Alltimers, Philadelphia 76ers

Kann Ben Simmons ein Superstar werden?

Was macht einen Franchise Player in der modernen NBA aus?

Seit dem 23. Juni ist Ben Simmons ein Sixer. Aber bereits vorher, beim Gewinn der Draft Lottery und dem offenen Geheimnis, dass Philadelphia den Australier draften würden, wurde vor allem von Fans und Journalisten aus Philadelphia folgende These aufgestellt: Ben Simmons ist der Franchise-Player, um den man endlich das Team herum aufbauen könne. Aber auch renommierte NBA-Schreiber behaupteten, das jahrelange Verlieren, das Tanking, das massive Abstinken in der NBA-Welt (Renommee und sportlich), hätte sich nach drei Jahren endlich gelohnt, da Simmons als potentieller Superstar das Ergebnis des „process“ ist. #TrustTheProcess war eine Maxime der Hinkie-Anhängerschaft, die darauf abzielte, dass vorläufige Niederlagenserien hinnehmbar sind, weil man ein langfristigeres, größeres Ziel im Blick hat. Man sollte Vertrauen in den Rebuild-Prozess haben.

Ist Ben Simmons dieser mögliche Franchise-Player? Ist er das lang erhoffte Ziel des Rebuilds? Die Analyse will weniger Simmons noch nicht gezeigte NBA-Fähigkeiten selbst überprüfen, sondern evaluieren, welche Skills Stars dieser Liga im Schnitt haben, welche Skills möglicherweise überbewertet sind und wie Ben Simmons in dieses Profil passt. Wie viel fehlt ihm schlussendlich wirklich und an welchen Skills muss er arbeiten, um zu einem Star zu werden?

Was haben die besten Spieler der NBA gemeinsam?

Die Definition eines Superstars ist viel diskutiert und wird viel zu oft kontrovers behandelt. Um dies zu vermeiden, liegt dieser Analyse der Fokus zugrunde, einfach die besten 13 Spieler der Liga zu evaluieren. Schafft es Simmons in die Riege dieser Spieler einzudringen, dann wäre der verfrühte Jubel um den neuen Franchise-Player in der Stadt der brüderlichen Liebe durchaus berechtigt.

Da ich mich dabei nicht auf meine eigene, vielleicht zu subjektive, Meinung verlassen möchte, soll eine Liste den Ausschlag geben, die von so vielen (guten) Meinungen wie möglich profitiert. Im Verlauf der letzten Saison erschien ein Podcast unserer Redaktion, in dem es anlässlich von Go-to-Guys-Wired #100 um die Top 10-Spieler der NBA ging. Dazu hatten im Vorfeld die Redaktionsmitglieder abgestimmt und ihre Top 10 benannt. Aus allen Ergebnissen wurde dann eine finale Liste berechnet, die relativ valide ist, da man annehmen kann, dass die Summe aus Meinungen dieser Redaktion ein basketballerisch fundiertes und gutes Bild zeichnet. Die Top 13 sah wie folgt aus:

  1. Stephen Curry
  2. LeBron James
  3. Russell Westbrook
  4. Kevin Durant
  5. Kawhi Leonard
  6. Chris Paul
  7. James Harden
  8. Draymond Green
  9. Anthony Davis
  10. DeMarcus Cousins
  11. Blake Griffin
  12. Kyle Lowry
  13. Paul George

Die zentrale Frage ist nun also: Welche Skills hat der heutige, durchschnittliche NBA-Star? Wo sind Gemeinsamkeiten mit Simmons? Eine erste Vermutung hierbei ist, dass es sich auf obiger Liste um erste oder potentiell erste Optionen handelt, die mit hohem Volumen werfen und dabei meistens auch effizient agieren. Wie in der Basketballwelt schon viel zu häufig diskutiert wurde, sinkt die Effizienz bei steigendem Volumen; Franchiseplayer halten trotz hohen Volumens ihre Effizienz. Die folgende Tabelle zeigt die gespielten Minuten pro Spiel, die Wurfversuche pro Minute (zu besseren Übersichtlichkeit mit  36 multipliziert), die erzielten Punkte pro 36 Minuten, die Effizienz und die Usage Rate (basketball-reference.com). Alle Zahlen beziehen sich auf die Saison 2015/2016.

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Bis auf Kawhi Leonard, Chris Paul und Draymond Green handelt es sich um Spieler, die sich in erster Linie über das Scoring definieren lassen. Der erste Eindruck bestätigt sich also. Anscheinend ist effiziente on-ball-Offense, nach Möglichkeit im hohen Volumen, ein erster, notwendiger Skill für einen Top 13 Spieler der NBA. Die meisten Namen sind selbsterklärend. Curry, James, Westbrook, Durant, Harden und Davis bestechen durch genau diese Fertigkeit.

LeBron James war in der vergangenen Saison zwar nicht mehr so effizient wie man es erwarten sollte, aber ein ORtg von 116 ist immer noch deutlich überdurchschnittlich, insbesondere bei der hohen Verantwortung, die er trägt. Zudem befindet sich LeBron wohl nicht mehr in seiner Prime, wohingegen er in Miami trotz gigantischer Usage fantastische Offensivratings aufwies. Soll heißen: James war in seiner Prime ebenfalls in erster Linie ein höchst effizienter, viele Possessions abschließender Scorer. Zudem wurde im Podcast besprochen, dass James in den Playoffs wieder mehrere Gänge hochschaltet und in der regulären Saison nicht 100% gibt. Dies drückt zudem seine Effizienz. Wie sich in den Finals herausgestellt hat, war die Vermutung der Redakteure im Podcast zutreffend mit einer der besten Finals-Serie aller Zeiten.

Wie der Tabelle zu entnehmen ist, spielte Kawhi Leonard eine höchst effiziente Saison. Mit einem ORtg von 121 waren in der kompletten Liga nur Durant und Curry effizienter. Wie auch im Podcast besprochen wurde, war Leonards Rolle in der Offensive San Antonios bedeutend kleiner als die der Spieler vor ihm und kurz hinter ihm auf der Liste. Er nimmt weniger Würfe und schließt weniger Possessions ab. Leonard schafft es vor allem deshalb in die Top 5, weil er ein nahezu perfekter Verteidiger ist, der Guards, Wings und sogar gelegentlich Post-Up-Scorer verteidigen kann. Gegen ihn werden Entry-Pässe nicht nur schwer, man läuft quasi immer in die Gefahr einer Deflection oder eines Steals. Dass Leonard im vergangenen Jahr noch in erster Linie als Defensivspezialist und offensiver Rollenspieler wahrgenommen wurde, zeigt ein Blick auf Danilo Gallinari. Der Italiener legte Zahlen auf, die Leonards sehr ähnlich sind (120 ORtg, 23% USG). Gallinari schaffte es aber nicht mal in die Nähe unserer Abstimmung, weil seine Defensive Welten von der des Spur entfernt ist.

Chris Paul ist Zeit seiner Karriere ein effizienter Basketballspieler. Selbst in seiner Rookie-Saison erzielte er ein ORtg von 114. Wenn er selbst scort, tut er dies effizient. Darüber hinaus legt er auch viele Korberfolge seiner Mitspieler auf und verteilt den Ball ungemein gut. Das Paket aus eigenem Scoring, Playmaking und starker Defensive gegen gegnerische Point Guards macht ihn zu einem der besten sechs Spieler der Liga. Dennoch lässt sich Paul durchaus vorwerfen, oft in „Schönheit zu sterben“. Dies soll bedeuten, dass er teilweise in seiner Karriere nicht aggressiv genug den eigenen Abschluss gesucht hat. Der Star des Teams, der nahezu immer an einer TS% von 60% kratzt, sollte ruhig noch öfter werfen.

Draymond Green ist wohl das extremste Beispiel dieser Liste, da er in seinem Team gerade mal die dritte oder vierte Option in der letzten Saison war. Er wurde auch dementsprechend kontrovers im Pod diskutiert. Er definiert sich mit Sicherheit nicht über sein Scoring. Er ist aber, zusammen mit Leonard, wohl der aktuell beste und vielseitigste Verteidiger der Liga. Mit ihm kann man auch defensiv Small Ball spielen, weil es für ihn nahezu nirgends ein Mismatch gibt. Dank seiner Fähigkeiten kann man defensiv mit sehr viel Freiheit sein Team zusammenstellen. Offensiv besticht er durch überdurchschnittlich gutes Playmaking (wenn auch kein primärer Ballhandler), tolles Passing, insbesondere als Roll Man im Pick ‘n’ Roll, und mittlerweile auch Gravity durch seinen Dreier. Dennoch darf die Frage gestellt werden, ob man einen Contender um ihn herum aufbauen könnte. Wie Dennis Spillmann es in der Diskussion auch ausführt, bräuchte man mindestens noch zwei effiziente Volumenscorer und Spacing.

DeMarcus Cousins war im Podcast zum Thema ein Streitpunkt der Redakteure. Gründe, um seine Zugehörigkeit zur Top 10 der NBA anzuzweifeln, sind einerseits seine mangelnde Effizienz in der Offensive und andererseits der ausbleibende Erfolg seines Teams, das immer noch Lichtjahre von den Playoffs entfernt scheint. Dennoch lässt sich durchaus für Cousins argumentieren. Er leidet unter dem dysfunktional zusammengestellten Teams, die er schon seit Jahren in Sacramento erleben muss. Das Front Office ist Chaos, die Kontinuität und Qualität auf dem Trainerstuhl fehlt. Der fehlende Fit des Teams und der Mangel an Qualität führen unter anderem zum zu hohen offensiven Volumen Cousins’, auch wenn er wohl immer noch eines größeren Basketball-IQs bedürfte. Seine Usage ist absurd hoch, mit welcher er letztes Jahr die Liga anführte. Nichtsdestotrotz ist er ein potenter Scorer, der in einem besseren Umfeld und durch geringere Usage wahrscheinlich effizienter wäre. Auch er weist den geforderten Skill in Zügen auf.

Einen äußerst interessanten Spielertypen stellt Blake Griffin dar. Er ist von den hier aufgelisteten Basketballern neben Harden und Westbrook wohl der schwächste Verteidiger, kann dieses Loch aber gleichzeitig nicht mit überragender Offensive wettmachen. Als Big Man ist durch sein defensives Defizit das Teambuilding ungemein schwierig, man benötigt einen Ringbeschützer hinter ihm. Seine offensive Entwicklung hingegen ist absolut beeindruckend. Von allen klassischen Bigs hat er in der NBA wohl das beste Passing, Dribbling und Playmaking und kann mittlerweile auch einigermaßen gut werfen. Er opfert in gewisser Weise offensiv seine Effizienz, um mit DeAndre Jordan zu koexistieren. Er operiert immer mehr weg vom Korb und mit seinem Jumper, um dem Center Platz zu lassen.

Kyle Lowry ist ein wenig ein Grenzfall. Er punktet zwar nicht in solch einem Volumen wie die meisten der Liste und agiert mit geringerer Usage, trotzdem ist Scoring seine beste und rufbildendste Eigenschaft als Basketballer. Seine Werte sind in etwa im Bereich von Paul und Leonard, was aber auch der Tatsache geschuldet sein könnte, dass er öfter off-ball agieren muss, um besser mit DeMar DeRozan harmonieren zu können. Zusätzlich zum Scoring überzeugt er mit seiner bulligen Defense und seinem ansehnlichen Passing.

Paul George fällt in Sachen Effizienz zwar ebenfalls ab, dennoch ist er in erster Linie ein guter Scorer, der vielleicht teilweise zu viel Verantwortung tragen muss. Seinen Pacers mangelte es an Playmakern, Ballhandling und anderen effizienten Scorern sowie Spacing, weswegen dies wohl sein ORtg beschnitt. Des Weiteren begeht er zu viele Turnover und tauschte seine Versuche am Ring gegen lange Zweier aus. Den Sprung auf diese Liste macht er aber dadurch, dass er ein exzellenter Verteidiger ist, der es defensiv mit jedem Wing und Guard dieser Liga aufnehmen kann. In einer idealen Welt hätte George in einem besser zusammengestellten Team wahrscheinlich schon das Zeug zu einer guten ersten Option. Georges massive Fortschritte in Sachen Playmaking würden ihn auch zum primären Ballhandler, der zweiten Scoringoption und zum besten Verteidiger eines Playoffteams machen. Gerade zum Positionskollegen Leonard fällt auf, dass George eine deutlich größere offensive Rolle einnahm (einnehmen musste?) und weniger vom System, den Mitspielern oder dem Coaching profitierte. Defensiv ist er aber nicht weit unter Leonards Niveau.

Was macht einen effizienten Scorer aus?

Da nun erörtert wurde, dass Scoring in annehmbarer bis guter Effizienz ein benötigter Skill für einen Franchiseplayer in der NBA ist, soll nun analysiert werden, über welche Fertigkeiten Scorer verfügen bzw. wie sie ihre Punkte erzielen. Dazu wurden die besten Scorer der NBA gesucht, die jeweils mindestens eine Usage Rate von 25 % hatten, über ein ORtg von mindestens 110 verfügten und 20 Punkte pro Spiel erzielten.

Die 12 gefunden Spieler werden in folgender Tabelle mit ihren Shooting Splits dargestellt: Prozentsatz der Anzahl der Würfe von 0-2 Fuß, aus der Midrange (> 16 Fuß), hinter der Dreierlinie, die Freiwurfversuche pro 36 min, sowie alle jeweiligen Field Goal Percentages.

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Eine erste Beobachtung ist, dass neun der zwölf besten Scorer der NBA mindestens 25 % ihrer Würfe von hinter der Dreierlinie nehmen. Diese neun Spieler treffen diese Würfe auch gut bis herausragend. Selbst Isiah Thomas als schwächster dieser Schützen erzielt mit seinem Dreier 1,077 Points per Possession (PPP), ein sehr guter Wert. Daran erkennt man, dass man mit einem verlässlichen Distanzwurf, der auch in hohem Volumen eingesetzt wird, in der heutigen NBA schon ein effizienter Scorer sein kann. LeBron traf in seiner Laufbahn bereits mehrfach über 35% seiner Dreier, weswegen er in der Blüte seiner Karriere auch als guter Werfer angesehen werden kann.

Der Dreier hat aber weitreichendere Folgen als reine pro-Ballbesitz-Effektivität: Der Distanzwurf öffnet das Spiel. Wird der Wurf vom Gegner respektiert, werden die Angreifer enger verteidigt und zusätzlich gehen Verteidiger seltener unter dem Screen durch. Dadurch werden Drives zum Korb um einiges einfacher. Des Weiteren kann der Spieler auch off-ball viel mehr eingesetzt werden, was nicht nur der Teamoffensive zuträglich ist.

Die drei Spieler, die keinen verlässlichen Dreier im Repertoire haben, verfügen über andere Fähigkeiten, die sie dennoch zu effizienten Scorern machen. LeBron James, Isaiah Thomas und Russell Westbrook nehmen eine enorme Anzahl von Würfen am Ring. Layups sind ligaweit mit die effizientesten Abschlüsse, die ein Spieler wählen kann. Auch wenn Westbrook diese Würfe leicht unterdurchschnittlich trifft, so führt das schiere Volumen seiner Abschlüsse am Ring zu einem effizienten Punktesammler. Westbrook erzielt pro Abschluss am Ring starke 1,192 PPP. Strahlt ein Spieler von der Dreierlinie keine Gefahr aus, so sollte er eine starke Waffe auf dem Weg zum Korb sein und dort möglichst viele Abschlüsse nehmen und diese hochprozentig treffen, um ein guter Scorer zu sein.

Generell fällt auf, dass in obiger Tabelle nahezu jeder Spieler jeden fünften Wurf am Ring nimmt und mit mindestens 55% trifft. Aber auch hier geht es weiter über eine pro-Ballbesitz-Effizienz hinaus. Drives führen dazu, dass Defensiven kollabieren. Auf einen Spieler, der in die Zone zieht, muss reagiert werden, sodass Verteidiger oftmals ihre eigentlichen Gegenspieler verlassen. Je besser und öfter ein Angreifer am Korb abschließt, desto größer ist die Gefahr, die er für die Defensive darstellt. Der beste eintretende Effekt ist ein Doppeln oder gar Trippeln der Defense. Fast alle Spieler obiger Tabelle werden mindestens gedoppelt, sobald sie mit dem Ball die Zone betreten. Der Effekt ist deshalb so wichtig, weil durch das Doppeln logischerweise irgendwo 4-gegen-3-Situationen (oder gar 3-gegen-2 nach einem Pick ‘n’ Roll) entstehen. Angreifer mit starkem Passing können dies sofort ausnutzen.

Der aus der Liste noch übrig bleibende Spieler ist DeMar DeRozan. Seine wichtigste offensive Waffe ist der Freiwurf. Von den besten Punktesammlern der Liga gelang nur James Harden öfter pro Minute an die „Charity Stripe“ als der Raptor. Ansonsten ist DeRozans Spiel relativ ineffizient gebaut. Er nimmt kaum Dreier, obwohl er jene fast so gut trifft wie seine langen Zweier. Als einziger aus dieser Liste nimmt er ein Viertel seiner Würfe aus 16 bis 24 Fuß. Seine Offensive war aber aufgrund seiner hohen Zahl an Freiwürfen trotzdem im vergangenen Jahr effizient. Wie man an der Liste oben auch sieht, nehmen fast alle Spieler (bis auf Klay Thompson) mindestens 5 Freiwürfe pro 36 Minuten.

Zwischenfazit

Man kann grob drei Bereiche für effizientes Scoring unterscheiden: häufig und effizient am Ring abschließen, viele Freiwürfe ziehen und treffen und Dreier sicher versenken. Für den geübten Go-to-Guys.de-Leser ist dies zunächst keine Überraschung. Die meisten Spieler beherrschen zwei der drei Bereiche überdurchschnittlich gut, manche sogar alle drei. Spieler, die nur in einem Bereich glänzen, haben dort zumeist eine fast einzigartige Expertise (Thompson: Dreier, DeRozan: Freiwürfe). Wie es einem Spieler schadet, wenn gerade am Ring weniger als 20% seiner Wurfversuche zustande kommen, erkennt man an Paul George. Obwohl er viele Dreier nimmt (39,1% seiner Würfe) und auch gut trifft (37,1%), so hatte er im vergangenen Jahr trotzdem nur ein ORtg von 106. Neben seinen Turnovern ist dies auch in seiner Wurfauswahl begründet: Er tauschte letzte Saison Abschlüsse am Ring gegen lange Zweier aus.

Bei der Frage, ob ein Spieler, egal ob Draftee oder bereits etabliert, zum Star aufsteigen kann, sollte man sich zuerst fragen: Kann sich dieser Spieler zu einem Scorer entwickeln? Was muss er verbessern und erreichen, um dies zu werden?

Wenn man kein Scorer ist, welche Fähigkeiten benötigt man noch zum Star?

Scoring alleine macht aus einem Spieler noch keinen der 13 besten Spieler der NBA. Dies sieht man zum einen daran, dass DeRozan, Lillard, Thomas, Walker und Thompson nicht den Sprung in die Top 13 der Redaktionsabstimmung geschafft haben. Auf der anderen Seite sind auf dieser Liste eben auch Spieler, die sich nicht in erster Linie über das Scoring definieren.

Defense

Dazu gehören Kawhi Leonard und Draymond Green. Letztere sind durch ihre elitären Fähigkeiten in der Verteidigung und ihre in der heutigen NBA wichtigen Rollenspieler-Skills durchaus berechtigte Top 10-Spieler. Über deren Fähigkeiten wurde bereits im ersten Abschnitt geschrieben.

Playmaking

Chris Paul verfügt von allen Nicht-Scorern hierbei wohl den größten Impact, aber auch viele andere Athleten der Top 13-Liste sind überdurchschnittliche Spielmacher. Playmaking soll hierbei aber nicht nur qualitativ als nicht messbare Fähigkeit gesehen werden, sondern soll damit quantitativ untermauert werden, wie viel die jeweiligen Spieler den Ball in der Hand halten. Usage Rate alleine ist hierfür nicht der beste Indikator, weil dort nur jene Ballbesitze inkludiert werden, die in einem Assist, einem Wurf, einem Freiwurf und einem Turnover enden. Gerade im Fall von Chris Paul ist die Usage Rate irreführend, da bei den Clippers selten eine Possession ohne eine Beteiligung seinerseits stattfindet. Stattdessen werden die Spieler mit Hilfe der True Usage (Nylon Calculus), den Touches, der Time of possession (nba.com/stats) und der Assist Percentage (basketball-reference.com) verglichen. Playmaking meint also nicht nur Pässe spielen und Assists verteilen, sondern Entscheidungen mit dem Ball in der Hand treffen.

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Die meisten dieser Spieler halten den Ball viel in der Hand. Westbrook und Paul führten die Liga letztes Jahr in der True Usage an; Curry, James, Harden, Cousins, Griffin, Lowry und George gehören ebenso zur erweiterten Spitzengruppe. Nur Green, Davis und Leonard fallen deutlich ab. Beispielsweise befindet sich Leonard in einem Cluster um 33% mit Spielern wie Evan Turner, Zach Randolph und Devin Booker.

Bei den Touches pro Spiel ergibt sich ein ähnliches Bild. Westbrook, Paul, Harden, James, Lowry und Curry sind in der Spitzengruppe der Liga vertreten. Anhand der Touches von Green und Griffin sieht man, wie groß deren Impact für die jeweilige Teamoffensive ist. Der Ball läuft in ca. 80% der Team-Ballbesitze über die beiden Spieler. Durant, Davis, Cousins und George sind hinsichtlich ihrer Touches zwar noch überdurchschnittlich häufig am Ball, erhalten den Spalding aber deutlich seltener als vorig genannte. Erneut etwas abfallend ist Kawhi Leonard, der 10 Touches pro 100 Ballbesitze weniger hat als Durant und damit nur ungefähr im 50. Perzentil zu finden ist.

Die Time of Possession, also die Gesamtzeit, die ein Spieler den Ball während eines Spiels in der Hand hält, ist bei weitem kein Indikator gleicher Güte wie True Usage und Touches hinsichtlich Playmaking. Wie lange ein Spieler den Ball in den Händen hält, hat auch viel mit dem eigenen Spielstil zu tun. Spieler wie Green agieren in passfreudigen, sehr gut einstudierten Systemen und halten den Ball kürzer. Westbrooks Spiel hingegen baut darauf auf, dass er mit Ball in die Zone zieht, um die Defensive zum Kollaps zu zwingen. Alleine dadurch hält er den Ball länger. Dennoch zeigt die Time of Possession Trends an: Beispielsweise sind Westbrook und Paul auch in dieser Metrik die Führenden in der NBA (hinter Lillard).

Je mehr und öfter ein Spieler den Ball in den Händen hält, desto öfter kommt er auch in die Situation, für seine Mitspieler Körbe aufzulegen. Playmaking kann man also auch anhand der Assist% festlegen. Dies zeigt die letzte Spalte in obiger Tabelle an. Die bis dato gezogenen Schlüsse lassen sich hier ebenso festhalten und man kann drei Tiers eröffnen: Westbrook und Paul im Elite-Tier, Curry, James und Harden in Tier 2, Griffin, Lowry und Green in Tier 3 und im letzten Tier Durant, Leonard, Davis, George und Cousins.

Zwischenfazit II

Ein weiteres spielerisches Merkmal für Stars in der NBA ist offensichtlich ihre hohe Nutzungsrate. Die meisten von der Redaktion gewählten besten Spieler tragen eine hohe Verantwortung und haben den Ball sehr häufig in der Hand. Es entspricht auch unserer Intuition. Gute Spieler treffen eher richtige Entscheidungen als schlechtere Spieler und können aufgrund ihrer Fähigkeiten auch eher zum Erfolg einer Possession kommen. Ein Coach möchte, dass der Ball möglichst häufig bei seinen besten Spielern landet. Der offensive Game Plan wird um die Stars herum aufgebaut, umgekehrt muss die gegnerische Defensive ihren Game Plan auf den primären Ballhandler ausrichten. Spieler sind umso wertvoller, je mehr Entscheidungen sie treffen müssen, und  dies auch produktiv können. Im Kontext obiger Tabelle wird ersichtlich, warum dem Leonard der Saison 15/16 in der Offensive noch das Label „Rollenspieler“ anheftet.

Überbewertet: Passing und Rebounding

Pat Riley sagte eins schon: „No rebounds, no rings.“ Auch wenn dies eher auf komplette Teams und Lineups zu beziehen ist, so gehört das Auffangen von Abprallern immer noch zu spielerischen Kriterien, anhand derer Basketballer bewertet werden. Rebounding ist per se zwar schon ein Skill, aber wie Fabian Thewes bereits früher schon analysiert hatte, ist defensives Rebounding in erster Linie eine Gemeinschaftsaufgabe.

Dennoch gibt es in der NBA dominante Rebounder am defensiven Brett. Aus unserer 13-Spieler-Liste ist (bis auf Davis und Cousins) aber keiner dabei, der dazu gehört. Über keinen der Spieler würde man behaupten, dass Rebounds zu ihren drei wichtigsten Fähigkeiten gehören. Umgekehrt wird auch niemand zum Star in der Liga, dessen bester Skill das Rebounding ist. Natürlich müssen gerade Big Men einigermaßen gut rebounden und es ist generell ein hilfreicher Skill. Dennoch wäre es die Eigenschaft, auf die ein Star am ehesten verzichten könnte.

Bei den offensiven Rebounds ergibt sich ein ähnliches Bild. Keiner der 13 Spieler gehört zu den Top 16 in der offensiven Rebound-Percentage.

Gerade vor der Draft wird auf vielen Spielerprofilen als eine gern genannte Stärke das Rebounding erwähnt. Sollten bei den besten Talenten des Jahrgangs entweder bis auf das Rebounding wenig weitere Stärken genannt werden oder das Rebounding die hervorstechendste Stärke des Spielers sein, sollte dies beim Leser Skepsis wecken.

Die der Zwischenüberschrift implizierte These, dass Passing überbewertet ist, klingt zunächst eher kontrovers. Was ist nun aber ein wesentlicher Unterschied zwischen einerseits Ricky Rubio, Rajon Rondo, Evan Turner, Andrew Bogut, Kendall Marshall und Joakim Noah und andererseits Chris Paul, LeBron James, Manu Ginobili, Steve Nash, James Harden, John Wall und Blake Griffin?

Eine von vielen richtigen Antworten ist, dass letztere zur (erweiterten) Gruppe der Stars bzw. Franchiseplayern gezählt werden können. Die erste Gruppe sind eher Rollen- oder Ergänzungsspieler. Eine andere mögliche Antwort lautet, dass letztere Spieler selbst eine effiziente Scoring-Gefahr für gegnerische Verteidigungen darstellen. Womöglich verbirgt sich hier eine Kausalität.

Je besser ein Spieler punkten kann, desto mehr Aufmerksamkeit generiert er. Eine Folge dieser Aufmerksamkeit ist, dass Verteidiger sich so positionieren müssen, um notfalls gegen diesen Scorer auszuhelfen. Dies lässt den eigentlichen Gegenspielern dieser Helfer mehr Platz, mehr Zeit und weniger Aufmerksamkeit. Im (für den Angriff) besten Fall wird der ballführende Spieler sogar gedoppelt, was definitiv einen Mitspieler alleine lässt. Es ist wesentlich einfacher, Pässe zu freien oder semi-freien Mitspielern zu spielen als zu eng gedeckten Kollegen, weil man selbst als Scoringoption nicht ernst genommen wird. Double Teams zu ziehen, erleichtert das Leben merklich. Darüber hinaus lässt sich auch die kritische Frage stellen, ob und ab wann Passing überflüssig wird, wenn alle Mitspieler eng im 1-on-1 gedeckt sind.

Natürlich kann Rajon Rondo ebenso wie LeBron James fantastische Pässe durch enge Verteidigungen schicken oder kreative Pässe einstreuen. Aber ineffiziente Scorer werden von der Defensive viel weniger beachtet und manchmal sogar fast ignoriert (im Fall von Rondo). Zusammenfassend ist man als Passer also umso wertvoller, je besser man selbst als Punktesammler auftritt.

Der Vergleich zu Ben Simmons

Um zur Ausgangsfrage dieses Artikels zurückzukommen, soll nun Ben Simmons mit diesem ermittelten Spielerprofil verglichen werden. Damit könnte man evaluieren, ob die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt sind.

Mein Eindruck ist, dass Simmons leicht überbewertet wurde, vor allem in den amerikanischen Medien. Das lag nicht daran, dass man seine vorhandenen Skills falsch einschätzt, sondern dass seine größten Stärken in der modernen NBA nicht die eines Franchise Players sein könnten. Wer einen genauen Überblick über sein Spielerprofil bekommen möchte, dem sei die Analyse unseres College-Chefs Tobias Berger ans Herz gelegt. Als größte Vorzüge werden und anderem das defensive Rebounding und sein Passspiel (und seine Courtvision) genannt, die durchaus elitär sind.

Diese beiden Skills sind isoliert eher Rollenspielerfähigkeiten, die nur dann zur vollen Entfaltung kommen, wenn weitere Kriterien erfüllt sind. Wie das vorangehende Kapitel gezeigt hat, kann das überragende Passspiel von Ben Simmons nur dann eine echte Waffe werden, wenn er selbst genügend Scoring-Gefahr ausstrahlt. Sobald der Australier selbst zu einem viel werfenden, einigermaßen effizienten Scorer wird, wird dies sein Passspiel katalysieren.

 

min/game

FGA/36 min

Points/36 min

Offensivrating

Usage Rate

Ben Simmons

34,9

12,1

19,8

117

26,4%

(Stats via sports-reference.com)

Simmons war on-ball in der Offensive durchaus effizient, auch wenn er wahrscheinlich sogar noch zu wenige Würfe nahm. Dies erkennt man bei einem Vergleich der Werte mit der ersten Tabelle dieses Artikels. Bei der Menge an Spielzeit, die er erhielt, und den schwachen Mitspielern bei LSU hätten es mindestens 15 Würfe pro 36 Minuten sein müssen. Auch seine Usage Rate bewegt sich nur auf dem Niveau von Kawhi Leonard.

Simmons nahm in seiner einzigen Saison bei LSU genau drei Dreier, darüber hinaus nur eine Handvoll lange Zweier und traf „nur“ 67 % seiner Freiwürfe. Alle diese Prädiktoren deuten darauf hin, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass Simmons jemals ein guter Dreierschütze wird. Auf jeden Kawhi Leonard, der diesen überraschend Sprung schafft, kommen mehrere Spieler wie Rondo und Kidd-Gilchrist, die sich den Sprungwurf nie richtig antrainieren können. Man sollte hier von Simmons nicht zu viel erwarten.

Wenn er einen der drei wichtigen Scoring-Bereiche wohl nicht beherrschen wird, wie sieht es mit den anderen beiden Möglichkeiten des effizienten Punktens aus?

Simmons erzielte seine Punkte fast nur an der Freiwurflinie und direkt am Ring. Pro 36 Minuten ging er 9,3-mal an die Linie, was nahezu James Harden-Niveau ist. Auch wenn er nur 67 % traf, sind solche Abschlüsse immer noch effiziente Plays. Eine höhere Trefferquote wäre dennoch sehr wünschenswert.

Laut hoop-math.com nahm er 54 % (!) seiner Würfe am Ring und traf davon auch starke 75 %. Man erkennt, dass Simmons, sofern er sich für einen eigenen Abschluss entscheidet, auf College-Niveau effizient agiert, weil er zwei der wichtigen Scoring-Bereiche reüssiert. Die Anlagen, um auf NBA-Niveau effizient zu punkten, sind vorhanden. Seine Produktivität am Ring und an der Linie lassen sich aber nicht so einfach auf die NBA übertragen. Die Gegenspieler sind schneller, athletischer und besser geschult. Simmons hat noch unheimliche Probleme mit beiden Händen gleichermaßen am Korb abzuschließen. Dies wird für ihn bei den Profis oberste Priorität haben müssen, sonst werden NBA-Defender ihn immer über seine schwache Seite gehen lassen. LeBron James und Russell Westbrook, die – wie er – viel am Korb abschließen, sind auch deshalb eine solche Gefahr für den Gegner, weil es ihnen egal ist, mit welcher Hand sie den Ball im Korb unterbringen müssen.

Der zweite Bereich, in dem bei Simmons schneller und eher Verbesserungen zu erwarten sind als beim Wurf, ist die Defense. Wie in diesem Artikel schon analysiert, können Spieler zu Stars werden, selbst wenn sie keine primären Scorer, aber dafür elitäre Verteidiger sind. Bei einer ausgeprägten defensiven Variabilität wäre der Team-Fit für Simmons deutlich einfacher, da man mit ihm offensiv und defensiv traditionelles Positionsdenken durchbrechen kann. Tobias Berger bescheinigt Simmons in seinem Draftprofil gerade vom Perimeter großes defensives Talent.

Fazit

Ein Weg, um den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden, führt für Ben Simmons auch über seine Fähigkeit, effizient zu punkten. Dies wird zwar wahrscheinlich nicht über den Dreier geschehen, was aber eigentlich keine Katastrophe ist wie vor der Draft angenommen. Er sollte sich vorerst auf andere Bereiche konzentrieren. Er muss – ähnlich wie Blake Griffin, LeBron James oder Russell Westbrook – vor allem über den Drive, am Ring und an der Freiwurflinie punkten. Die Anlagen sind vorhanden, nur sollte er daran trainieren, auch über seine linke Hand an Korb abzuschließen. Der andere wichtige Bereich für Verbesserungen ist seine Defense, wo er seine Athletik, Schnelligkeit und körperlichen Anlagen umsetzen sollte. In einer NBA, in der defensive Flexibilität und Switchen an der Tagesordnung stehen, ist Simmons für einen Verteidiger eigentlich prädestiniert. Schafft er dies, sieht man anhand von Giannis Antetokounmpo bereits einen möglichen Weg für große, athletische Playmaker und Passer, die nicht werfen können. Aber auch Blake Griffin, der eine nahezu identische Assist-% hat wie Simmons (27,4 %), wäre eine sinnvolle Zielvorstellung für den Nummer-1-Pick der Philadelphia 76ers.

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