Washington Wizards

Facebox: Washington Wizards

JaVale McGee. Nick Young. Andray Blatche. Gilbert Arenas. Javaris Crittenton. Brendan Haywood. Die Liste lässt sich weiterführen und bezeichnet ein mittlerweile jahrelang anhaltendes Missverständnis zwischen den Washington Wizards und ihrer Spielerkultur. Berühmt waren die Wizards seit dem Abgang von Gilbert Arenas vor allem für ihren Misserfolg, die miese Stimmung und eine schlechte Arbeitseinstellung. JaVale McGee ist mittlerweile eher berüchtigt für seine haarsträubenden Fehler als berühmt für sein Potential. Doch zur Deadline hatte Ernie Grunfeld einen Deal auf dem Tisch, mit dem er die Zukunft der Wizards wieder in die richtigen Bahnen leiten wollte.

Change of culture

Die Wizards entschieden sich dafür, sich von JaVale McGee und Nick Young (und damit von zwei der letzten drei verbliebenden Headcases) zu trennen (Go-to-Guys berichtete).  Im Gegenzug erhielt man in Nenê Hilario den besten Spieler in diesem Trade. Viel wichtiger war aber der Umschwung, der sich in der Franchise offenbarte: Washington hatte sich von einer Reihe von Troublemakern verabschiedet, der letzte Verbliebene (Andray Blatche) wird vom Publikum systematisch ausgepfiffen. Dafür stand mit dem Brasilianer Nenê Hilario ein bisher als umgänglich und zurückhaltend bekannter Vertreter auf dem Feld. Die Folge: Washington gewann 7 der 11 Partien, in denen Nenê auflief. Ohne ihn? 13-42. Dies ist natürlich nicht an einem Spieler festzumachen, da Basketball ja bekanntlich eine Teamsportart ist, aber es ist bezeichnend, dass das Team homogener wirkte, seitdem McGee und Young nicht mehr für die Wizards auflaufen.

Dazu war der Lotterygott den Wizards zugetan und bescherte Washington den dritten Pick in der Draft; manche Stimmen wurden laut, dass die Wizards sich diesen Pick ehrlich erspielt hatten, denn in einer Phase, wo es für Washington nur noch darum ging, dass man möglichst viele Spiele verliert, um sich für die Lotterybälle möglichst günstig zu platzieren, begannen die Wizards, Spiele zu gewinnen. Washington beendete die Saison mit sechs Siegen in Folge.

Die augenblickliche Situation

Die Wizards haben mit dem Nenê-Deal ein Zeichen gesetzt: Man nahm einen riesigen Vertrag eines gestandenen NBA-Profis auf und wechselte damit in den Win-now-Modus. Dabei ist der Zeitpunkt des Deals besonders geschickt gewesen. Die Wizards waren hoffnungslos abgeschlagen in den Niederungen des Ostens versunken. Damit hatte man bereits ein Saisonziel erreicht: einen hohen Pick in der Draft. Der Trade mit den Nuggets und Clippers eröffnete den Wizards aber eine ganz neue Dimension: Man konnte nun ein Team konstruieren, das tatsächlich gewinnen kann.

Symptomatisch dafür ist die Entscheidung der Wizards, sich nicht auf ihrem Draftpick auszuruhen, sondern sich nach weiteren Spielern umzuschauen, die qualitativ und menschlich ins Team passen. Demnach ist der Deal mit den New Orleans Hornets ein no-brainer. Man nutzte die Buyoutklausel des auslaufenden Vertrags von Rashard Lewis nicht, mit der man ein Drittel des Vertrages einsparen konnte, wenn man Lewis entließe. Stattdessen entschied man sich, den riesigen Vertrag zu nutzen, um sich zu verstärken, weil den Wizards klar war, dass man über die Free Agency zum momentanen Zeitpunkt keine Verstärkungen ins Team bekommt, ohne einen durchschnittlichen Spieler hoffnungslos überzubezahlen. Deshalb fand man in den Hornets einen Tradepartner, der noch nicht so weit schien wie die Wizards und deshalb die Ersparnisse von Lewis‘ Vertrag in Kauf nahm. Im Gegenzug erhielten die Hauptstädter gleich zwei legitime Starter zurück.

Emeka Okafor ist genau der Big Man, den man neben Nenê benötigt: ein gestandener Verteidiger, der ein guter Defensivanker für jedes Team sein kann. Somit ergänzt er sich mit dem eher offensiv veranlagten Nenê hervorragend, um ein gutes Big-Men-Duo zu bilden. Okafor war über seine ganze Karriere ein solider Arbeiter, der sich dem Teamerfolg unterordnete und nie durch Eskapaden auffiel. Trevor Ariza ist als Starter bereits NBA-Champion geworden, konnte danach aber nie mehr so richtig an seine Meisterjahrleistungen anknüpfen, nachdem er die Los Angeles Lakers aufgrund unterschiedlicher Gehaltsvorstellungen verließ. Dieser Punkt ist auch der einzig trübe Fleck auf dem ansonsten weißen Tradezeugnis der Wizards. Kann sich Ariza in seiner Rolle so sehr zurücknehmen und sich in den Dienst seines Teams stellen? Seitdem Ariza bei den Rockets unterschrieb, ist er jedoch von einem Volume-Three-Point-Shooter wieder zu einem kontrollierteren Spieler im letzten Jahr bei den Hornets geworden; seine Dreierversuche sanken von 5,7 pro Spiel in Houston auf 2,1 bei den Hornets – das ist der Wert aus dem Lakers-Meisterschaftsjahr. Generell ist Ariza kein Headcase und kann jedem Team durch seine Athletik offensiv und vor allem defensiv helfen. Ariza wird wohl den Talenten Vesely und Singleton vor die Nase gesetzt, ein weiteres Zeichen dafür, dass die Wizards gewinnen wollen.

Offseason-Szenarios

Die Hauptstädter sind nach den zwei Deals und der Auswahl von Bradley Beal an Position #3 der Draft mit ihrer Offseason-Planung fast zum Ende gekommen. Momentan haben die Wizards folgende fixe Verträge auf ihrem Salary Cap:

Fixe Verträge in Washington in der Offseason 2012/13:
Emeka Okafor $13,490,000
Nenê $13,000,000
Trevor Ariza $7,258,960
Andray Blatche  $7,118,502
John Wall $5,915,880
Bradley Beal $4,133,280
Jan Vesely $3,202,920
Kevin Seraphin $1,797,600
Chris Singleton $1,551,840
Trevor Booker $1,385,280
Jordan Crawford $1,198,680

Dies sind bereits $60,052,912 Dollar für die kommende Spielzeit. Dazu sollten die Wizards den noch ungaratierten Vertrag von Shelvin Mack behalten, der das Ligaminimum darstellt. Man hat dazu noch bis in den Januar die Möglichkeit, den Vertrag restlos vom Cap zu tilgen. Mit Mack wären dies bereits 12 Spieler. Durch die Trades und den Draft nach Teamneed können die Wizards bisher folgende Depth Chart aufweisen:

Wall / Mack
Beal / Crawford
Ariza / Singleton / Vesely
Nenê / Booker / Seraphin
Okafor / Blatche

Dem Team fehlt im Prinzip nur noch ein Veteran-PG, da man nicht mit Mack planen kann, wenn man ab der nächsten Saison gewinnen will. Ansonsten kann man auch komplett auf Andray Blatche verzichten und Nenê auf die 5 schieben, wenn Okafor auf der Bank sitzt. Einer 4-Mann-Rotation unter den Körben mit Nenê/Okafor/Seraphin/Booker fehlt eventuell ein wenig die Erfahrung. Hier könnte ein Veteran Big ebenfalls logisch sein, um dem Team zu helfen. Ansonsten steht dort auf dem Papier ein gutes Team auf dem Feld, dem höchstens ein wenig das Spacing fehlt. Ein letzter Roster Spot könnte also auf einen reinen Shooter verwendet werden, der Gefahr von außen ausstrahlt. Dafür steht den Wizards noch die volle MLE zur Verfügung.

Walls Zukunft

Sebastian Daub: Glaubt ihr, dass Wall jetzt, wo er im Angriff nicht mehr den Alleinunterhalter machen muss, mehr Playmaker sein kann und so seine Quoten nach oben und seine TO nach unten gehen aufgrund des jetzt wohl etwas weniger wilden Spielstils? Und was glaubt ihr passiert mit Blatche?

John Wall wird sicherlich davon profitieren, dass er mit Nenê nun eine weitere Option im Team hat. Wie schnell Brad Beal eine solche wird, muss man aber erst abwarten. Bekommt Beal schnell grünes Licht und kann auch Leistung zeigen, dann eröffnet das John Wall weit mehr Optionen als er je vorfand.

Ob Wall seine Turnover reduzieren kann, muss man jedoch gesondert bettrachten. Turnover entstehen nur zu einem sehr kleinen Teil durch die Unfähigkeit der Mitspieler, die Pässe Walls zu fangen. Ansonsten verursacht Wall durch schlechte Entscheidungen die Turnover selbst. Dies ist jedoch der Preis für die Drives Walls und sollte dementsprechend auch mit anderen Augen gesehen werden als “unforced errors”. Walls Spielweise ist turnoveranfälliger als das jetzige Spiel Jason Kidds, dafür eröffnet es auch mehr Räume.

Andray Blatches Zukunft steht in den Sternen, eine Amnestierung des Power Forwards sollte nicht überraschen. Blatche ist der letzte verbliebene Troublemaker im Team, dessen Basketball-IQ zudem nicht wirklich existent schien. Er passt nicht mehr zu den neuen Wizards.

Deals für langfristige Verträge

Christoph Schmidt: Mit Okafor, Ariza und Nenê haben sich die Wizards sehr große Verträge aufgelastet. Wäre ich GM, hätte ich einen anderen Weg gewählt. Wie schätzt ihr die Situation ein? Waren das kluge Moves?

Die Wizards haben sich, wie oben schon beschrieben, für den Weg des Gewinnens entschieden. Natürlich könnte man auch noch ein weiteres Jahr versuchen zu tanken udn weiteres talent anzuhäufen. Allerdings sollte man so langsam darauf achten, dass man John Wall auch gründe liefert, bei den Wizards zu bleiben. Der Point Guard kommt in sein drittes Jahr und hat das erste Mal ein Team um sich, mit dem er theoretisch die Playoffs erreichen kann.

Zudem müssen die Wizards auch als Franchise sehen, dass sie wirtschaftlich rentabel sind. Das erreicht man am leichtesten mit sportlichem Erfolg. Zudem laufen die Verträge zwar noch etwas länger, die Wizards zahlen in dieser Saison aber nur unwesentlich mehr Gehalt als im letzten Jahr für einen Kader, der 20 Spiele gewann. Spätestens mit der Verlängerung Walls wird es dann aber überlegenswert, wie sinnvoll die Deals wirtschaftlich waren. Noch hat Wall aber zwei Jahre Rookievertrag vor sich. Zu diesem Zeitpunkt sind aber sowohl Okafor als auch Ariza ausgelaufen. Einzig der Vertrag Nenês dauert länger an. So sehr haben sich die Wizards also gar nicht belastet. Am schlimmsten wiegt momentan der Vertrag Blatches.

Tomas Satoransky?

Gellí Tor Nistá: Einschätzung über 32. Pick
Man ließ Leute wie Orlando Johnson, Quincy Miller, Lamb und Kim Englisch ziehen für einen Tomas Satoransky. Ist die Flexibilität dank dem freigebliebenen Rosterspot dieses Opfer wert? Wieso hat man den Pick nicht einfach verkauft oder gegen Future Picks getradet?

Die Wizards wären auch mit den anderen genannten Spielern nicht besser, weil sie bereits genug Talent im kader haben. Ihnen fehlen Veteranen, die eine Kultur im Locker Room etablieren können. Mit Wall, Beal, Crawford, Vesely, Singleton, Booker und Seraphin hat man schon genügend Spieler, die noch entwickelt werden müssen. Dem Team hilft hier ein Spieler wie Mo Evans sehr viel mehr, weil dieser ein vorbildlicher Spieler ist und für die nötige Erfahrung und Ruhe sorgen kann als ein weiteres Talent.

Dass man Satoransky ausgewählt hat, ist ein bekanntes taktisches Mittel: Man hält den Tschechen für ein Talent, das man selbst aber nicht entwickeln muss, sondern dies den europäischen Vereinen überlässt. Somit hat man in den nächsten Jahren die Möglichkeit, vielleicht mal auf einen gestandenen ACB-Spieler zurückzugreifen, der direkt Leistung bringen kann. Entwickelt sich Satoransky nicht so wie erhofft, braucht man ihn nicht verpflichten. Diese Möglichkeit entfällt bei einem Trade oder Verkauf.

Playoffs?

Thomas Cloppenburg: Können die Wizards mit Beal und der nötigen Erfahrung durch Ariza und Okafor den Sprung in die Playoffs schaffen? War es die richtige Entscheidung mit Grunfeld zu verlängern oder hätte man sich besser nach einem anderen GM umschauen sollen?

Die Playoffs sind der Plan und das Ziel für die nächste, spätestens aber übernächste Saison. Man hat für Qualitätsspieler getradet und will jetzt gewinnen. Grunfeld macht für dieses Ziel einen guten Job und hat letztlich für Talente und auslaufende Verträge drei Starter verpflichtet. Das ist respektabel und sollte auch dementsprechend honoriert werden. Natürlich waren die Wizards in der vergangenen Saison eine Lachnummer, umso erstaunlicher ist es, dass man innerhalb einiger Monate einen so radikalen Umbruch bewerkstelligen kann.

Ein anderer GM hätte vielleicht einen anderen Weg gewählt und noch nicht auf Win-now geschaltet, aber der Weg, den Grunfeld nun einschlug, könnte ein erfolgreicher für die Wizards sein. Bis auf Nenê hat man auch keine endlos langen Verträge aufgenommen, die die Franchise auf Jahre ins Abseits befördern könnte. Grunfelds Arbeit der letzten Monate war sehr gut.

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