Alltimers, Draft

The Next Move

Recruiting-Decisions – von der Herzensangelegenheit zum Business-Move

Ein erfolgreicher NBA-Profi werden – das ist der Traum eines jeden jungen Basketballers. Der Weg dorthin ist für die vielen, talentierten Athleten allerdings mit allerlei Hindernissen und wichtigen Entscheidungen gepflastert. Die wichtigste Wahl, die Top-Prospects treffen müssen, ist die des richtigen Colleges. Das für einen selbst passende Universitäts-Basketballprogramm als Überbrückung zwischen High School und Profidasein zu finden, ist elementar für den weiteren Werdegang im Basketballer-Leben. Für überdurchschnittliche Spieler kann diese Entscheidung den Unterschied zwischen sicherem Platz in der Draft oder einer Karriere in Europa bedeuten. Für die Elite hat sie Einfluss auf eine potentielle Top 3-Platzierung oder ein Abrutschen in die Mitte der Ersten Runde. Die Herangehensweise an die Wahl des richtigen Colleges scheint sich, genauso wie der Sport selbst, über die vergangenen Jahrzehnte verändert zu haben. Dieser Artikel versucht, diese allgemeine Entwicklung der Recruiting-Entscheidungen zu verdeutlichen. Er werden besonders Spieler beobachtet, die schon nach der High School den Anspruch haben, später einmal in der NBA zu landen.

Home is where the heart is

Die Reise beginnt Ende der 1970er/Anfang der 1980er, dem Zeitraum, in dem der Basketball, wie wir ihn heute kennen, groß wurde. 1979 spielten Magic Johnson und Larry Bird im NCAA-Finale gegeneinander – bis heute das Collegespiel mit dem größten gemessenen Zuschaueranteil. Die NBA-Draft 1984 spülte Olajuwon, Jordan, Stockton, Barkley in die Liga und gilt bis heute als wichtigste ihrer Art. Der Sport erlebte in diesen Zeiten nach Jahren im Drogensumpf und Schatten der damals noch großen Brüder Football und Baseball seine erste Goldene Zeit. Gekrönt wurde diese Ära von den Olympischen Spielen 1992. Das US-Dream Team kann wohl jeder geneigte Fan im Schlaf aufzählen. Aber kennen auch alle die jeweils dazugehörigen Colleges zu den Legenden? Hier eine kleine Gedankenstütze:roster92 

Diese Jungs sollen an dieser Stelle einmal exemplarisch für alle Toptalente der Generation stehen, die sich zwischen Ende der 70er/Anfang der 80er nach der High School für ein College entscheiden musste. Damit ist Christian Laettner etwas Außen vor, aber das ist nicht so schlimm. Das war er ja im damaligen Teamgefüge auch etwas. Was bei dem Blick auf die jeweiligen Entscheidungen auffällt, zu dieser Zeit dachten die meisten Talente noch recht praktisch über ihre College-Wahl. Zehn der ausgewählten zwölf Spieler bleiben zuhause in ihrem Heimatstaat und besuchten zu einem relativ großen Teil sogar Mid Majors (Louisiana Tech, Central Arkansas, Indiana State), also Unis in kleineren Ligen ohne TV-Verträge. Ausnahmen bilden lediglich der nicht ganz zur Spielergeneration gehörende Laettner und Ewing, der als geborener Jamaikaner wohl die wenigsten Wurzeln in der damaligen High School-Heimat geschlagen hatte. Man blieb gern in der Heimat, um Familie und Freunden nah zu sein, und machte seine Entscheidung noch nicht von anderen Faktoren abhängig.

larrybirdBasketball im Allgemeinen war noch nicht so weit. Die Basis des heute hochprofessionellen Sports entstand erst. Scouting und Hype von Spielern vor ihrer NBA-Karriere steckten noch in den Kinderschuhen. Stipendien-Angebote wurden wegen fehlenden Überblicks über den nationalen Talentpool nur im eigenen Hinterhof verteilt. Das erste McDonalds All American-Game fand 1977 statt und verpasste es, in den Folgejahren noch recht häufig klare Toptalente zu nominieren/ausfindig zu machen. Wirklich viel Geld (gemessen an den heutigen Verhältnissen) konnte man in der NBA noch nicht verdienen. Kareem Abdul-Jabbar, als großer Star der Zeit, verdiente nie mehr als 3 Millionen Dollar pro Jahr. Dementsprechend war es für Bird, Jordan und Co. noch nicht wichtig, sich mit ihrer Entscheidung aus Basketball-Gründen in eine privat eventuell etwas unangenehmere Situation zu begeben und auf der anderen Seite an eine für den Sport potentiell besser aufgestellte Universität zu gehen. Auch gab es aus den genannten Gründen noch wenig Druck, den Schritt vom Campus in die Draft zu wagen. Genau die Hälfte des Dream Teams blieb trotz offensichtlichen Talents volle vier Jahre am College. Der Karriere-Weg NBA war für die damaligen Spieler noch kein offensichtlicher.

Home is where the money is

Diese Herangehensweise änderte sich aber schon eine Spielergeneration später. Exemplarisch für die Spieler, die Ende der 1990er/Anfang der 2000er ihren High School-Abschluss erlangten, soll einmal der Olympia-Kader von 2004 stehen:roster04

Es lässt sich eine klare Veränderung in der Mentalität der Spieler erkennen. Verwundern sollte dies niemanden: NBA-Basketball war, mit einem Michael Jordan auf dem Höhepunkt seines Schaffens und dem Unterzeichnen eines 33 Millionen Dollar-Jahresvertrags für 97/98, so attraktiv wie noch nie. Während die NBA auf der Suche nach dem „Nächsten MJ“ gefühlt schon in der Middle School Ausschau hielt und Hype-Events wie das McDonalds All-American-Game an Bedeutung gewannen, zeigten Spieler aus den Jahrgängen zwischen Dream Team und Bronze-Medaillien-Gewinner von Athen, wie hilfreich auf dem Weg zur lukrativen Profi-Karriere in der NBA erfolgreiche Jahre am College sein können. So unterzeichnete beispielsweise „Fab Five“-Mitglied und NCAA-Championship-Game-Teilnehmer ’92 und ‘93 Juwan Howard als erster Spieler aller Zeiten einen Kontrakt über 100 Millionen Dollar. Diese Entwicklungen boten neue Anreize für die Recruiting-Prozesse der neuen High School-Seniors.

odomNatürlich sind noch einige Spieler zu finden, die ihren (Heimat)-Wurzeln treu blieben. Als hochgehyptes McDonalds-All American-Talent wagte sich aber nur noch Lamar Odom, für ein Mid Major zu spielen. Hochgehandelte Prospects, wie Iverson oder Jefferson, blieben nur in der Heimat, da dort mit Georgetown und Arizona extrem namenhafte Programme zu finden waren. Superstars, wie Wade (akademische Probleme) und Duncan (lebte bis zum College auf den Virgin Islands ohne Kontakt zum amerikanischen Basketball-Zirkus), endeten nur aufgrund dummer Zufälle an ihren in Sachen Basketball eher weniger renommierten Unis. Für den Großteil der Spieler herrschte schon damals die Prämisse, an ein für den Sport bekanntes College mit viel gebotener Spielzeit und ausreichend TV-Spielen zu gehen, sich dort kurze Zeit zu präsentieren und dann schnell den Weg in die Liga zu suchen. Ein Prozess, der darin gipfelte, diesen Zwischenschritt ganz zu überspringen und als gehyptes Talent die Jagd nach großen Geld in der NBA quasi nach dem Prom zu beginnen. Stoudemire, James und viele andere zu dieser Zeit setzten fort, was mit Garnett, Bryant und McGrady Mitte der 1990er so erfolgreich begann. Das absolute Extrem war erreicht.

 

Home is where the biggest stage is

Was folgte, war 2005. NBA-Commissioner David Stern fügte diese Zeilen in die NBA Draft Sektion des neuen Collective Bargaining Agreement dieses Jahres ein:

The player (A) is or will be at least 19 years of age during the calendar year in which the Draft is held, and (B) with respect to a player who is not an international player (defined below), at least one (1) NBA Season has elapsed since the player’s graduation from high school (or, if the player did not graduate from high school, since the graduation of the class with which the player would have graduated had he graduated from high school) […].

NBA-Talente mussten sich zwangsläufig wieder mit der Wahl des richtigen Colleges auseinandersetzen. Welche Folgen dies für die heutige Spielergeneration hat/hatte, soll dieses hypothetische US-Roster für die Olympischen Spiele 2016 aufzeigen, das die Spielergeneration des neuen Jahrtausends darstellen soll. (Bitte nicht aufschreien, wenn ihr anders nominieren würdet. Es geht dabei nicht darum, das beste oder realistischste Team abzubilden, sondern die Einstellungen und Entscheidungen des aktuellen Recruiting-Zeitgeists anhand dafür passender Leute aufzuzeigen.)

roster16 Mit verschiedenen Recruiting-Seiten, den immer mehr werdenden High School All-Star-Spielen (Jordan Brand Classic, Nike Hoop Summit, Nike Peach Jam), unzähligen Profi- und Amateur-Scouts und dem semiprofessionellen AAU-Circuit als tolle Plattform, sich als Prospect zu präsentieren, wird Basketball schon im Teenager-Alter immer weiter zum Business. Top-Talente fallen kaum noch durch das Raster. Wall bspw. wäre McDonalds All-American gewesen, aber durfte wegen einer Formalie im Spiel nicht auflaufen. Spieler wissen also immer sicherer und früher, ob sie potentiell das Zeug für die NBA haben oder nicht. Um diese Potential zu maximieren, agieren sie bei der Wahl ihres Colleges noch mehr mit Kalkül als früher. Viel Spielzeit und einige national übertragene Spiele sind solchen High School-Stars im neuen Jahrtausend immer gewiss, außer man geht zu einem Mid Major. In diese Verlegenheit kommt aber heutzutage kein McDonalds All-American mehr.

Spieler sind wählerischer geworden, da sie ganz „business-like“ die Uni nur noch als Zwischenschritt sehen. Der Blick auf die heute durchschnittlich noch absolvierten College-Jahre beweist das klar. Was neben Spielzeit und Fernsehauftritten noch geboten werden muss, ist etwas Besonderes – eine Bühne, die es ermöglicht, in Zeiten des Informationsüberflusses aus dem allgemeinen Medienrauschen herauszustechen. Wie Prospects ihre entgültigen Entscheidungen seit neustem verkünden, ist ein weiteres Indiz für diese These.

In Frage kommen nur die größten Plattformen des Landes – Colleges mit Tradition, mit aktuellen Erfolgen und Titeln in der Vergangenheit. Eingeladen werden die Prospects von einem Coach und gleichzeitig tollen Recruiter, der den Spieler von seiner Vision überzeugen und dazu einige starke Argumente (Siege, Final Fours, ehemalige Spieler in der NBA) mitbringen muss. All diese Kriterien erfüllen in der NCAA-Welt von heute nur noch wenige College/Coach-Kombinationen. Es sind die sogenannten Blue Blood-Programme mit absoluten Star-Trainern, wie Kentucky, Duke, Kansas und North Carolina, die auf die Top-Prospects große Anziehung ausüben und ihnen den besten Recruiting-Pitch liefern können.

Deswegen sind im Roster von 2016 zum ersten Mal einige Schulen mehrfach zu finden. Neben den Blue Devils (Irving, Parker) und Bruins (Love, Westbrook) bilden die Wildcats den größten Block. Durant, Griffin und Beal landeten zu den Hochzeiten ihrer jeweiligen Basketball-Programme an den medienwirksamsten Football-Colleges der Nation. Harden spielte für DIE Party-Uni der USA. Sie bilden kleinere Ausnahmen. Aber alle anderen McDonalds All-Americans fanden den Weg zu den besagten „College-Royalties“. Eine Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren noch fortsetzen wird, da diese Schulen in Sachen Übergang zur NBA Saison für Saison überragende Zahlen liefern und so für High Schooler auf dem Weg Profitum eine immer attraktivere Adresse darstellen. Ein Ende ist nicht in Sicht, da weitere Top-Prospects die Chancen erhöhen, weitere gute NBA-Spieler zu produzieren und so eine fortschreitende Talentkonzentration auf wenige Colleges weiter befeuern werden. Hocheingeschätze Teenager, die wegen guten Fits an einer Heimatuni bleiben (z. B. Sullinger, Griffin), werden die Ausnahme bilden. Zudem wird weiterhin verbesserndes High School-Scouting Geschichten von Mid Major-Spielern als NBA-Superstars (Curry, Lillard) zunehmend verhindern.

Ausblick

Basketball ist für Top-Prospects ganz klar zum Geschäft geworden. Wer kann es den Talenten bei den jährlich wachsenden Umsätzen der NBA auch verdenken? Um ihr Stück vom Kuchen abzubekommen, überlegen sie sich mittlerweile ganz genau, an welches College sie gehen und scheuen nicht davor zurück, dadurch plötzlich am anderen Ende des Landes leben zu müssen. Dabei wird das Entscheidungskriterium Bühne/Publicity auch weiterhin der größte Faktor bleiben; zu lukrativ ist eine potentielle Karriere in der NBA.

Interessant wird zu beobachten, was passiert, wenn die NBA das Alter für die Draft Eligibility noch einmal hochsetzt.  Ligaintern wird schon besprochen, dieses auf 20 Jahre zu erhöhen. Es könnte dann wieder zur Streuung der High School-Talente kommen, da an den Top-Colleges nicht mehr genug Spielzeitminuten und Portionen Rampenlicht für alle Prospects frei wären. Ein weiteres Jahr vom NBA-Geld entfernt zu sein, könnte außerdem High Schooler ermutigen, freiwillig den Brandon Jennings/Emmanuel Mudiay-Weg zu gehen und vor der NBA zwei Jahre professionell im Ausland zu Spielen. Dass sich das lohnt, zeigt der siebenstellige Vertrag von Mudiay und der potentielle Schuh-Deal, den er bald in China unterschreiben soll.

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2 comments

  1. Poohdini

    Was ist denn mit Heimat genau gemeint? Geburtsort, Staat wo man aufwächst, oder HS-Staat?

  2. Tobias Berger

    |Author

    Habe größtenteils auf diese Daten vertraut: http://statsheet.com/bhsb/mcdonalds_all_american_team/1977/distance

    Ansonsten bin ich von der HS ausgegangen. Ansonsten hätte man ja bei Boozer (in Deutschland geboren) oder Ewing (Jamaika) noch krassere Zahlen gehabt. Bin also vom direkten Wechsel im sozialen Umfeld ausgegangen.

    Dass jetzt Spieler teilweise sogar aus der Heimat weggehen, um an eine besonders gute Basketball-High School zu gehen, (Oak Hill z.B.) wollte ich jetzt nicht noch mit hineinnehmen. Das wäre zu kompliziert geworden.


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