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NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 5

»I’m not comfortable right now. I’m comfortable with my game but I won’t be comfortable until we win, Game 5 will be like my Game 7.«, waren die Worte LeBron James’ bei der Pressekonferenz am Vortag von Spiel 5.

Es war also angerichtet: Mit einer 3-1-Führung im Rücken trafen die Miami Heat heute Nacht auf die Oklahoma City Thunder zum fünften Aufeinandertreffen der diesjährigen Finals. Es stand selbstredend eine Menge auf dem Spiel. Die Heat wollten das Spiel und somit die Finals gewinnen, die Häme seitens vieler Fans widerlegen und ihre Kritiker zum Schweigen bringen. Im Falle einer Niederlage würde die Serie zurück nach Oklahoma City gehen und wäre plötzlich wieder offen. Die Thunder hingegen wollten selbstverständlich ihre Elimination verhindern, die Siegesserie der Heat stoppen, das Momentum zu ihren Gunsten zum Kippen bringen und mit heimischem Publikum im Rücken weiterkämpfen. Wie in allen bisherigen Finalsspielen berichtet auch diesmal go-to-guy-Redakteur Jan Karon über Spiel 5.

Was in den 48 Minuten von Spiel 5 folgte, war eine reine Machtdemonstration. Die Oklahoma City Thunder wurden förmlich aus der Halle geschossen. Der Champion der NBA-Saison 2012 stand fest: Herzlichen Glückwunsch, Miami Heat.

Der Verlauf des Spiels ist dabei schnell erzählt: Nach zerfahrenem Beginn setzt sich Miami schnell ab, erzielt zwar aus ihren ersten sieben Ballbesitzen lediglich zwei Punkte, aber aus den folgenden 15 29 Punkte. Die Defense der Thunder ist dabei erschreckend schwach und einem Team, das vor dem Verlieren der NBA Finals steht, unähnlich. Die Heat werfen mehr als 60% aus dem Feld, mehr als 70% jenseits der Dreipunktelinie in der ersten Halbzeit. Die Zone Oklahoma Citys wird knallhart attackiert; stehen die Thunder im zweiten Viertel bei 4-12 FG in Korbnähe, sind es bei den Heat 6-8. Parallel dazu verwerten Dreipunkteschützen wie Shane Battier, Mike Miller oder Norris Cole ihre Schüsse. Der Vorsprung Miamis wächst auf 17 Punkte an, als beide Teams in die Halbzeit gehen sind es „nur“ zehn Punkte, die Miami und Oklahoma City laut Spielstand trennen. Gefühlt aber findet hier der Lehrling gerade seinen Meister.

Der eben genannte Mike Miller hat hierbei die Nacht seines Lebens, erzielt 23 Punkte, trifft sieben Dreipunktewürfe – der höchste Wert eines Spielers, der nicht Starter in den Finals war. Lediglich Ray Allen hat es mal geschafft acht Dreipunktewürfe in einem Spiel der Finalsserie zu verwerten. Waren es Shane Battier in Spiel 1 und 2 sowie Mario Chalmers in Spiel 4, die die nötige Ergänzung zu dem Dreigestirn um James darstellten, war es in dieser Nacht Mike Miller. Auf Seiten der Thunder ist es die Vielzahl von zugesprochenen Freiwürfen Westbrooks und Hardens sowie die Gegenwehr Durants, die das Team noch am Leben und in Schlagdistanz erhalten. Miamis Big Three hat bereits im zweiten Viertel 33 Punkte bei zwölf von 17 Korberfolgen aus dem Feld erzielt. Kevin Durant und Russell Westbrook werfen zu der Zeit sechs von 19 aus dem Feld. Die Körpersprache der Heat ist eindeutig und selbstsicher, zeigt Siegeswillen und Selbstvertrauen, macht sich groß in der Defense, kommuniziert auf dem Feld – man will hier gewinnen, koste es, was es wolle. Ganz im Gegensatz die verunsicherten Thunder, die phasenweise massiv unkonzentriert agieren und in vielen Situationen nicht mit dem Effort Miamis mithalten können. Etwas, was symptomatisch für den Verlauf der gesamten Serie steht: Die Thunder sind keineswegs das schlechtere Team, aber in vielen Spielsituationen schlichtweg nicht abgebrüht genug. Zu leichtsinnig wie sie Chancen vergeben. So fahrlässig wie sie Fehler begehen.

 

In der zweiten Halbzeit kollabiert das Gastteam völlig. Als es scheint, man könne das Spiel nach einem knappen Run und dem Verkürzen des Rückstands auf gerade mal fünf Punkte, wieder offen gestalten, treffen Chalmers und Battier jeweils Dreipunktewürfe, James, Wade und Bosh legen nach, die Heat können sich erst auf 19, dann auf 22, später auf 25 Punkte absetzen. Die Halle steht Kopf. Alle Starter Miamis sind inzwischen in double figures, der chronisch verletzungsgeplagte Miller steht zu diesem Zeitpunkt bei 5-5 Dreipunktewürfen. Oklahoma City gibt sich auf.

Es wird folgerichtig schnell deutlich, dass jegliche Gegenwehr nichts helfen und Miami hier als Sieger vom Platz gehen wird. Nachdem die Heat in den bisherigen Finals 28-72 Dreipunktewürfen verwandeln konnten, kommen sie alleine in Spiel 5 der Finals auf 14-26. Die Thunder können das zweite 30-Punkte-Viertel der Heat nicht verhindern. Als sie mit 24 Punkten Rückstand ins letzte Viertel gehen, ist klar: Miami ist Champion. Der höchste Rückstand eines Finalsspiels, der jemals im vierten Viertel noch gedreht wurde, waren 15 Punkte bei der Serie Chicago Bulls vs. Portland Trail Blazers 1992. 

Im vierten Viertel lassen die Gastgeber nichts anbrennen. Bereits fünf Minuten vor Ende sind es fast nur noch Garbage Time-Spieler, die auf dem Feld stehen. Durant, Westbrook und Harden sitzen konsterniert auf der Bank, in weiße Handtücher gehüllt. Auf Seiten der Heat umarmen sich Stars, Rollenspieler, Coaching Staff und deren anwesende Familien und Freunde. LeBron beendet die Partie mit 24 Punkten, elf Rebounds und 13 Assists, wird Finals-MVP und steht nun bei 695 Playoff-Punkten und somit lediglich fünf Punkte von der magischen 700-Punkte-Marke entfernt, die bisher lediglich vier Spieler knacken konnten. Er ist auch der erste Spieler seit Magic Johnson, der mehr als einmal ein Triple Double in einer Finalsserie erzielen konnte. Seine 13 Assists stellen seinen Karrierebestwert in den Playoffs ein. Er und Bosh, ebenso wie die Veteranen Juwan Howard (18. Saison), Shane Battier (12. Saison) und Mike Miller (11. Saison), gewinnen ihren ersten Ring, Wade seinen zweiten. Die 14 getroffenen Dreier Miamis sind Finalsrekord. Als am Ende die Sirene ertönt, gönnt man es den Heat, die in der diesjährigen Postseason bereits zum dritten Mal einen Serienrückstand umdrehen konnten. Im Gegensatz zu letztem Jahr sieht man hier ein frenetisch feierndes Team. Jeder Spieler kennt seine Rolle. Selbst die alternden Rollenspieler, die nach Florida gekommen sind, um sich den Traum des Titels zu erfüllen, trugen einen maßgeblichen Anteil zum Erfolg bei. Das beste NBA-Team mit dem besten NBA-Spieler wird NBA-Champion.

Für die Thunder-Fans wird die Niederlage im ersten Moment gewiss bitter sein, doch auf Dauer braucht man sich um den Teamkern keine Sorgen zu machen. Das Zeitfenster für einen zukünftigen Titelgewinn Oklahoma Citys öffnet sich gerade erst. Durant und Westbrook sind für noch lange Zeit an die Franchise gebunden, Ibaka und Harden haben noch ein Jahr Vertragslaufzeit, werden aber grundsätzlich auch nicht abgeneigt sein, den Thunder erhalten zu bleiben. Die Starting Five ist, trotz Kendrick Perkins, der im Übrigen eine miserable Serie spielte und wohl kurz- oder langfristig ein Kandidat für die Amnesty Clause darstellen wird, die zweitjüngste Startformation eines Conference Champions aller Zeiten. Durant wird an der Finalsniederlage ebenso wachsen wie es James im vergangenen Jahr tat. Und: bald stehen die Olympischen Spiele an. Im Team USA werden Durant, Westbrook, Wade, Bosh und Wade zusammen auflaufen. Dann kann LeBron James Geschichte schreiben und innerhalb einer Zeitspanne von drei Monaten MVP, NBA Champion, Finals MVP und Goldmedaillen-Gewinner werden.

In diesem Sinne: Es war mir eine Freude, diese NBA-Finals mitverfolgen zu können. Heute ist nicht aller Tage, ich komm wieder, keine Frage.

 

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