Miami Heat

Erfolg ohne Superstar?

Was von der guten Bilanz der Miami Heat zu halten ist

Regelmäßig veröffentlichen NBA-Analysten Grafiken, auf denen zu sehen ist, wie alle 30 NBA-Teams in dieser Saison offensiv wie defensiv gespielt haben. Seit Saisonbeginn haben drei Teams dabei ähnliche Werte: Die Charlotte Hornets, Utah Jazz und Miami Heat. Was fällt dabei auf? Zwei der Teams haben negative Bilanzen und sind im Playoff-Rennen ihrer jeweiligen Conference weit abgeschlagen, das dritte hätte nach heutigem Stand Heimvorteil in der 1. Runde. Wie kann das sein? Freunde der modernen Analytics werden dabei auf verschiedene begünstigende Faktoren hinweisen: Ein leichter Spielplan oder auch schlicht das Glück, dass knappe Spiele gewonnen wurden (die Heat stehen bei 20 zu 8 in Clutch-Spielen). Traditionalisten werden dagegen halten, dass gerade dieser Erfolg in engen Spielen eben ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist.

Aber wie kommt diese Bilanz der Miami Heat überhaupt zustande? Wie spielen sie? Erst nach dieser Betrachtung kann man eine vernünftige Aussage darüber treffen, ob sie ihre erfolgreiche Bilanz werden aufrecht halten können.

Die nackten Zahlen

Um alle Leser auf den gleichen Stand zu bringen, müssen wir erst einmal die Zahlen betrachten. Miami legt derzeit ein Net-Rtg von -0,8 auf, die Offensive erspielt ein Off-Rtg von 103,8 (Platz 23 ligaweit), die Defensive ein Def-Rtg von 104,6 (Platz 10). Das reicht in der „Expected Wins/Losses“-Metrik von basketball-reference nur für 20 Siege bei 23 Niederlagen – in der Realität haben die Heat 6 Siege mehr geholt. Der Spielplan der Heat war dabei bisher durchschnittlich schwer (14.)

Besonders auffällig sind tatsächlich Miamis Zahlen in der Crunchtime. In den letzten 5 Minuten enger Partien steigt das Off-Rtg auf 126,1, das Def-Rtg sinkt auf 99,0, was ein Netrg von +27,1 zufolge hat. Dieser hervorragende Wert wird nur von den San Antonio Spurs übertroffen.

Ebenfalls nicht verschwiegen werden sollten die Verletzungen: Mit Dion Waiters, Hassan Whiteside, Rodney McGruder und James Johnson haben bereits vier Rotationsspieler der letzten Saison eine signifikante Anzahl von Spielen verpasst, viele andere haben sich bereits mit kleineren Wehwehchen herumgeschlagen. Insgesamt haben Heat-Spieler im Vergleich der 30 NBA-Franchises die drittmeisten Partien verpasst.

Die Offense

Die Offensive der Heat ist klar unterdurchschnittlich, aber das sollte auch niemanden überraschen.  Sie erleiden schlicht das Schicksal, das NBA-Teams ohne klare Stars in der Offensive trifft. Es fehlt ein Spieler im Kader, der konstant auf höchstem Niveau für sich und andere kreieren kann. Was dabei besonders bitter ist: diejenigen, denen man das wenigstens phasenweise zutrauen könnte, spielen für ihre Verhältnisse schwache Saisons.

An erster Stelle wären da Goran Dragic und Dion Waiters zu nennen. Das Duo hat das schlechteste +/- Rating aller 2-Mann-Kombinationen der Heat (-7,9) und harmoniert auf dem Platz nicht wirklich gut. Waiters ist dabei sowieso ein Spezialfall: Er ist wie Zeit seiner Karriere ein ineffizienter Spieler (Ortg 94), hat für die Heat aber trotzdem eine wichtige Rolle als Ballhandler in wichtigen Situationen übernommen. In der Crunchtime stieg seine USG% Rate auf abstruse 36,1%, trotzdem schaffte er es, ausgerechnet in diesen Situationen gute Abschlüsse zu kreieren (51,4% FG, 50,0% 3FG). So schaffte er immerhin ein hohes Volumen bei ordentlicher Effizienz. Da die Heat aber generell in der Crunchtime so stark sind, performte das Team trotzdem ohne ihn besser. Waiters ist also ohne Zweifel Teil des Problems, nicht der Lösung. Ihm steht wohl das Saisonaus nach einer Knöchel-OP bevor und siehe da, seit seiner Verletzung stehen die Heat bei einer 15-5 Bilanz.

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Von seinem Wegfall profitiert vor allem der bereits angesprochene Dragic. Nach seiner hervorragenden WM muss man seine erste Saisonhälfte als enttäuschend bezeichnen: Er scort im Vergleich zur letzten Saison weniger (PPG: von 20,3 auf 17,3) und ineffizienter (ORtg: von 112 auf 105), und spielt weniger Assists (APG: von 5,8 auf 4,9).
Zu gute halten kann man ihm, dass seine Schwierigkeiten zum Teil systembedingt sind. Seine Rolle ist generell minimal kleiner als letzte Saison (USG%: von 27,1 auf 26,7), dazu wird er etwas häufiger abseits des Balles eingesetzt. Spieler wie Tyler Johnson, Josh Richardson, Kelly Olynyk, James Johnson oder eben Waiters übernehmen alle Playmaking-Aufgaben, womit Dragic noch nicht wirklich gut zurechtzukommen scheint. Dazu dürfte er ein etwas schnelleres Spiel bevorzugen, sein Transition-Game – schon immer wichtiger Teil seines Spiels – ist noch nicht auf gewohntem Niveau, sowohl was Häufigkeit als auch was Qualität seiner Abschlüsse angeht.

               Freq. PPP
     
15/16 20,6% 1,07
16/17 18,5% 1,20
17/18 14,6% 1,01

Dragic ist jedoch trotzdem der Schlüssel zur Heat-Offensive. Er ist der einzige Spieler im Kader, der mit seiner Penetration Räume und Würfe für andere kreieren kann und bereits annähernd auf Allstar-Niveau agiert hat. Auf Dauer darf es nicht sein, dass er die Offense auf 100 Ballbesitze hochgerechnet um 1,8 Punkte schlechter macht…

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Denn brauchbare Rollenspieler hat Miami zu genüge. Die Heat unter Spoelstra bewegen sich mittlerweile auf Gregg Popovic/Rick Carlisle-Niveau, wenn es darum geht, unbekannte Rollenspieler aus dem Hut zu zaubern. Josh Richardson und Tyler Johnson treffen ihre Dreier und können stellenweise den Spielaufbau übernehmen und sogar Justise Winslow zeigt im dritten Jahr in kleinerer Rolle erste zarte Ansätze von Playmaking und Abschluss. Besonders Kelly Olynyk und Wayne Ellington machen die Heat-Offense jedoch besser. Beide bieten Spacing und in Olynyks Fall sogar unterschätzte Playmaking-Fähigkeiten als Big – er ist ohne Zweifel die positive Überraschung dieser Heat-Saison.

Neben Waiters fällt vor allem Hassan Whiteside negativ auf. Er agiert offensiv häufig lustlos, stoppt das Ballmovement und nimmt Abschlüsse, die er nicht beherrscht. Er agiert zwar durchaus effizient (ORtg: 113), macht die Offensive aber um stolze 8,4 Punkte schlechter  (!) , wenn er auf dem Parkett steht – umso krasser, weil sein Backup Rookie Bam Adebayo ist, der selbst alles andere als ein poliertes Offensivspiel hat. In der Crunchtime vertraut Coach Spoelstra daher meist auf James Johnson und Kelly Olynyk als Big-Men, um deren Wurf- und Passfähigkeiten in einer 5-Out-Offense zu nutzen.

Diese Crunchtime-Offense der Heat ist tatsächlich sehr interessant: Im Gegensatz zum Rest der Liga spielen die Heat dann etwas schneller (Pace: 96,3 statt 94,0), und behalten ihr Ballmovement bei – in der “normalen” Spielzeit sind sie nur auf Platz 19 bei der AST-Ratio, in der Crunchtime auf Platz 5. Bisher funktioniert das prächtig, aber lässt sich das für längere Zeit aufrechthalten? Ausschließen würde ich es nicht. Nach dem Waiters-Ausfall übernimmt Dragic wieder mehr Verantwortung, was ihm gut zu bekommen scheint, und schließlich zeigen die San Antonio Spurs seit Jahren, was mit annähernd perfekter Execution in der Crunchtime möglich ist.

Generell werden Würfe und Playmaking-Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Oberstes Gebot der Heat ist dabei das Spacing, ein Bereich, wo sich Erik Spoelstras hervorragendes Coaching zeigt. Meist stehen vier Spieler an der Dreierlinie, ein Big Man bewegt sich innerhalb der Zone; dann wird der Ball schnell bewegt und über mehrere Pick-and-Rolls oder Dribble-Handoffs in die Zone gebracht. Gut zu sehen, ist das beispielsweise hier…

Kelly Olynyk täuscht einen Handoff für Wayne Ellington an, abseits des Balles stehen drei Schützen auf perfekten Spots; direkt danach fließt das Play weiter in ein Dribble-Handoff Pick-and-Roll mit Dragic, wieder mit drei Schützen auf der Weakside. Ein solches Play ist schwer zu verteidigen. Kein einziger Jazz-Spieler hat einen Fuß in der Zone…

Davon profitieren nahezu alle Big Men im Team. Whiteside (1,15 PPP), Olynyk (1,17), Johnson (1,08) und Adebayo (1,17) schließen als Abroller aus dem Pick-and-Roll alle überdurchschnittlich effizient ab.

Ansonsten stellen die Heat viele Pindown-Screens für ihre Schützen. Besonders Wayne Ellington wird so gesucht, mit einigen Plays, in denen er im Vollsprint um einen Block curlt und zum Dreier hochsteigt; diese Plays erinnern an die Art und Weise, wie Kyle Korver von den Cleveland Cavaliers eingesetzt wird.

Besonders die Ecke besetzen die Heat sehr konsequent: Nur die Houston Rockets nehmen diesen sehr effizienten Wurf häufiger als die Heat (8,7 3FGA/Spiel aus den Ecken). Überhaupt nehmen die Heat (etwas zu) viele Dreier, das Spiel ist häufig sehr perimeterlastig. Hier kommt wieder das Fehlen von Stars zur Deutung: Es gibt quasi niemanden, der konstant ans Brett kommt, Freiwürfe zieht (17,4 FTA/FGA, Platz 26) oder mal einen Score erzwingt. In den schlechten Phasen, wenn der Dreier nicht fällt, tun sich die Heat daher extrem schwer in der Offensive. Daraus resultierten bereits einige deftige Niederlagen, die auch das miese Net-Rtg des Teams zum Teil erklären.

Daran etwas zu ändern, wird schwer. Man kann nicht oft genug betonen, dass die Heat keinen Star und keinen Spieler mit Starpotential im Kader haben. Und ohne so einen kann eigentlich kein Team eine wirklich überdurchschnittliche NBA-Offensive stellen. Die Execution des Teams ist bereits jetzt sehr gut und bietet wenig Potential zur Verbesserung. Ihre Identität sollten die Heat also eher am anderen Ende des Feldes suchen.

Die Defense

Auf dem Papier haben die Heat alles, was eine starke NBA-Defensive auszeichnet: Einen exzellenten Rim-Protector in Hassan Whiteside, eine Menge giftiger Perimeter-Defender und eine tiefe Bank, sodass die Intensität über 48 Minuten hoch gehalten werden kann.

Whiteside ist dabei ohne Zweifel das Herzstück der Defense: Er macht sie um 7,2 Punkte besser, wenn er auf dem Parkett steht. Er hat seine alte Blocksucht abgelegt („nur“ noch 1,8 BPG, Career-Low bei den Heat), beeinflusst aber eine Menge Würfe und schüchtert gegnerische Guards mit seiner Präsenz ein.  Diesen Einfluss wollen die Heat maximieren: Whiteside spielt selten aggressive Defense am Perimeter oder trappt den Ballführenden im Pick-and-Roll. Stattdessen wartet er in der eigenen Zone, um Drives zu erschweren. Was zugelassene Abschlüsse am Korb angeht, weisen die Heat starke Werte auf: Am Brett lassen die Heat die fünftschlechteste Trefferquote der Liga zu. Dazu ist Whiteside ein hervorragender Rebounder und hauptverantwortlich dafür, dass die Heat mit 79,5% die 4.beste DRB% der Liga aufweisen.

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Mit ihm als Absicherung können die Außenspieler eine Menge Druck am Perimeter ausüben, besonders Tyler Johnson und Josh Richardson zeichnen sich hier aus. Als Resultat kommen Miamis Gegner kaum zu Dreipunktwürfen: Die Heat lassen die wenigsten der Liga zu, sowohl insgesamt als auch aus der Ecke. Das langsame, methodische Spiel führt zudem dazu, dass gegnerische Teams nur selten einfache Abschlüsse in Transition bekommen.

Warum stellen die Heat dann „nur“ die neuntbeste Defense der Association? Dafür gibt es einige Gründe. Ein gewichtiger ist sicherlich Whitesides offensive Schwäche. Er spielt in dieser Saison nur 25,5 MPG und sitzt häufig in der Crunchtime auf der Bank; nimmt Coach Spoelstra aber James Johnson oder Kelly Olynyk für ihn aufs Feld, leidet unweigerlich sofort die Defense. Überhaupt sind die Big Men mit Ausnahme Whitesides wohl das größte Problem. Miami spielt häufig mit zwei traditionellen Bigs, sowohl Olynyk als auch Johnson und Adebayo sind jedoch alle recht fußlahm. Besonders mit Stretch Bigs und schnellen Abrollern haben sie oft Probleme. Adebayo etwa macht zudem trotz seiner imposanten Statur noch die erwartbaren Rookie-Fehler. Mit einem Spieler wie Whiteside sollten die Heat jedenfalls nicht prozentual die meisten (Freq.: 8,4%) und die vierteffizientesten (1,16 PPP) Abschlüsse der Abroller aus dem Pick-and-Roll zulassen! Dieses Problem scheint Coach Spoelstra jedoch bereits erkannt zu haben: Im Vergleich zu Saisonbeginn, bleiben die Heat-Big-Men deutlich länger bei ihrem Mann und lassen im Zweifel häufiger den Abschluss des Ballhandlers zu. Teilweise wurde auch Justise Winslow bereits als schneller Stretch-Vierer eingesetzt, aber das bleibt dennoch eher die Ausnahme.

Von den übrigen Rotationsspielern ist vor allem Wayne Ellington ein klarer Minusverteidiger – er ist aufgrund seiner Offense jedoch unverzichtbar, gerade in der Crunchtime. Ebenfalls nicht gerade hilfreich sind die vielen Verletzungen (gerade von Whiteside) und die damit verbundenen Lineup-Umstellungen.

Trotzdem ist die Defensive der Teil des Spiels, an dem die Heat das Potential zu einem wirklich starken NBA-Team haben. Im Laufe der Saison sollte sich Miami als klare Top-10-Defense etablieren. Der erste Schritt ist gemacht: Seit der Waiters-Verletzung stellen sie die fünftbeste Defense der Liga.

Und wohin geht die Reise?

Was ist also von der bisherigen Heat-Saison und ihrer vermeintlich zu guten Bilanz zu halten? Nun, ganz aus dem Nichts kam sie nicht. Miami hatte gerade zu Saisonbeginn mit Verletzungen zu kämpfen und seit einigen Wochen ist eine klare Verbesserung zu erkennen. Seit dem 08. Dezember haben sie die zweitbeste Bilanz der Liga (15-5), das siebtbeste Net-Rtg der Liga (+3,2), die 13.beste Offense (Off-Rtg: 106,9) und die siebtbeste Defense (Def-Rtg: 103,7.) – solche Zahlen kommen nicht aus dem Nichts. Gerade die letzte Saison sollte als Beweis dafür gelten, dass Erik Spoelstra es schafft, das Team während der Saison weiterzuentwickeln. So traurig es ist, aber Dion Waiters‘ Verletzung könnte die Initialzündung eines neuerlichen Turnarounds sein.

Die wahrscheinlichste Prognose lautet daher: Die Heat werden ihre Performance im Vergleich zu den ersten Saisonwochen verbessern, allerdings gleichzeitig unter der unweigerlich einsetzenden Regression bei knappen Spielen leiden. Unterm Strich sind die Heat also das, was man vor der Saison in ihnen gesehen hat: Ein solides Team, sehr wahrscheinlich in den Playoffs, aber ohne großes Potential für mehr als einen Überraschungserfolg in der ersten Playoff-Runde.

Langfristig muss dagegen die Frage erlaubt sein, wohin das Ganze führen soll. Wie schon öfter geschrieben: Ein Spieler von Super- oder gar Allstar-Format ist nicht in Sicht, dazu ist das Team finanziell stark eingeschränkt. Gerade mittelmäßige Spieler wie Waiters, Johnson und Johnson bekommen noch recht lange recht viel Geld. Picks für einen Rebuild hat das Team auch nicht im Übermaß. Einen Ausweg könnte ein Whiteside-Trade bedeuten, falls Bam Adebayo ihn mit einer positiven Entwicklung entbehrlich machen sollte – aber das steht derzeit in den Sternen. Fürs Erste bleiben die Heat also im guten Mittelmaß gefangen.

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