Eurobasket 2017

Spanien – die Unbesiegbaren?

Was macht den amtierenden Europameister aus?
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Für die Deutschen ist der Einzug ins Viertelfinale der größte Erfolg auf internationaler Ebene seit zehn Jahren. Dort wartet der womöglich schwerste Gegner im ganzen Teilnehmerfeld. Spanien ist amtierender Europameister und trotz einiger Absagen mit vielen NBA- und Euroleaguestars gespickt. In der Vorrunde wurden die Iberer von ihren Gegnern nicht wirklich gefordert. Gegen Montenegro, Tschechien Ungarn und Co-Gastgeber Rumänien gaben sie sich keine Blöße und gewannen keins der Spiele mit weniger als 23 Punkten Differenz. Nur Kroatien schien dem Favoriten etwas entgegen setzen zu wollen. Nach hartem Kampf bis in die Schlussphase gingen die Spanier dennoch als Sieger vom Parkett. Im Achtelfinale gegen den anderen Eurobasket-Gastgeber Türkei konnten die Spanier – so viel sei gesagt – nicht ganz an die Leistung in der Vorrunde anknüpfen. Dennoch stand am Ende ein mehr oder weniger souveräner Einzug in die Runde der Besten acht Nationen. Wir wollen einen Blick auf die individuellen Spieler und Plays werfen, um zu zeigen, wie und wo Spanien dominiert, aber auch die Schwachstellen herausstellen, die es gilt auszunutzen, wenn man den Koloss zu Fall bringen will.

Breiter Kader – Big Men als Angelpunkt

Ganze acht Spieler des diesjährigen Kaders schon haben Erfahrung in der NBA gesammelt. Alle weiteren spielen gute Rollen in europäischen Teams. Die Last in der Offense ist, wenn man auf die Statistiken schaut, recht gleich verteilt. Viele Akteure können die Scoringlast tragen. Pau Gasol, der pro Partie 15,6 Punkte markiert, folgen gleich fünf Teamkollegen, die mindestens neun Zähler erzielen. Im Spiel fällt dennoch auf, dass die Mannschaft deutlich mehr auf die beiden Gasol-Brüder auf den großen Positionen angewiesen ist, als es die reinen Boxscorezahlen aussagen.

Bevor dieser Aspekt weiter ausgeführt und mit Szenen untermalt wird, muss ein anderer Spieler hervorgehoben werden. Ricky Rubio, der in seiner Karriere noch nie beweisen konnte, dass er ein konstanter Schütze von der Dreierlinie ist, trifft bei der dieser Eurobasket 48% seiner Würfe von Downtown. Klar, die FIBA-Regeln sehen eine kleinere Distanz als die NBA vor und die “Sample Size” ist nicht sonderlich groß, dennoch sollten Coaches kommender Gegner seine erhöhte Trefferquote mit in die taktische Einstellung einfließen lassen. Es scheint, als sei ein einfaches Helfen weg vom Point Guard der Utah Jazz nicht mehr ungestraft möglich. Rubio erreicht auch in anderen Boxscorekategorien persönliche Bestleistungen, jedoch muss sich zeigen, ob er seinen Höhenflug auch gegen die stärker werdenden Teams in der K.O.-Phase aufrecht erhalten kann. Gegen die Türken war er jedenfalls Topscorer seiner Mannschaft. Auch am defensiven Ende zeigt der 27-Jährige seine Qualitäten. Er schaffte es beinahe um jeden Block herum zu kommen, ohne seinem Gegenspieler einen Vorteil zu verschaffen. 

Das Vermeiden des Switchen am Perimeter schien bei den Spaniern im Achtelfinale das Mittel der Wahl zu sein, um keine Mismatches zu riskieren. Die Guards, wie Ricky Rubio und Sergio Rodriguez, blieben immer eng an ihren Gegenspielern und versuchten über die Blöcke zu gehen. Dabei begleiteten sie diese bis weit hinter die Dreierlinie hinaus. Das Kalkül dahinter scheint klar zu sein: Verhindere zu große defensive Laufwege für die Gasols – vor allem Paus – damit sie ihre Kraft in der Offense besser nutzen können und nicht einfach von Flügelspielern attackiert werden.

Die Plays – Korbnähe gesucht

Wie bereits angeschnitten, spielen die Gasol-Brüder in der Offense die größte Rolle. Viele Plays sind auf die Stärken der beiden zugeschnitten. Sie sollen von High- und Lowpost agieren, wo beide sehr gefährlich sind. Sie können dort den eigenen Abschluss suchen oder mit ihrer überdurchschnittlichen Übersicht den freien Mitspieler finden. Gerade gegen die Türken, die versuchten den Lowpost zu doppeln, klappte letzteres sehr gut, weil das Doppeln oft halbherzig durchgeführt wurde.

Der folgende Screenshot zeigt eine einfache Aktion, mit der die Spanier Pau Gasol im Lowpost anspielen. Auf der Ballseite bekommt Pau einen Backscreen gestellt. Ricky Rubio gibt den Ball simultan an Marc ab, der im Highpost postiert ist. Pau cuttet nun über die Baseline durch die Zone, wo die erste Anspielmöglichkeit besteht. Da diese durch die Defense verhindert wird, läuft er bis in den Lowpost auf der Weakside. Dort kann er in guter Position den Ball erhalten, während die Perimeter Spieler um ihn herum cutten.

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Ganz ohne Vorbereitung kommen die beiden in der nächsten Situation aus. Hier reicht es aus, dass sich Marc in die Zone bewegt und seinen Gegenspieler auf den Rücken nimmt. Pau erhält den Ball an der Dreierlinie und eine klassische High-Low Aktion beginnt.

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Ohne die Hilfe der Außenverteidiger, die durch Schützen gebunden sind, ist Marc dann nicht mehr zu stoppen.

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Das nächste Play basiert auf einer Horns-Aufstellung. Beide Big Men positionieren sich zwischen Freiwurf- und Dreierlinie. Rubio entscheidet sich, Marcs Block zu nutzen und auf die rechte Spielfeldseite zu dribbeln. Marc rollt nicht zum Korb ab, sondern spielt ein Pick and Pop zur Dreierlinie. Pau cuttet in den Lowpost.

Im Lowpost erhält er wiederum einen Backscreen und kann sich am No-Charge-Kreis gegen seinen switchenden Gegenspieler aufposten. Marc sieht dies und passt seinen Bruder an. Da der Pass etwas ungenau ist und die Türken ein Doppel andeuten, muss Pau seine gute Position in der Zone aufgeben und eröffnet den Platz für Cuts.

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Das Doppel ist nicht aggressiv genug, sodass Pau einen einfachen Pass auf seinen Bruder spielen kann. Dieser hat sich ins Herz der Defense bewegt. Es gibt keine Hilfe für den doppelnden Verteidiger und der Center der Grizzlies kommt zum Abschluss.

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Obwohl sich in der Offense vieles um die beiden Big Men-Brüder dreht, haben die Spanier auch andere Optionen im Ärmel. Direkt im ersten Play zu Beginn der Partie gegen die Türken zeigt sich das reiche Repertoire von Headcoach Sergio Scariolo. Fernando San Emerito erhält einen Staggered Screen von den beiden Gasol-Brüdern. Danach macht er die Seite frei für Navarro, der wiederum einen Elevator Screen von den beiden Big Men erhält. Wegen seiner Wurfstärke wird er von den Türken gedoppelt, wodurch Rubio auf seinem Guardspot frei wird und den Wurf verwandelt.

Funktioniert das vorgesehene Play nicht, besitzen die Iberer viele Spieler, die sich unter Druck selbst einen Wurf kreieren können. Ein improvisiertes Pick and Roll am Ende der Shotclock muss also immer höchst konzentriert verteidigt werden. Rodriguez zeigt seine Stärke, das Mismatch zu schaffen und dies auszunutzen. Sein Verteidiger sinkt nur ein paar Zentimeter zu weit ab und sein Wurf aus dem Dribbling findet sein Ziel.

Wie kann man Spanien schlagen?

Wichtig ist vor allem, sich unter dem Korb gegen die Übermacht der Titelverteidiger zu Wehr zu setzen. Dabei ist Rebounding  ein Schlüssel zum Erfolg. Bekommen die Big Men zweite Chancen, nutzen sie diese fast immer oder sind nur durch ein Foul zu stoppen. Die Türken konnten das Reboundduell ausgeglichen gestalten, was sie lange Zeit im Spiel hielt. Ein weiterer Punkt, der in die Kategorie fällt, ist die körperliche Spielweise im Post. Die Verteidiger müssen ihr Bestes geben, die Gasols aus der Zone zu halten. Dies gilt besonders für die High-Low-Anspiele. Es darf nicht sein, dass ein Center seinen Gegenspieler auf den Rücken nimmt und den Ball in der Mitte der Zone bekommt. Teams wie die Türkei, Griechenland oder Russland, die allesamt selber einige große Spieler im Kader haben, wären in dieser Hinsicht ein gutes Matchup. Für Teams wie Deutschland, das physisch nicht so stark aufgestellt ist, gilt es, die Nachteile durch Kampf und Einsatz wieder Wett zu machen. 

Für die Deutschen mit ihren etwas leichteren aber mobilen Big Men bietet sich das Doppeln des Lowposts an. Die Türkei hatte im Achtelfinale immer wieder versucht, dadurch den Ball aus den Händen von Pau Gasol zu bekommen. Zu beachten ist dabei, wirklich aggressiv zu handeln, um den Druck hoch zu halten. Wichtig ist aber auch, eine funktionierende Kommunikation in der Defense, die die Rotationen klar macht, um einfache Passwege zu schließen. In der folgenden Szene machen die Türken einen guten Job beim Doppel. Die Hilfe ist jedoch nicht ganz auf der Höhe. Gasol findet  einen kreativen aber unkonventionellen Weg aus der Falle. Eine für die Offense wirklich glücklich verlaufene Aktion. Ist die Defense vernünftig abgestimmt, kann man den Spaniern damit einige Optionen wegnehmen.

Mit 11,5 Turnovern pro Partie sind die Spanier das zweitbeste Team in dieser Kategorie. Es handelt sich um eine erfahrene Truppe, deren Kern schon sehr lange gemeinsam spielt. Deshalb müssen die wenigen begangenen Fehler bestraft werden. Es muss schnell der Fastbreak eingeleitet werden, da dies um einiges leichter ist, als die stehende Defense der Spanier zu überwinden. Die Gastgeber patzten in dieser Hinsicht. Vier Punkte aus dem Schnellangriff in vierzig Minuten sind deutlich zu wenig. 

Im Angriff sollte versucht werden, Pau Gasol in möglichst viele Pick and Rolls zu verwickeln. Die Spanier wollen normalerweise nicht switchen. Deshalb kommt es dabei manchmal zu Kommunikationsproblemen, die in einfachen Punkten münden. Gasol in ein Pick and Roll Situationen zu bringen und ihn damit konsequent auch in der Defense zu fordern, kann auch ein Mittel sein, ihn zu ermüden. Er ist in seinem Alter einfach nicht mehr in der Lage, Guards vor sich zu halten oder mobilen Big Men hinter die Dreierlinie zu folgen.

Gerade hier profitieren Teams wie Deutschland. Ein Pick and Roll mit Schröder und Theis oder Barthel kann den Veteran aus der Reserve locken und angreifbar machen.Wichtig ist die Ausführung des Blockes. Er muss wirklich eng genutzt werden, um das von den Spaniern favorisierte Verfolgen zu vermeiden. Gegen die ICE-Defense auf dem rechten Flügel kann das Poppen zur Dreierlinie die Laufwege für den Big Man verlängern. Spieler wie Theis, Barthel oder Voigtmann sind zudem in der Lage, die Würfe von dort zu treffen. Die folgende Szene symbolisiert die defensive Anfälligkeit von Gasol. Zwar verteidigt er zunächst nach ICE-Prinzipien, jedoch kommt es zu einem Missverständnis mit seinem Teamkollegen, wodurch die Türkei einen ihrer seltenen freien Würfe erhält.

Zu guter Letzt müssen die freien Würfe sitzen. Selten wird man gute Abschlüsse gegen die aggressiven Guards und die großen Ringbeschützer bekommen.  Die Türkei tat sich vor allem von der Dreierlinie schwer. Nur 15% ihrer Würfe von Downtown fanden die Reuse.

Fazit 

Die Spanier sind verdientermaßen einer der Topfavoriten auf den Titel. Ihre Tiefe sucht ihrer Gleichen und die Stärken ihrer Starspieler werden durch die Offense gut akzentuiert. Sie sind sehr erfahren und eingespielt, daher begehen sie wenige Fehler. Dennoch sind sie nicht unschlagbar. Mit Kampf, Einsatz und dem Ausnutzen der Schwächen kann man ihnen schaden. Eine geballte Teamleistung scheint dabei notwendig zu sein. Den Deutschen liegen die Iberer auf den ersten Blick erst einmal nicht. Doch wenn es gelingt, aus den vermeintlichen Defiziten Größe und Gewicht einen Vorteil zu machen, ist auch ein Halbfinaleinzug nicht undenkbar.

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