Alltimers, NBA

Der Mythos des besten Two-Way-Players

Warum der Begriff falsch benutzt wird

Der Begriff des Two-Way-Players findet immer größeren Einzug in Basketballfachgesprächen. Auch wir auf Go-to-Guys haben schon seit Jahren den Begriff benutzt, um zu erklären, wieso Teams sich auf Spieler verlassen, die vielleicht nicht die veritabelsten Scorer sind, aber sowohl defensiv als auch offensiv keine Probleme machen.

Two-Way-Player bedeutet vor allem, dass man sowohl defensiv als auch offensiv eine klare Rolle einnehmen kann, ohne dem Team in irgendeiner Weise zu schaden. Man hat keine eklatanten Schwächen, die der Gegner ausnutzen kann, um davon zu profitieren. Beispielsweise darf man offensiv nicht alleine stehen gelassen werden, sodass man zu einer Gefährdung des Spacings wird; oder man kann defensiv gut mitrotieren oder begeht wenig Fehler, auch wenn man nicht die beste Klette am Gegenspieler ist oder den Ring unfassbar gut beschützen kann. Kurz: Man ist mit fast jedem System kompatibel, weil das Skillset so breit aufgestellt ist, dass man auf der einen und anderen Seite des Feldes nicht abfällt.

Nach der Etablierung des Begriffs entbrannte recht schnell die Suche nach dem besten Two-Way-Players der Liga. Klay Thompsons Agent Bill Duffy heizte im September 2014 die Diskussion vor der Vertragsverhandlung Thompsons mit den Golden State Warriors an:

„I think Klay Thompson right now is the top two-way, two-guard in basketball. I think when you look at his body of work, when you look at what he accomplished guarding point guards on a regular basis (last season), I think it’s pretty clear. – Bill Duffy, Klay Thompsons Agent

Auch damals gab es schon Einsprüche und es wurden andere Spieler genannt, die das Prädikat erhalten sollten. Paul George wurde genannt, Ende 2015 äußerte sich ausgerechnet Thompsons Coach zu der Thematik und benannte Kawhi Leonard:

“We always talk about two-way players and how important it is, especially in the modern NBA, where you can’t hide a guy at either end. [Kawhi Leonard]‘s probably the best two-way player in the league now.” – Steve Kerr, Coach Golden State Warriors

Die Herangehensweise zur Findung des besten Two-Way-Players unterscheidet sich jedoch von der ursprünglichen, zu Beginn des Artikels skizzierten Definition. Das, was Duffy und Kerr zu ermitteln versuchten, ist derjenige Spieler, der die beste Defense mit der besten Offense kombiniert. Aussortiert wurden dazu Spieler, die nicht so dominant auf einer Seite des Feldes waren. Letztlich sind die bisher gegebenen Antworten jedoch alle falsch, wenn man die Definition anpasst und den Spieler sucht, der die beste Kombination aus Offense und Defense sucht. Das hatten sowohl Kerr als auch Duffy eigentlich ausdrücken wollen. Die Antwort auf die Frage, die Duffy und Kerr beschäftigte, ist gerade in dieser Saison sehr einfach und lautet – wie so oft 2015/16 –: Stephen Curry.

Curry ist der beste Spieler, wenn es darum geht, Offensive und Defensive zu vereinigen. Das ist er, weil die beste Kombination aus Offensive und Defensive zwingend auch der beste Spieler der Liga sein muss, sonst haben wir etwas nicht bedacht. Dass Curry momentan der beste Spieler ist, sollte nicht diskutiert werden. Trotzdem fühlt sich die Antwort intuitiv falsch an, weil Curry defensiv nicht heraussticht. Wenn wir aber bedenken, dass wir zum einen Currys Defensive nicht unbedingt hoch einschätzen und gleichzeitig vollmundig behaupten, dass Curry der beste Spieler der Liga ist, wie unglaublich gut muss seine Offensive dann sein, um gegen Kawhi Leonard, Paul George und Jimmy Butler bestehen zu können? Unglaublich gut. Wenn man also nach einem qualitativ besten Two-Way-Player sucht, muss die Antwort in dieser Spielzeit Steph Curry heißen – und dies schon aus dem einfachen Grund, weil wir über Basketball reden.

Basketball ist seit seiner Erfindung eine Two-Way-Sportart wie Fußball oder Eishockey. Es wird nicht, wie im American Football, nach der Beendigung einer offensiven Possession eines Teams die Mannschaft komplett ausgetauscht und die defensive Unit kommt aufs Feld. Jeder Spieler muss verteidigen können bzw. sieht sich den Problemen gegenüber, die seine zu kurze Körperlänge, zu wenig Gewicht oder zu langsame laterale Geschwindigkeit mit sich bringen. Deswegen ist er trotzdem ein qualifizierter Two-Way-Player, weil er eben verteidigt und angreift. Wenn wir also den besten Spieler aus der Kombination von Defensive und Offensive suchen, müssen wir auch bedenken, dass mediocre Defensive und superbe Offensive eine bessere Kombination ist als gute Offense und gute Defense. Um nochmals zu verdeutlichen, dass die momentane Benutzung des Wortes eigentlich nur ein anderer Ausdruck für den besten Spieler der Liga ist: Welchen Spieler will man besitzen, wenn man Erfolg in der NBA haben will? Den einzigartigen Offensivspieler mit kleinen Mängeln in der Defensive, also Curry, oder den besten „Two-Way-Player“, also momentan Kawhi Leonard, Jimmy Butler oder Paul George? Der überwältigende Großteil würde Stephen Curry auswählen und damit die Qualität des Titels „Two Way Player“ entwerten.

Eine sinnvolle Nutzung des Begriffs „Two-Way-Player“

Dennoch hat der Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung seine Berechtigung und ist auch wichtig für das Verständnis des Spiels. Jedoch muss man den Begriff dann so verwenden, dass die qualitativen Merkmale ausgeräumt werden. Das bedeutet, dass das Attribut „Two-Way-Player“ entweder auf einen Spieler zutreffen kann oder nicht. Es gibt keine qualitativen Stufen, wer nun ein besserer oder der beste Two-Way-Player ist, weil wir sonst die Bezeichnung ad absurdum führen.

Wenn wir in Zukunft von einem Two-Way-Player reden, dann ist damit einzig ein Spieler gemeint, gegen den man defensiv keinen Gameplan macht, um ein Spiel zu gewinnen, wie dies bspw. bei den Warriors mit Kevin Love der Fall war, der absolut kein Pick’n’Roll verteidigen konnte. Hat man als Defensivspieler keine eklatante Schwäche, erfüllt man den einen Teil des Two-Way-Players.
 Beim zweiten Teil darf man offensiv keine Belastung für das eigene Team sein. Tony Allen ist ein außergewöhnlicher Verteidiger, aber trifft keinen Distanzwurf und wird deshalb so sehr gemieden, dass die Warriors in den letztjährigen Playoffs Andrew Bogut auf ihn switchten. Allen konnte aufgrund seiner offensiven Limitierungen dieses Mismatch nicht ausnutzen und behinderte so das gesamte Offensivkonzept der Grizzlies.

Generell lässt sich das Two-Way-Player-Siegel auf alle Positionen anwenden, auch wenn es unterschiedliche Prioritäten bei den jeweiligen Positionen  gibt. Für einen Center ist es wichtiger, ein guter Verteidiger zu sein, weil er offensiv nur in Ausnahmefällen zur Last wird. Bei einem Perimeterspieler ist die Defense nicht so kritisch, sondern in vielen Fällen eher der nicht vorhandene Distanzwurf. Hier gibt es mit dem Ausdruck des 3 & D-Spielers eigentlich schon ein Synonym: ein Spieler, der vorne die Dreier hochprozentig versenken kann und hinten seinen Mann gut verteidigt. Beide Beschreibungen sind natürlich als zu pauschal anzusehen.
Gerade Oklahoma City ist ein Team, das traditionell Probleme hat, Two-Way-Player neben Durant und Westbrook zu finden. In dieser Saison sind mit Roberson (einem tollen Verteidiger ohne jegliche offensive Gefahr), Morrow (starker Distanzschütze ohne defensives Verständnis) und Kanter (starker Post-Up-Player ohne laterale Geschwindigkeit oder auch nur den Hauch eines Verständnisses im Pick’n‘Roll) gleich drei der vier möglichen Spielertypen vorzufinden. Der langjährige Starting Center Kendrick Perkins (starker Post-Verteidiger mit Steinhänden) komplettiert das Bild.

Aus spielerischer Sicht ist es also sehr wohl wichtig, dass man so viele Two-Way-Player wie möglich anhäuft, wenn man von Rollenspielern redet. Der Two-Way-player verliert seinen eigentlichen Wert, wenn man damit Scoringoptionen einteilen will. James Harden ist das berühmteste Opfer für defensive Aussetzer, aber trotzdem ein weit, weit besserer Spieler als Roberson oder Morrow, obwohl eigentlich keiner ein Two-Way-Player ist. Harden bekommt jedoch zurecht das Maximalgehalt, weil er einfach offensiv so viel Impact kreiert, dass seine miserable Defensive nicht so sehr ins Gewicht fällt wie bei Morrow, der nur ein eindimensionaler Schütze ist. Generell sollte man sich vor Augen halten, dass das direkte oder indirekte Kreieren von Offense ein so wertvoller Skill ist, dass Teams regelmäßig den stärkeren offensiven One-Way-Player vorziehen. Dies ist – vor allem in deutschen gefilden – bei Dirk Nowitzki seit nun einer Dekade bekannt. Mark Cuban suchte über Jahre den optimalen Nebenmann für den langen Deutschen, weil die defensiven Schwächen Nowitzkis kaschiert werden mussten. Nichtsdestotrotz war die Offense, die Nowitzki alleine nur durch seine Anwesenheit – vor allem auch abseits des Balles  – kreierte so wertvoll, dass niemand behauptet hätte, dass Nowitzki im Gesamtpaket ein schwächerer Spieler als Ron Artest gewesen wäre.  

Fazit

Der Begriff „Two-Way-Player“ sollte nur bei Rollenspielern genutzt werden, um auszusagen, ob dieser defensiv und offensiv gleichermaßen eingesetzt werden kann. Sobald es zur Bewertung von qualitativ hochkarätigen Spielern kommt, hat das Label keine Aussagekraft mehr, weil die Gewichtung zwischen Offensive und Defensive individuell vorgenommen werden muss. Ein schlechter Defensivspieler kann im Gesamtpaket noch immer ein Spieler mit mehr Impact sein als ein Spieler, der offensiv und defensiv keine großen Schwächen, aber nur wenige Stärken hat. Deshalb ist James Harden auch ein besserer Spieler als Klay Thompson im Gesamtpaket, obwohl Thompson ein klar besserer Verteidiger ist.

Für die Teamkonzeption ist es natürlich auf Rollenspielerebene trotzdem wichtig, dass man möglichst viele Two-Way-Player ansammelt, damit man sich defensiv nicht immer wieder in derselben Pick’n’Roll-Schleife wiederfindet, die dafür sorgt, dass man eindimensionale Rollenspieler komplett aus der Partie nehmen muss. Genau so kann es offensiv passieren, dass der defensiv anfälligste Spieler des Gegnerteams auf den ungefährlichsten Offensivspieler des eigenen Teams geswitcht wird, der diesen Switch dann nicht bestrafen kann.

„Two-Way-player“ ist als Begrifflichkeit wichtig für das Verständnis von Basketball, aber es ist kein geeignetes Kriterium, um ein Ranking zu erstellen, das irgendeine Aussagekraft hätte.


Photo: Mark Runyon |BasketballSchedule.net

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