nicht mehr auf seine Nebenleute. Zugleich wird er gezwungen sein, mehr Würfe zu nehmen (größere Verantwortung), wodurch seine überragende Effizienz, selbstverständlich auf sehr hohen Niveau, etwas leiden wird.

Dass er das Talent hat, diese Situation zu meisten, steht außer Frage. Aufgrund seiner Klasse sollte es auch nicht lange dauern, bis er im Team der Rockets eine Führungsrolle, zumindest auf dem Feld, einnehmen wird.

Playoffs, wir kommen?

Mit einer Playoffvorhersage für die Houston Rockets lehnt man sich weit aus dem Fenster, doch es kann in der Tat schneller gehen als viele denken. Die Lakers, Thunder, Spurs, Clippers, Nuggets und Grizzlies sind ohne Frage klar besser, aber zwei zusätzliche Plätze sind noch frei. Die Jazz sind tief besetzt, aber kein Team, was man nicht schlagen könnte. Die Warriors waren in der Vergangenheit von Verletzungen gebeutelt, die Wolves und Mavericks sind es zurzeit, wodurch es fraglich ist, wann sie ihren besten Basketball spielen können. So aussichtslos sieht es offensichtlich gar nicht aus, gerade dann, wenn man sich noch das restliche Roster der Rockets mit Aussichten auf Rotationsminuten anschaut:

PG: Jeremy Lin, Toney Douglas, Scott Machado
SG: James Harden, Daequan Cook
SF: Chandler Parsons, Carlos Delfino, Terrence Jones
PF: Patrick Patterson, Royce White
C: Omer Asik, Donatas Motiejunas, Cole Aldrich

Jeremy Lin und James Harden sind ein spielstarkes Duo im Backcourt. Chandler Parsons und Carlos Delfino ergänzen sich prima durch Basketball-IQ und Scorerqualitäten. Terrence Jones hat eine gute Vorbereitung gespielt und kann auch als Power Forward eingesetzt werden. Toney Douglas und Daequan Cook sind Scorer bzw. Schützen, die wissen, wie man den Ball in den Korb wirft und so für Firepower von der Bank sorgen können. Auf den großen Position hält wie beschrieben Omer Asik die Defense zusammen. Patrick Patterson und Cole Aldrich sind Arbeiter, wobei Ersterer für Punkte, Letzterer für Rebounds sorgt. Und Donatas Motiejunas hat ohne Zweifel genug Talent, um eine Bankrolle in der NBA einnehmen zu können – er muss “nur” genügend Willen zeigen. Welchen Impact Rookie Royce White entwickelt kann, steht in den Sternen, denn seine Flugangst könnte ihn schon gehörig ausbremsen.

Jedenfalls steht fest, dass Coach Kevin McHale ein talentiertes, tiefes und homogenes Team an die Seite gestellt bekommt, dass sich vor den anderen aufgezählten Mannschaften im Kampf um die letzten Playoffsplätze nicht zu verstecken braucht. Und falls es in dieser Saison mit der großen Überraschung nicht klappt, können die Rockets 2013 neu angreifen. Schließlich sind sie trotz der wahrscheinlichen Vertragsvelängerung mit James Harden finanziell so flexibel aufgestellt, dass sie in der nächsten Offseason einen weiteren Maximal-Vertrag bieten können. Selbst wenn man von Chris Paul oder Dwight Howard absieht, könnten Spieler vom Kaliber Andrew Bynum, Josh Smith, Al Jefferson, Paul Millsap oder Andre Iguodala theoretisch verfügbar sein.

Daryl Morey hat mal wieder gezeigt, dass er immer noch zu den besseren GMs der Liga zählt.

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