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NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 3

Müsste man die bisherige Geschichte der Finals aus Sicht der Oklahoma City Thunder resümieren, würde die Zusammenfassung wie folgt klingen: Die Thunder beginnen die Serie daheim, sichern sich das erste Spiel nach einem starken dritten und einem abgebrühten vierten Viertel, verlieren aber in Spiel 2 auf Grund einer schwachen ersten Hälfte und eines starken LeBron James. Sie selbst stehen bei 7-7 in dieser Saison, wenn Westbrook mehr als 25 Würfe nimmt – in Spiel 2 nahm er 26. James Harden erzielt in den ersten beiden Partien 26 Punkte – und damit sechs mehr als die gesamte Bank der Heat. Kevin Durant gelangen in den letzten fünf Playoff-Spielen mehr als 20 Punkte in der zweiten Halbzeit, was kein anderer Spieler seit 15 Jahren schaffte. Er erzielte gleichwohl 33 Punkte in vierten Vierteln dieser Serie, was den Höchstwert seit 1976 darstellt. Man trifft auf einen Gegner, der acht von zehn Playoff-Heimspielen gewann; man selbst verlor drei von sieben Auswärtsspielen. Die Heat stehen dieses Jahr in dritten Spielen einer Playoff-Serie bei 1-2. Erzielten sie aber mehr als 100 Punkte in einer Begegnung, gewannen sie sieben Mal ohne ein Spiel zu verlieren. Es gilt dies zu verhindern.

Als neutraler Fan muss ich an dieser Stelle festhalten: Ich habe sehr viel Unverständnis für NBA-Fans, die diese Serie als Anti-Basketball deklarieren. Ich selbst glaube, dass die diesjährigen Finals die spannendsten seit geraumer Zeit sind. Jedes Spiel wird auf Messers Schneide entschieden; Kleinigkeiten sind ausschlaggebend für Sieg oder Niederlage. Basketballerisch ist das ein hochklassiges Aufeinandertreffen, mit Spielern von individueller Klasse, die jeden Normalsterblichen zum Staunen bringen.

Um schließlich zum dritten Spiel zu kommen: Es ist das Spiel der verpassten Chancen. Nachdem die ersten beiden Spiele in Oklahoma City 1-1 ausgingen, sichern sich die Miami Heat in einer zerfahrenen Partie den zweiten Sieg in Folge und die Führung in den Finals. Auch dieses mal ist go-to-guys-Redakteur Jan Karon live dabei und schreibt seine Gedanken zu den Finals nieder.

Auffällig an der dritten Partie der Finals ist erneut der gute Start der Miami Heat: Wie bereits in den ersten beiden Spiel erwischte die Mannschaft aus Florida den besseren Beginn, ging früh 10-4 in Führung, konnte Westbrook bis nahezu Mitte des ersten Viertels aus dem Spiel (0-3 FG) halten. Interessant ist dabei die Zusammensetzung der Punkte: James, Wade und Bosh erzielten die ersten 18 Punkte der Heat, schossen dabei acht von 17 aus dem Feld, während der Rest des Teams bis dahin ohne einzigen Zähler blieb. Von diesen 18 Punkten waren 14 Dunks oder Lay-Ups; von den ersten acht Korberfolgen wurden fünf nach Assists erzielt. Gutes Teamspiel und Abschlüsse in Korbnähe verschafften den Heat die frühe Führung. Weil ihre Rollenspieler – anders als beispielsweise in Spiel 1 – offene Würfe nicht trafen, konnten die Thunder bis auf sechs Punkte herankommen.

Im zweiten Viertel wurde die Partie zunehmend zerfahren. Die Thunder mussten für ihre Schüsse hart arbeiten – Kevin Durant war bis Mitte des 2. Viertels kein wesentlicher Faktor und sammelte bis hierhin lediglich 6 Punkte bei 0 Rebounds (James: 12 Punkte, 5 Rebounds) –, profitierten aber vom schlechten Shooting Miamis. Außerhalb der Zone gelangen den Heat lediglich drei von 21 Würfen zur Halbzeit. Bemerkenswert: Während Nick Collison in den ersten beiden Spielen ein wichtiger Faktor war und viele Thunder-Fans mehr Spielzeit für ihn forderten, war sein Einfluss in Spiel 3 minimal. So fing Collison früh 3 Fouls – und beendete das Spiel mit dem +/–game low von -11.

Was ebenfalls zur Sprache kommen muss, ist der Einfluss von Chris Bosh. Es schien, als wurde seine Persona völlig vergessen, als die Heat in den Conference Finals des Ostens Probleme gegen die Celtics bekamen und er angeschlagen war. Dass Bosh aber mehr als lediglich eine Ergänzung zu James und Wade darstellt, zeigte er eindrucksvoll in diesem Spiel. Bosh stellte wichtige Helpside-Defense, unzählige Offensiv-Rebounds und eine wertvolle Abschlussoption im Pick-and-Roll sicher. Zwar liest sich sein Boxscore (10 Punkte, 11 Rebounds, 3-12 FG) eher unspektakulär, sein Einfluss jedoch war immens.

Wie bereits nach Spiel 2 geschrieben, steht und fällt das Spiel Miamis mit der Penetration. Schaffen es James und Wade Löcher in der Verteidigung Oklahoma Citys zu reißen, bekommen die Thunder Probleme. Im dritten Viertel jedoch konnte Oklahoma City – das stärkste NBA-Team in dritten Spielabschnitten – eben dies vermeiden. Sich der Wurfschwäche der Heat bewusst, nahmen sie ihnen die Zone und gaben ihnen den freien Wurf. Prompt startete man stark ins dritte Viertel: Nach einem 10-2 Run wurde die Führung der Thunder zweistellig. Miami gelang erst sechs Minuten vor Ende des Viertels der erste Korberfolg aus dem Feld – es schien, als habe sich das Momentum gedreht und die Thunder könnten – wie so oft – nach der Halbzeit das Spiel vorentscheiden.

Dann jedoch kassierte Kevin Durant bei mehr als fünf Minuten auf der Uhr sein viertes Foul, was das Spiel massiv veränderte. Durant nahm Platz auf der Bank, kurz darauf auch Russell Westbrook, der zu dieser Zeit ein wenig überdrehte. Folgerichtig konnten die Heat das Viertel 16-7 beenden. Ironischerweise war es ein Dreipunktewurf James’, mit dem Miami etwas mehr als eine Minute vor Ende des dritten Viertels die Führung zurückerlangen konnte. Ein paradoxes und richtungsweisendes Viertel: Miami spielte ohne jeglichen offensiven Rhythmus, holte elf (!) Rebounds weniger, hatte einen Supporting Cast, der den Namen nicht verdient, und beging unzählige Fehlern, um mit zwei Punkten Führung in den letzten Spielabschnitt zu gehen.

Übte ich nach Spiel 1 noch harsche Kritik an Miamis Head Coach Erik Spoelstra, muss ich nun seinen Gegenüber Scott Brooks an den Pranger stellen: Meiner Meinung nach war es absolut unverantwortlich, Westbrook für fünfeinhalb Minuten draußen zu lassen, wohlwissend, dass der Star des Teams mit Foulproblemen zu kämpfen hat, und die Heat die Kontrolle zurückerlangen. Ebenfalls ein Fauxpas aus meiner Sicht: in keiner Phase des Spiel eine Zonenverteidigung gegen die Heat aufzuziehen. Dass diese damit zu kämpfen haben, sah man bereits in den Finals des letzten Jahres; an einem Abend, an dem kein Sprungwurf fällt und Offensivrebounds sowie Penetrationen die einzige offensive Waffe zu sein scheinen, hätte man diese Alternative früher oder später ausprobieren können. Es war das gerade mal neunte (!) Spiel in dieser Saison, bei dem ein Team weniger als 20% außerhalb der Zone traf, und dennoch ein Spiel gewann.

Die Thunder konnten also nicht wegziehen und es blieb ein enges Spiel, das im vierten Viertel bezüglich seiner Hektik, Zerfahrenheit und Kuriosität den Höhepunkt erlangte. Die Thunder, das beste Team jenseits der Freiwurflinie der NBA, vergaben sechs Würfe von der „Charity Stripe“ in diesem Spielabschnitt. Insgesamt traf man lediglich 15 von 24 Freiwürfen. Nach dem Spiel musste man konstatieren, dass man die letzten beiden Finalsspiele mit einer Differenz von insgesamt zehn Punkten verlor und man in jenen beiden Spielen 16 Punkte an der Freiwurflinie liegen lassen hat. Ganz anders die Heat, die 31 von 35 Freiwürfen versenken konnten. Miami gewann dieses Spiel an der Freiwurflinie.

Hierbei soll aber nicht der Eindruck entstehen, als hätten die Heat ihr bestes Spiel im letzten Viertel abgerufen. Gewiss versenkten sie ihre Freiwürfe abgebrüht, verbuchten aber auch 9 Ballverluste in den letzten zwölf Minuten. Die Wurfauswahl, insbesondere Dwyane Wades, ließ enorm zu wünschen übrig und James sah den Ball immer noch zu selten im Low Post. Die Heat gewannen, weil sie erstens ihre Freiwürfe besser trafen, zweitens zum Ende des vierten Viertels ihre Intensität in der Defensive extrem steigern konnten – insbesondere James legte Durant weitestgehend die Ketten an – und drittens die Thunder den Eindruck erweckten, als wollten sie ja nicht als Sieger vom Platz gehen.

Allgemein war die Schlussphase von haarsträubenden Fehlern geprägt: In der vielleicht wichtigsten Phase des Spiels blieben die Thunder für vier Minuten ohne Korberfolg. Als Westbrook die Chance hatte, eine Isolation gegen Shane Battier zu nutzen, verlor er den Ball – in der Folge bestrafte James die Thunder mit einem Fastbreak und dem fünften Foul an Durant. Bei einer Führung von fünf Punkten verlor Wade den Ball beim Überqueren der Mittellinie an Sefolosha, der daraufhin zum freien Dunk kam. Als Oklahoma City sich in den Schlussminuten erneut bis auf einen Punkt herankämpfte, gab man den Heat erneut den Abschluss in Korbnähe. Anschließend vergab Westbrook einen völlig offenen Dreipunktewurf. James verwarf daraufhin einen Freiwurf. Bei einem Rückstand von vier Punkten und zwei Timeouts bei etwas mehr als einer Minute Restspielzeit, verloren die Thunder auf dämliche und unüberlegte Art und Weise den Ball beim eigenen Einwurf. Was sich wie ein Play-by-Play der blauäugig laienhaft agierenden U14-Mannschaft liest, wurde in der Schlussphase des dritten Spiels die bittere Realität. Was ich in der Einleitung an der Klasse der diesjährigen Finals lobte, war in der Crunchtime nicht (oder zumindest nur selten) existent. Das Schlimme dabei: Beide Teams passten sich dem Spiel- und Konzentrationsniveau des Kontrahenten an. Zwar gewann Miami letzten Endes, jedoch keineswegs souverän. Es entstand vielmehr der Eindruck, dass hier keines der beiden Teams gewinnen wollte – zu fehlerbehaftet und unkonzentriert war das Spiel beider Teams im letzten Viertel.

Scott Brooks jedenfalls wird über Adjustments nachdenken müssen. James Harden blieb, ebenso wie in Spiel 1, unter seinen Möglichkeiten. Macht es vielleicht doch Sinn, ihn in die Erste Fünf zu berufen, zumal die Heat ohnehin den regelmäßig besseren Start erwischen? Kevin Durant hat im zweiten Spiel in Folge mit Foulproblemen zu kämpfen, die Thunder verlieren beide Partien. Wäre es nicht sinnvoller, ihn in der Defensive zu entlasten und auf Harden/Sefolosha gegen James zu bauen? Dieser wirft übrigens im Verlauf der Serie 10-28 gegen Sefolosha spielend – und 15-27 gegen Durant agierend.

Jedenfalls sind die Finals nicht entschieden: Zwar gewann in den letzten 20 Jahren der Finals 18 mal das Team, welches sich als erstes zwei Siege sichern konnte, die beiden Ausnahmen aber waren … der Sieg der Heat über die Mavericks 2006 und deren Niederlage gegen die Mavericks 2011. Es bleibt also spannend.

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