Walter Tigers Tübingen

Tübingens defensiver Offenbarungseid

Die zweite Halbzeit gegen Gotha in der Analyse

Mit reichlich Spannung wurde das Kellerduell zwischen den WALTER Tigers Tübingen und den Oettinger Rockets am Samstagabend erwartet. Während die Gastgeber von den ersten neun Spielen noch kein einziges gewinnen konnten, reisten die Gäste aus Thüringen mit einem einzigen Sieg im Gepäck in die Paul-Horn-Arena. Somit konnte bereits am zehnten Spieltag von einem echten Schlüsselspiel im Kampf um den Klassenerhalt gesprochen werden, das die Rockets dann am Ende souverän mit 90:83 gewannen. Wir erklären, wieso die Tübinger in der zweiten Hälfte einbrachen und wo die Fehler in der Defensive zu finden sind.


Nach neun Niederlagen in den ersten neun Partien erwartete Tübingens Geschäftsführer Robert Wintermantel einen nervösen Beginn gegen Gotha. Dieser erfolgte dann auch von Tübinger Seite, sodass sich die Gäste nach fünf Minuten mit sechs Punkten absetzen konnten. Doch auch die Rockets waren bei weitem nicht fehlerlos, leisteten sich ebenfalls grobe Fehler bei den defensiven Rotationen und ließen die Tigers dadurch wieder herankommen und in der Folge die Führung übernehmen.

Somit war bereits früh klar, dass der Schlüssel, wie erwartet, in der Defense liegen sollte. Da beide Mannschaften sich dort keinen klaren Vorteil erspielen konnten, ging es entsprechend ausgeglichen in die Halbzeitpause (45-42). Das größte Problem der Tübinger lag darin, dass sie den für sie so wichtigen Dreipunktwurf nicht hochprozentig trafen und somit nach neuen Scoring-Optionen suchten mussten. Genauso könnten sie durch eine deutliche Steigerung in der Verteidigung diese Misserfolge ausgleichen und das Spiel zu ihren Gunsten entscheiden. In den zweiten 20 Minuten sollte allerdings alles ganz anders kommen.


Denn die erste Possession der zweiten Halbzeit sollte schon ein Fingerzeig darauf sein, wie es weitergehen würde. Aus einem simplen Baseline-Play blockt Ekene Ibekwe seinen Teamkollegen Andreas Obst frei, der in die rechte Ecke sprintet. Jared Jordan bleibt währenddessen im Block hängen, scheint aber auch nicht mit Reggie Upshaw zu kommunizieren, dass dieser übernehmen soll. So entsteht der erste völlig freie Dreier für Obst, der langsam merkt, dass es sein Abend werden könnte.

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Gerade die Kommunikation untereinander zählt zu den ganz großen Problemen in der Tübinger Defense. Philipp Heyden sprach nach dem Spiel davon, dass das Team noch enger zusammenrücken müsse. Beim Blick auf das Verständnis auf dem Parkett wird dies dringend notwendig sein, denn auch nach zehn Spielen lässt sich dort spielerisch keine Einheit erkennen.

Das wird dann auch in der folgenden Sequenz sehr deutlich, als die Absprachen wieder nicht fruchten und Tübingen den nächsten offenen Dreipunktwurf schlucken muss. Auf der einen Seite des Courts sieht Retin Obasohan seine Schnelligkeitsvorteile gegen Upshaw und will sich den Rookie zurechtstellen. Um auf diesen Drive bestmöglich vorbereitet zu sein, ruft Heyden aus, dass doch jemand seinen Gegenspieler übernehmen soll, damit er sich unterhalb des Korb platzieren kann.

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Die Sinnhaftigkeit dieser Idee kann zwar in Frage gestellt werden, allerdings könnte seine Präsenz Obasohan möglicherweise von zwei einfachen Zählern abhalten. Bei Ryan Brooks scheint dieser Vorschlag jedenfalls auf wenig Anklang zu stoßen, denn der US-Amerikaner reagiert einfach gar nicht auf Heydens Ansage und bleibt an seinem Platz. Da keine weitere Kommunikation erfolgt, rückt Tübingens Center nun auch unter den Korb und übernimmt Brooks‘ Gegenspieler.

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Dadurch wird nun logischerweise ein Spieler auf dem Court frei und die Rockets schaffen es durch gute Ballbewegung diesen freizuspielen. Als Brooks endlich merkt, welchen Spieler er eigentlich verteidigt, ist es dafür dann zu spät.

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Des Weiteren zeichnet sich gute Kommunikation auch dadurch aus, dass ein Team vor allem in unorganisierten Spielsituationen, wie beispielsweise in der Transition-Defense, den Überblick behält und jeder schnell seinen Gegenspieler findet. Doch auch hierbei kann der Tübinger Mannschaft kein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Nach einem Ballgewinn von Gotha kommt es zu einer unübersichtlichen Situation, wobei jeder Spieler der Tigers scheinbar nur fixiert auf den Ball ist. Erst versucht Jordan mehrfach den Ball zu stehlen, verwirrt dadurch dann seine Mitspieler, die nun ihre Männer finden müssen. Unerklärlicherweise will Center Tony Easley, genauso wie Mathis Mönninghoff, dann plötzlich gegen ein Guard verteidigen, was seinen Gegenspieler komplett offen lässt.

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Wieder machen die Rockets das gut und finden mit einem schönen Anspiel den völlig freien Ibekwe, der das Play mit einem Dunk plus Foul abschließt.   

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Ein weiterer elementarer Teil der modernen Basketball-Defense ist die Verteidigung des Pick&Rolls. Auch hier offenbarten sich schon über die ganze Saison Schwächen bei den Tübingern, was teilweise aber auch ganz einfach dem Spielermaterial geschuldet ist. Denn vor allem auf der Center-Position sind die Raubkatzen schwach besetzt und haben bis jetzt noch kein Mittel gefunden, um das zu lösen. Tony Easley ist sehr athletisch, sieht aber gegen die physischen Fünfer der BBL wenig Land und ist vor allem offensiv enorm harmlos. Philipp Heyden besitzt zwar mehr Physis, ist aber extrem unbeweglich und zeigt offensiv bislang ähnlich wenig. In der Pick&Roll-Defense ist gerade der Deutsche ein Schwachpunkt, den die Gegner gerne attackieren.

In der folgenden Szene lässt sich das gut erkennen. Die Tübinger erlauben es dem Ballhandler der Rockets, Andreas Obst, zur Mitte zu gehen, wodurch sich dieser nun einer 1-on-1-Situation gegen Heyden gegenübersieht. Natürlich besitzt Obst den schnelleren Antritt und kann ganz einfach an Heyden vorbeiziehen, sodass dieser foulen muss.

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Besser wäre es somit keine Middle Penetration zu erlauben und Heyden vor solchen Situationen zu schützen. Dies versucht Tübingen auch immer wieder, allerdings haben sie auch dabei noch häufig Probleme. Im nächsten Bild lässt sich erkennen, wie die Tigers ICE-Defense spielen wollen. Jordan blockt durch seine Körperstellung den Weg zur Mitte und forciert den Ballhandler zur Seite.

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Allerdings kommt Heyden in diesem Fall sehr weit nach oben, wodurch der Weg für den Pocket-Pass offen ist. Johannes Richter kann den Ball erhalten und dann zum Korb ziehen, wo sich Upshaw nun einer 2-gegen-1-Situation gegenübersieht. Damit hat Tübingen das eigentliche Ziel, nämlich den Weg zur Mitte zu versperren, überhaupt nicht erreicht und Gotha kommt wieder zu einfachen Punkten. Hier wäre es für Heyden wahrscheinlich besser, tiefer zu stehen, da er so Richter schneller aufnehmen kann. Jordan kann zudem einen möglichen Dreipunktwurf ebenfalls erschweren.  

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Doch das Blocken und Abrollen wird natürlich nicht nur mit zwei Spielern verteidigt, sondern auch alle Anderen müssen mithelfen diesen Spielzug zu stoppen. Dabei geht es vor allem um gut abgestimmte Defensivrotationen. In Tübingens Spiel waren solche gestern gar nicht zu erkennen und paarten sich zudem noch mit groben individuellen Fehlern, die in der deutlichen Führung der Rockets mündeten.

Als erstes Beispiel dient dazu das von Gotha gespielte Pick&Pop in der nächsten Sequenz. Nemanja Jaramaz stellt einen Screen und sprintet dann sofort entlang der Dreipunktelinie zur anderen Seiten. Tübingen scheint überrascht und gleichzeitig keine klare Anweisung zu haben. Brooks und Mönninghoff bleiben beide beim ballführenden Spieler und lassen Jaramaz ziehen. Ob geswitcht werden sollte oder nicht, kann wohl nur einer der beiden Spieler beantworten.

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Jedenfalls zieht Jaramaz ohne Gegenspieler davon, bekommt auf dem Weg noch zwei Flare-Screens gestellt und kann anschließend den ganz offenen Dreier nehmen.

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Diese offenen Dreipunktwürfe häuften sich in der zweiten Halbzeit, da Tübingen weitere solcher Fehler unterliefen. In der folgenden Szene läuft Gotha acht Meter vom Korb entfernt ein normales Blocken und Abrollen. Jared Jordan, der sich auf der Ballseite befindet, nimmt dies aber trotzdem zum Anlass, mehrere Meter vom besten Dreierschützen der Gäste abzurücken. Ein simpler Pass in die Ecke reicht, um Andreas Obst die nächsten drei Zähler zu bescheren. Es bleibt lediglich die Frage, welche Help-Defense Jordan spielen wollte. Wenn Ibekwe abrollt, wäre Upshaw der Mann gewesen, der Kontakt mit dem Fünfer der Rockets aufnehmen sollte.

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Insgesamt schien das Vertrauen in die Help-Defense der Mitspieler sehr gering zu sein, was sich anhand des nächsten Beispiels gut zeigen lässt. Hier rollt wieder Ibekwe ab, allerdings sind Upshaw und Brooks schon in der Position um auszuhelfen, wenn der Pass kommen sollte. Entweder wurde dies nicht kommuniziert oder Sid-Marlon Theis ging grundsätzlich von keiner Hilfe aus, sodass der Deutsche sich in der Folge sofort wieder zu seinem Gegenspieler zurück orientierte. Dadurch war nun gar kein Druck mehr auf Jaramaz, der ganz einfach mit dem Ball zum Korb ziehen und die zwei leichten Punkte erzielen kann.

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Auch die folgende Szene würde diese These unterstützen. Denn beim Drive von Jaramaz ist bereits genug Hilfe innerhalb der Zone vorhanden, sodass für Easley überhaupt keine Notwendigkeit besteht, einen Pass entfernt auszuhelfen. Doch der US-Amerikaner rückt trotzdem weit in die Mitte, sodass sein Gegenspieler den komplett offenen Dreier nehmen kann.

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Diese Kombination aus schlechter Kommunikation und unklaren Rotationen führte regelmäßig zu einfachen Punkten für Gotha. Solange Tübingen dies nicht verbessert, wird es für sie ganz schwer, überhaupt Spiele zu gewinnen, da sie somit immer gezwungen sind, offensiv heiß zu laufen. Wenn dann der Dreier nicht fällt wie gegen die Rockets, wird es für das Team von Ty McCoy extrem eng. Vor allem weil sich zu den Problemen in der Teamdefense auch immer wieder individuelle Unaufmerksamkeiten gesellen, die man sich auf dem Niveau nicht leisten kann.

Beispielsweise Ryan Brooks, bei dem ein einziger angetäuschter Laufweg reicht, um den nur auf den Ball fokussierten Flügelspieler komplett zu verwirren und einen offenen Dreier zu erhalten.

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Oder Kris Richard, der ohne Frage der beste und wichtigste Offensivspieler des Team ist, aber defensiv auch fehlerbehaftet agiert. Denn obwohl der Ball hier nur wenige Meter von ihm entfernt ist, scheint er nicht bereit zu sein, nimmt seinen Gegenspieler gar nicht auf und ist dann überrascht, als dieser den Ball erhält.

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Dass daraus wieder ein offener Dreier für Andreas Obst entstand, muss fast gar nicht mehr erwähnt werden.

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Am Ende war es somit ein ungefährdeter Erfolg für die Oettinger Rockets, die sich damit im Abstiegskampf etwas Luft verschaffen. In Tübingen brennt es hingegen lichterloh, nachdem das Team nach einigen guten Leistungen plötzlich wieder in alte Muster zurückfällt. Die Probleme in der Verteidigung scheinen mit diesem Kader nicht komplett lösbar, allerdings wäre vor allem Klarheit in den Rotationen und eine viel bessere Kommunikation ein Anfang. Ob dies noch unter Ty McCoy geschehen wird, muss das Tübinger Management entscheiden und soll auch kein Teil dieser Analyse sein. Doch eins ist bereits sicher: Das Spiel in Bremerhaven in zwei Wochen wird nun umso mehr zum absoluten Abstiegsshowdown und zu einem der wichtigsten Spiele der jüngeren Tübinger Vereinshistorie.

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