Boston Celtics, NBA, Philadelphia 76ers

Wie die Philadelphia 76ers Kyrie Irving attackieren

Set Play #6

Das Spiel der Philadelphia 76ers gegen die Boston Celtics kann man wohl mit Recht als eines der wichtigeren dieser Regular Season bezeichnen. Mehrere Spieler der Sixers betonten im Vorfeld, wie wichtig es ihnen im Hinblick auf die Playoffs war, die Celtics zu schlagen, die in den letzten Aufeinandertreffen zumeist die Oberhand behalten hatten und auch die letztjährige Zweitrundenserie mit 4-1 gewannen. Auf dem Feld wurde es dann schnell hitzig: Marcus Smart wurde ejected, Joel Embiid dominierte dank 21 gezogener Freiwürfe. Am Ende zeigte Philadelphia in einer packenden Schlussphase mehr Nerven.

Aber wie?

Wie verteilten die Sixers, die ja nach ihren Midseason-Trades vier veritable Stars im Kader haben, Würfe und Spielanteile in der Crunchtime? Welche Sets ließ Brett Brown laufen? Wer war der Go-to-guy?

Die Antwort mag unter Umständen etwas überraschen: Kyrie Irving.

Schauen wir uns einmal alle Halbfeld-Possessions der Sixers in den letzten zwei Minuten an.

1) In diesem ersten Play liegt der Ball in den Händen des vermeintlich besten Closers im Team, Jimmy Butler. Tobias Harris, der von Kyrie Irving verteidigt wird, kommt zu einem ziemlich simplen Pick-and-Roll nach oben an die Birne.

Interessant ist auch das Spacing der restlichen Sixers. JJ Reddick campt in der ballfernen Ecke, Joel Embiid wartet in der Ballside-Ecke, Ben Simmons versteckt sich im Dunker-Spot. Man beachte bitte, wie viel Platz unter dem Korb frei ist, da Jaylen Brown unter keinen Umständen von JJ Reddick weghelfen kann.

Die Pick-and-Roll-Verteidigung der Celtics ist dann auch suboptimal. Kyrie Irving kommt bereits relativ früh weit nach oben, bevor Butler sich überhaupt in diese Richtung bewegt hat; er antizipiert hier offenbar, dass er dem Switch sowieso nicht ausweichen kann.

Dies ist jedoch eine klare Fehlentscheidung. Denn Butler dribbelte nicht über den Screen, sondern bewegt sich zur rechten Seite. Für Jayson Tatum gibt es somit keinen Grund, zu switchen. Irving jedoch steht mittlerweile viel zu hoch und kann den zum Korb rollenden Tobias Harris nicht mehr einholen – zwei einfache Punkte.

Ebenfalls unverständlich ist das Verhalten von Marcus Morris. Da Jaylen Brown, wie gesagt, von Reddick nicht weghelfen kann, muss die Helpside von der Ballside erfolgen, vor allem, da Morris den krassen Non-Shooter Simmons verteidigt. Dazu kommt noch: Simmons und Embiid stehen so nah beieinander, dass Al Horford locker beide in seinen Deckungsschatten hätte nehmen können, wenn Morris rotiert wäre. Morris liest hier schlicht und ergreifend die defensive Situation schlecht.

2) Nächstes Play, leicht verändertes Setup. Jimmy Butler hat den Ball an der Birne, Simmons läuft zum Korb, Harris mit Gegenspieler Irving kommt zum Pick-and-Roll mit Butler.

Das Spacing der Sixers ist dieses Mal allerdings nicht perfekt: Simmons (Dunker-Spot), Embiid (Ecke) und Reddick (Flügel) stehen alle auf der selben Seite – Morris steht so in perfekter Helpside-Position für einen Drive von Butler oder den abrollenden Harris.

Das ist jedoch auch nicht nötig. Irving hat dieses Mal sichtlich Angst, zu weit von Harris nach oben zu hedgen und bleibt in der Pick-and-Roll-Verteidigung sehr tief. Butler sieht das (und dass die Helpside steht) und steigt direkt zum Dreier hoch. Der Wurf geht daneben, aber so einfach wollen die Celtics vergleichbare Abschlüsse in der Crunchtime mit Sicherheit nicht abgeben.

3) Drittes Play. Dieses Mal bringt Ben Simmons den Ball über die Mittellinie. Reddick und Butler besetzen die Ecken, Harris stellt einen Down-Screen für Embiid, offenbar im Versuch den bisher überragenden Big Man in Szene zu setzen.

Al Horford lässt jedoch keinen einfachen Abschluss zu, also stellt Harris abermals einen Pick für Simmons.

Und Kyrie Irvings Defensivarbeit im Pick-and-Roll? Ist dieses Mal überhaupt nicht vorhanden.

Irving bewegt sich kein bisschen, Simmons kann Tempo aufnehmen und zieht beim Drive das Foul vom (verständlicherweise) überforderten Morris – And-One! Tatum und Brown spielen ebenfalls keine Helpside, da sie die Schützen in den Ecken verteidigen müssen.

4) Das vierte und letzte Play ist dann das spielentscheidende, gleichzeitig aber auch das simpelste. Butler holt den Rebound, dribbelt nach vorne, sieht, dass er von Irving verteidigt wird und geht in die Isolation.

Er scort schließlich daraus, jedoch eher nach einem halb verlorenen Ball, sodass man zumindest in dieser Hinsicht die Schuld nicht bei Irving suchen kann. Trotzdem fällt eine Sache auf, nämlich wie gigantisch viel Platz unter dem Korb ist – kein einziger Spieler steht in der Zone!

Und in dieser Hinsicht muss man den übrigen Celtics einen klaren Vorwurf machen. In der Weakside-Ecke steht nämlich nicht mehr JJ Reddick, sondern James Ennis, der für die letzte Defensiv-Possession eingewechselt wurde – ein 30%-Dreipunkt Shooter (in Philly). Wieso rotiert Al Horford nicht viel weiter auf die Korb-Korb-Linie und lässt Jayson Tatum den im Dunker-Spot wartenden Simmons und Ennis verteidigen? Ein fundamentales Defensiv-Prinzip lautet, das Feld so klein wie möglich zu machen. Dieses verletzen die Celtics in dieser Possession sträflich.

Fazit

Und was nehmen wir jetzt daraus mit? Zum einen, dass sich Celtics-Fans Sorgen um die defensive Performance von Kyrie Irving machen sollten. Mai und Juni in der NBA ist Jagd-Saison – nach Mismatches. Wie oft haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass Teams gezielt den kleinsten und schwächsten Spieler des Gegners attackieren? Irving muss in solchen Situationen besser dagegenhalten. Ob er das kann ist fraglich, seine Defensive galt eigentlich als verbessert, gegen die Sixers war davon allerdings nichts zu sehen. Aus 4 Possessions generierte Philadelphia 7 Punkte und einen offenen Dreier aus dem Dribbling, indem sie Irving  auf ziemlich simple Art und Weise attackierten.

Die Sixers auf der anderen Seite bieten für so etwas deutlich weniger Angriffspunkte, da sie die Möglichkeit haben, mit Simmons-Butler-Ennis-Harris-Embiid komplett switchfähige Lineups aufs Feld zu stellen. Interessant ist auch, dass Philadelphia Joel Embiid, den klar besten Spieler des Teams in dieser Saison und an diesem Abend, in der Crunchtime kaum noch einsetzte. Dies könnte an seiner Kondition liegen (41 Minuten gegen Boston), aber auch daran, dass er sich die Körner für die Defense aufsparen sollte und man zufrieden mit Butler/Harris/Simmons als Closer ist. Die Starting-Five der 76ers ist offensiv in der Crunchtime nur ganz, ganz schwer zu knacken.

Gleichzeitig sollten die Celtics sich nicht zu früh ins Bockshorn jagen lassen. Gerade das Helpside-Verhalten der übrigen Spieler war oft nicht ideal, da Non-Shooter wie Simmons, Embiid und Ennis zu viel Aufmerksamkeit bekamen. Dies könnte jedoch auch daran liegen, dass die Tendenzen und Stärken der Gegner in der Regular Season schlicht nicht immer klar sind. In den Playoffs, wenn detailliertere Matchpläne vorliegen, sollten die Celtics besser auf die 76ers eingestellt sein. Also: Keep Calm and Trust in Brad Stevens.

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1 comment

  1. Poohdini

    Sehr schöne Analyse Julian. Du hast im Prinzip genau den einen Punkt analysiert, der nach den Trades von Interesse war. Während man davor Irving immer auf Cov oder Dario verstecken konnte und die Sixers eh keine Ballhandler hatten, um den Switch zu attackieren, ist jetzt beides anders. Das hast du gut gezeigt. Auch wie mies Morris zum Teil Help Defense gespielt hat.

    Irving wurde bewusst auf Harris gesetzt und die Sixers attackierten die Celtics da v.a. in H1. Zwar nur mit mittelmäßigem Erfolg, Harris hatte aber auch 3 einfache Korbleger verlegt. Die Celtics können Irving nicht mehr verstecken. Gg Harris und Butler hat er wohl keine Chance mehr.

    In dem Play, in dem Simmons punktet, würde ich sogar eher Morris die Schuld geben, der IMO viel zu hoch steht und als Verteidiger von Simmons locker mehr Platz lassen kann. Irving könnte eh nicht viel machen.


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