Eurobasket 2017, Nationalmannschaft

Viel Arbeit, wenig Zeit

Die deutsche Nationalmannschaft nach dem Supercup 2017
Foto: Camera4

Bundestrainer Chris Fleming beschrieb auf der Pressekonferenz nach der deutlichen 56:87 Niederlage beim Supercup gegen Serbien die Lage seiner Truppe. Fleming sprach von einem realistischen Ist-Zustand und betonte, dass vor dem DBB-Team noch viel Arbeit liege, gerade im körperlichen Bereich.

Es ist ganz klar: Im Normalfall bist du als Nationalmannschaft deutlich weiter zu diesem Zeitpunkt. Darüber brauchen wir nicht diskutieren.

Beim Supercup in Hamburg ging den deutschen Spielern zum Ende der drei Tage merklich die Puste aus, kein Wunder bei der hohen Belastung in den Trainingstagen zuvor und der unrund verlaufenden Vorbereitung. Das deutsche Team musste am letzten Turniertag zudem auf vier Spieler verzichten, darunter drei Verletzte und mit Daniel Theis ein zumindest fitter Spieler, den es aufgrund vereinsinterner Absprachen aber Richtung Boston zog. Das gesamte Wochenende, positiv startend mit einem Sieg gegen Russland und in der Folge stark nachlassend mit zwei Niederlagen gegen Polen und Serbien, offenbarte neben durchaus vielversprechenden Ansätzen viele Baustellen. Was sind jedoch die generellen Lehren aus dem Supercup?


Fast alles steht und fällt mit Aufbauspieler Dennis Schröder. Immer wenn der Point Guard der Atlanta Hawks den Turbo zündete und Punkt für Punkt auflegte, wirkte das Spiel der deutschen Nationalmannschaft furchteinflößend. Auf europäischem Niveau gibt es nur wenige Spieler, die den 23-jährigen im Eins gegen Eins vor sich halten können. Gerade im Auftaktspiel gegen Russland, bei dem Schröder in Sachen Fitness noch frisch wirkte, sorgten seine Geniestreiche am Ende für den Turnaround und den damit verbundenen Sieg. Bundestrainer Chris Fleming bestätigte, was vorher auf dem Feld für viele ersichtlich war:

„Unser Teamplay wird kommen, sicherlich spielen wir aber auch mal Eins gegen Eins. Russland hat zum Beispiel keinen Dennis Schröder, der so leicht an seinem Mann vorbei kommt.“

Die Verantwortung in wichtigen Situationen liegt ganz klar beim deutschen Ausnahmetalent, manchmal wirkt die Fokussierung auf Schröder fast schon übertrieben. Da verzichtet plötzlich ein Lucca Staiger auf einen komplett freien Dreier, nur um seinem Nebenmann den Ball in die Hand zu drücken und ihn werfen zu lassen. Oder am Ende der Wurfuhr, wo plötzlich alle Blicke zum Ex-Braunschweiger wandern und der Ball wie automatisch in dessen Hände gelangt. Schröder will beileibe nicht sein wie Dirk Nowitzki, in puncto Arbeitslast beim DBB-Team erinnert jedoch Vieles an den Power Forward aus Würzburg. Trainer und Mitspieler können ihm zwar Arbeit abnehmen, ihn in gute Ausgangspositionen versetzen, letztendlich liegt es aber an Schröder, seine Mannen mitzureißen. Coach Fleming weiß um die exponierte Rolle seines Playmakers:

„Ich glaube nicht, dass wir die Last, die er tragen muss und tragen wird, groß umlegen können.“

Dabei ist nicht nur der reine Talentunterschied zum Rest des Teams groß, sondern auch die jeweilige Rolleninterpretation zu beachten. Spieler wie Staiger, Vargas, Heckmann oder King benötigen Ballhandler neben sich, die Räume kreieren und ihnen freie Würfe ermöglichen. Da im Kader jedoch nur Schröder und Maodo Lo wirklich in der Lage dazu sind, ist die Belastung dementsprechend hoch. Am Wochenende wurde zumindest ersichtlich, wie Fleming das reine Isolation-Spiel aufbrechen möchte. Gerade im zweiten Teil des Turniers kamen immer öfter sogenannte Flare Screens zum Einsatz, bei denen die gerade angesprochenen Guards gegen rotierende Verteidigungen agieren konnten. Dadurch ergaben sich deutlich bessere Möglichkeiten, als in den sonstigen Spielabschnitten. Besonders gegen heraustretende Verteidigungen taten sich Schröder und Lo sonst sehr schwer; die hohen Turnoverzahlen untermauerten dies.


Auch unter dem Korb ist die deutsche Nationalmannschaft noch längst nicht perfekt ein- und aufgestellt. Während einheimische und eher in die Kategorie „klassische Center“ passende Spieler wie Maik Zirbes, Tibor Pleiß oder Tim Ohlbrecht in den jeweiligen Trainingslagern für die neue Saison schuften, setzt der DBB in diesem Sommer eher auf den Typus „Allround Big Man“. Variabel einsetzbar, vielseitig begabt, manchmal jedoch etwas undersized – so in etwa könnte der Slogan des deutschen Frontcourts lauten. Darauf, dass am Brett, gerade in Abwesenheit von Johannes Voigtmann, gelegentlich die Größe und die nötige Masse fehlt, machte am Samstag Polens Center Przemyslaw Karnowski aufmerksam. Seine elf Punkte zur Pause ließen die Sorgenfalten im Publikum größer werden, schließlich warten bei der EM nicht weniger gefährliche Pivoten auf das deutsche Team.
Bundestrainer Fleming weiß zwar um mögliche Nachteile, sieht im Wegnehmen der ursprünglichen, tiefen Post-Position und dem Senden eines zweiten Verteidigers aber die Lösung des Problems. Gegen Polen ging diese Strategie in der zweiten Hälfte auf:

„Als wir anfingen zu helfen, haben wir Schrittfehler und Ballverluste verursacht.“

Auch auf Russlands Timofey Mozgov hinterließ das Doppeln im Post einen nachhaltigen Eindruck, erzielte der Center doch „nur“ zehn Punkte. Ohne Daniel Theis und mit einem viel spielenden Isaiah Hartenstein wirkte das Konzept gegen Serbien am letzten Tag dagegen löchrig. Inwieweit der deutsche Frontcourt bei der EM wirklich dagegen halten kann, dürfte am Ende auch an der Genesung des an einer Leistenverletzung laborierenden Joe Voigtmann liegen. Hoffnung versprühte der Euroleague-Spieler am Sonntag zumindest. Zu Protokoll gab er, dass sein Mitwirken gegen Frankreich in Berlin sehr wahrscheinlich sei.


Chris Fleming betonte trotz des Sieges gegen Russland:

„Wir haben sicherlich immer noch Probleme, den Dreier zu verteidigen.“

Ganze 14 getroffene Dreipunktewürfe bei einer Quote von über 50 Prozent ließen die Hausherren im ersten Turnierspiel zu – ein Wert, der wenig akzeptabel ist. Selbst die Serben, nicht gerade bekannt für ihren tödlichen Distanzwurf, erzielten alleine 30 Punkte vom Perimeter, bei einer Quote von über 45 Prozent. Dabei ist dem DBB Team nicht vorzuwerfen, in der Defensive nicht die richtige Einstellung und den nötigen Willen an den Tag zu legen, vielmehr hapert es bislang noch an den nötigen und vor allem richtigen Rotationen. Ebenfalls meist mehr Problem denn Lösung: die Pick and Roll-Verteidigung. Während Akteure wie Barthel oder Thiemann nach dem Blocken und Abrollen des Öfteren einen Switch in Kauf nehmen, treten Spieler wie Isaiah Hartenstein extrem weit heraus, um die Penetration des Ballhandlers zu verhindern. Das Problem? Beide Verteidigungsarten bauen darauf, dass die nötigen Help-Defender rechtzeitig zur Hilfe eilen und dann schnell genug den Weg zum eigenen Mann wiederfinden. Top-Teams, wie etwa das serbische Starensemble, sind jedoch viel zu erfahren, um die teilweise überharten Closeouts nicht zu bestrafen. Der Bundestrainer fordert von seinen Spielern, beim Herauseilen zum Distanzwerfer im Notfall zu springen und den Gegner dadurch von der Linie zu drängen. Ist jedoch die erste und möglicherweise die zweite Hilfe geschlagen, schaffen es nur die besten und eingespieltesten Teams, sowohl den Zug zum Korb zu versperren, als auch den Dreier wegzunehmen. Das deutsche Team als eingespielt zu bezeichnen, wäre jedoch weit hergeholt – ähnlich weit, wie der Weg, den manche Help Defender in der DBB-Verteidigung zurücklegen müssen.


Nicht nur auf dem Feld gibt es beim deutschen Team noch viele Fragezeichen, auch außerhalb bereiten die verletzten Spieler Grund zur Sorge. Karsten Tadda und Johannes Voigtmann verpassten in Hamburg alle drei Spiele, während Robin Benzing bereits nach wenigen Minuten im ersten Spiel den Gang ins Krankenhaus antreten musste. Coach Fleming ist anzumerken, dass ihn die Verletzungsmisere wurmt. Gerade die Ungewissheit, wann die verletzten Spieler wieder zurück sind und vor allem, ob sie fit bleiben, erschwert die Arbeit des 47-jährigen enorm. Dass Daniel Theis nach nur wenigen Tagen mit dem Team gleich wieder in die USA fliegt, dürfte die Laune zudem nicht gerade gesteigert haben. Tadda und Voigtmann haben für das Frankreich-Spiel ihr Comeback angekündigt, bei Robin Benzing sieht es nach einer längeren Absenz aus. Auf die Frage, ob nur fitte Spieler den Sprung in den 12er Kader schaffen werden, betonte Fleming vielsagend:

„Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, gut als Mannschaft ins Turnier zu kommen. Das würde bedeuten, dass alle fit sind.“

Dem Bundestrainer dürfte es nicht nur darum gehen, spielfähige, sondern vor allem austrainierte Spieler um sich zu wissen. Seine Mannschaft habe hinsichtlich der Fitness und der Physis Nachholarbeit zu leisten – eine Feststellung, die in den kommenden Tagen für Schweißperlen beim spielenden Personal sorgen dürfte.


In dieser Hinsicht verwundert es zudem wenig, dass Fleming bei der Betrachtung des Gesamtwochenendes den Fokus auf die physische Spielweise legte: „Es war sehr gut für uns zu sehen, wie hart und mit welcher Physis man spielen muss, um ganz oben dabei zu sein. Man muss trotz dieser physischen Spielweise diszipliniert sein und weiter spielen.“ Fouls wie jenes von Vladimir Lucic an Dennis Schröder gleich zu Beginn des Spiels seien zwar inakzeptabel, aber in gewisser Weise vorhersehbar. Im Gegensatz zur NBA sei das europäische Spiel ein Rugbymatch. Um bei einem solchen Fight als Sieger vom Feld zu gehen, müsse in der kurzen Zeit bis zur Eurobasket einiges geändert werden: „Das ist zu viel für uns im Moment.“ Eine Kampfansage war Fleming dennoch zu entlocken: „Aber das kann sich schnell ändern.“ Wünschenswert wäre es.

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