medi Bayreuth, Scouting

Robin Amaize – das schlampige Genie

Die Entwicklung des 23-jährigen Bayreuthers in der Analyse

Athletik. Spielwitz. Kreativität. Mit diesen Worten charakterisierte Raoul Korner im Sommer 2016 seine Neuverpflichtung Robin Amaize. Wirklich neu war dabei jedoch lediglich die Tatsache, dass dieser zukünftig im Trikot von medi Bayreuth für Coach Korner auflaufen würde. So hatte Korner zuvor bereits in seiner zweijährigen Amtszeit bei den Basketball Löwen Braunschweig mit Amaize zusammengearbeitet und den jungen Deutschen dabei kontinuierlich an die BBL-Mannschaft der Braunschweiger herangeführt. Dermaßen miteinander vertraut besann der Österreicher sich nach seinem Wechsel Richtung Oberfranken auf die Qualitäten des Flügelspielers und konnte ihn dazu überreden, ihm nach Bayreuth zu folgen, wo er mit einem Vertrag bis 2019 ausgestattet wurde.

Von manchem vielleicht lediglich als „Busfahrer“ und Kandidat für die Garbagetime gesehen, erhielt Amaize von Saisonbeginn an das Vertrauen seines Coaches und konnte von der Bank kommend immer wieder überzeugende Impulse setzen. Zwar schwankte seine Spielzeit über den Saisonverlauf hinweg, jedoch fiel der gebürtige Gießener zu keinem Zeitpunkt der Saison komplett aus der Rotation der Bayreuther. So war auf dem Spielberichtsbogen hinter seinem Namen nur in fünf Partien eine einstellige Spielzeit vermerkt, dagegen stand er gleich elf Mal mehr als 15 Minuten auf dem Feld und konnte sich über die gesamte Saison hinweg eine durchschnittliche Einsatzzeit von 14:19 Minuten erarbeiten. Dabei deutete er schon früh im Saisonverlauf sein Potenzial als vielversprechender Spieler an. So gelang ihm bereits am fünften Spieltag beim 96-48 Heimsieg gegen seinen ehemaligen Verein aus Braunschweig das erste Ausrufezeichen der noch jungen Spielzeit: In knapp 26 Minuten traf er 6 seiner 11 Wurfversuche, davon 3 seiner 5 Würfe von jenseits der 6,75m und kam somit auf starke 17 Punkte, welche er um fünf Rebounds, einen Assist sowie 3 Steals ergänzte.

Konnte diese Statline noch durch den eher schwachen Gegner erklärt werden, so bewies Amaize knapp zwei Monate später in der Auswärtspartie gegen den FC Bayern Basketball, dass er auch gegen die Topteams der Liga seinen Beitrag für das Team zu leisten im Stande ist. Zwar konnte auch er die erste Niederlage der Bayreuther nach zuvor zehn Siegen in Folge nicht abwenden, doch beendete er das Spiel gegen das Team von Coach Sasa Djordjevic mit 25 Punkten (9/11 FGA, 3/4 3PA, 4/5 FTA) einem Rebound, zwei Assists und vier Steals. Spätestens seit diesem Spiel auf der Bühne BBL angekommen, etablierte sich der junge Wing fortwährend als fester Bestandteil der Bayreuther Überraschungsmannschaft, welche die reguläre Saison auf einem starken vierten Tabellenplatz abschloss. Dabei steuerte Amaize im Schnitt 5,5 PPG, 1,4 RPG, 1,2APG sowie 1 SPG zum Teamerfolg bei äußerst effizienten Wurfquoten (56,9 FG%, 37,2 3P%, 76,3 FT%) bei und konnte seinen Output im Viertelfinale gegen den späteren Finalisten aus Oldenburg sogar noch einmal auf starke 10,8PPG, 4RPG, 0,5 APG und 1 SPG (61,5 FG%/54,6 3P%/90 FT%) erhöhen. Als Abschluss dessen, was wohl mit Fug und Recht als Breakoutsaison bezeichnet werden kann, wurde er schließlich im Sommer von Coach Matthias Fischer für den Kader der A2-Nationalmannschaft nominiert und war für diese mit seinen MVP-prämierten Leistungen einer der Garanten für den Gewinn des Stankovic-Cups.

In Anbetracht dieser bemerkenswerten Leistungen bietet es sich an, einen genaueren Blick auf das Spiel des jungen Flügelspielers zu werfen und den Versuch zu unternehmen, einen Blick in seine mögliche basketballerische Zukunft zu werfen.

Bankdirektor

Betrachtet man die Rolle, welche Amaize in der vergangenen Saison im Kader der Bayreuther einnahm, so fällt schnell auf, dass er zwar fast ausschließlich von der Bank kam, seine Spielanteile dabei allerdings die manches Starters übertrafen. So lag etwa seine Usage Rate mit einem Wert von 19 deutlich über der Nate Linharts, eben jenem Spieler, als dessen Backup Amaize eigentlich fungierte. Teamintern stellte er hiermit den sechsthöchsten Wert aller Rotationsspieler sowie den zweithöchsten aller Bankspieler. Dies verdeutlicht, dass Amaize trotz seiner Rolle als Backup bereits in seinem ersten Jahr in Bayreuth viel Verantwortung in der Offense übernehmen durfte und auf dem Feld auch das Selbstbewusstsein besitzt, diese Chance wahrzunehmen. So waren seine 10,1 FGA/36 der fünfthöchste Wert im Team von Raoul Korner, damit warf er den Ball relativ gesehen öfter Richtung Korb als beispielsweise Center Andreas Seiferth.

Will man seine offensive Rolle genauer definieren, so ist zu konstatieren, dass Amaize überwiegend den eigenen Abschluss suchte. Obwohl er in früheren Phasen seiner Karriere noch teilweise als Ballhandler eingesetzt wurde, sind Playmaking-Elemente in seinem Spiel zumindest aktuell noch eher Mangelware. Lediglich 2,7 Assists/36 sowie eine Assist Percentage von 13,3 (ligaweit außerhalb der Top 100) unterstreichen diesen Eindruck. Positiver Nebeneffekt dieser Tatsache war dabei, dass die Nummer 15 der Bayreuther im Umkehrschluss auch nur selten den Ball verlor, seine 2,28 TO/36 bedeuteten für ihn in der abgelaufenen Saison lediglich Platz 77 im Ligavergleich. Ein Blick auf seine Shotchart und damit auf sein Wurfverhalten skizzieren vielmehr das Bild eines typischen Flügelspielers im modernen Basketball, weisen jedoch auch einige Auffälligkeiten auf.

Shot Chart via korbrechnung.de

So beschränkte er sich in seiner Wurfauswahl zwar fast ausschließlich auf Abschlüsse von hinter der Dreierlinie oder aber direkt am Korb und damit auf möglichst effiziente Würfe, suchte dabei jedoch mit dem Dreipunktewurf aus den Ecken nur selten einen der eigentlich meistgeschätzten Würfe im heutigen Basketball. Vielmehr kamen die meisten seiner versuchten Dreier aus 45-Grad-Position zum Korb, welche er mit 47,4% bzw. 43,8% 3P% auch hochprozentig verwandeln konnte. Dabei entstand das Gros dieser Abschlüsse gerade in der Frühphase der Saison nach Curls über die Baseline sowie einen anschließenden Block seiner Mitspieler oder aber nach dem Kick Out-Pass nach Pick and Roll- Situationen. Gerade im zuerst beschriebenen Szenario wurde Amaizes gute Fußarbeit deutlich, welche es ihm ermöglichte, aus dem Lauf sauber in seine Wurfbewegung überzugehen. Waren seine Versuche von hinter der Dreierlinie demnach zu Beginn der Saison noch fast ausschließlich direkt assistierte Würfe, so traute er sich mit fortschreitendem Saisonverlauf teilweise auch als Ballhandler nach einem On-Ball-Screen zum Wurf hochzusteigen. Dabei machten diese Abschlüsse jedoch weiterhin nur einen kleinen Teil seiner Wurfversuche aus, ein ausgereiftes Pull Up-Game nennt der junge Flügel bisher nicht sein Eigen.

Amaize positioniert sich am linken Zonenrand (1), streift seinen Verteidiger beim Curl um den Screen vom Marei ab (2) und steigt direkt nach Erhalt des Passes zum offenen Wurf hoch (3)

Als zweite Auffälligkeit in Amaizes Shotchart fällt seine Quote bei den Abschlüssen direkt am Korb ins Auge, wo er in der abgelaufenen Saison fast jeden zweiten Wurfversuch unternahm. Dabei fällt eine deutlich ausgeprägte Differenz zwischen seinem Abschluss auf der linken (53,1%) beziehungsweise rechten (65,2%) Seite des Korbes auf: Diese mehr als 12% Unterschied im Abschluss am Ring machen den Unterschied zwischen effizientem und ineffizientem Spiel in dieser Zone aus und ließen Amaizes Wurfquote aus diesem Bereich auf 60,7% sinken. Während diese Werte gerade für einen Spieler in seiner ersten Saison mit konstanter Spielzeit immer noch akzeptabel sind, wird hier dennoch ein gewisses Verbesserungspotenzial deutlich. So schien Amaize regelrecht darauf bedacht zu sein, Abschlüsse über seine schwache linke Hand zu vermeiden und verleitete sich dadurch oftmals selbst zu unnötig komplizierten Würfen. Die Fähigkeit, besser mit seiner linken Hand finishen zu können, würde ihm dabei wohl nicht nur in den Situationen im Fastbreak oder nach Cuts zu Gute kommen, in denen er aktuell die meisten seiner Wurfversuche in der Zone generiert, sondern ihn auch bei Drives zum Korb zu einem variableren Offensivspieler machen. Im Zuge dessen wäre es für ihn auch möglich, zukünftig mehr als die durchschnittlich nur 1,46 FTA/Spiel aus der vergangenen Saison zu erzielen.

Amaize wird im Fastbreak von Doreth angespielt (1), zieht über links zum Ring (2), will aber den Abschluss über seine schwache linke Hand vermeiden, erschwert sich so den Wurf und vergibt am Ring (3).

Abschlüsse nach dem eigenen Offensivrebound machten in der abgelaufenen Saison ebenfalls nur einen verschwindend geringen Teil seines offensiven Repertoires aus. So war er mit insgesamt neun Offensivrebounds und einer offensiven Reboundrate von 3,5% kein wirklicher Faktor in diesem Bereich. Beim Blick auf seine Leistungen im defensiven Rebound wurde dieser eher durchschnittliche Eindruck bestätigt. Mit einer defensiven Reboundrate von 12% lag Amaize zwar vor etablierten Topspielern auf seiner Position wie Bryce Taylor oder Reggie Redding, war mit dieser Leistung aber dennoch Bestandteil der Tatsache, dass Bayreuth mit seinem elften Platz beim ligaweiten Vergleich im Defensivrebound nur unterer Durchschnitt war. Mit Blick auf seine physischen Voraussetzungen (1,96m und 98kg) bietet dieser Bereich seines Spiels somit noch deutliches Steigerungspotenzial.

Prinz der Diebe

Medi Bayreuth war in der Saison 2016/17 ein Offensivteam. Die Mannschaft von Raoul Korner traf vor allem von außen hochprozentig ihre Würfe, lag als Team sowohl im True Shooting als auch bei der Effective Fieldgoal Percentage in den Top 4 und wusste mit Trey Lewis einen der besten Offensivspieler der Liga in ihren Reihen. Im krassen Gegensatz zur offensiven Dominanz der Bayreuther stand dabei die Leistung am eigenen Korb. Ihr Defensivrating von 112,6 als Team war gleichbedeutend mit dem elften Platz im ligainternen Vergleich und damit das schlechteste aller Playoffmannschaften. In diesem defensiv unterdurchschnittlichen Kontext liest sich Amaizes persönliches Defensivrating von 109 umso erfreulicher, bot er damit doch nach Big Man Assem Marai noch immerhin den zweitbesten Wert im Team der Oberfranken auf und schaffte es auf den ligaweiten Platz 53 – vor Spielern wie Niels Giffey oder Clifford Hammonds.

Amaize präsentierte sich als engagierter Verteidiger, welcher vor allem Off-Ball Aufgaben übernahm und dabei stets darauf bedacht war, neben seinem eigenen Mann auch den Rest der Defense im Blick zu behalten. Als Ergebnis dessen war er häufig in der Lage gerade gegen das Pick and Roll in der Zone auszuhelfen oder erzwungene Switches bei sich bietender Gelegenheit rückgängig zu machen. Defensives Spielverständnis sowie der Wille zu verteidigen sind bei ihm deutlich zu erkennen und lassen ihn Rotationen oftmals korrekt absolvieren. Auch zeigt er in Transition Defense zumeist eine gute Übersicht und kann seinen Mann früh genug aufnehmen und darüber hinaus teilweise Pässe der Gegenspieler antizipieren und abfangen. Generell liegt in diesem Bereich die wohl größte Stärke in Amaizes Defense: Sei es in Transition, im Pick and Roll oder bei Hand Offs, der Bayreuther Youngster bewies stets aufs Neue seine langen Finger und stellte eine permanente Gefahr für den gegnerischen Ballbesitz dar. Seine 2,54 Steals/36 belegten den vierten Platz unter allen Spielern der BBL, bei der Steal Percentage konnte er mit seinem Wert von 4,07 sogar fast Ligaprimus Quantez Robertson das Wasser reichen. Die durch diese Ballgewinne kreierten Fastbreak-Situationen konnte Amaize in Folge oftmals selbst für einfache Punkte verwandeln.

Amaize realisiert früh in der Transition Defense den freien Gegenspieler und macht seine Mitspieler darauf aufmerksam (1), nimmt in dann jedoch selber auf (2) und kann mit seinem guten Timing den Pass abfangen (3).

Nichtsdestotrotz unterliefen dem jungen Deutschen als Spieler mit immer noch wenig Erfahrung auf höchstem nationalen Niveau auch immer wieder Fehler und Unaufmerksamkeiten in der Verteidigung. So zeigte Amaize manchmal die Tendenz als Off-Ball-Verteidiger auf der Weakside zu sehr auf den Ball zu achten und infolgedessen zu weit vom eigenen Mann abzusinken, was wiederholt mittels eines Screens gegen Amaize in einem freien Wurf für seinen Gegenspieler resultierte. Generell ist die Arbeit gegen Off-Ball-Screens ein Punkt, in welchem der Flügel weiterhin konstanter werden muss. Momentan wird er dabei noch zu oft auf dem falschen Fuß erwischt und brachte infolgedessen die Defense der Bayreuther aus der Balance. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass Amaize gerade in Anbetracht seiner Unerfahrenheit bereits jetzt ein überdurchschnittlicher Verteidiger ist und sowohl die körperlichen Voraussetzungen als auch scheinbar den Einsatz und Willen besitzt, um sich in diesem Bereich noch weiter zu steigern.

Amaize sinkt von der Weakside stark Richtung Zone ab (1) und will den Pass auf Freese verhindern (2), realisiert dessen Screen allerdings zu spät und ermöglicht seinem Gegenspieler somit die offene Wurfgelegenheit (3).

Festspielleiter?

Mit seinen Leistungen in der abgelaufenen Saison hat Robin Amaize in vielfältiger Weise überrascht und die an ihn gestellten Erwartungen deutlich übertroffen. Somit stellt sich trotz seines noch für zwei Jahre gültigen Vertrags bereits jetzt teilweise die Frage nach seiner Zukunft.

Da medi Bayreuth mit Nate Linhart einen der Starter und absoluten Leistungsträger auf dem Flügel bereits frühzeitig verlängern konnte, wird Amaize wohl auch in der kommenden Saison zumeist von der Bank kommen. Mit Blick auf die weiteren Verpflichtungen der Oberfranken wäre eine Steigerung seiner Spielzeit auf 20 Minuten pro Partie wohl auch bereits das maximal Mögliche. Erhält er jedoch in dieser Zeit auf dem Parkett weiterhin so viel Verantwortung wie es in der abgelaufenen Saison der Fall war und kann mit Linhart als einem der besten und vielseitigsten Flügelspieler der Liga als Lehrmeister an seinen Schwächen arbeiten, so wäre zur Saison 2018/19 eine Beförderung in erste Fünf der Bayreuther absolut denkbar. Hierzu wäre neben dem Abstellen kleinerer Fehler in der Verteidigung wohl vor allem eine Verbesserung seines Ballhandlings und damit einhergehend eine größere Variabilität in seinem Offensivspiel von Nöten.

Fraglich ist dabei jedoch, wie viel Entwicklungspotenzial Amaize mit seinen bereits 23 Jahren noch besitzt. So machen Spieler in diesem Alter nur noch selten allzu große Entwicklungssprünge. Gleichzeitig muss ihm zu Gute gehalten werden, dass die vergangene Saison seine erste mit konstanter Spielzeit in der BBL war und somit in seinem zweiten Jahr ein gewisser Leistungssprung noch durchaus vorstellbar ist. Zu einem der deutschen Topspieler der Liga wird er sich höchst wahrscheinlich nicht mehr entwickeln können, die Rolle eines Spielers mit Starterqualität vom Schlage eines Niels Giffey ist ihm im Optimalfall perspektivisch allerdings zuzutrauen. Während dieser Fall das Best Case-Szenario beschreibt, kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Robin Amaize noch lange Zeit als veritabler Bundesligaprofi in der BBL auflaufen wird und sich zu einem der prägenden Gesichter des Bayreuther Aufschwungs etablieren könnte. In der Wagnerstadt wissen sie ihn bereits jetzt zu schätzen. Für Athletik, Kreativität und Spielwitz.

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