Boston Celtics

Marcus Smart: Pretender, Defender

Hilft der Non-Shooter wirklich der Celtics-Offense?

Marcus Smart ist ein unterdurchschnittlicher Shooter. Das ist eine Hypothese, die sich durch einen Blick auf die Statistik eindrucksvoll belegen lässt: In der aktuellen Saison wirft der Guard 29,6% von jenseits der Dreierlinie, was zu einer True Shooting Percentage von 45,7% beiträgt. Trotz dieser desaströsen Wurfquoten scheint er die Offense seines Teams nicht negativ zu beeinflussen: Die Celtics weisen ein marginal besseres Offensivrating mit Smart auf dem Court (108.4), als mit ihm auf der Bank (107.1) auf, zudem ist sein Netrating von +6.4 der viertbeste Wert unter Celtics-Spielern. Wie lässt sich diese scheinbare Diskrepanz zwischen schlechten Wurfquoten und positivem Impact erklären?

Zuerst einmal, die unterdurchschnittlichen Wurfquoten Smarts in dieser Saison sind kein Ausreißer nach unten, sondern eine Konstante, die sich durch die gesamte College- und NBA-Karriere des 23-Jährigen zieht. Bereits zu College-Zeiten bei Oklahoma State galt der Guard als schlechter Dreierschütze. In der NBA schloss der 6th Pick im Draft 2014 seine bisherigen drei Saisons mit True-Shooting-Percentages von 49.1 % (14-15, 97./113. Guards > 400 FGA, 35,5% 3FG), 46.3 % (15-16, 110/112, 25.3% 3FG) und 48,6% (16-17, 104/112, 28,3% 3FG) ab. Die 25.3 % Dreierquote für die Saison 2015/16 stellen dabei den schlechtesten Wert aller Zeiten dar (mindestens 200 3FGA).

A ton of bricks

Das Hauptproblem ist dabei nicht primär die schlechte Quote, mit der Smart den Dreier trifft, sondern die hohe Frequenz, mit der er diesen Wurf dennoch nimmt: Frei nach Wayne Gretzky -“You miss 100% of the shots you don’t take”- feuert er im Karriereschnitt 4,2 Mal pro Spiel from Deep. Damit machen Dreierversuche 48% seiner Würfe aus. Trotz desolater Quoten sind Dreipunktwürfe in dieser Saison so für 40 % von Smarts Punkten verantwortlich – gegenüber 30.4 % aus Würfen direkt am Korb. Dorthin zieht er trotz der Vorteile, die seine bullige Statur in dieser Hinsicht böte, nur zögerlich (17.2% der FGA aus unter 3 Fuß in dieser Saison, Career Low), und schließt unterdurchschnittlich ab (43.9% bei Lay-Ups). Ein Nebeneffekt ist, dass Smart so nur selten an die Freiwurflinie für einfache Punkte kommt (4,1 FTA/100 Possessions).

Diese Wurfverteilung ist typisch für einen Spieler, der tatsächlich hochprozentig Distanzwürfe trifft – für einen Spieler mit einer Karrierequote von 29.1 % von Downtown ist sie absurd. Spieler mit ähnlich desolaten Wurfquoten nehmen üblicherweise entweder deutlich weniger Dreier oder finden sich über kurz oder lang auf der Bank oder der Waiver Wire wieder. Brad Stevens scheint dagegen die Shooting-Eskapaden seines Guards mindestens zu tolerieren, auf dem Court genießt Smart große Freiheiten: Unter den Spielern im Roster der Celtics nimmt Smart die zweitmeisten Dreier, mehr als ein Viertel (25.9%) davon sind unassistierte Pull-Ups. Teamintern weist er die vierthöchste Usage Rate (19.4 – Career High) auf.

Angesichts dieses ineffizienten und – effektiven Scoring-Outputs sowie der hohen Quantität, mit der Smart qualitativ schlechte Würfe nimmt, wird der positive Einfluss Marcus Smarts auf die Celtics-Offense, den die eingangs angeführten Stats suggerieren, umso bemerkenswerter. Um also auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Explanations

Ein möglicher Erklärungsansatz wäre, dass der 23-jährige zunehmend Wege findet, die Offense seines Teams auf andere Weise positiv zu beeinflussen. Während er zu Beginn seiner NBA-Karriere als Passgeber im Half-Court und als Kick-out-Passer noch große Defizite aufwies, hat Smart auf diesem Gebiet in seiner vierten NBA-Saison einen großen Schritt nach vorne gemacht.

“That’s my job, bring energy off the bench, create for others and be the playmaker I am. So when I get in the game, I just try to create a lot of chaos and get us running the floor.”

In der aktuellen Saison legt er einen Karrierebestwert von 7.7 Assists pro 100 Possessions (4.7 pro Spiel) auf, damit weist Smart teamintern – nach Al Horford – die zweithöchste Assist- und Assist/Usage-Ratio auf.

Eine weitere mögliche Erklärung dieses Phänomens liefert Mike Prada in einem Artikel für SB-Nation. Unter Bezugnahme auf die Theorien des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman zum menschlichen Entscheidungsfindungsprozess beschreibt Prada, wie Marcus Smart trotz seiner desolaten Wurfquoten für Spacing sorgt: Indem er sich wie ein Shooter verhält, closen die Verteidiger, die in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen müssen, instinktiv aus – eine Reaktion, die durch Smarts hohes Wurfvolumen noch verstärkt wird.

Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass beide Erklärungsmuster mit Vorsicht zu genießen sind: Smarts Fortschritt als Playmaker wird durch teils fragwürdiges Decision-Making und seine unverändert hohe Turnoveranfälligkeit relativiert: Pro hundert Touches verzeichnet er 4,05 Ballverluste, seine vier Turnover pro 100 Possessions sind teamintern ein unrühmlicher Spitzenwert. Pradas Überlegungen dagegen sind zwar interessant und beruhen auf logisch erscheinenden Theorien und Annahmen, aber eben nicht auf einer belastbaren statistischen Grundlage. Die plausibelste Erklärung ist daher eine enttäuschend banale: Den Großteil seiner Minuten steht Smart gemeinsam mit Kyrie Irving und/oder Al Horford auf dem Parkett, die ihrerseits zu den wertvollsten Offensivspielern der Celtics gehören. Die statistische Aussagekraft des positiven Einflusses von Marcus Smart auf das Offensivrating der C’s sollte daher nicht überbewertet werden.

Wird die Annahme akzeptiert, dass dieser statistische Ausreißer lediglich auf verschiedenen Line-Up-Kombinationen zurückgeht, so relativiert sich der scheinbare positive Einfluss Smarts auf die Celtics-Offense. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass Coach Brad Stevens seinen Guard als elementaren Bestandteil des Teams betrachtet.

“Sometimes when we’re struggling, I think the ball is going to find energy. And Marcus Smart has energy. And plays that way and plays with a great chip. He’s playing at a good level. We need him to continue to do so. Obviously, he’s a really important part of our team.”

Zwar verlor Smart seinen ursprünglichen Starting Spot in der Mitte seiner Rookie Saison an den aufstrebenden Isaiah Thomas, seine Minutenzahl blieb davon jedoch unberührt. In dieser Saison ist er meist die erste Option von der Bank (im Sommer lehnte er einen regulären Starting Spot zugunsten von Jaylen Brown ab), und der Spieler mit den viertmeisten Minuten im Roster der Celtics. Trotz seines desolaten statistischen offensiven Outputs hält Stevens an Marcus Smart fest:

“I think his greatest strength will always be that he’s a guy that makes winning plays that sometimes aren’t quantified. He impacts winning.”

 

Defensive Difference Maker

Diesen Impact hat er vor allem auf der defensiven Seite des Parketts. Dort liegen seit jeher die primären Qualitäten des Combo-Guards. Seine Lockdown-Perimeterdefense zeichnete ihn bereits bei Oklahoma State aus, und war maßgeblich verantwortlich für Smarts hohes Standing im Vorfeld der NBA-Drafts 2013 und 2014. Dabei gelang es ihm, diese reibungslos vom College- auf NBA-Level zu übertragen. Nach dem Trade von Avery Bradley ist Smart in dieser Saison der nominell beste Perimeterdefender seines Teams, und wird üblicherweise mit der Bewachung des besten gegnerischen Spielers betraut.

Für das Switch-freudige Defensivscheme der Celtics sind vielseitige Spieler wie Marcus Smart elementar: Seine körperlichen Voraussetzungen, die er auf dieser Seite des Courts tatsächlich effektiv einzusetzen weiß, befähigen ihn dazu, bis zu vier Positionen zu verteidigen. Weiterhin erlauben sie es dem Guard, auch körperlich überlegenen Gegenspielern im Post standzuhalten – eine Eigenschaft, die sich Smart auch nach einer Diät im Summer, in deren Folge er 9 kg abnahm, erhalten hat.

Dazu kommt seine Fähigkeit und Bereitschaft Charging Fouls aufzunehmen (0.21/Game, 9./190. Guards > 10 Min/G), die ihm zwar unter neutralen Fans den Ruf eines Floppers eingetragen hat, aber immer dazu beitragen kann ein Spiel zu gewinnen.

Während die On-Off-Werte Smarts isoliert betrachtet nicht auf einen signifikanten positiven Impact auf die defensive Performance seines Teams schließen lassen  (1.0 % TOV/Gegner, +0.6 % DRB, – 1.5 eFG%/Gegner, mit Smart auf dem Court), relativiert sich dieser Eindruck, wenn die Line-Up-Kombinationen berücksichtigt werden, in denen der Guard eingesetzt wird: Den Großteil seiner Minuten absolviert Smart an der Seite von Kyrie Irving und Jayson Tatum, zwei der nominell schlechtesten Verteidiger des Teams. Er vermag es also erfolgreich auch schlechtere Defender zu kaschieren. Am besten wird die defensive Bedeutung Marcus Smarts durch seinen Einfluss auf das Teamdefensivrating illustriert: Dieses verschlechtert sich um 3.8 Punkte, wenn er auf der Bank sitzt (von 101.1 auf 104.9). Der Viertjahres-Profi trägt also maßgeblich dazu bei, dass die Celtics-Defense trotz des Verlusts von Bradley und Jae Crowder im Sommer zu den Besten der Association zählt. Die C’s halten Gegner in dieser Saison bei einer Wurfquote von 43.1 % (bester Wert/NBA), und erlauben, hochgerechnet auf 100 Possessions, die wenigsten gegnerischen Punkte (99.6).

Outlook

Mit seinem Spielstil löst Marcus Smart ein breites Spektrum von Emotionen aus. Während gegnerischen Fans Smarts gelegentliche Flops mit Empörung und seine Wurfquoten mit Häme quittieren, schwankt die Gefühlslage unter Fans der Boston Celtics konstant zwischen Begeisterung über Hustle-Plays und Frustration über zweifelhaftes Decision-Making des enigmatischen Guards. Darunter mischt sich jeden Sommer aufs Neue ein Anflug von irrationaler Hoffnung – Hoffnung, dass sich Marcus Smart zur neuen Saison einen stabilen Dreier antrainiert.

Der Spieler selbst bestärkt diese Hoffnung durch vereinzelte Ausreißer nach oben, Spiele, in denen der Dreier hochprozentig fällt, wie in Game 3 der EC-Finals 2017 gegen die Cleveland Cavaliers (7/10 3FG), oder in dieser Saison gegen Detroit (6/9) oder die Miami Heat (5/9). Auch die Tatsache, dass Smart bei Würfen spät in der Shotclock (50.9 TS% bei Würfen mit weniger als vier Sekunden auf der Shotclock) sowie im vierten Viertel (46.9 TS%) bessere Quoten aufweist, sind dazu geeignet Hoffnung zu nähren – eine Hoffnung, die bisher noch jedes Mal enttäuscht worden ist.

An diesem Punkt ist es illusorisch, von Marcus Smart eine wirklich konstante Verbesserung seines Wurfs zu erwarten. Während er als Ballhandler und in Bereichen wie Playmaking und Decisionmaking im Laufe seiner NBA-Karriere durchaus Fortschritte gemacht hat, wird er wohl immer ein unterdurchschnittlicher Distanzschütze bleiben. Diese Tatsache alleine ist selbst in der Space & Pace-Era der NBA kein Ausschlusskriterium für eine langfristige NBA-Karriere, solange Smart seine Quoten am Korb verbessert, seine Entwicklung als Playmaker anhält, und er seine defensiven Qualitäten beibehält.
Er wird jedoch langfristig nicht umhin zu kommen, seine Dreierfrequenz deutlich zurückzufahren, und sich seiner Rolle bewusst zu werden, in der er sich in der NBA etablieren kann: Der eines Lockdown-Defenders und sekundären Ballhandlers. Die kommende Offseason wird dabei richtungsweisend: Marcus Smart wird Restricted Free Agent, nachdem sich er sich mit den Celtics im Oktober nicht auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung einigen konnte. Eine solche ist auch im Sommer keine Selbstverständlichkeit: Nach der Ausgabe von zwei Maxcontracts in den zwei vergangenen Offseasons und mit der 2019 anstehenden Free Agency Kyrie Irvings  (falls dieser seine Spieleroption nicht zieht) im Hinterkopf, wird sich GM Danny Ainge gut überlegen, wie viel er bereit ist, in seinen Guard zu investieren. Andererseits ist es kaum vorstellbar, dass sich ein  anderes Team findet, dessen Coach gewillt ist die Shootingeskapaden Smarts im selben Masse mitzutragen wie Brad Stevens es tut. Es wird in jedem Fall faszinierend sein zu sehen, wie sich der Markt für einen Spieler wie Marcus Smart entwickelt.

(Statistiken von nba.com, Basketballreference.com & CleaningTheGlass.com)

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4 comments

  1. Avatar

    bartek

    schöner Artikel :tup:

    Als Celtics Anhänger kann ich das voll unterschreiben. Es ist eine Hassliebe und aktuell tendiere ich zu einem “goodbye” im Sommer :evil: Rozier dafür halten und günstigen Ersatz holen. Ainge wird da schon einen netten Spieler finden und Stevens zaubert darauß einen Topspieler #Crowderhype

  2. Avatar

    Pillendreher

    Ein Guard, der super verteidigt, aber nicht werfen kann? Und das im letzten Vertragsjahr bei kommender RFA? Das riecht doch geradezu nach Presti :twisted:

  3. Jonathan Walker

    Schöner Einstieg von Fabian bei uns :tup:

    Nachdem McDonough nun verlauten lassen hat, dass er durchaus diesen Sommer schon FAs jagen will, es aber nicht extrem viele Kandidaten gibt, kann ich mir Smart schon vorstellen. Defensiv und als sekundärer Ballhandler passt er perfekt neben Booker in den Backcourt. Lediglich der wackelige Wurf, den Fabian ja auch beleuchtet, ist halt nicht optimal. Dann wäre er aber auch unter keinen Umständen zu haben. Wird spannend zu sehen, bis zu welchem Preis die Celtics mitgehen.

  4. kdurant35

    Die Suns hab ich bei Smart auch auf dem Schirm. Vor allem wird er der Truppe mal mächtig Feuer unterm Hintern machen. Einen jungen Spieler mit der Mentalität könnte den Suns wirklich weiterhelfen. Kritisch wirds halt, wenn JJ seinen Wurf langfristig nicht hinbekommt. Das könnte dann echte Spacingprobleme geben. Da wären wir dann natürlich auch wieder beim Thema Bender. Kann er dauerhaft auf der 5 spielen würde sein Wurf dann sehr helfen.


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