Brose Bamberg, Europa

Luka Mitrovic – der neue Melli?

Wie gut ist der Bamberger Neuzugang?
FIBA Europe / Wojtek Figurski

Auf den ersten Blick ist Vieles gleich: Alter, Größe, Position, Körperbau. Luka Mitrovic ist neu in Bamberg. Und doch wirkt es so, als sei er bereits lange Zeit dort gewesen, im beschaulichen Oberfrankenland. Beim 24 Jahre alten Serben erinnert Vieles an seinen Vorgänger, keinen geringeren als Nicolo Melli. Das angesprochene Alter, in dem beide den Weg nach Deutschland suchten respektive suchen. Das bullige, kompakte Erscheinungsbild, das eloquente, erwachsene Auftreten. Melli hat vorgemacht, was sein Nachfolger erst noch schaffen will. Während Mitrovic in einigen Wochen das Abenteuer „Rohdiamantschliff“ angeht, hat der vollbärtige Italiener eben dieses Abenteuer bereits erfolgreich absolviert. Aus Rohdiamant wurde Prunkstück, aus Bamberg wurde Istanbul. Luka Mitrovic dürfte ganz Ähnliches anstreben, hätte er doch sonst seinen Heimatverein nicht nach all den Jahren verlassen. Unter Coach Trinchieri will der Forward reifen, auf und neben dem Platz. Bei all den offensichtlichen Parallelen stellt sich nur die Frage: Wie viel „Melli“ steckt wirklich im ehemaligen Belgrader Kapitän?


Schaut man auf die Offensive, dann zumindest eine ganze Menge! Ebenso wie Melli, der neben seinen generellen Wurf- und Passfähigkeiten gerade im Spiel mit dem Rücken zum Korb zu brillieren wusste, hat auch sein serbisches Pendant in diesem Bereich eine hochklassige Ausbildung genossen. Egal ob über links, egal ob über rechts oder in Ausnahmefällen auch mal klassisch mit dem Kopf durch die Wand – Mitrovic weiß, wo der Korb hängt. Während andere Spieler selbst in den abwegigsten Situationen auf die stärkere Hand setzen, verliert der Beobachter bei Mitrovic schnell den Überblick, welche Hand denn nun die Bessere ist. Zwar sieht man Mellis patentierten Wurf, bei dem er sich vom Gegner wegdreht und den Ball butterweich am höchsten Punkt loslässt, nicht allzu oft im Spiel des Neu-Bambergers, nichtsdestotrotz hat Mitrovic bewiesen, dass er auch diesen Wurf beherrscht.

Was für den Italiener der Fadeaway-Jumper ist, ist für Mitrovic der Hook-Shot. Limitationen? Fehlanzeige. Egal ob am linken oder rechten Zonenrand – ein Hakenwurf muss drin sein. Wortwörtlich.

Bei solchen Aktionen kommt dem 24-jährigen entgegen, dass er seine Gegenspieler vorher mit einer Vielzahl an Körpertäuschungen vor Schwierigkeiten stellt. Mitrovic ist einer der Spieler, bei denen der Zuschauer aufgrund der Vielzahl an aufeinanderfolgenden Fakes instinktiv „Travel“ rufen mag – und es beim Schauen der Wiederholung umgehend bereut. Zwar springt nicht jeder Gegner gleich bei der ersten Finte in die falsche Richtung, doch Mitrovic weiß genau, wie er sich zu bewegen hat. Wenn Experten von guter Fußarbeit philosophieren, dann dürfte der Serbe früher gut aufgepasst haben. Bei ihm lohnt jedoch nicht nur ein Blick auf die modernen Sneaker, sondern vielmehr auf die komplette Bein-und Oberkörperarbeit:

Im Spiel gegen Panathinaikos weiß der Forward mit James Gist einen bulligen und nicht minder athletischen Gegenspieler in seinem Rücken. Während bei einem Switch auf einen kleineren Gegenspieler gnadenloses Überpowern als Offensivoption durchaus Sinn ergeben würde, verspricht eine solche Kopf-durch-die-Wand-Aktion hier wenig Erfolg. Um dennoch Platz zwischen sich und dem Amerikaner zu schaffen, beugt Mitrovic seine Knie extrem Richtung Körpermitte und bewegt seine rechte Schulter leicht in den Oberkörper seines Verteidigers. Was auf den ersten Blick nicht besonders innovativ aussieht, ist auf den zweiten Blick eine extrem wichtige Vorarbeit für den eigentlichen Abschluss. Während Gist einen Hook Shot über die rechte Schulter befürchten muss, holt der Serbe dank der nach innen zeigenden Knie bereits den nötigen Schwung, mit dem er sich abrupt der Deckung seines Bewachers entreißen kann. Was sich simpel anhören mag, entscheidet am Ende des Tages aber über gute oder schlechte Täuschung, über hohe oder niedrige Effizienz.

Luka Mitrovic als eindimensionalen Post-Scorer abzustempeln, wäre allerdings grundlegend falsch. Denn neben dem klassischen „back to the basket“ Spiel verfügt der Serbe auch über enorme Passfähigkeiten. Gerade im viel zitierten „modernen Basketball“, der für seine kritische Sichtweise auf direkte Abschlüsse aus dem Post bekannt ist, wandert der Ball vor allem deshalb Richtung Zone, um von dort aus gegnerische Rotationen zu erzeugen und das gemeinhin angepriesene Ballmovement entstehen zu lassen.
Es erscheint daher hin und wieder paradox, wenn sich viele Mannschaften auch heute noch die Finger wund lecken nach guten Inside-Spielern, wenn doch gerade diese Spezies in der Regel keine guten „Punkte pro Possession“-Zahlen auflegen. Was klassische Brettspieler dennoch so wertvoll macht, ist deren Fähigkeit, Rotationen zu erzwingen. Gegner fürchten, einen vermeintlich einfachen Korb zu kassieren und schicken so in der Regel meist einen weiteren Verteidiger, um den Ballführer im Post unter Druck zu setzen. Das Problem: Spieler wie Nicolo Melli oder Luka Mitrovic warten nur so darauf, den Ball in der Folge zum freien Mitspieler wandern zu lassen. Die Fehlerquote ist dementsprechend gering.
Problematisch wird es erst dann, wenn die offen werdenden Anspielstationen nur über geringe bis gar keine Wurfqualitäten verfügen. In solch einem Fall macht es sogar durchaus Sinn, im Low-Post zu helfen. Luka Mitrovic kann davon ein Lied singen. Es wäre wenig verwunderlich, wenn Stefan Jovic, Neuzugang des FC Bayern, einige Strophen darin gewidmet bekäme.

Bounce-Pass Alert

Für Luka Mitrovic ist gerade der Bounce Pass die Waffe, mit dem der Bamberger Neuzugang ganze Verteidigungen sezieren kann. Bei den nun folgenden Beispielen muss die Frage erlaubt sein, welche Spieler sich überhaupt trauen würden, in diesen Situationen einen Pass mit zwischenzeitlichem Bodenkontakt anzubringen. Die Antwort könnte in etwa so lauten: Entweder Spieler, die definitiv über zu viel Selbstbewusstsein verfügen, oder Ballartisten, denen ein gewisses Pass-Gen in die Wiege gelegt worden sein muss. Eines ist sicher: Luka Mitrovic kann getrost in die zweite Kategorie eingeordnet werden.

Doch nicht nur durch Bounce-Pässe kann der Serbe seine Kollegen in Szene setzen, auch High-Low-Anspiele dürfen beim 24-jährigen nicht fehlen.

Nachdem bereits Bounce-Pässe und High-Low Anspiele serviert wurden, stehen als nächstes Assists für Weakside-Shooter auf dem Speiseplan. Auch unter Druck punktgenau serviert – versteht sich:

Befindet sich Mitrovic mit dem Rücken zum Korb und dreht sich zur Baseline, folgt meist ein Anspiel auf den cuttenden Center oder den in der gegenüberliegenden Ecke wartenden Werfer. Was Galatasaray in der Euroleague schmerzlich erfuhr, dürfte gerade auch für die Mannen von Gordie Herbert in Frankfurt interessant sein. Schließlich ist besagter Herbert doch bekannt dafür, in solchen Situationen fast immer gleich zu verteidigen und einen zweiten Verteidiger einrücken zu lassen. Luka Mitrovic dürfte gewarnt (und vorbereitet) sein.

Mit Fug und Recht lässt sich behaupten, dass zumindest hinsichtlich der Pass- und Aufpostfähigkeiten der Übergang von Nicolo Melli zu Luka Mitrovic reibungslos verlaufen dürfte. Schade nur für den Serben, dass elitäre Schützen wie Strelnieks oder eben jener Melli das Weite gesucht haben. Bamberg dürfte mit Ausnahme von Bryce Taylor und Lucca Staiger in der kommenden Saison nicht mehr mit Flammenwerfern von außen agieren – eine Vorstellung, an die mancher sich erst gewöhnen muss. Auswirkungen dürfte das gerade auf Leute wie Mitrovic haben, ist es für Spieler seiner Art doch essentiell, genug Raum zum Operieren am Zonenrand zu haben und Mitspieler zu besitzen, die die entsprechenden Pässe in Korberfolge ummünzen können. Besonders in Bamberg unter Coach Trinchieri dürfte er gehofft haben, durch bessere Raumaufteilung und besser werfende Mitspieler größere (individuelle) Erfolge erzielen zu können als noch in Belgrad. Spieler wie Daniel Hackett dürften jedoch eher defensiv in der Pick and Roll-Verteidigung von Vorteil sein als offensiv als Spot-Up Shooter. Um eine alte Phrase zu bemühen: „Shit happens.“

Unterschätzte Fähigkeiten

Eine weitere Facette im Spiel von Luka Mitrovic ist das klassische Blocken und Abrollen. Zwar ist der 2,05m Mann nicht dafür bekannt, Korbanlagen in Daniel Theis-Manier auf Herz und Nieren zu prüfen, dafür kann der Neu-Bamberger ein solides Repertoire an Reverse Layups und anderen technischen Feinheiten am Ring vorweisen. Im Gegensatz zu Melli, der meist die Pop-Variante nach dem Blockstellen bevorzugte, dürfte Mitrovic in Bamberg eine beachtliche Zeit damit verbringen, die Karte mit dem Weg zum Korb zu studieren. Gerade in Aufstellungen mit Quincy Miller, der neben seiner Athletik auch über einen respektablen Wurf verfügt, dürfte für Mitrovic genug Platz sein, diese Fähigkeit unter Beweis zu stellen. Ex-Sportchef und Teilinhaber der Luka Mitrovic/Bamberg-Aktiengesellschaft, Danieli Baiesi, ist sicherlich nicht entgangen, dass der Forward trotz limitierter Wiederholungszahlen als Roll-Man in der Vergangenheit eine gute Figur abgegeben hat. Dabei ist interessant, dass Mitrovic seine Screens meist extrem schnell auflöst und eine Folgeaktion initiiert. Auch Slip-the-Screen-Varianten dürften in Zukunft genutzt werden, positioniert der Serbe seine Füße dabei doch tadellos:

Pocket-Pässe zu einem an der Freiwurflinie positionierten und in Überzahl agierenden Mitrovic klingen zu erfolgsversprechend, um am Ende nicht im Trinchieri-Playbook zu landen. Doch auch für die besprochene, klassische Variante des Abrollens gibt es genug Evidenz, um solide Leistungen in diesem Bereich zu erwarten.
Im folgenden Beispiel zeigt sich, wie schnell Belgrads Nummer Neun nach dem Screen wieder in der Zone ist und welche Hilfen des Gegners notwendig sind, um die einfachen Punkte zu verhindern. Der Pass daraufhin auf die Weakside – reine Routine.

Und auch wenn der Serbe den Ball nicht in unmittelbarer Nähe zum Korb empfängt, so öffnet er dennoch genügend Räume für seine Mitspieler. So etwa hier, wo wieder Nemanja Dangubic der Nutznießer ist.

Bei all dem Lob auf die zweifelsohne vorhandenen Fähigkeiten des Neuzugangs dürfte Fans verwundern, warum zurzeit eine Statistik im Netz kursiert, die so gar nicht suggeriert, dass Luka Mitrovic ein überdurchschnittlicher Basketballer ist. Die Rede ist vom +/-. Eine Zahl, die angibt, wie viel Punkte mehr oder weniger das eigene Team erzielt, wenn der entsprechende Spieler auf dem Feld steht. Unter der Spalte Luka Mitrovic steht eine beißende 87, jedoch mit einem Minus davor.

Damit ist der Kapitän der letztjährigen Belgrader Truppe der mit Abstand schlechteste Akteur in dieser Kategorie. Zufall? Nur bedingt. Grundsätzlich wäre es falsch, aufgrund dieser Statistik einen Spieler abschließend beurteilen zu wollen. Aber sie ist doch in dem Sinne interessant, dass sie gewisse Limitationen eines Spielers zeigt, im Vakuum, aber auch unter Betrachtung der Mitspieler. Nicht umsonst weist etwa ein Marko Simonovic, oftmals positionsgetreuer Ersatz für Mitrovic, den zweitbesten Wert mit +98 auf. Simonovic, vor allem im letzten Jahr ein tödlicher Dreierwerfer, war wie gemacht für das System von Trainer Radonjic. Luka Mitrovic? Eher weniger.
Man stelle sich einen Arbeiter im Zoo vor, der für das Giraffengehege eingeteilt ist, aber eigentlich viel besser über Elefanten und deren Vorlieben Bescheid weiß. Wie würde sich dieser jemand wohl schlagen? Sicherlich nicht durch die Bank weg schlecht, weil er sich grundsätzlich mit Tieren auskennt, aber doch längst nicht so gut wie ein Arbeiter, dessen Passion der Umgang mit den Langhalstieren ist. So oder so ähnlich darf man sich die Situation von Luka Mitrovic in Belgrad vorstellen. Mitrovic, ohne passablen Wurf (3/18 Dreier), wurde meist als Spot-Up-Shooter eingesetzt, während Point Guard Stefan Jovic und Center Ognjen Kuzmic Pick and Roll-Drills liefen. Die oben im Text angesprochenen Stärken wie etwa das Low-Post-Spiel oder das exzellente Passing-Game verdunsteten so meistens im Nichts. Luka Mitrovic war goldrichtig im Basketballgehege aufgehoben, nur eben nicht an der richtigen Stelle. Dementsprechend wurde er allein gelassen.

Der Power Forward wartete auf Verteidiger. Es kamen keine.

An manchen Abenden grenzte die Verteidigung des Gegners an Respektlosigkeit. Moskaus Coach Dimitrios Itoudis entschuldigte sich sogar bei seinen Spielern während des Spiels für einen getroffenen Dreier von Mitrovic. War er es doch, der seinen Mannen Deckungsverbot erteilte.

Falsch eingesetzt, ohne verlässlichen Jumper, dazu nach langer Verletzungspause zu Beginn noch ohne Rhythmus und Härte im Abschluss – Luka Mitrovic dürfte in Bamberg einen besseren Start anpeilen als vergangenes Jahr. Sehen die Bamberger Verantwortlichen in Mitrovic jedoch ebenfalls nur einen bulligen Spieler, der zwar durchaus besondere Fähigkeiten besitzt, aber noch viel lernen muss – vor allem abseits des Balles – dann dürfte das Projekt einige Schwierigkeiten beheimaten. Der serbische Rohdiamant benötigt nicht unbedingt den Ball, aber durchaus Aktionen, in denen er involviert und seine Wurfschwäche maskiert wird. Plays, in denen der Power Forward im Fokus steht und nicht Endverbraucher Nummer Fünf ist, der nach drei misslungenen Pick and Rolls den Ball empfängt und nicht so recht weiß, was er damit anfangen soll. Spielzüge wie diese:
Alles startet in der Horns-Aufstellung. Ein Ballhandler in der Mitte, zwei Spieler an den Elbows.

Daraufhin täuscht Luka Mitrovic, im obigen Bild der hintere Spieler, ein Pick and Roll mit dem Ballführer an, nur um dann einen Block vom Center zu erhalten.

Mitrovic erhält den Ball in vollem Lauf, während sein Gegenspieler noch damit beschäftigt ist, den Weg um den Block zu finden. Da die Defensive keinen Switch kommuniziert, kann Mitrovic nun mit hohem Tempo zum Korb schneiden.

Dank des für seine Größe überdurchschnittlichen Ballhandlings und der soliden Schnelligkeit bieten sich Mitrovic hier nun einige Optionen: Der Abschluss am Ring, der Pass auf die Strongside oder der Pass zum ebenfalls abrollenden Center.
Andrea Trinchieri sollte wissen, worum es geht:

Natürlich lässt sich diese Variante auch auf der gegenüberliegenden Seite spielen:

Ein weiteres Set-Play, das sowohl in Bamberg als auch in Belgrad Einzug ins Playbook gefunden hat, ist folgendes:

Während Stefan Jovic und Milko Bjelica, hier in Bildausschnitt 1 zu sehen, ein Pick and Roll laufen, stellt Mitrovic in „Kasten 2“ bereits einen Block für seinen Mitspieler Charles Jenkins. Dadurch binden die eigentlich nur sekundär in das Spielsystem eingebundenen Mitrovic und Jenkins die potenzielle Help-Defense und lassen den Pick and Roll-Spielern genügend Spielraum zum Agieren.
Meistens entsteht dabei etwas Gutes, wie hier:

Jenkins empfängt den Ball in der Ecke und kann den Ball weiter zu Mitrovic oder Bjelica passen. Auch der offene Dreier ist eine Alternative. Fazit: Spielzug aufgegangen.

Non-Shooting Lineups

Generell darf sich aber doch die Frage gestellt werden, wie Situationen, in denen Mitrovic am Perimeter verweilt, in Bamberg gelöst werden sollen. Es wäre utopisch zu glauben, dass der Neuzugang plötzlich der alleinige Fokuspunkt im Spiel von Andrea Trinchieri sein wird und Unmengen an Possessions selber abschließt. Die obigen Bilder dürften daher schon einen kleinen Einblick in die Denkweise von Coach Trinchieri und seiner Auffassung von effektivem Off-Ball-Spiel gegeben haben. Kurz gesagt wird es vor allem auf eines hinauslaufen: Weakside-Screens. Diese sind vor allem deshalb so effektiv, weil sie zum einen offene Dreipunktewürfe generieren können, andererseits aber auch potenzielle Help-Verteidiger binden.
Man stelle sich Augustine Rubit an Stelle von Kuzmic vor:

Ein wichtiger Punkt, der bei der Betrachtung von Non-Shootern und deren Screens gerne unbeachtet bleibt, sind ausbleibende Anweisungen der Defensive. Verteidiger, die es mit am Perimeter ungefährlichen Akteuren zu tun haben, richten ihren Fokus oftmals so sehr auf das Spielgeschehen mit dem Ball, dass sie Blöcke in den Rücken zu spät oder gar nicht kommen sehen. Für die jeweiligen direkten Verteidiger hat das keine Konsequenzen, wohl aber für den Spieler, der plötzlich den Weg versperrt bekommt. Ein Beispiel aus dem Spiel Belgrad gegen Athen:

Chris Singleton, erkennbar durch den auf ihn zeigenden, schwarzen Pfeil, rückt merklich tief in die Zone ein, um das Pick and Roll der Hausherren zu vereiteln. Dabei richtet sich sein Blick nur auf Stefan Jovic, nicht auf seinen direkten Gegenspieler. Unbemerkt von Singleton stellt nun jedoch Luka Mitrovic, besagter Gegenspieler, einen Block in den Rücken von James Feldeine, Guard der Gäste. Normalerweise würde Singleton diesen Block in den Rücken sofort ausrufen und dessen Wirkung verpuffen lassen. Da sein Fokus zum „Nichtwerfer“ aber gen null tendiert und er diesen als gefahrlos einstuft, verpasst er seine wichtigste defensive Aufgabe – und wird bestraft. Der Ball wandert aus Jovic Händen zum freien Jenkins in der Ecke. Der offene Dreier findet sein Ziel.

Lehrbuchmäßig und doch nicht gut genug

Wege und Mittel gibt es also, um Spieler wie Mitrovic auch abseits des Balles zu integrieren. Doch nicht nur dort, sondern auch im Bereich des Rebounding und der Defense bedarf es in Zukunft einiger Arbeit, um in der Euroleague wettbewerbsfähig zu sein. Wurde zu Beginn der Vergleich zu Nicolo Melli gezogen, so sollten in Bamberg zumindest in den gerade beschriebenen Kategorien die Erwartungen etwas zurückgeschraubt werden. Ein Blick in die Statistikbücher verrät: Melli holte in der vergangenen Saison auf 40 Minuten hochgerechnet fast doppelt so viele Boards wie sein Nachfolger aus Belgrad. Zum einen, weil der Italiener Stand heute einfach der bessere, smartere Rebounder ist, zum anderen, weil Mitrovic in der Regel für seine Mitspieler ausboxte und ihnen die Rebounds überließ. Wenn sich Coaches in Auszeiten um Kopf und Kragen reden, besteht eine gute Chance, dass sie es wegen verpassten Reboundmöglichkeiten tun. Schlechte Transition Defense, zugelassene Offensivrebounds wegen verpasstem Boxout – es gibt Dinge, die Trainer auf die Palme bringen. Luka Mitrovic dürfte sich zumindest in Sachen Ausboxen vor Trinchieris Wutanfällen in Sicherheit wägen, ist er doch sehr diszipliniert, was das Abschirmen des Gegners betrifft.
Bei Betrachtung des folgenden Bildes fallen vier Kreise auf. Kreise, die Köpfe von Belgrader Spielern zeigen, welche wiederum der Wurfkurve des Balles folgen. Einzige Ausnahme? Luka Mitrovic. Sein Blick richtet sich gen Gegner – und verharrt dort.

Wohin der Ball fliegt, ist für den Serben in erster Linie nicht entscheidend. Der Blick wieder starr zum Gegenspieler gerichtet.

Der Power Forward hatte in Belgrad den Luxus, sein Betätigungsfeld mit Center und 2,14m-Mann Ognjen Kuzmic teilen zu können. Letzterer ist zwar als einer der besten Rebounder Europas bekannt, dürfte sich dennoch wohl kaum über eine Vielzahl an „leichten“ Rebound beschwert haben. Fakt ist, dass Mitrovic in Bamberg selber mehr gefordert sein wird. Ausboxen für Teamkollegen in allen Ehren – am Ende muss der Ball irgendwie in Besitz der eigenen Mannschaft gelangen. Ausgehend von der Tatsache, dass die Mannen von Coach Trinchieri in der Vergangenheit bereits zu den schlechtesten Reboundteams der Euroleague gehörten, dürfte die Verpflichtung von Mitrovic keine allzu positiven Sprünge auslösen. Gegen Gegner auf höchstem europäischen Niveau fehlt manchmal schlichtweg die Sprungkraft.

Gerade deshalb wird es auf die kleinen Leute wie Daniel Hackett ankommen, das orange Leder in Sicherheit zu bringen. Melli als Reboundspezialisten eins zu eins zu ersetzen wird nicht gelingen.

Wie plant Trinchieri?

Auch defensiv hinterlässt der Italiener eine große Lücke. Mit Daniel Theis bildete der Forward zumindest auf BBL-Niveau eine Defensivachse, die seinesgleichen suchte. Wird bei den Neuverpflichtungen gerne auf fehlende Distanzwurfqualitäten verwiesen, so könnten Leute wie Daniel Hackett oder Bryce Taylor doch gerade in der Defensive gewisse Lücken schließen. Ist Trinchieri gewillt, mit Mitrovic als Fünfer in einzelne Spielabschnitte zu gehen, so benötigt der 24-jährige zumindest einen Partner, der Druck auf den Ball ausübt und seine athletischen Schwächen versteckt. Im Pick and Roll war Mitrovic letzte Saison defensiv meistens in Begleitung von Charles Jenkins oder Branko Lazic anzutreffen, Europas gefürchtete Kettenhunde. Da Gegner zudem oft das Blocken und Abrollen mit dem jeweiligen Center spielten, wurde der Serbe nur selten in Bredouille gebracht. Einzig nach Closeouts sah der junge Mitrovic in einigen Situationen alt aus. Kleinere Vierer, die am Perimeter auf ihn warteten, hatten wenig Mühe mit einem Dribbling den Weg Richtung Zone anzutreten.

Selbst Marko Banic, Ex-Alba-Spieler, und nicht gerade dafür bekannt, der schnellste Mensch Europas zu sein, durfte sich ein Bild von den weniger gut ausgebildeten Close-Out Fähigkeiten seines heraus sprintenden Gegenübers machen. Was im Bild nicht direkt sichtbar wird: Banic zog an Mitrovic vorbei.

Generell darf sich Bambergs Neuzugang aber attestieren lassen, verschiedene Defensivschemata ordentlich ausführen zu können. Mitrovic ist durchaus gewillt, am Perimeter gegen kleinere Guards heraus zu treten und die Penetration zu verhindern. Switches, die Zuschauer gerade von Daniel Theis in Perfektion sahen, dürften dagegen nicht zur Regel gehören.


Insgesamt verspricht die Personalie Luka Mitrovic spannend zu werden. Einerseits, weil seine Passfähigkeiten unbestritten sind und Andrea Trinchieri dafür berüchtigt ist, diese dann auch voll auszukosten. Andererseits, weil auf Stefan Weissenböck sicherlich eine ganze Menge Arbeit zukommen dürfte, um den Wurf des Serben zu stabilisieren. Bringt Mitrovic seinen Dreipunktewurf mittelfristig auf eine zumindest akzeptable Quote und findet der Bamberger Coaching Staff Mittel und Wege, das Reboundproblem zu lösen, dann dürfte in einigen Jahren die Frage erlaubt sein: Wie viel „Mitrovic“ steckt denn nun wirklich in Neuzugang XY?

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