Dallas Mavericks

Scouting: Dennis Smith Jr.

Wenn Rookie-Point-Guards laufen lernen
Screenshot: NBA League Pass

Die Draftclass 2017 stand ganz im Zeichen talentierter Point Guards, unter den Top-10-Picks befanden sich gleich fünf Aufbauspieler. Bei der Frage um den diesjährigen Titel des „Rookie of the year“ werden jedoch andere Namen diskutiert. Auch Dennis Smith Jr. fehlt in dieser Konversation, zu schwankend sind seine Leistungen, zu schlecht die Ergebnisse seiner Mavericks. Aber wo steht der ehemalige Star der North Carolina State University eigentlich in seiner Entwicklung: Was kann er schon? Welche Fertigkeiten wird er wahrscheinlich erlernen? Welche Grenzen hat er in seinem Spiel? Der folgende Artikel will versuchen, diese Fragen zu beantworten.

Der Anführer

Es ist nicht nur die Tatsache, dass Dennis Smith Junior auf dem Feld die Rolle des Playmakers ausfüllen soll; es ist auch der Anspruch, den der an Nummer Neun gedraftete Rookie an sich selbst hat: Er sieht sich als Anführer. Das Verhalten eines Anführers ist bereits in vielerlei Facetten ersichtlich, deutlich sogar. Sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist, merkt man Smith deutlich an, dass er sich stets einen Moment des Nachdenkens einräumt. Er bemüht sich sehr um ein erwachsenes Auftreten. In jeder Trainingseinheit – und sei es nur beim Pre-Game-Shootaround, arbeitet der 20-Jährige hörig und konzentriert an seinen Fertigkeiten. Die großen emotionalen Gesten, der lautstarke Protest gegen die vielen No-Calls, die er als Rookie über sich ergehen lassen muss – sie fehlen. Smith sieht das große Ganze, er erarbeitet sich Tag für Tag ein Stück mehr Respekt in einer Liga, in der nichts stärker wiegt.

Was der Point Guard aber auch weiß, als Anführer auf dem Feld braucht es vor allem eins: Erfahrung. Er wird die Offense seiner Mannschaft eines Tages dirigieren. Jenes Dirigieren gestaltet sich jedoch als eine höchst komplexe Angelegenheit. Es gibt unzählige Situationen, die er als Basketballer bislang nur selten oder noch gar nicht gesehen hat. So reflektierte sich Smith kürzlich selbst und sagte eben: Nein, es sei nicht sein Team. Diese Worte waren weise gewählt, das Team gehört Dirk Nowitzki. Es gehört aber auch einem J. J. Barea. Stehen beide, also Smith und Barea auf dem Feld, nimmt der unterdimensionierte Puerto-Ricaner die Playcalls von Coach Carlisle entgegen. Was viele Mavs-Anhänger dabei nicht verstehen wollen: Smith lernt auch in diesen Minuten. Er lernt das Agieren off-the-ball und er lernt von Barea, einem Aufbauspieler, der längst nicht die Fähigkeiten des Rookies hat, doch das Spiel versteht wie kein anderer im Trikot der Mavericks.

Das Playmaking

Natürlich sind die gemeinsamen Minuten von Barea und Smith eher gering. Wenn Smith auf dem Feld steht, dann zumeist als Playmaker. Er bekommt das Vertrauen von Rick Carlisle – gleichermaßen aber auch von seinen Mitspielern. Dass in diesem quälenden Prozess des Lernens unzählige Fehler entstehen, nimmt man gern in Kauf. Es sind die Szenen, in denen Junior, wie sie ihn in Dallas nennen, keinen Plan B hat; Szenen, in denen er erst nach der falsch getroffenen Entscheidung erkennt, wie er die Situation besser hätte lösen können. Es sind Szenen wie diese:

Doch sie werden zunehmend seltener. Smith lässt das Spiel vermehrt auf sich zukommen, erzwingt selten Abschlüsse, hält sich lieber an die Playcalls von Coach Carlisle. Er lernt die Stärken seiner Mitspieler immer besser kennen und weiß vermehrt diese einzusetzen. So ist es beispielsweise der der Kickout auf den offenen Dreierschützen, der ihm inzwischen regelmäßig gelingt.

Auch der Stärke von Harrison Barnes in der Isolation vertraut Smith und gibt ihm bereitwillig in der Crunchtime den Ball. Er versteht, dass die Stärken seiner Mitspieler ihm selbst neue Türen öffnen.

Der eigene Abschluss

Der limitierende Faktor im Spiel des Rookies ist momentan dennoch die unzureichende Qualität der eigenen Abschlüsse. Nicht selten findet Smith nicht die richtige Bewegung, um zu einem guten Wurf zu gelangen.

So kommt das Angriffsspiel der Mavs schnell ins Stocken, die mangelnde Qualität seiner Mitspieler in Sachen Shoot-Creation wird dann deutlich. Deshalb ist es wichtig, dass sich Smith künftig neue Fertigkeiten aneignet, mit deren Hilfe er selbst abschließen kann. Dies gelingt ihm bislang hauptsächlich am Brett oder per Dreipunktewurf. Nur 32 Prozent seiner Abschlüsse erzielt er aus der Mitteldistanz, die Wurfquote hierbei ist mit 28 Prozent unterirdisch.  Dem Pull-Up-Jumper innerhalb der Dreierlinie hat er deshalb vorläufig völlig abgeschworen, ab und an versucht er den Abschluss per Floater.

Angesichts seines schnellen ersten Schrittes sowie seiner enorm starken Sprungkraft scheint es unstrittig, dass Smith alle Fähigkeiten besitzt, um jede Defensive im Alleingang zu sezieren.

Jene Fähigkeiten kann er auch im Pick and Roll gewinnbringend einsetzen.

Das Gespür für den richtigen Pass besitzt der 20-Jährige ebenfalls.

Dennoch hat es Smith noch schwer, weil er als Werfer wenig Anerkennung findet, seine Gegenspieler sich oft unterhalb des Blocks bewegen.

Der Wurf

Der Wurf gilt als eine der größten Baustellen im Spiel des Dennis Smith Jr. Warum dieser noch nicht hochprozentig fällt, lässt sich auf zwei Weisen erklären. Da ist zum einen die fehlende Erfahrung: Ein Rookie hat in der Regel noch keine sogenannten Sweet-Spots, Go-To-Moves sind noch nicht entwickelt. Diese wird der Mann mit der Trikotnummer Eins sicher nach und nach für sich entdecken.

Zum anderen weist aber die Wurftechnik doch einige Schwächen auf. So befindet sich die (rechte) Wurfhand kurz vor dem Release des Balles seitlich des Balles. Erst im letzten Moment korrigiert Smith diese Fehlstellung und dreht die Hand unter den Ball. Diese Rotation des Handgelenks nimmt den Bruchteil einer Sekunde in Anspruch, der Release ist somit eher langsam und der Wurf wirkt insgesamt unrund. Die schwachen Wurfquoten, vor allem die der Freiwürfe (70 Prozent), mögen diese Beobachtung belegen; gleichermaßen die Beobachtung, dass Carlisle regelmäßig mit seinem Zögling an dessen Wurf arbeitet.

Auch der Dreier fällt mit 33 Prozent noch zu inkonstant. Einigem Licht steht hierbei noch viel Schatten gegenüber.

 

Die Defense

Auch in der Defense zeigt sich Smith – für einen Rookie sicher nicht ungewöhnlich – sehr wechselhaft. Im Gegensatz erster Annahmen, beruhend auf scheinbaren Erkenntnissen  aus dessen College-Saison bei der NC State University, zeigt sich der Athlet durchaus sehr engagiert. Auch in diesem Bereich seines Spiels hat er bereits viel mit Rick Carlisle gearbeitet. Er trifft viele richtige Entscheidungen, liest die Situationen richtig, korrigiert kleine Stellungsfehler schnell.

Unterlaufen ihm aber doch Fehler, so sind die Folgen bei den Mavericks leider oft gravierend, weil nur in den wenigen Minuten, in denen Salah Mejri auf dem Feld steht, von einem echten Ringschutz die Rede sein kann bzw. ein Dirk Nowitzki so langsam ist, dass er Guards unmöglich bis an die Dreierlinie folgen kann.

Individuell betrachtet bringt Smith gemischte Voraussetzungen mit. Seine enorme Sprungkraft hilft ihm zwar wenig, doch ist er sehr schnell und kann durch viele kurze Schritte bei gegnerischen Richtungswechseln trotzdem vor dem Mann bleiben.

Als Beobachter ist nicht ersichtlich, ob es der Gameplan vorsieht, das Pick and Roll konservativ zu verteidigen; dass ein unter dem Screen durchtauchen also möglicherweise gewollt ist. Wenn Smith sich aber für diese Art der Verteidigung entscheidet, ist ihm seine geringe Armspannweite sicher keine Hilfe.

Der Ausblick

Bei allem gegenwärtigen Für und Wider im Spiel des Dennis Smith Jr. dürfen NBA-Fans, die es mit den Dallas Mavericks halten, die Leistungen ihres Point Guards gern verhalten ekstatisch bewerten. Gründe dafür gibt es nämlich einige: das spannende Skillset bestehend aus enormer Schnellkraft, durchaus vorhandenem Shootingtouch, gutem Ballhandling und jeder Menge Willenskraft; die positive Entwicklung innerhalb von weniger als vier NBA-Monaten und die Vergleiche mit Spielern gleichen Alters auf der gleichen Position. Würden die General-Manager heute die Möglichkeit einer Re-Draft erhalten, so würde vermutlich Smith als erster Point-Guard gezogen werden. Frank Ntilikina deutet zwar gelegentlich sein Talent – vor allem defensiv – an, doch kämpft er momentan mit einem von vielen abgeschriebenen Trey Burke um Backup-Minuten hinter Jarrett Jack. De‘Aaron Fox agiert zunehmend konstanter, auch seine Spielzeit stabilisiert sich, doch wird ihm sein schwacher Distanzwurf voraussichtlich größeres Kopfzerbrechen bereiten als der seines Konkurrenten von den Mavs. Das Spiel des Lonzo Ball zeigt durchaus spektakuläre Ansätze, doch weist es eben auch mindestens ebenso viele Fragezeichen auf, wie Dennis Spillmann es Mitte Dezember in seinem Video schon beschrieb. Da der Number-One-Pick Markelle Fultz aufgrund seiner langwierigen Schulterprobleme noch nicht bewertbar ist, verwundert es nicht, dass Scouting-Papst Cole Zwicker neulich im „Locked On Mavericks“-Podcast die These aufstellte, dass Smith der einzige Rookie aus der Draftclass 2017 sei, der die Chance hat, ein besserer Basketballer zu werden als der momentan überragende, aber eben auch ein Jahr ältere Donovan Mitchell.

An den Umständen in Dallas sollte es aller Voraussicht nach nicht scheitern. Die Synergie zwischen Coach Carlisle und seinem jungen Aufbauspieler scheint eine sehr gute zu sein – und das ist bei Carlisle mitnichten eine Selbstverständlichkeit. Weiterhin ist Smith von vielen Veteranen, sogar einer noch aktiven Basketballlegende, umgeben, von denen er alles lernen kann, was im NBA-Business wissenswert erscheint. Die Einstellung der Franchise ist immer auf das Gewinnen von möglichst vielen Spielen ausgerichtet. Tanking-Jobs im Sinne Sam Hinkies wird es bei den Mavs unter Mark Cuban nicht geben.

Letztlich werden wahrscheinlich die Entwicklung von Wurf und Spielintelligenz die entscheidenden Parameter für den Werdegang von Dennis Smith Jr. sein. Dass dieser in einigen Jahren sehr positiv bewertet werden kann, ist wohl um einiges wahrscheinlicher als die perfekt gelungene Kaderumstrukturierung seitens des Front-Offices der Mavs. Diese erscheint auch nach dem wohl richtigen Pick im Draft-Jahr 2017 als die größte und zugleich spannendste Baustelle in Basketball-Dallas.

  • 12
  • 2
  •  
  •  
  •  
  •  

2 comments

  1. D41

    Sehr schöner Artikel! Zeigt sehr schön auf, was DSJ für ein Potenzial hat, aber auch wie viel er noch zu lernen hat. Die Wurftechnik ist besonders interessant. Wenn er noch einen schnelleren Release hin bekommt und seine 3P% von jetzt 32,5 auf respektable 38% bringt wird er zur richtigen Waffe.
    Ich hätte DSJ auch gerne mal mit Seth Curry gesehen. Wäre für mich interessant, wie er mit einem zweiten Playmaker agiert, der Außen immer respektiert werden muss.

  2. Mr. Finger-Roll

    |Author

    Danke! :tup:

    Ich bin recht optimistisch, was die Verbesserung der Quote angeht. Ich denke, dass man an der Technik noch etwas schrauben wird. Tatsächlich macht das Carlisle zumeist selbst. Diese Veränderungen bewirken aller Wahrscheinlichkeit nach die ein oder andere Schwankung in den nächsten 1-2 Jahren. Herauskommen kann dann aber ein wirklich solider Werfer. Nächste Saison möchte ich dann auch endlich wieder den Midrange-Pull-Up sehen, damit er nicht immer in die lauernden Ringbeschützer kracht.

    Zum zweiten Punkt: Den Unterschied sehe ich nicht als so groß an. Neben ihm spielen z.Z. Wes, Yogi und JJ; die können das auch. Generell stellt Carlisle doch immer mindestens vier Schützen auf. DSJ ist noch zu viel mit sich selbst beschäftigt, als dass Seth einen allzu großen Unterschied (für sein Spiel) machen würde.
    Auffällig in den letzten Spielen finde ich, dass Smith immer häufiger ins Pick & Roll geschickt wird, sich richtig austoben darf. Er macht Fehler ohne Ende (und die Mavs verlieren), aber lernt eben auch unglaublich dazu. Die vermehrt richtigen Entscheidungen wecken in der Tat große Hoffnungen.


Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben