Boston Celtics

Kyrie Irving – endlich Superstar?

Mit variablerer Offense und mehr Einsatz in der Defense könnte Kyrie Irving bei den Boston Celtics in die Elite der NBA aufsteigen

Wenn die Referees am Sonntag in Los Angeles zum Tip-off des diesjährigen NBA All-Star Games bitten, wird Kyrie Irving als Starter auf dem Parkett stehen. Fans, Journalisten und Spieler wählten den Guard der Boston Celtics einvernehmlich auf Platz eins im Backcourt der Eastern Conference. Mit gerade einmal 25 Jahren nimmt er bereits zum fünften Mal an diesem Klassentreffen der vermeintlich besten 30 Basketballspieler der Welt teil, 2014 wurde er dabei als MVP ausgezeichnet. Schon seit die Cleveland Cavaliers ihn mit dem ersten Pick der Draft 2011 in die Liga holten und er sich zum Einstand den Titel Rookie of the Year sicherte, gehört Irving in der Wahrnehmung vieler zu den Stars der NBA.

Dennoch polarisierte der Guard nicht nur durch sein vermeintlich eigensinniges Offensivspiel, auch das oft fehlende Engagement in der Verteidigung brachte ihm immer wieder Kritik ein. Im Go-to-Guys-Ranking der zehn besten Spieler der NBA erhielt Irving weder 2016 noch 2017 auch nur eine einzige Stimme, nach ESPNs Real Plus-Minus (RPM) knackte er in den vergangenen vier Jahren nur ein einziges Mal die Top-50. Insbesondere seine On-Off-Statistiken im Trikot der Cavaliers ließen an seinem sportlichen Wert zweifeln. In den drei Jahren seit LeBron James’ Rückkehr nach Cleveland kam das Team in den gemeinsamen Minuten der beiden Stars auf ein Net Rating von +9,7. Ohne James an Irvings Seite stürzte dieser Wert auf -2,7 und damit das Niveau eines 33-Siege-Teams. In der vergangenen Saison legten die Cavs mit Irving alleine gar ein Net Rating von -8,0 auf. Insgesamt holte das Team seit 2014 in 27 Spielen ohne LeBron James gerade einmal vier Siege.

Mit dem Trade zu den Boston Celtics sollte Irving sollte aus dem Schatten des viermaligen MVP treten und endlich sein „eigenes“ Team anführen. Und bislang scheint dieses Vorhaben zu gelingen. Nach der Verletzung Gordon Haywards zum Saisonauftakt führt er die unerfahrenen Celtics gemeinsam mit Al Horford zur bislang zweitbesten Bilanz der Eastern Conference. In ihren gemeinsamen Minuten dominieren Irving und Horford die Gegner mit einem Net Rating von +8,1, doch auch ohne einen weiteren Star an seiner Seite scheint Irving erstmals erfolgreich zu sein. Steht der Guard ohne Horford auf dem Parkett, erzielen die Celtics pro 100 Ballbesitzen immer noch 2,8 Punkte mehr als ihre Gegner. Hat sich das Spiel des 25-Jährigen also tatsächlich so verändert, dass er endlich als erste Option ein erfolgreiches Team anführen kann?

Offense: Same same but different?

Auf den ersten Blick unterscheiden sich Irvings offensiven Statistiken kaum von denen der vergangenen Saison. Rund 25 Punkte, 5 Assists und 2,5 Ballverluste pro Spiel bei Wurfquoten von 48 Prozent aus dem Feld, 40 Prozent aus der Distanz und 90 Prozent von der Freiwurflinie. Werte, die er in seiner bisherigen Karriere Jahr für Jahr auflegte. Werte, die eines All-Stars würdig scheinen. Irvings herausragende individuelle Scoring-Fähigkeiten sind und waren ohnehin seit Jahren über jeden Zweifel erhaben. Zweifel gab es vor Saisonbeginn dagegen an seiner Fähigkeit, sich in das teamorientiertere Offensivsystem der Celtics einzufügen. Doch genau an dieser Stelle scheint sich Irvings Spiel tatsächlich verändert zu haben.

Kamen 2016/17 noch deutlich mehr als die Hälfte seiner Wurfversuche aus der Isolation (21,4 %) oder als Ball Handler im Pick-and-Roll (34 %), sind es in dieser Saison nur noch rund 15 bzw. 30 Prozent. Dagegen nahm der Anteil an Abschlüssen nach Screens (9,2 statt 4,1 %), Cuts (4,1 statt 2,3 %) und Hand-offs (12 statt 5,5 %) deutlich zu und macht inzwischen mehr als ein Viertel von Irvings Würfen aus. Darüber gibt sich der Guard auch deutlich seltener mit langen Zweiern zufrieden. Feuerte er im letzten Jahr noch knapp über 30 Prozent seiner Würfe aus einer Entfernung zwischen zehn Fuß und der Dreierlinie ab, sind es inzwischen nur noch 23,7 Prozent. Diese Versuche verlegt er nahezu komplett hinter die Dreierlinie: Seine 3PAr von 36 Prozent bedeutet einen klaren Karrierehöchstwert.

Die starke Quote von 40 Prozent aus der Distanz konnte Irving dabei trotz des gestiegenen Volumens halten. Zudem schließt er auch am Ring mit für einen Guard herausragenden 67 Prozent so effizient ab wie nie zuvor. Entsprechend ist der Neu-Celtic auf dem besten Wege, auch beim Offensive Rating (117), True Shooting (60 %) und PER (24,5 %) seine bisherigen Höchstwerte (leicht) zu steigern – ungeachtet seiner weiterhin enormen offensiven Rolle (31,3 % Usage). Verlässt der 25-Jährige das Parkett, bricht Bostons offensive Effizienz von 107,7 auf 98,9 Punkte pro 100 Ballbesitze ein. Dabei spielen – wie es bei On/Off-Statistiken immer der Fall ist – natürlich auch die Lineups der Celtics eine Rolle. Während Irving rund drei Viertel seiner Minuten gemeinsam mit Al Horford spielt, gehören seine primären Backups Marcus Smart und Terry Rozier eher zu Bostons offensiven Schwachstellen. Dennoch spielt er die womöglich stärkste Saison seiner Karriere und ist (gemeinsam mit Horford) der Schlüsselspieler im offensiv ansonsten recht limitierten Celtics-Kader.

Defense: Wo ein Wille ist…

Am anderen Ende des Feldes machen die On/Off-Zahlen dagegen Irvings zweifelhaftem Ruf als Verteidiger alle Ehre. Rund fünf Punkte mehr lässt die Defense der Celtics pro 100 Ballbesitze mit ihm zu. Dennoch schien er auch defensiv insbesondere zu Beginn der Saison eine ungewohnte Aggressivität an den Tag zu legen. Einige Wochen führte Irving nicht nur die Liga in Steals an; die Celtics verteidigten mit ihrem Neuzugang sogar besser als ohne ihn, insgesamt legte das Team über die ersten 16 Spiele ein unglaubliches Defensive Rating von 95,5 auf. Nach einer Schwächephase zum Jahresende, die unter anderem dem Spielplan der Celtics geschuldet sein könnte – bis Ende Dezember hatte Boston bereits vier bis fünf Spiele mehr absolviert als die meisten anderen Teams – stellt man inzwischen wieder die mit Abstand beste Defensive der NBA (DRtg 99,9). Im Januar ließen die Celtics gar nur 96 gegnerische Punkte pro 100 Ballbesitze zu, knapp vier Punkte weniger als die zweitbeste Verteidigung aus San Antonio.

Auf den ersten Blick sind Irvings einzig wirkliche defensive Stärke dabei weiterhin seine schnellen Hände.

Dabei scheint er unter Coach Brad Stevens jedoch mehr Disziplin an den Tag zu legen seltener als in der Vergangenheit auf Steals zu spekulieren. Dennoch konnte er seine (für die Guard-Position allerdings leicht unterdurchschnittliche) STL% der letzten Jahren konstant halten. Außerdem versucht Irving nach Switches auch im Post gegen größere und kräftigere Gegner dagegenzuhalten. Durch die fast 20 Zentimeter Größen- und zehn Kilo Gewichtsunterschied zu seinem Vorgänger Isaiah Thomas stellt dies für die Celtics wohl das wichtigste Upgrade gegenüber der vergangenen Saison dar.

Gerade zu Beginn der Saison präsentierte sich Irving in der Defense ungewohnt einsatzfreudig. Dennoch bleiben die bereits aus Cleveland bekannten Schwächen weiterhin bestehen: Abseits des Balles verliert er allzu häufig seinen Gegenspieler aus den Augen (1), im Pick-and-Roll hat er große Probleme, sich durch Screens zu kämpfen (2).

(1)

(2)

Allerdings haben die Celtics sich auf diese Schwächen im Laufe der Saison immer besser eingestellt und verschiedene Strategien entwickelt, sie im Teamverbund zu kaschieren. Beinahe drei Viertel seiner Minuten spielt Irving an der Seite von Marcus Smart oder Terry Rozier. Dadurch kann Irving auf den offensivschwächsten Guard oder Flügelspieler des Gegners gestellt werden, anstatt den gegnerischen Point Guard zu verteidigen. Damit wird er nicht nur von vornherein aus dem Pick-and-Roll herausgehalten, auch der Schaden eventueller Unaufmerksamkeiten abseits des Balles wird begrenzt. In der folgenden Szene wird der ballführende Russell Westbrook von Rozier verteidigt. Irving verliert an der Dreierlinie Andre Roberson aus den Augen, was die Oklahoma City Thunder aufgrund von dessen Wurfschwäche jedoch nicht ausnutzen können.

Eine weitere Möglichkeit, Irving den ungeliebten Weg vorbei am Screen zu ersparen, ist das „Icen“ des Pick-and-Rolls. Durch das Abdrängen des Ballhandler weg vom Blocksteller in Richtung Seitenlinie gerät der verteidigende Guard gar nicht erst in die Gefahr, am Screen hängen zu bleiben. Durch die Länge und Mobilität auf den übrigen Positionen gelingt es den Celtics (anders als in der folgenden Szene gegen die Atlanta Hawks) häufig, die dabei entstehenden Lücken erfolgreich zu schließen.

Verteidigt Irving das Pick-and-Roll setzen die Celtics häufig auf Switches und die Fähigkeit ihrer Flügelspieler und Big Men, den gegnerischen Ballhandler in Schach zu halten. Droht Irving dabei ein Mismatch gegen einen deutlich größeren Gegner, wird – wenn möglich – sofort zurück geswitcht oder auf der Weakside weiter rotiert.

Hier bleibt Irving am Pick von Orlandos Nikola Vucevic hängen, Al Horford switcht auf den ballführenden Guard der Magic. Auf der Weakside erkennt der kräftigere Marcus Smart Irvings Mismatch gegen Vucevic und switcht auf den Center, noch bevor dieser sich im Low Post in Position bringen kann. Solche Switches sind allerdings von schneller Kommunikation und Reaktion abhängig. Hier reagiert Irving etwas zu langsam, sodass Terrence Ross den späten Closeout attackieren kann.

Das Risiko, durch zu langsame Rotation weit offene Würfe zu ermöglichen, ist dabei immer gegeben. In der folgenden Szene will Aron Baynes Irving aus dem erneuten Mismatch gegen Vucevic befreien und lässt dabei Aaron Gordon weit offen an der Dreierlinie stehen. Jayson Tatum zögert und rotiert erst zu Gordon, als Irving auf der Weakside ankommt.

Durch ihre Länge, Athletik und Schnelligkeit auf fast allen Positionen haben die Celtics jedoch die Voraussetzungen, diese switchlastige Verteidigung häufig erfolgreich umzusetzen und damit extreme Mismatches zu vermeiden. Dennoch schaffen es gute Offensiven natürlich immer wieder, Kyrie Irving in der Verteidigung zu isolieren oder ins Pick-and-Roll zu verwickeln. Allerdings zeigt er sich auch in solchen Situationen im vergleich zu den vergangenen Jahren verbessert. Erlaubte er seinen Gegenspielern 2016/17 als Verteidiger des Ballhandlers im Pick-and-Roll (rund 40 Prozent seiner Verteidigungsaktionen) noch 0,96 Punkte pro Ballbesitz (19. Perzentil), sind es in dieser Saison nur noch 0,8 Punkte (63. Perzentil). Deutlich seltener (rund sieben Prozent der Aktionen) muss Irving in Isolation verteidigen, lässt auch dort aber anstatt 1,09 (12. Perzentil) nur noch 0,98 Punkte (35. Perzentil) zu. Dies deutet neben Bostons System wohl auch auf den verbesserten Einsatz des 25-Jährigen in der Defensive hin.

Trotz allem bleibt Irving natürlich ein höchstens (unter-)durchschnittlicher Verteidiger und könnte in den Playoffs erneut zu einer defensiven Schwachstelle werden. Dennoch sind einige Verbesserungen klar erkennbar und machen ihn zu einem kompletteren Spieler, als er es im bisherigen Verlauf seiner Karriere war. Zusammen mit seiner erneut herausragenden, effizienten und im Trikot der Celtics auch variableren und teamorientierten Offensive könnte der fünfmalige All-Star sich in Boston endlich in die Riege der „echten“ Superstars spielen.

Statistiken von stats.nba.com, basketball-reference.com, nbawowy.com und cleaningtheglass.com (Stand: 6.2.2018)

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