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NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 4

Es war das bisher offensivstärkste Finalsspiel: Nachdem die Miami Heat in Spiel 3 die 2-1-Serienführung übernahmen, konnten sie ihren Vorsprung in Spiel 4 auf 3-1 vergrößern. Miami steht nun einen Sieg vor dem Sieg der Serie, hat noch ein Spiel zu Hause, zwei auswärts und insgesamt drei Matchbälle. LeBron James steht vor dem Gewinn seines ersten Titel. Von einem kuriosen und erneut spannenden Spiel berichtet wie immer Go-to-Guys-Redakteur Jan Karon.

Es ist das erste Mal in dieser Serie, dass die Oklahoma City Thunder einen besseren Start ins Spiel erwischen. Nachdem in allen drei Spielen der Beginn des Spiels von den Miami Heat dominiert wurde, sehen wir in den Anfangsminuten von Spiel 4 zum ersten Mal eine konzentrierte und aufmerksame Thunder-Mannschaft. Zwar ohne Veränderung in seinen Aufstellungen, aber mit einer sichtbar verbesserten Agressivität  und erhöhter Konzentration startet insbesondere Russell Westbrook beeindruckend in das Spiel. Nach dem ersten Viertel führt sein Team mit 14 Punkten, die Gastmannschaft spielt mit Energie, wirft 63% aus dem Feld; Westbrook selbst kommt auf zehn Punkte. Es sollen im Verlauf der Nacht 33 hinzukommen – und er selbst dennoch zur tragischen Figur verkommen.

Im zweiten Viertel das umgekehrte Bild. Miami kann die eigene Konzentration hochschrauben, schafft es durch Bankspieler Norris Cole (+/- +12) und seine zwei Dreipunktewürfe einen 16-0-Run einzuleiten. Dieser Cole wiederum trifft 27% seiner Dreipunktewürfe in der Regular Season, verwandelt in der gesamten Postseason genau einen an der Zahl – und wird hier zum Schlüsselspieler, der Miami zurück ins Spiel bringt, bevor LeBron James im späteren zweiten Viertel das Ruder übernimmt. Zur Halbzeit hat der Superstar der Heat zehn Punkte, sechs Rebounds und acht Korbvorlagen vorzuweisen. Westbrook hält mit 18 Zählern, vier Rebounds und drei Assists dagegen. 

Auffällig: Die Intensität der Heat-Verteidigung gegen Durant ist so hoch wie nie. James verteidigt ihn physisch, frontet ihn oft. Dieser hat einen schweren Stand und kommt nicht zu seinen gewohnt komfortablen Abschlüssen. Seine Scoringlast wird fast vollkommen durch Westbrook aufgefangen.

Die Heat kommen bis zur Halbzeit auf einen Punkt ran. Das Spiel verläuft auf einem hohen Energielevel, beide Offensiven agieren auf exzellentem Niveau. Die Thunder können in der ersten Hälfte 21 Korberfolge aus dem Feld verbuchen – in Spiel 3 kamen sie auf 33 über das gesamte Spiel.

Im dritten Viertel nimmt das Spiel an Fahrt auf: Es kommt zu neun Führungswechseln. Beide Teams liefern sich einen offensiven Schlagabtausch, kommen zusammen auf 59 Punkte in diesem Spielabschnitt, die Heat schießen mehr als 60% aus dem Feld, spielen mit einer offensive Effizienz von fast 160 (!). LeBron James übernimmt das Spiel, dominiert James Harden nach Belieben im Low Post und setzt seine Mitspieler gekonnt in Szene. Unterstützung bekommt er von Mario Chalmers, der Dreipunktewürfe trifft und die Zone erfolgreich attackiert. Die Thunder gehen das Tempo mit. Aber: die Heat agieren als Team, die Big Three funktionieren als Gespann, während ihre Kontrahenten durch gekonnte Einzelaktionen im Spiel bleiben. In den ersten zehn Minuten des Viertels holt Oklahoma City zwei Rebounds – und damit sieben weniger als die Heat. James und Wade kommen in diesem Viertel auf 20 Punkte, ebenso viele wie sie in der gesamten ersten Hälfte auf ihrem Konto verbuchen konnten. Das Heimteam kann sich absetzen, es scheint als übernehmen sie die Kontrolle über das Spiel.

Bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass James Harden nach einer herausragenden Spurs-Serie in diesen Finals einen extrem schwierigen Stand hat. Er wirft bisher 35% im Verlauf der Serie und kann lediglich knapp elf Punkte pro Spiel beitragen. In der Defensive ist er gerade im direkten Duell mit James physisch unterlegen. Wenn bei den Heat entweder Battier (Spiel 1 und 2) oder Chalmers (Spiel 4) zusätzlich zu den Großen Drei heißlaufen, bei den Thunder aber hinter Durant und Westbrook das dritte Zugpferd ausfällt, wird es enorm schwer für Oklahoma City diese Serie zu gewinnen.

Im letzten Spielabschnitt kann eben genannter Chalmers einen Riesenanteil zum Erfolg Miamis beisteuert. Neun Minuten vor Ende hat er 18 Punkte erzielt, die Heat setzen sich ab. Die Thunder wehren sich in Person von Russell Westbrook. Dieser antwortet auf jegliche erfolgreiche Offensivaktion Miamis, hat sieben Minuten vor Spielende 37 Punkte bei 16 aus 26 getroffenen Würfen auf der Habenseite. Er erzielt 11 Thunder-Punkte (5-5 FG) in Folge. Aber die nach Spiel 2 von mir hervorgehobene Regel bestätigt sich: Die Oklahoma City Thunder sind nicht zwangsläufig erfolgreich, wenn ihr Point Guard soviel macht beziehungsweise machen muss. Schießt er öfter als 25 mal aus dem Feld, steht sein Team bei lediglich sieben Siegen aus 15 Spielen. Auch dieses Mal geht die Strategie nicht auf. Zwar ist Westbrook nicht zu stoppen, der Einfluss von Durant (und dem Rest des Teams) wird effektiv limitiert; der Point Guard trifft zwar 20 seiner 32 Würfe, doch die Thunder verlieren. Am Ende des Spiels wird er 43 Zähler, sieben Rebounds und fünf Assists erzielen. Er wird mit 18 Field Goals in einem Finalsspiel die meisten Korberfolge aus dem Feld seit Allen Iverson 2001 haben. Er wird nach Magic Johnson und Rick Barry der jüngste Spieler der NBA-Geschichte mit 40 Punkten in einem Finalsspiel sein. In den letzten 25 Jahren gelang es genau zwei Spielern mindestens 43 Punkte, sieben Rebounds und fünf Assists in einer Partie des Endspiel-Serie zu erzielen: Michael Jordan (1993) und Shaquille O’Neal (2001). Russell Westbrook wird auch zusammen mit Kevin Durant für die letzten 20 Thunder-Korberfolge aus dem Feld verantwortlich sein, während der Rest des Teams in den letzten 16 Spielminuten 0 von 7 aus dem Feld wirft. Und er wird, trotz seiner historischen Performance, am Ende vielleicht mitverantwortlich für die Niederlage sein.

Denn nachdem das Spiel durch seine offensiven Heldentaten spannend bleibt, es Oklahoma City aber nicht gelingt, in Führung zu gehen, passiert etwas Unerwartetes: LeBron James erleidet Waden- und Oberschenkelkräfte – wie sich nach dem Spiel herausstellte spielte er bemerkenswerter Weise die gesamte zweite Hälfte mit diesen Beeinträchtigungen aber wollte sich über die gesamte Spieldauer durchkämpfen – und muss vorerst das Spiel verlassen. In der Phase von James’ Absistenz wirkt Miami verunsichert, seine Mitspieler nahezu paralysiert. Folgerichtig können sie zwei Ballbesitze in Folge nicht scoren. Westbrook gleicht das Spiel aus. James kommt zurück und führt die Heat trotz erheblicher Schwierigkeiten beim Laufen zu einem 7-0-Run. Die Heat hustlen, holen in Person von Udonis Haslem, James Jones und Dwyane Wade Offensivrebounds. Als die Thunder knapp eine Minute vor Ende mit drei Punkten hinten liegen, aber die Chance haben, in Ballbesitz zu gehen, foult der eben noch so gelobte Westbrook Mario Chalmers bei drei verbleibenden Sekunden auf der 24-Sekunden-Uhr und muss zusehen, wie dieser beide Freiwürfe trifft. Ein selten dämliches Foul, und erneut ein vermeidbarer Fehler, von dem sich die Thunder nicht mehr erholen werden.

 Es scheint, als wären die Heat das in diesem Jahr abgebrühtere Team. In entscheidenden Phasen wissen sie es, den Hebel umzulegen, während die Thunder sich beim Finishen der Spiele schwer tun. Während Battier, Chalmers, aber auch Haslem, Jones oder Cole punktuell Nadelstiche setzen, enttäuschen Harden, Fisher und Perkins. Battier erscheint nach einer eher verhaltenen Saison der perfekte Glue Guy für Miami zu sein. Er trifft Dreipunktewürfe, bringt Erfahrung ins Team, verteidigt sowohl deren Frontcourt als auch phasenweise Kevin Durant und kann Charges aufnehmen. Chalmers hingegen merkt man seine ungeheure Erfahrung an. Die zwei College Meisterschaften mit den Kansas Jayhawks, während denen er zum Anführer reifte, tragen wesentlich dazu bei, dass er gerade in so einem Finalsspiel da ist, wenn er gebraucht wird und keinerlei Ängste zeigt, Verantwortung in wichtigen Phasen des Spiels zu übernehmen. Definitiv der X-Faktor heute.

Die Serie könnte am Donnerstag entschieden werden. Dann hätte Eddy Curry seine erste Meisterschaft gewonnen. Und es wäre fast schade, diese Finals zu Ende gehen zu lassen. Man hat als Fan das Gefühl, die Serie könnte über 13 Spiele gehen und würde nicht langweilig werden. Also reißt euch zusammen, Thunder.

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