Alltimers, Denver Nuggets, Off-Court

Kunstwerk Rebound

Vorm Fernseher sieht es ja so dermaßen leicht aus: Ein Spieler wirft, der Ball findet nicht den Weg in dem Korb, sondern tanzt auf dem Ring und verlässt den “imaginären Zylinder” oberhalb des Korbes. Jetzt gilt es nur noch im richtigen Moment hochzuspringen, das runde Leder zu fangen und den Ballbesitz für das eigene Team zu sichern. Wenn es doch wirklich nur so einfach wäre…

Egal, wo auf der Welt Basketball gespielt wird: Ob in der NBA, BBL, NCAA oder bei den verschiedenen internationalen Basketballturnieren; der Kampf unter den Brettern ist überall gleich. Es wird geschoben und gekratzt, Ellenbogen ausgefahren und den Gegenspieler dort gekniffen, wo es richtig weh tut. Und warum das ganze? Eine alte Binsenweisheit beim Basketball besagt, dass, wer die Bretter kontrolliert, auch das Spiel selbst kontrolliert und gewinnt. Wer diese These zum ersten Mal aufgestellt hat, weiß wohl niemand mehr, doch alle glauben daran. Doch stimmt das überhaupt?

Four Factors

Vier Faktoren. Gemeint sind  damit die vier Faktoren, die in der Summe einem Team den Sieg und dem anderen Team die Niederlage bescheren soll. Statistik-Guru und Basketballfan Dean Oliver hat in seiner Basketball-Statistik-Bibel “Basketball on Paper” nach seinen Analysen nämlich die These aufgestellt, dass es nur vier Faktoren gäbe, die das Spiel entscheiden:

1. Wurfquote,
2. Rebounds holen,
3. Ballverluste begehen,
4. Freiwürfe herausholen und treffen.

Jedem einzelnen Faktor kann man logischerweise einen offensiven und defensiven Part zuordnen (eigentlich sind es also acht Faktoren).

Jetzt kann man endlos darüber streiten, wie wichtig der eine und wie unwichtig der andere Faktor sein mag. Dean Oliver hat versucht, diese Frage statistisch zu beantworten. Vielleicht geben uns also die Zahlen Aufschluss darüber, wie wichtig das Rebounding für einen Sieg ist. Nach Auswertung sämtlicher NBA-Spiele zwischen 1998 und 2002 fand Dean Oliver heraus, dass, wenn ein Team mehr Defensivrebounds als der Gegner sammelte, es zu 72% auch gewonnen hat. Diese Quote war übrigens die Zweithöchste (nach der Feldwurfquote, deren Siegquote bei knapp 80% lag).

Interessant ist, dass die Siegquote bei einer Teamüberlegenheit beim Offensivrebound nur 46% betrug. Der Grund liegt wohl darin, dass, wenn ein Team selbst schlechter aus dem Feld wirft, es auch mehr Chancen hat, sich mehr Offensivrebounds zu erkämpfen. Umgekehrt holt man wohl mehr Defensivrebounds als der Gegner, wenn man selbst besser auf dem Feld trifft, denn dann generiert der Gegner durch seine Fehlwürfe mehr Defensivreboundmöglichkeiten für das Team mit besserer Feldwurfquote. Aus dieser Korrelation zwischen Feldwurfquote und Rebound und der schwachen Siegquote beim Offensivrebound liegt der Schluss wohl nahe, dass eine höhere Feldquote entscheidender für den Ausgang einer Partie ist.

Will man jetzt den Grad der Wichtigkeit der einzelnen Faktoren mit einer Prozentzahl angeben, gestaltet sich das naturgemäß schwierig. Dean Oliver ordnete der Feldwurfquote beispielsweise 40% zu, den Turnovern 25%, den Rebounds 20% und den Freiwürfen nur 15%. Die Zahlenjünger von basketball-reference.com haben sich nur der Reihenfolge angeschlossen, nicht aber den einzelnen Werten. Wie ich gerade eingangs schrieb: Man könnte ewig darüber diskutieren. Unabhängig dieser statistischen Erwägungen kann niemand anzweifeln, dass das Rebounding ein zentrales Element dieser Sportart ist.

Widmen wir uns aber als nächstes der Frage, welche Fähigkeiten man benötigt, um ein starker Rebounder zu sein.

Offensivrebound = Defensivrebound?

Um eine Aussage darüber zu treffen, was Voraussetzung für gutes Rebounding ist, ist es zunächst unabdingbar zu klären, ob überhaupt das Rebounding als eine Einheit existiert. Gemeint ist, ob man den Rebound  nicht in zwei unabhängig von einander agierende Bereiche aufteilen muss: den Defensiv- und Offensivrebound. Oder anders ausgedrückt: Folgt aus der Fähigkeit, ein starker Rebounder am defensiven Brett zu sein, zwingend, dass man auch am offensiven Brett gut reboundet (und umgekehrt)? Schließlich gab es in der Geschichte der NBA immer wieder Spieler, die das eine Brett dominieren, das andere jedoch nicht.

Wie kommt es, dass beispielsweise Power Forward Carl Landry im letzten Jahr immerhin Platz 95 bei der ORB% belegte, sich beim Defensivrebound (DRB%) jedoch nur auf Platz 303 wiederfindet? Für den umgekehrten Fall könnte man Dirk Nowitzki nennen, der beim DRB% im letzten Jahr auf Platz 75 war, sich beim ORB% jedoch abgeschlagen auf Position 318 befand. Was unterscheidet den Offensiv- vom Defensivrebound? Es lassen sich zwei zentrale Unterscheidungen treffen:

1. Defensive ungleich Offensive

Das Offensivrebounding trägt zur Offensive des eigenen Teams bei, der Defensivrebound zur eigenen Defensive. Diese Aussage klingt zunächst ziemlich banal, doch die Tragweite dieser nicht nur namentlichen Unterscheidung sollte nicht unterschätzt werden. Ein Defensivrebound unterbricht den Ballbesitz des gegnerischen Teams, ein Offensivrebound verlängert den eigenen Ballbesitz. De facto haben beide Reboundbereiche also einen gänzlich anderen Einfluss auf das Spiel. Das eine ist eine offensive Fähigkeit, genauso wie ein guter Wurf oder gutes Passspiel, das andere eine defensive Fähigkeit wie das Blocken von Würfen oder eine gute Mann-gegen-Mann-Verteidigung. Liegt hier der Schluss nicht nahe, dass, wenn der Einfluss auf das Spiel bereits gänzlich anders ist, dass auch die Voraussetzungen für den jeweiligen Rebound nicht identisch sind?

2. Ausblocken

Der nächste Unterschied liegt darin, dass beim Defensivrebound der einzelne Spieler durch das System beziehungsweise durch seine Teamkollegen unterstützt wird. Das Team in der Verteidigung kann Nutzen daraus ziehen, dass die Spieler in der Regel näher zum Korb positioniert sind und sich gegenseitig helfen, indem sie ihre Gegenspieler ausblocken. Gerade dieses Ausblocken ist ein riesiger Vorteil. Warum, wird in einem älteren youtube-video deutlich, in welchem Coaching-Legende Red Auerbach und Spieler-Legende Bill Russell kurz darstellen, wie man sich am besten eine gute Reboundposition in der Defensive erarbeitet.

Der Vorteil des Ausblockens hat ein Offensivrebounder dagegen nicht beziehungsweise es ist ungleich schwieriger, den verteidigenden Spieler auszublocken, weil dieser meist die bessere Position bereits innehat (und vor dem Angreifer bleibt). Hier geht es dann vor allem darum, dem Ausblocken des verteidigenden Spielers entgegenzuwirken oder komplett zu entgehen. Das ist selbstverständlich mit sehr viel mehr Einsatz und Kraft verbunden als der defensive Part, denn dort wird dem Spieler, wie gerade dargestellt, geholfen (eben durch Position, Ausblocken und Teamkollegen) und dieser Vorteil muss eben erst ausgeglichen werden. Meistens gelingt dies jedoch nicht, was sich auch statistisch belegen lässt: Ein durchschnittliches Defensivreboundteam holt ca. 74% der möglichen Defensivrebounds, ein durchschnittliches Offensivreboundteam dementsprechend nur 26%.

Not only Dirty Work

Was braucht man nun, um ein starker Offensiv- oder Defensivrebounder zu sein? Welche Attribute helfen mehr am offensiven, welche mehr am defensiven Brett?

Athletik, Größe und Kraft (insbesondere Sprungkraft) helfen trivialerweise auf beiden Seiten des Feldes, doch ist das entscheidend? Etwas, was häufig unterschätzt wird, ist der Instinkt und der Einsatz. Gemeint ist damit das Gespür dafür, in welcher Weise der Ball vom Korb abprallt. Wenn ein Spieler in der Lage ist, einzuschätzen, wohin der Ball fliegen wird, besitzt er einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Gegenspieler, dem dieser Instinkt fehlt.

Was Einsatz und Instinkt bewirken können, zeigte Kevin Love in der letzten Saison. Love gehört weder zu den größten, schnellsten, beweglichsten oder athletischsten Spielern der Liga. Trotzdem schaffte er es, die NBA im letzten Jahr beim Rebounding anzuführen (TRB%-Statistik, nicht nur Rebound pro Spiel). Nach seiner 31-Rebounds-Performance im letzten Jahr versuchte er zu erklären, was der Schlüssel für gutes Rebounding ist:

For me, rebounding is all a mindset. My dad told me back in the day that there is no such thing as a selfish rebound because it’s a team stat. If you have to fight one of your own teammates for a rebound, do it—as long as you get it.

Also, I studied the greats. Dennis Rodman had it figured out: he knew that most shots are going to come to the other side of the rim. So that’s how I position myself. And Bill Russell always used to say that 80 percent of rebounds are below the rim.

I’m not the kind of guy who’s going to jump and touch the top of the square every time. I use my body for positioning, and I work relentlessly underneath the rim. You don’t have to be the most athletic guy in the world to get a bunch of rebounds, so I just try and take what my dad said to heart, what Rodman said to heart, and most importantly what Bill Russell said to heart. He’s got 11 championship rings so I think he knows what he’s talking about.

Kevin Love bestätigt hier, dass Rebounding im großen Maße Kopfsache ist. Zu wissen, wo der Ball hinfliegen wird, ist entscheidend. Ebenso das Erarbeiten einer guten Position unterm Korb. Und das letzte ist der Einsatz, er nennt es hier “Heart”, inspiriert von den Reboundlegenden Bill Russell und Dennis Rodman. Dieser Wille, den Rebound mit allen Mitteln zu holen, ist gerade am offensiven Brett unerlässlich. Während man am defensiven Brett – wie geschildert – meist die bessere Position hat und leichter ausblocken kann, geht es am offensiven Brett gerade darum, diesen Vorteil der Defensive auszuhebeln. Red Auerbach war der Ansicht, dass das offensive Rebounding zu den härtesten und schwierigsten Einzelfähigkeiten überhaupt gehört.

An vorheriger Stelle hatte ich die Frage aufgeworfen, warum beispielsweise ein Carl Landry am offensiven Brett solide und am defensiven Brett schlecht ist. Und der Einsatz beantwortet die Frage. Landry hat Schwierigkeiten, seinen Gegenspieler auszublocken und das Fehlen dieser Fähigkeit ist am defensiven Brett tödlich. Dafür lässt er sich beim Offensivrebound vom Ausblocken seines Gegenspielers nicht beeindrucken und geht jedem Ball hinterher. In gewisser Weise reboundet Carl Landry in der Defensive vom Stil her genau so, wie er es in der Offensive tut – mit verständlicherweise nicht so großem Erfolg, weil hinten andere Dinge eine größere Bedeutung besitzen (letztes Jahr: ORB% 9.3, DRB% 10.8).

Ein Dirk Nowitzki ist zu Carl Landry das Gegenstück. Der Deutsche hat seine Stärken eher im Ausblocken und in der Positionierung. Das ist etwas, was ihm vorne, auch weil er eher weiter weg vom Korb spielt, nicht entgegen kommt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er im Laufe seiner Karriere das Offensivrebounding praktisch komplett aufgegeben hat und nach einem Wurf lieber den Weg zurück in die Verteidigung geht, weil er damit möglicherweise den ein oder anderen gegnerischen Schnellangriff unterbindet oder verlangsamt, und dem Team so unterm Strich mehr helfen kann. Jedenfalls zeigt Nowitzki, wie erfolgreich man am defensiven Brett arbeiten kann, wenn man gut ausblockt. Auch hier ist Einsatz unerlässlich, doch aufgrund des defensiven Vorteils in nicht so großem Maße wie am offensiven Brett.

Fazit

Es existiert nicht der Rebound als eine Einheit. Offensiv- und Defensivrebounding haben verschiedene Einflüsse auf das Spiel und müssen getrennt werden. Ein guter Defensivrebounder ist noch nicht zwingend ein guter Offensivrebounder und umgekehrt. Der Schlüssel, um ein kompletter Rebounder zu sein, liegt dagegen darin, alle Fähigkeiten – also Ausblocken, Positionierung, Sprungkraft, Antizipation, Einsatz und Instinkt –  mehr oder weniger zu meistern. Spielern wie Dennis Rodman, Dwight Howard, Tim Duncan oder Kevin Love ist dies gelungen, einem Dirk Nowitzki oder Carl Landry nicht.

Des Weiteren lässt sich sagen, dass in einem Team, welches gute und effiziente Werfer im Team hat, das Offensivrebounding deutlich weniger wichtig ist als das eigene Defensivrebounding, denn der Vorteil des Offensivrebounding (neue Wurfmöglichkeiten) kommt hier weniger zur Geltung. Gutes Offensivrebounding kann dagegen eine schlechte Wurfquote unter Umständen ausgleichen, doch ist das eher selten der Fall, wie man eingangs bei der schwachen Siegquote bei Teams mit Offensivreboundüberlegenheit sehen konnte.

Unterm Strich wird der Defensivrebound also wichtiger sein als der Offensivrebound.

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8 comments

  1. rudy

    Sehr guter Artikel. Danke. Ich kann mich nicht daran erinnern, schonmal ein Artikel allein über Rebounding gelesen zu haben, obwohl ich mich schon seit 10 Jahre für Basketball interessiere.

  2. Fabian Thewes

    |Author

    Danke für das Lob. 🙂

    Um eine Diskussion zu ermöglichen, möchte ich hier mal folgende Frage stellen:

    Wen haltet ihr für den besten Rebounder aller Zeiten?

    Wilt Chamberlain, Bill Russell, Dennis Rodman oder doch ein anderer Spieler? Wir sind auf eure Kommentare gespannt…

  3. rudy

    Rodman war schon startk, ein aggressives Biest unter den Brettern. Und ich glaub zu seiner Zeit war die Liga viel athletischer als in der Zeit von Chamberlain und Russell. Auch gab es nicht so viele große Spieler damals. Sonst würde ich noch Barkley erwähnen. Hat konstant hohe Rebounds geholt und war unter 2 Meter.
    Ich hoffe, als Twolves-Fan, Kevin Love in zehn Jahren auch dazu zählen zu können :=).

  4. Fabian Thewes

    |Author

    In der Saison 1989/1990 gab es 37 aktive NBA-spieler, die mindestens 7 Fuß groß waren. 25 Jahre vorher, also in der Saison 1964/1965 waren es nur drei (!): Wilt Chamberlain und zwei unbekannte Spieler, Reggie Harding und Mel Counts.

    Gerade Chamberlain profitierte von seiner körperlichen Überlegenheit (Größe+ Athletik) ungemein. Körperlich war er damit seiner Zeit voraus, würde ich sagen. Bill Russell war beispielsweise ja nur 6-9 groß.

    Einen Spieler wie Barkley wird es wohl auch nie wieder geben. Einfach unglaublich, was der mit seiner Größe erreicht hat, gerade am Brett. Aber gerade Barkley und Rodman zeigen, was Antizaption, Einsatz (wobei Einsatz sich bei Barkley sonst nicht auf die Defensive bezieht :D) und Instinkt ausmachen kann.

  5. wolfman

    Ich würde auch noch den lehrmeister des chucksters in der liste sehen: moses malone. mindestens unter den top 3, vor allem am offensiven brett. aber meine nummer 1 wäre dann doch rodman.

  6. Fabian Thewes

    |Author

    Ich würde folgende Top 5 aufstellen:

    1. Dennis Rodman
    2. Bill Russell
    3. Wilt Chamberlain
    4. Moses Malone
    5. Charles Barkley

    Bill Russell vor Chamberlain, da zweiterer durchschnittlich nur mehr Rebounds eingesammelt hat, weil er auch (deutlich) mehr Spielzeit sah. Spätestens in den Playoffs war Russell unter den Brettern der Chef.

    Dennis Rodman ist für mich die 1, weil er bei normierter Spielzeit fast soviele Rebounds einsammelte wie Bill Russell, jedoch in den 90ern insgesamt deutlich weniger Reboundmöglichekiten überhaupt verfügbar waren im Vergleich zu den 60ern.

    Moses Malone als vielleicht bester Offensivrebounder aller Zeiten auf Platz 4. Dicht gefolgt von Barkley, dessen Peak etwas schlechter als Malone war.

  7. bartek

    Ich mag Wilt und Bill nicht bewerten. Dazu finde ich die Unterschiede damals unter den Spielern zu krass.
    jüngere Vergangheit 🙂
    1. Rodman
    2. Barkley
    3. Ben Wallace
    4. Garnett/Duncan (wollte eigtl keine über 2,10 listen, aber die beiden haben sich eingeprägt)
    5. Oakley/ Buck Williams
    http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_National_Basketball_Association_career_rebounding_leaders
    Shawn Marion war auch immer krass mit seinen Reboundzahlen als SF. Auch wenn in Suns Zeiten es im Schnitt immer mehr Würfe gab die einzusammeln waren ^^

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