Alltimers, Draft

Retroscouting: Greg Oden

Warum der Pick 2007 seine Berechtigung hatte

Als größten Fehlgriff der NBA-Draft-Historie werden die in den 80ern und 90ern sozialisierten Basketball-Fans sofort Sam Bowie nennen. Der überaus erfolgreiche College-Big, dessen Jersey-Nummer #31 von der University of Kentucky im Übrigen nicht mehr vergeben wird, hatte als #2 Pick der 84er Draft nicht nur das Pech, dass sein Körper den Strapazen des Profibasketballs nicht standhielt, sondern wird seit Jahrzehnten unfairerweise daran gemessen, dass einen Draftspot nach ihm mit Michael Jordan der vielleicht beste Basketballer aller Zeiten gezogen wurde. Interessanterweise scheint sich auch die NBA-Geschichte oft zu wiederholen. Nach der Pleite von vor 23 Jahren hatten die Trailblazers wieder die Wahl zwischen einem hochtalentierten Defensiv-Big und einem elektrisierenden Flügelscorer. Wieder entschied sich Portland falsch. Für Fans, die erst Mitte der 00er zur NBA fanden, könnte sogar mittlerweile dieses Zitat zutreffen, das Greg Oden einmal über sich selbst äußerte:

I’ll be remembered as the biggest bust in NBA history”

Diese Aussage gerade im Jahr 2017 zu widerlegen, fällt auf den ersten Blick ungemein schwer. Genau zehn Jahre nach dem grandiosen Tournament-Run mit Ohio State, bei dem die Buckeyes erst im Finale den Florida Gators unterlagen, muss es für den Big Man schon als Erfolg gelten, dass der mittlerweile fast 30-Jährige in Columbus gerade seinen Uni-Abschluss nachholt. Seit er 2007 an #1 gepickt wurde, schien sich sein Leben in einer nicht enden wollenden Abwärtsspirale zu befinden. Verletzungen ermöglichtem ihm nur 106x auf dem NBA-Parkett zu stehen. Frustration und Schmerz ertränkte Oden anschließend im Alkohol. Die Sucht produzierte leider nicht nur peinliche Penis-Bilder im Internet, sondern gipfelte sogar in einer Anklage wegen einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit seiner Ex-Freundin. Diese Tragik ließ den Basketball im Leben von Greg Oden eher zu einer Randnotiz verkommen, während der #2 Pick seiner Draft vor wenigen Monaten seinen ersten Titel und die Finals-MVP-Ehren gewann. Rein historisch wandelt der Center schon allein dadurch automatisch in den Fußstapfen von Sam Bowie.

Doch wie tweete Rockets-GM Daryl Morey letztens noch sehr passend: „Everyone is a PhD at the University of Hindsight“. Oden wurde 2007 nicht ohne Grund als bestes Talent gezogen. Dieses Retro-Scouting soll einen Kontext schaffen, Erinnerungen auffrischen, aber auch Glorifizierung und Mystifizierung des Ohio State-Bigs mit einem Realitätsabgleich versehen. Die Analyse der mittlerweile eine Dekade alten College-Spiele soll aufzeigen, welche mögliche Karriere Meniskusschäden, eine gebrochene Kniescheibe und der Alkoholismus letztlich verhindert haben.

Warum war Greg Oden damals als #1 Pick gerechtfertigt?

Aus heutiger Sicht mag es lachhaft erscheinen, dass Greg Oden im Hinblick auf die NBA Draft in einem Atemzug mit einem der besten drei Basketballer unserer Zeit genannt wurde. Doch 2007 galten sowohl der Big als auch Freshman-Kollege Kevin Durant als klare Superstar-Talente. Auf dem Papier stellte sich der Wettkampf um den #1-Spot als 50-50-Entscheidung dar, während die damaligen GMs in den defensivorientierten Prime-Zeiten von O‘Neal, Duncan, Garnett oder den Pistons-Wallaces einen Big Man als sichereren Franchise-Grundstein ansahen.

Athletik

Dass Greg Oden ein Center mit außergewöhnlichem Talent war, steht außer Frage. Dies wird mit einem Blick auf seine Tools und seine Athletik sofort deutlich. Als echter Sevenfooter mit 7‘4‘‘ Wingspan bewegte sich der Buckeyes-Freshman trotz ziemlich massigen 255 Pfund Körpergewicht mindestens so geschmeidig und koordiniert wie ein Flügelspieler. Fastbreaks laufen, auf engem Raum mit guter Fußarbeit flink agieren oder aber einfach nur nach wenigen Schritten im Sprung explodieren (34 Inch Vertical beim Combine) – Oden war ein Athletik-Monster, während Durant seine Physis komplett abgesprochen wurde, nachdem er beim offiziellen Bankdrücken vor der Draft keine Wiederholung schaffte. Dass eine solche Generalisierung aus heutiger Sicht nicht ganz richtig ist und vor allem funktionale Athletik gefragt ist, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.

Was aber als Fazit des Abschnitts gern stehenbleiben darf: Greg Oden war rein körperlich eine Ausnahme-Erscheinung. Denken wir an James, Westbrook oder Shaq kann reine physische Überlegenheit in Abhängigkeit zur eigenen Position auf dem Parkett der erste Baustein für Superstar-Potential sein. Während wir heute unsere Fantasie etwas spielen lassen müssen, wird sich Jeff Green sicher auch in diesem Sommer noch ziemlich genau an diese Szene des Final Fours ‘07 erinnern können, in der Oden seine gesamte Athletik in die Waagschale warf:

Defense

Am College war der damals 19-Jährige ein totaler Game Changer in der Defensive. Teilweise machten wilde Bill Russell 2.0-Vergleiche die Runde. Was heute lächerlich erscheint, ist mit Blick auf das Tape schon noch nachvollziehbar. In meiner Zeit als Basketball-Beobachter ist mir bisher noch kein Big Man-Verteidiger untergekommen, der schon in so jungen Jahren derartig viel Einfluss auf die Performance seiner Team-Defense hatte. Ohio State konnte allein durch Oden einen damals noch recht ungewöhnlichen, heute aber zum Standard gewordenen Four-Out-Stil spielen. In einer CBB-Welt, in der die meisten Coaches gern den Korb mit zwei Bigs absicherten, ankerte er als Freshman die gesamte Buckeyes-Verteidigung, egal ob Zone oder Man-Defense gespielt wurde. Folgerichtig gewann er auch den DPoY-Titel in der Spielzeit. Ein Blick auf die Historie des Awards zeigt, wie außergewöhnlich seine Leistungen waren. Es gab seit der ersten Ehrung 1987 nur einen anderen Freshman, der zum besten Verteidiger aller CBB-Spieler ernannt wurde – Anthony Davis im Jahr 2012.

Odens Verteidigungsarbeit beginnt mit seiner Physis. Durch seine Masse und Länge war er auch für ältere, zukünftige NBA-Spieler im Postup kaum zu bewegen, geschweige denn zu überwinden.

Seine Körperlichkeit nutzte er auch als Boxout-Maschine und Rebounder sehr gut. Man beachte, wie sich Oden in dieser Situation gegen den größeren Roy Hibbert noch in eine vorteilhafte Position bringt und genau im richtigen Moment abspringt, um das Board für sein Team abzugreifen.

Exzellente Sprungkraft, lange Arme und tolles Timing ließen Oden zum gefürchtetsten Wurfveränderer und Shotblocker des CBBs werden. Stellvertretend für seine Zonen-Anker-Fähigkeiten kann diese Szene stehen, in der seine bloße Präsenz einen verfrühten Abschluss forciert. Den anschließenden Wurf kann er dann recht locker zum eigenen Teamkollegen blocken.

Der Buckeyes-Freshman war aber bei weitem nicht nur ein eindimensionaler, stationärer Riese, der sich in der Zone breit machte und wartete. Als sehr mobiler und proaktiv agierender Big brachte sich Oden ständig auch als Help-Defender ein. Nötige Rotationen erkannte er trotz seiner Jugend oft und schnell. So bügelte er viele Fehler seiner Guard- und Wing-Kollegen wieder aus. Corey Brewer kann ein Lied von diesen Fähigkeiten singen:

Bleibt eigentlich nur noch die Frage zu klären, ob Oden auch in einer immer mehr auf das Pick’n’Roll ausgelegten NBA wegen seiner Masse nicht irgendwann zu einem Ziel gegnerischer Angriffs-Taktiken geworden wäre. Der Film gibt kaum Hinweise darauf. Auch am Perimeter gab der Freshman mit flinken Füßen eine gute Figur ab.

Zugegebenermaßen hatte Oden auch oft mit Foulproblemen zu kämpfen und offenbarte in so manchem Spiel auch leichte Konditionsprobleme, wenn er über 30 Minuten spielte. Diese kleineren Schwächen hätten Erfahrung und NBA-Conditioning abschwächen können. Vielmehr sollte in den Fokus rücken, dass Oden als sehr geduldiger und nervenstarker Zeitgenosse daherkam. Hier zwei defensive Clutch-Plays in Do-or-Die-Tournament-Spielen:

Halten wir also fest: Greg Oden war defensiv ein franchiseveränderndes Ausnahme-Talent und wohl schon allein auf Basis dieser Seite des Feldes als All Star-Talent einzuordnen. Ohne Blick auf die Offense konnte der Freshman als größerer Ben Wallace auf Steroiden gelten. Unter den Bedingungen der damaligen NBA, die noch etwas Big Man-lastiger war, ist Oden an #1 durchaus nachzuvollziehen, da er wie im folgenden Abschnitt gleich gezeigt wird, offensiv nicht komplett unbeschlagen war.

Wäre Oden heute noch als #1 Pick denkbar?

Wenn wir im Jahr 2017 über die talentiertesten und wertvollsten Bigs der NBA nachdenken, dürften uns zunächst Davis, Cousins, Jokic, Embiid, Towns, Green und Porzingis einfallen. In dieser Aufzählung fehlen Spieler wie Gobert, Jordan, Whiteside oder Drummond eher. Schauen wir genauer hin, wird schnell klar, warum. Basketball wird immer mehr zu einem Sport, in dem die Offensive das Spiel diktiert. Einfluss auf dem Parkett hängt immer mehr von Scoring und Playmaking ab. Auch wenn für Bigs gewisse defensive Fähigkeiten unabdingbar sind, braucht es auch für sie die Möglichkeit, offensiv das Ruder an sich reißen zu können, um als Franchise-Player und damit eine erste Option eines Contenders gelten zu können. Die Messlatte, die für wahre Superstar-Big Men heutzutage angelegt werden muss, ist viel höher als noch vor einer Dekade. Unsere Draftrankings der letzten Jahre und unsere letzten Einschätzungen der Top 10-Spieler der NBA zeigen es. In Skillball-Zeiten haben es Sevenfooter schwer. Oden wäre in unserem 2017er Ranking wohl nicht in unserer Superstar-Tier gelandet.

Offense

Als Mini-Disclaimer, der für Oden eine kleine Lanze bricht, schicke ich eine CBB-Verletzung vorweg. Der Center spielte seine Freshman-Saison mit einer kaputten Wurfhand. Freiwürfe warf er wegen der Bewegungseinschränkung größtenteils mit links und traf respektable 63 FT%. Vielleicht wäre ein gesunder Oden zu höherem offensivem Output in der Lage gewesen.

Der Film zeigt uns eher einen zwar hocheffizienten, aber technisch eher einfach gestrickten Power-Big, der einen Großteil seiner Punkte über athletische Überlegenheit produzierte. Seine simplen Postup-Moves funktionierten auch gegen zukünftige NBA-Spieler.

Sein Positioning und die Fähigkeit viel Raum einzunehmen, waren durch seine Masse und Länge stark. Durch seine flinken Füße reichte ihm gegen CBB-Competition oft ein schneller Spin-Move, um schon freie Bahn zum Korb zu haben.

Als (PnR)-Lobstation, Short Corner Guy und Müllverwerter funktionierte Oden selbstverständlich auch vorzüglich:

Aber die NBA verlangt inzwischen mehr, auch von ihren Big Men. Dass er den Ball auf den Boden setzen, einen Sprungwurf treffen oder gar für andere Mitspieler kreieren kann, deutete Oden am College maximal peripher an.

Ohne Oden offensiv komplett jegliches Talent absprechen zu wollen, muss retroperspektiv klar gesagt werden, dass dem Freshman elitäres Scoring- und Playmaking-Talent klar abgeht. Dies würde es im Jahr 2017 extrem schwer werden lassen für den Big über Durant als #1 Pick zu argumentieren. Selbst wenn wir annehmen, dass Durants defensive Möglichkeiten und Entwicklung damals nicht vorhersehbar war, konnte er schon damals wenigstens als primärer Initiator einer Offensive erkannt werden. Immerhin wurde der Texas-Alumn wegen seines herausragenden Scorings als Freshman zum Player of the Year gewählt. Umgedreht würde das Talent Oden auch im Jahr 2017 wohl nicht weiter als an #2 fallen. Mit etwas offensivem Feintuning hätte der Buckeyes-Center eventuell das Ceiling größerer Prime-Dwight Howard mit besserer FT% gehabt.

Fazit

So weh es mir tut: Greg Oden darf natürlich gern als Bust bezeichnet werden. Dieser Begriff ist eng mit Erwartungen verknüpft und die Erwartungen, die man an einen #1 Pick haben sollte, hat er nicht erfüllt. Durant als verschlimmernden Faktor für diese Sicht kann dabei sogar ausgeklammert werden. Doch ist es durchaus sinnvoll zu differenzieren. Oden war nicht spielerisch zu schlecht, sondern sein Körper nicht bereit für die Strapazen der NBA. Auch wenn dies natürlich zu einer guten Spielerevaluation dazugehört, ist es durchaus sinnig, die von den Blazers getroffene Draft-Entscheidung rein auf Basis der Informationen von damals zu betrachten. Aus dieser Sicht geht Oden als #1 Pick und Kern-Addition zu Roy und Aldridge in Ordnung. Die nur wenige Jahre später einsetzende und rasant ausbreitende Skill-Ball-Revolution zeichnete sich 2007 nicht nicht ab. Wie immer lässt sich aber auch der Historie lernen. Ganz grundsätzlich sind verletzungsanfällige Bigs immer kritisch zu beäugen und der Wert von reinen Defensiv-Centern auf All Star/Superstar-Ebene zu hinterfragen.

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