Alltimers, Off-Court

Mit weit verschlossenen Augen

Zugegebenermaßen ist der Artikel keine Thesendiskussion analytischer Art und zugegebenermaßen unterscheidet er sich auch von den bisherigen Go-to-Guys-Artikeln immens. Sein Leitmotiv ist kein basketballerisches, sondern ein sportartenübergreifendes – eine Art Streitfrage, die sich schon längst auch abseits des Sports abgespielt hat, und auch ganz davon abgesehen für Kontroversen und schweißnasse Hände von eifrigen Debattanten gesorgt hat. Es wird heikel und geht über die Grenzen der National Basketball Association hinaus, Ladies and Gentlemen, wir reden über Homophobie. Setzen Sie ihre Scheuklappen auf, wenn dieses Wort schon abschreckend genug für Sie war – oder suchen Sie rechts oben das rote X auf.

Wenn nicht, dann darf ich beginnen – und zwar in medias res: Am 11. Februar 2007 veröffentlicht John Amaechi, ehemaliger NBA-Spieler aus England, seine Autobiografie. Zunächst ist daran nichts ungewöhnlich, steht sie doch im Schatten der landesweiten Super Bowl-Party, doch nachdem der Publizist Howard Bragman darauf aufmerksam macht und das Buch in der ESPN-Sendung „Outside the Lines“ vorgestellt wird, steht fest: John Amaechi ist schwul; die Autobiografie sein Coming-Out.

Photo: feastoffun.com (Lizenz)

Amaechi ist damit der sechste Athlet der vier großen US-Ligen, der seine alternative Sexualität publik diskutiert. Bemerkenswert ist ebenso, dass alle sechs Homosexuelle ihr Coming Out hatten, als sie bereits zurückgetreten waren und nicht mehr aktiv im Dienst einer Franchise standen. Der ESPN-Redakteur Michael Wilbon nimmt diese Statistik als Indiz für seine Hypothese, dass viele der NBA-Spieler gar nicht damit rechnen beziehungsweise gar auf die Idee kommen könnten, sie könnten ihren Lockerroom, das teaminterne Palastzimmer, mit Homosexuellen teilen: „Die Tatsache, dass eine große Anzahl von heterosexuellen, männlichen Sportlern tatsächlich glauben, dass sie ihren locker room und die Dusche nicht schon mit Schwulen teilen, ist lachhaft.“

Einhergend mit jener These ist die Vermutung, dass es für viele NBA-Spieler schlichtweg unvorstellbar wäre, schwule Mitspieler zu haben, sie diese ablehnen und – was noch viel schlimmer erscheint –, sie es für normal empfinden, dass Homophobie an der Tagesordnung steht. Die Gründe und Ursachen sowie Folgen und Konsequenzen meiner Hypothese möchte ich in diesem Artikel vorstellen.

Die Quelle des Bösen

Die Gründe für Schwulenhass und Homophobie sind multilateral und oftmals völlig unabhängig voneinander.
Generell aber steht die Angst vor etwas Fremdem und Unbekanntem vielen im Weg. Basketballspieler aus vorrangig schwarzen Familien sind es möglicherweise nicht gewohnt, dass es … ähm … auch schwule Menschen gibt. So paradox das klingen mag, doch es ist davon auszugehen, dass etwaige NBA-Spieler – viele davon aus Armutsvierteln kommend und einen beträchtlichen Teil ihres Lebens als Schmalspurganoven zwischen Wu-Tang Clan, Cannabis Sativa und Streetball-Platz verbracht – einfach nicht das Bewusstsein für gesellschaftliche Problematiken wie die des Schwulseins erkannt haben. Vorwerfen kann man es ihnen nicht, schließlich sind Erziehung, Freundeskreis und Freizeit-Beschäftigung gewissermaßen als Produkt ihrer Umwelt zu sehen und vice versa. Und wenn viele junge Kids Armut am eigenen Leib empfinden mussten und Basketball als einzige Verarbeitungsform davon kennen, kann man ihnen nicht ankreiden, dass Homophobie für sie kein Schlagwort ist, dessen Klang sie prompt mit einem „Toleranz!“-Ruf entgegnen. Das mag zwar kritisch zu hinterfragen sein, aber das sind nunmal die alltäglichen Realitäten aus dem Leben des US-Ghettos.

Nun sind aber bei weitem nicht alle NBA-Profis Generation „Ghetto Geldsorge“; ebenso wie nicht alle NBA-Spieler aus sozialen Brennpunkten stammen, wo der Schwule als ein Feindbild dargestellt wird oder gar etwas Unbekanntes ist. Nein, man muss weitergraben, um die Problematik der Homophobie zu begreifen.

Neben der durch ihr soziales Umfeld im Verhältnis zu schwulen gezeichneten Spielern, gibt es auch diejenigen, die in Schwulen einfach aus Überzeugung Sündenböcke sehen. Das mag in der religiösen Vergangenheit der USA – als „chosen ones“ in das „promised land“ gezogen, um auf die heilige „salvation“ gewissenhaft hinzuarbeiten – verwurzelt sein, ist aber auch gewiss ein gesellschaftlicher Nenner, auf den sich viele Amerikaner einigen können: für 57% spielt der Glaube eine „sehr wichtige“ Rolle im Leben. Trotz religiöser Diversität, glauben im Durchschnitt vier von fünf Amerikanern dass die Welt „von Gott geschaffen“ wurde. Folgerichtig glauben auch 67% an ein Leben nach dem Tod.

Von hier ist der Sprung zur Homophobie kein großer mehr. Der von christlichen Kirchen seit Jahrzehnten gepredigte Gedanke, Geschlechtsverkehr habe nur zur Fortpflanzung zu dienen und soll demzufolge auch nur zwischen Mann und Frau stattfinden, obwohl heutzutage jeder weiß, dass dies in seltensten Fällen zutrifft – das ist ein absoluter Irrglaube.
Ob der soziale Hintergrund, religiöse Wurzeln oder einfach die Tatsache, dass es leicht fällt, gegen Homosexuelle zu wettern: Schwulenfeindlichkeit ist ein Konsens, auf den sich viele Amerikaner einigen können. Pädophilie oder Ausländerfeindlichkeit sind Haltungen, die jeder ohne mit der Schulter zu zucken ablehnt; hierbei ist der mahnende Zeigefinger schnell erhoben. Bei Homophobie ist das nicht so. Zwischen Ablehnung, Gleichgültigkeit und Toleranz gibt es viele Graustufen in der persönlichen Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Paare. Einen einheitlichen Kurs, ein Strang, an dem alle ziehen? Fehlanzeige.

Die Chronik einer medialen Debatte

Im Februar 2007 äußerte sich Tim Hardaway, ehemaliger Aufbauspieler und All-Star der Miami Heat, in der „Dan La Batard’s Radio Show“ über das Coming Out John Amaechis. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, mit einem schwulen Spieler wie Amaechi gemeinsam zu spielen, sagte Hardaway, dass er ihn meiden müsste, ihn nicht im Locker Room haben wolle und möglicherweise einen Trade fordern würde. Generell lehne er Homosexualität ab. Als er vom Moderator daraufhin damit konfrontiert worden ist, dass seine Aussagen homophob und bigott seien, stellte er per Geistesblitz fest: „Wissen Sie, Ich hasse Schwule, also lasse ich das zu verstehen geben. Ich mag sie nicht und ich möchte nicht in ihrem Umfeld sein. Ich bin nunmal homophob, ich mag es nunmal nicht.

Photo: Eric Richardson (Lizenz)

Was folgte, war ein Entrüstungssturm, der Hardaways Aussagen hinterfragte. Im Internet formierten sich Petitionen für eine Gleichberechtigung Amaechis. Trotz Rücknahme der Aussagen und öffentlicher Entschuldigung wurde Hardaway bestraft: Eine Geldstrafe nicht bekannter Höhe sowie ein Ausschluss aus jeglichen Aktivitäten beim All-Star Game waren die Folgen. David Stern, Commissioner der NBA, führte dies auf die „Disparität zwischen [den Ansichten] Hardaways und der NBA“ zurück. Seine Aussagen seien „unangemessen“ und können die NBA so nicht repräsentieren. Klar, dass die Fassade einer NBA, die stets „caring“ war, plötzlich bröckelte. Wohlfahrtsanstalt ist nicht Stammtisch.
Hardaways Arbeitgeber, Trinity Sports, entließ ihn auch umgehend von der Stelle als „Chief Basketball Operation Advisor“ der Indiana Alley Cats und die CBA distanzierte sich als weitere Instanz von Tim Hardaway.

Der nationale Aufschrei – was ist dran? Die Statements Hardaways sowie deren Konsequenzen und Sanktionen traten eine Debatte los, die alle amerikanischen Sportmedien vereinnahmte. Fans in Foren auf der ganzen Welt diskutierten mit. Könnte es tatsächlich sein, dass es mehr Spieler gibt, die möglicherweise homosexuell sind, aber einfach keinen Mut haben, im Kreis ihrer Mitspieler und Franchises dazu zu stehen? Wie steht die Liga, insbesondere die Spieler, zu Schwulenfeindlichkeit?

Photo: studio08denver (Lizenz)

Charles Barkley, der die Schuhe nach 16 Jahren NBA an den Nagel gehängt hat und als TV-Kommentator arbeitet, sagte, der Umgang mit Schwulen sollte kein großes Ding sein: „Ich weiß, dass ich mit einigen schwulen Mitspielern und gegen einige spielte. Aber hey, das sollte heutzutage für keinen mehr eine Überraschung oder Streitfrage sein.“ Er vermerkte ebenfalls, dass die heutigen aufgeklärten Zeiten eigentlich prädestiniert dafür wären, schwulen NBA-Spieler ein Coming-Out zu erleichtern und ein öffentliches Bekenntnis heutzutage weitaus leichter fallen würde als das in seiner Zeit der Fall war.

Barkley mag Recht haben, dass vor 15 Jahren (oder geschweige noch früher) ein öffentliches Bekenntnis gewiss weitaus komplizierter war, aber so liberal und tolerant wie „Sir Charles“ sind leider die wenigsten NBA-Akteure. Denn in der ganzen Debatte kamen weitere Intelligenzbestien zu Wort. Zum einen wäre da der damalige Philadelphia 76ers-Spieler Shavlik Randolph, der sich in einem Interview als offenkundiger Schwulenhasser präsentierte: „Solange Sie nicht schwul sind, ist alles in Ordnung zwischen uns“ oder Center Steven Hunter sagte, dass er nur mit schwulen Mitspielern arbeiten könnte, solange sie ihm keine Annäherungen machen.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

Grandios, lasst uns ein Fest feiern! Da stelle man sich die beiden vor: 2,10 Meter groß, breit wie Schränke, millionenreich und das dafür, dass sie in der Garbage Time das Handtuch schwingen und ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Wirklich verständlich, dass diese Menschen Angst und Unverständnis Schwulen entgegenbringen. Professionalität wird jedenfalls anders geschrieben, und in diesem Zusammenhang wird ebenfalls die Verbreitung von Homophobie innerhalb der Gesellschaft mitsamt multikausalen Gründen deutlich.

Viel bemerkenswerter ist aber die Reaktion unseres Aushängeschilds der Liga. Der werte LeBron James wurde freilich ebenfalls zu der Problematik der schwulen Mitspieler befragt. Der höchste Repräsentent der Stern’schen Liga war natürlich um Diplomatie bedacht und vermerkte, dass er Vertrauen zu Mitspielern haben müsse – und wenn schwule Mitspieler schwul seien, aber nicht dazu stehen würden, dann kann er ihnen nicht vertrauen.

Die Milchmädchenrechnung LeBron James’, die an dem Punkt des „dazu stehens“ völlig den Druck der Öffentlichkeit, Späße seitens der Mitspieler und ein demoliertes Image ignoriert, verdeutlicht sehr gut die Einstellung der meisten NBA-Spieler bezüglich dieses Themas: wirklich komfortabel oder problemlos fühlen sich die wenigsten mit potentiellen Bekenntnissen ihrer Mitspieler. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Doc Rivers, Trainer der Boston Celtics, der eingesteht, dass er glaubt, die teaminternen Reaktionen würden „jokingly“ sein. Pat Garrity, ehemaliger Spieler der Orlando Magic, fügt hinzu: „Es würde Mitspieler geben, die ihn dafür schätzen würden, ein guter Mensch und Mitspieler gewesen zu sein, aber es gibt mit Sicherheit auch diejenigen, die ihm die Zeit erschweren würden.

Die Liga positioniert sich freilich anders und konträr zu den Aussagen der Spieler. Dass David Stern die blütenweiße West nach außen wahren will, sollte klar sein und da ist jegliches Image, das Schwulenfeindlichkeit nicht ächtet und an den Pranger stellt, kein gutes. Dass öffentlich mit Aussagen Hardaway abgerechnet wurde, ist gut, macht die Sache der fehlenden Toleranz zwischen Mitspielern und Freunden aber auch nicht besser.

Denn es ist gleichwohl die Frage nach der Transparenz einer Liga, die nach außen hin eine Vorbildfunktion einnehmen will, sogar karitative Funktionen übernimmt, ein riesiges Wirtschaftsunternehmen und festverankertes Glied im Alltag vieler Amerikaner ist, aber deren Spieler schwulenfeindliche Äußerungen treffen oder sich anderweitig öffentlich disqualifizieren. Die gleiche Frage könnte man definitiv auch bezüglich des Dopings, des Sportlobbyismus’, der Toleranz für Schrittfehler sowie allgemein der Bevormundung von Superstars oder dem Verhängen von relationsfernen Spielerstraften stellen. Inwiefern ist die Liga hier ehrlich? Wie weit liegt „Schein“ von „Sein“ entfernt? Die Debatte um Homosexualität hat dabei gezeigt, dass die Gründe dafür nicht im Sportlichen liegen müssen, sondern eine ganze Gesellschaft betreffen, und – was weitaus gravierender ist – dass Schubladendenken und Klischees unter Spitzensportlern gang und gäbe sind.

Denn was sind Spieler wirklich für Aushängeschilder und Idole, wenn man befürchten muss, dass sie in völlig festgefahrenen Menschenbildern leben und Ideologien teilen, die zeitgenössisch dem Mittelalter entsprechen. Es ist gut, dass sich der auserwählte, allmächtige, grundgütige LeBron nicht schwulenfeindlich und dumm wie seine Kollegen verhalten hat. Dass er aber inmitten der hitzigen Debatte nicht einfach allein aus rein pragmatischen und mäßigungsaffinen Gründen ein „Schwule sind normale Menschen und zu tolerieren“-Bekenntnis von den Lippen bekommt, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Es vertröstet nicht, dass die sich geäußerten schwulenfeindlichen Spieler wohl keine Ausnahme sind. Es ist vielmehr das falsche Zeichen in der absolut nötigen Debatte um Toleranz für schwule Sportler. Dass mag manch’ einen gar nicht interessieren; für ihn bleibt der Spitzensportler und Lieblingsspieler der gleiche, unabhängig davon, was für ein menschliches Profil er besitzt. Ich persönlich finde dies hinterfragendswert und beängstigend.

Natürlich sind nicht alle NBA-Spieler zu verallgemeinern und pauschal zu verurteilen, aber die Kontroverse um John Amaechi hat gezeigt, dass in der NBA bei weitem nicht alles Gold ist, was glänzt. Sterns Äußerungen und Taten sind die eine Hälfte – die Kehrseite der Medaille ist aber, dass man selbst als verfolgender Fan das Gefühl nicht los wird, dass die Meinungen der Spieler eher gegensätzlich zu betrachten sind.

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3 comments

  1. Sitte

    Toller Artikel Jan! Schön, dass bei go-to-guys auch mal Themen angesprochen werden, die primär nichts mit Basketball zu tun haben. Bitte weiter so!

  2. Jan Karon

    |Author

    Vielen Dank, das freut einen natürlich. Ich hoffe dir gefällt unser breites Sortiment an Artikeln, die sowohl analytischer Art sind, die aber auch Themen abseits des Basketballfelder oder Statistikspielereien abdecken. Wir versuchen auf jeden Fall auch weiterhin Themen, die nicht ganz so “spielfeldnah” sind, zu behandeln und über NBA-übergreifendes zu berichten. Bleib dran! 😉
    j

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