Eurobasket 2017

Gruppenspiel 1: Deutschland – Ukraine

Von Starabhängigkeit, Playmaking Bigs und Rim Protection
Foto: TelekomSport

Im ersten Spiel bei der Basketball-Europameisterschaft konnte sich die deutsche Nationalmannschaft in Tel Aviv mit 75:63 gegen die Ukraine durchsetzen. Dabei verlief die Partie so, wie man es für den Auftakt bei einem Turnier erwarten konnte. Das DBB-Team startete extrem schwach, erzielte nur neun Zähler im ersten Viertel und fand erst in der Folge ins Spiel und ließ dann den überschaubar besetzten Ukrainern keine echte Chance mehr. Wir wollen die wichtigsten Erkenntnisse dieser ersten Partie festhalten und den nächsten Gegner Georgien genauer unter die Lupe nehmen.

Die Abhängigkeit von Schröder

Bereits im Vorfeld dieser EM wurde enorm viel über das vermeintlich größte Problem der Deutschen gesprochen: die Abhängigkeit von Dennis Schröder. Seitdem der Point Guard der Atlanta Hawks zum Team gestoßen ist, lässt sich zum einen erkennen, wie sehr er selbst das Spiel an sich reißen will. Zum anderen allerdings auch, dass viele Mitspieler ihm dies soweit zugestehen, sodass sie selbst offensiv teilweise zu inaktiv werden und das deutsche Spiel für die Gegner damit sehr ausrechenbar wird. So wäre es im Normalfall gerade gegen einen schwachen Gegner wie die Ukraine eine Möglichkeit gewesen Schröder viel zu entlasten und die offensive Last auf mehrere Schultern zu verteilen.

Doch das Team von Headcoach Chris Fleming startete derart schlecht in die Partie, dass Schröder bereits hier gefordert war zu übernehmen. Dabei trug er selbst zu dem holprigen Beginn ins Spiel bei. Der 23-Jährige wollte anfangs zwar viele Zeichen setzen, wirkte dabei jedoch noch etwas nervös und ungeduldig im Angriff. Daraus entstanden einige eher planlose Penetrationen zum Korb früh in der Shotclock, die dann von den Ukrainern einfach verteidigt werden konnten.

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Schröders Mitspieler ließen sich dadurch anstecken und nahmen in der Folge einige schlechtere Würfe früh in der Angriffszeit. Denn auch wenn Fleming gerne schnell spielen lassen möchte, was bei dem Personal auch durchaus sinnvoll erscheint, sollte darauf geachtet werden, dass das deutsche Team sich trotzdem gute Würfe herausspielt. Gegen stärkere Mannschaften, die in den nächsten Tagen zweifelsfrei folgen werden, kann sowas schnell ins Gegenteil umschlagen, sodass Deutschland defensiv Probleme bekommen könnte. So sollten Würfe, bei denen noch nicht mal alle fünf Spieler die Mittellinie überschritten haben, zukünftig vermieden und der Angriff dafür geduldiger ausgespielt werden.

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Doch insgesamt lässt sich sagen, dass die Penetration von Dennis Schröder mal wieder viel Schaden in der gegnerischen Defense hinterlassen hat. Die Ukraine zog sich in der Verteidigung häufig zusammen und eröffnete Schröder den Raum für Kickout-Pässe. Doch der Ex-Braunschweiger verstand es genauso den Weg zum Korb trotzdem zu suchen und am Ring abzuschließen. Mit seiner Geschwindigkeit und den vielen möglichen Richtungswechseln war er für die ukrainischen Big Men so nur selten zu halten, sodass Schröder sich auch gut vor möglichen Blocks schützen konnte.

Ein kleines Detail, auf welches es sich in den nächsten Spielen durchaus zu achten lohnt, ist die Besetzung der Weakside-Ecke bei einem Drive von Schröder. Die Ukrainer nutzten dabei in der Defense gerne eine bestimmte Taktik: Wenn der Aufbauspieler zum Korb zog, half häufig ein Verteidiger von der ballfernen Seite am Korb aus. Weiterhin konnte sich der zweite Weakside-Verteidiger dann zwischen die zwei Deutschen auf der Seite postieren, um bei einem möglichen Kickout-Pass beide gleichzeitig zu verteidigen. Deutschland gab dies die Möglichkeit den Ball schnell zu bewegen und sich offene Würfe zu erspielen.

In diesem Fall wäre beispielsweise Johannes Voigtmann nach dem Extra-Pass von Karsten Tadda komplett frei.

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Die Situation ändert sich allerdings, wenn die ballferne Ecke plötzlich nicht mehr besetzt ist. In der folgenden Szene bewegen sich beide Big Men, Danilo Barthel und Daniel Theis, in Richtung des Korbs, als sie merken, dass Schröder Unterstützung benötigt. Dies lässt die Ecke offen und dem deutschen Guard fehlt nun eine Anspielstation. Da er sich zusätzlich schon in der Luft befindet, hat er natürlich nicht mehr viel Zeit den Ball an den Mann zu bringen. Eine zweite Möglichkeit ist sicher immer der kurze Durchstecker zum großen Spieler unter dem Korb, allerdings befinden sich dort sehr viele Hände und der Ball kann schnell verloren gehen. So wählt Schröder hier den Pass nach ganz oben zu Maodo Lo. Zum einen ist der Pass auch riskant, zum anderen müssen die Deutschen nun neu aufbauen, weil sich daraus kein wirklicher Wurf entwickelt.

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Es wird somit spannend zu beobachten sein, wie viel Aufmerksamkeit die kommenden Teams den Drives von Schröder schenken und wie die deutsche Mannschaft dies ausnutzen kann.

Das Big Man-Playmaking

Der Fixpunkt der deutschen Offense war somit im ersten Spiel ganz klar Dennis Schröder. Der Hawks-Guard musste entsprechend schon gegen die Ukraine über ganze 32 Minuten gehen und dabei fast durchgehend als Creator agieren. Allerdings haben kurze Phasen in diesem Spiel auch gezeigt, dass es sich für die deutsche Mannschaft auch mal lohnt, den Ball in andere Hände zu geben, um so geduldig gute Würfe zu erspielen.

Dabei fiel vor allem auf, dass gerade die Big Men im ersten Spiel noch sehr wenig eingebunden wurden. Das Pick & Roll ist, wie es bereits in der Vorbereitung zu erkennen war, noch nicht die große Waffe der deutschen Mannschaft. Nur sehr selten gelangt der Pass in diesem Spielzug tatsächlich zum abrollenden Akteur.

Doch abgesehen davon bringen die deutschen Bigs noch ganz andere Fähigkeiten mit, die es sich lohnt einzusetzen. So sind gerade Johannes Voigtmann und Danilo Barthel hervorragende Passer, die nur genug Bewegung um sich herum benötigen, um einen freien Mitspieler zu finden. Um somit mehr Balance und Variabilität in das deutsche Spiel zu bringen, wäre es eine Möglichkeit, etwas häufiger mal Schröder abseits des Balls agieren zu lassen und dafür auch immer wieder die Bigs aus dem Post-Up oder von der Dreierlinie als Playmaker zu nutzen. Mit Schröder und Lo hat Fleming ja extrem schnelle Spieler, die sich von ihren Gegenspielern loslösen und für Anspiele zum Korb sprinten können.

Hier eine Szene aus der Partie gegen die Ukraine, wo Lo auf der Weakside einen Backdoor-Cut startet und perfekt von Voigtmann gefunden wird. Für die Defense ist diese Aktion schwer zu verteidigen, da es zu Kommunikationsproblemen zwischen Switch oder No-Switch kommen kann.

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Ähnlich effektiv können Plays wie das Folgende sein: Danilo Barthel befindet sich mit dem Ball im Low-Post, während abseits des Balls viel Bewegung initiiert wird. Dadurch schneidet der schnelle Schröder nun zum Korb und der wurfstarke Benzing kommt mit einem Screen von Voigtmann an die Dreierlinie heraus. Dies bietet dem Passer Barthel gleich zwei Möglichkeiten, auch wenn Schröder hier eng verteidigt wird und damit Benzing die logische Anspielstation ist.

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Dieses Playmaking der großen Spieler kann dem deutschen Spiel eine weitere Dimension geben und zudem die Last von den Schultern von Schröder nehmen. Dies wird gegen die stärkeren Teams  dringend gefordert sein, um nicht ein ausrechenbarer Star-lastiger Gegner zu sein.

Die Verteidigung am Ring

Doch der Fokus der Analyse soll nicht nur offensiv auf den Big Men liegen. Auch defensiv offenbarten sich in der Anfangsphase gegen die Ukraine einige Schwächen auf den großen Positionen, die vor allem im Spiel gegen Georgien wieder auftreten könnten. Die Georgier kommen mit einer enormen Power und Physis unter den Körben daher, die Deutschland mit Sicherheit Schwierigkeiten bereiten wird. Der startende Fünfer Johannes Voigtmann agiert vor allem defensiv noch nicht auf dem allerhöchsten europäischen Niveau und kann deswegen für gegnerische Teams als Angriffspunkt ausgemacht werden. Zudem offenbart er immer wieder Schwächen im Ausboxen und Rebounding, wie die ersten Minuten der Partie gestern zeigten. Die Ukraine gewann das Reboundduell im ersten Viertel ganz klar und kam dabei zu einfachen Putbacks, weil sich ihre Big Men gegen Voigtmann durchsetzen konnten.

Hier wird in den kommenden Spielen auf jeden Fall viel Arbeit auf den Ex-Frankfurter zukommen und er muss beweisen, dass er auch einen Giorgi Schermadini oder Jonas Valanciunas vor sich halten kann. Doch noch ein weiterer Faktor beeinflusst die mäßige Rim-Protection in der deutschen Defensive: Durch die Präsenz von Voigtmann ist klar, dass Daniel Theis, wenn er auf das Parkett kommt, die nominelle Power Forward-Position bekleiden wird. Allerdings ist der Ex-Bamberger der mit Abstand beste Ringbeschützer im Team und kann dies somit nur selten unter Beweis stellen, da er eher am Perimeter gegen andere Vierer verteidigt.

Wenn Theis dann mal gegen beispielsweise einen Kravtsov gefordert war, konnte man seine Beweglichkeit und Physis gut erkennen.

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Somit muss sich Fleming hier Gedanken machen, inwieweit er Voigtmann, der offensiv enorm wichtig ist, auf dem Parkett lassen kann oder stattdessen eher Lineups mit Daniel Theis und Danilo Barthel als Big Men ausprobiert. Gegen die Ukraine spielte Deutschland auch kurz mal Smallball mit Theis und Robin Benzing, allerdings könnte dieser defensiv ebenfalls schnell Probleme bekommen, womit es sich dabei wohl um keine Lösung mit Zukunft handelt. Doch klar ist: Wenn Deutschland am Ring zu viel zulässt, wäre Daniel Theis am Korb definitiv die erste Lösung, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Next Up: Georgien

Der nächste Gegner der deutschen Nationalmannschaft heißt nun Georgien. Auch wenn dies vom Landesnamen her nicht nach einer Herausforderung klingt, beweisen ein Blick auf den Kader und das erste Spiel gegen Litauen, dass da eine echte Hausnummer auf Deutschland zukommt. Einen Favoriten gibt es in dieser Partie auf jeden Fall nicht.

Denn Georgien, welches den meisten wahrscheinlich wegen Zaza Pachulia von den Golden State Warriors bekannt ist, hat einen ganz anderen Star in ihren Reihen: Tornike Shengelia. Der 25-Jährige spielte zwei Jahre für die Brooklyn Nets und Chicago Bulls in der NBA, ehe er den Weg nach Spanien in die ACB fand, wo er nun mit Johannes Voigtmann zusammen bei Saski Baskonia spielt. Beim Überraschungserfolg über Litauen kam Shengelia gleich auf 29 Zähler und traf dabei neun seiner 17 Würfe.

Der 2,06m große Forward startet zusammen mit Zaza Pachulia im Frontcourt und sollte somit bei den Deutschen von Danilo Barthel oder Daniel Theis verteidigt werden. Diese Aufgabe wird für beide allerdings alles andere als leicht. Shengelia ist trotz seiner Größe enorm beweglich und schnell auf den Beinen und besitzt zusätzlich eine starke Athletik. Wenn er im Low-Post angespielt wird, kann er dort mit verschiedenen Bewegungen seinen Gegenspieler abschütteln und einfache Punkte markieren. Knicks-Forward Mindaugas Kuzminskas bekam dies direkt in der ersten Possession zu spüren, als sich Shengelia mit einem schnellen Spin-Move um ihn herumdrehte und einnetzte.

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Die Georgier nutzen dabei ein ganz simples Play, um ihrer ersten offensiven Option immer wieder eine gute Position im Low-Post zu verschaffen. Während Shengelia sich am linken short-corner postiert, läuft der Ballhandler oben ein Blocken und Abrollen mit dem Center. Dann schneidet Shengelia unter dem Korb her und stoppt am rechten Zonenrand plötzlich ab, um den Ball zu erhalten. Nun hat der Ex-NBA-Spieler eine extrem tiefe Position und kann nach wenigen Schritten zum Wurf direkt am Korb ansetzen. Hier wird es darauf ankommen, wie physisch das deutsche Team dort gegen Shengelia verteidigt, um ihm eben diese Position wegzunehmen.

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Doch Shengelia hat natürlich dann noch weitere Wege im Repertoire, um zu scoren. Denn wenn er sich etwas außerhalb befindet, kann er sich mit einer schnellen Drehbewegung von seinem Gegenspieler lösen und den einbeinigen Dirk-shot auspacken. Alles andere als leicht zu verteidigen.

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Zusätzlich ist der Teamkollege von Johannes Voigtmann auch im Fastbreak eine echte Bedrohung. Kommt er mal ins Laufen, ist er auf dem Weg zum Korb kaum zu stoppen und kann dort aufgrund seiner überragenden Athletik auch spektakulär abschließen. Alleine gegen Litauen kam er schon auf drei Dunks, die aus dem Schnellangriff heraus entstanden. Auch hier ist also höchste Vorsicht geboten.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sachen Tornike Shengelia könnte immerhin sein, dass Georgien enorme Probleme hatte, als der 27-Jährige auf der Bank Platz nahm. Als er dort anfangs des zweiten Viertels für einige Minuten verweilte, startete Litauen einen 8:0-Lauf. Hier wird es interessant zu sehen sein, wie viel Pausen Shengelia diesmal bekommt und wie Deutschland diese ausnutzen kann.

Fazit

Die deutsche Nationalmannschaft ist mit einem Pflichtsieg gegen die Ukraine ins Turnier gestartet. Trotzdem hat auch dieser gezeigt, dass noch einiges an Arbeit vor dem Team liegt, um es dann wirklich mit den ganz Großen aufnehmen zu können. Ganz klar ist, dass Dennis Schröder sich weiterhin in solch einer bestechenden Form präsentieren muss, damit Deutschland auch gegen Georgien, Litauen oder Italien gute Chancen hat. Doch trotzdem sollten sich seine Mitspieler nicht zu sehr auf den Aufbauspieler verlassen, sondern auch selbst Gefahr ausstrahlen. Die erste Partie hat dahingehend schon einige interessante Ansätze gezeigt, die es in den kommenden Tagen zu wiederholen und weiter zu verbessern gilt. Dann ist auch gegen Georgien und den extrem starken Toko Shengelia alles möglich.    

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