Miami Heat

Quo Vadis, Miami?

Was vom Win-Streak der Heat zu halten ist

Wer ist das heißeste Team der Liga und hat in den letzten Wochen lässig einen NBA-Rekord gebrochen? Natürlich die Miami Heat. Noch vor einem Monat wäre eine solche Aussage undenkbar gewesen, das Team stand mit einer 11-30 Bilanz auf dem vorletzten Platz der Eastern Conference. 13 Spiele und ebenso viele Siege später kratzen die Heat an den Playoff-Plätzen – der längste Win-Streak eines Teams mit negativer Bilanz in der Geschichte der NBA. Was Fans und Beobachter in Entzückung versetzen wird, verkompliziert die Planungen für General Manager Pat Riley jedoch beträchtlich. Eigentlich befindet sich die Franchise nämlich im Rebuild.

Nach LeBron James’ Verlust und dem Ende der Big-3-Ära versuchte man zunächst den Contender-Status aufrechtzuerhalten. Eine Starting-Five um Goran Dragic, Dwyane Wade, Luol Deng, Chris Bosh und Hassan Whiteside klang extrem vielversprechend, schaffte es aufgrund der Verletzungssituation um Chris Bosh aber nie gemeinsam für längere Zeit aufs Parkett. Nach Boshs de-facto-Karriereende und Wades Wechsel zu den Chicago Bulls schien der Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen. Auf den ersten Blick bestätigen die Aktionen der Franchise diese Strategie: Um Dragic rankten sich Trade-Gerüchte, den jungen Spielern wie Justise Winslow wurden größere Rollen zuteil, der Kader wurde mit billigen Spielern mit Einjahres-Verträgen aufgefüllt. Ein Top-Fünf-Pick im stark besetzten 2017er-Draft wäre dafür essentiell gewesen. Verspielen die Heat mit ihrer Siegesserie also die Zukunft?

Woher kommt der Win-Streak?

Zunächst einmal gebührt dem Win-Streak der Heat ein wenig Beachtung. Dessen Einordnung ist essentiell für die Frage, wer dieses Heat-Team ist: Ein Playoff-Team mit schwachem Saison-Start oder ein klares Lottery-Team, das sich glücklich in einen Rausch gespielt hat. Die Antwort liegt – wie so oft – in der Mitte. Zunächst einmal ein paar Zahlen, die den Erfolg der Heat scheinbar relativieren: Von den 12 geschlagenen Teams hatten etwa nur 3 (Atlanta, Houston, Golden State) eine positive Bilanz. 8 der 12 Siege errangen die Heat vor heimischem Publikum. Dazu trifft das Team im besagten Zeitraum abstruse 42,8% 3FG; besonders Goran Dragic (56,3%), Dion Waiters (50%), Rodney McGruder (40%) und Wayne Ellington (42,5%) sind derzeit heißer als heiß. Besagte Spieler werden diese Zahlen jedoch mit Sicherheit nicht für den Rest der Saison aufrechterhalten. Auch der Eye-Test bestätigt das: Wer dieser Tage Spiele der Heat anschaut, sieht ein vor Selbstbewusstsein strotzendes Team, das sich defensiv in jeden 50/50-Ball wirft und im Angriff vom genial aufspielenden Goran Dragic (22,9 PPG, 6,8 APG, 56,3% FG, 56,3% 3FG) getragen wird.

Kleinreden braucht man die Leistung aber auch nicht. Schließlich wurden 7 der 12 Siege mit mehr als 8 Punkten Unterschied eingefahren. Das Net-Rtg von +10,0 ist das zweitbeste der Liga in diesem Zeitraum, Offense (Ortg: 110,8/ Platz 9) wie Defense (100,0/ Platz 1) performen auf hohem Niveau. Miami spielt zur Zeit schlicht und ergreifend guten Basketball. Und wenn ein Team stark aufspielt, sind daran natürlich die Spieler nicht unbeteiligt. Wer trägt diese Mannschaft? Steckt etwa doch verstecktes Starpotential in einem der jüngeren Spieler?

Auf der Suche nach Puzzle-Teilen

Neben den Franchise-Ankern Dragic und Whiteside stehen vor allem Rollenspieler im Kader. Josh Richardson, Tyler Johnson, Rodney McGruder und Wayne Ellington etwa passen allesamt auf ein spezifisches Anforderungsprofil: aggressive Defense (weniger bei Ellington) und Distanzwürfe. Dazu verdienen alle vier einen verhältnismäßig schmalen Taler. Am ehesten langfristiger Teil der Heat-Planungen wird aus diesem Quartett wohl Tyler Johnson sein. Er konnte sich bisher in jedem seiner NBA-Jahre steigern, agiert vorne effizient (ORtg: 110, 36,3% 3FG) und bietet sogar ein bisschen Playmaking (3,2 APG); dazu ist er ein enorm giftiger Verteidiger und spielt immer mit maximalem Energie-Level. Für die Zukunft könnte er als Backcourt-Partner von Dragic oder perspektivisch als erster Guard von der Bank operieren. Rodney McGruder und Josh Richardson sind offensiv noch nicht so weit, können aber langfristig solide Backup-Rollen übernehmen. Wayne Ellington dagegen könnte noch zu einem begehrten Trade-Chip um die Deadline herum mutieren: Er ist zum einen mit 29 Jahren der älteste Spieler, der schwächste Verteidiger der drei und offensiv der gefährlichste „reine“ Schütze (35,8% 3FG bei 6,0 Versuchen). All das macht ihn für die Heat mittelfristig weniger interessant, bei einem Contender könnte er jedoch – im Austausch für etwa einen Zweitrunden-Pick oder jüngere Spieler –  sicherlich eine gute Bankrolle einnehmen.

Ähnliches findet sich auf den Big-Men-Positionen. Erik Spoelstra hat sich in dieser Saison auf ein Spielsystem mit einem physisch dominanten Big Man in der Mitte (Whiteside/Reed) und einem mobilen Stretch-Vierer (Babbitt/Johnson) festgelegt. Alle drei füllen ihre Rollen grundsolide aus: Babbitt (36,3% 3FG) und Johnson (36,0% 3FG) als Schützen, Reed als physische Präsenz in der Zone. Johnson bringt dazu sogar noch gern gesehene Playmaking-Elemente in das Spiel ein. Teil der langfristigen Planungen sind die drei aber nur bedingt, alle werden nach dieser Saison Free Agent, bzw. haben eine Spieleroption. Für einen billigen Tarif wird Riley die drei verlängern, wenn nicht stellt ihr Abgang keinen großen Aderlass dar.

Neben Dragic und Whiteside tummeln sich im Kader also vor allem gut performende Rollenspieler und Backups, die zudem nicht mehr das ganz große Entwicklungspotential haben. Zwei Spieler stechen aus dieser Gruppe allerdings heraus: Justise Winslow und Dion Waiters.

Winslow überzeugte in seiner Rookie-Saison mit starker Defense und tollen athletischen Anlagen. Diese Saison sollte er den nächsten Schritt machen und auch offensiv mehr Verantwortung übernehmen – was nur sehr mäßigen Erfolg zeigte! Winslow spielte mit 34,7 MPG zwar die meisten des Teams und verdoppelte seine Wurfanzahlen von 5,9 auf 12,6/Spiel, konnte diese größere Rolle aber nicht adäquat ausfüllen. 34,6% FG, 20% 3FG und ein ORtg von 88 (!) zeigen, dass der Youngster in dieser Saison überfordert war. Miamis schlechter Saison-Start lag auch zum Teil am vorerst gescheitertem Winslow-Experiment. Zu allem Überfluss wird Winslow den Rest der Spielzeit mit einer Schulter-Verletzung verpassen – und damit auch dringend benötigte Lernzeit. Auch für die Zukunft bleibt Winslow das größte Talent im Heat-Kader und der designierte Startet auf der Drei, als Playmaker sollte man ihn vorerst jedoch nicht einplanen.

Dion Waiters dagegen spielt zur Zeit so gut wie noch nie in seiner NBA-Karriere. Während des Win-Streaks legt er überragende 20,6 PPG, 4,1 RPG, 4,8 APG, 49,7% FG, 50% 3FG auf und sorgt neben Dragic offensiv für Playmaking. Seine Perspektive am South Beach bleibt dennoch zweifelhaft, zu viele Zweifel lässt er unbeantwortet. Immerhin seine Wurfauswahl hat sich verbessert: Seine 36% Abschlüsse direkt am Ring und nur noch 20,8% lange Zweier sind die besten Werte seiner Karriere. Trotzdem drückt Waiters zu oft unmotiviert aus der Mitteldistanz ab, was seine mäßige Wurfquote von 41,6% erklärt. Trotz seiner starken Leistungen in den letzten Wochen steht sein ORtg über die gesamte Saison etwa bei schwachen 99! Dazu kommt, dass Waiters nach dieser Saison Free Agent werden kann und mit 2,8 Mio./Jahr einer der unterbezahltesten Spieler der Liga ist. Verlangt er eine zu deutliche Gehaltssteigerung, sollte Pat Riley lieber davon absehen, Waiters langfristig zu halten.

Echtes Star-Potential findet sich im Kader also kaum, dafür – wie gesagt – hart arbeitende Rollenspieler. Im Endeffekt stehen die Heat da, wo sie aufgrund ihres spielerischen Potentials auch hingehören: im Kampf um die Playoffs. Mittelmaß also, beziehungsweise das, was NBA-Teams heutzutage nach Möglichkeit vermeiden wollen. Stecken die Heat also in der Falle? Der Draft-Pick der Heat wird aller Voraussicht nach nicht in den Top-5 landen. Ein Superstar-Talent steht nicht im Kader, die beiden besten Spieler Dragic (30) und Whiteside (27) sind bereits in ihrer Prime, junge Spieler sind Mangelware – Justise Winslow ist der einzige Spieler im Kader, der unter 23 Jahre alt ist! Also Dragic und die älteren Rollenspieler für Picks verschiffen und den Win-Streak schnellstens abwürgen? Pat Riley hat gute Gründe, das nicht zu tun!

Die Pick-Situation

Der gewichtigste lautet Picks. Nicht weniger als 7 Stück geben die Heat davon bis 2021 an andere Teams ab, ohne dafür welche zurückzubekommen. Besonders die beiden Erstrunden-Picks 2018 und 2021, die nach Phoenix gehen, schmerzen dabei. Die Möglichkeit, großflächig Talent über die Draft in den eigenen Kader zu spülen, ist also nur begrenzt vorhanden. Selbst wenn die Heat ab sofort „tanken“ und etwa Dragic abgeben, ist nicht sicher, ob wirklich ein Top-Draftpick dabei herausspringt – es gibt momentan schlicht zu viele schlechte Teams in der Liga. Im übernächsten Draft dürfte die Franchise trotz wahrscheinlich eigener schlechter Leistungen nicht hoch picken, da der Pick nach Phoenix wandert.  Noch dazu scheint es unwahrscheinlich, dass ein Team bei dem aktuellen Point-Guard-Markt einen hohen Firstrounder oder gar mehrere Draft-Picks für Goran Dragic abgibt.

Kaum vorstellbar, dass Pat Riley diesen Plan verfolgt. Wahrscheinlicher ist es, dass die Heat einen Weg einschlagen, den heutzutage immer weniger Teams bereit sind zu gehen: den über die Free Agency.

Standortvorteil Miami

Stars werden dank der neuen CBA-Regeln wohl nur noch äußerst selten das Team über die Free Agency wechseln. Auch die Verpflichtung von Rollenspielern kann ein Spiel mit dem Feuer sein: Diese NBA-Saison ist reich an Beispielen überbezahlter Rollenspieler (Joakim Noah, Evan Turner, Timofey Mozgov), die erwartbar mittelmäßige Leistungen bringen. Trotzdem hat Pat Riley in der jüngeren Vergangenheit öfter ein extrem glückliches Händchen gezeigt. Schon in der Big-3-Ära standen stets produktive Veteranen für die Jagd nach einem Ring bereit, aber auch danach gelangen den Heat einige bemerkenswerte Steals: Im Sommer 2015 kamen Gerald Green und Amare Stoudemire zum Schnäppchenpreis an den South Beach, 2016 zeigten die Verpflichtungen von Tyler Johnson und Josh Richardson (40. Pick!), dass die Scouting-Abteilung funktioniert. Dieses Jahr verpflichteten die Heat etwa Wayne Ellington, James Johnson und Dion Waiters, die alle billig sind und Leistung bringen. Der Standort Florida, das Team-Gerüst um Dragic und Whiteside, Spoelstras verlässliches Coaching und die viel beschriebene „Sieger-Kultur“ der Franchise machen Miami zu einem nicht zu unterschätzenden Player auf dem Free Agent Markt.

Langfristige Flexibilität ist vorhanden: Schon in der Saison 2018/19 stehen nur Dragic, Winslow, Whiteside, Johnson und McGruder unter Vertrag. Die Franchise kann es sich somit leisten, jeden Sommer die Top- und Mittelklasse Free Agents zu jagen und gleichzeitig zu entscheiden, welche Rollenspieler sie weiter beschäftigen möchte. Besonders ein Vorfall ist dafür von essentieller Bedeutung: ein medizinisches Karriere-Ende von Chris Bosh. Voraussetzung dafür ist, dass die Heat Bosh waiven und er in dieser Saison keine 25 Spiele mehr für einen anderen Club absolviert. In dieser Hinsicht dürften die Heat dementsprechend erst zum Ende der Saison tätig werden. Ein notwendiges, aber doch irgendwie trauriges und unwürdiges Ende der Ära Bosh in Miami.

Fielen Boshs 25 Millionen Dollar pro Jahr vom Team-Salary-Cap, hätten die Heat bereits im nächsten Sommer nur ca. 65 Mio. an garantierten Gehältern in den Büchern. Ein Max-Contract wäre somit im Bereich des Möglichen. Passende Ziele gibt es im Sommer 2017 genügend: Gordon Hayward, Paul Millsap, Blake Griffin oder Serge Ibaka wären nur einige Namen, die in Frage kämen.

Fazit

Den Miami Heat stehen kurz- wie langfristig mehrere Optionen offen. Ob ein Rebuild die vielversprechendste davon ist, ist zumindest strittig. Einiges spricht dafür, dass die Heat einen anderen Weg einschlagen werden. Die nächsten beiden Jahre würden in diesem Szenario als Übergangsjahre eingeplant. Der Kern um Dragic, Whiteside und die jüngeren Rollenspieler sollte, in Verbindung mit Erik Spoelstra, eine solide Basis bilden – immer mit Option auf deutlich mehr, falls man Erfolg in der Free Agency hat. Danach könnten die Heat immer noch evaluieren, ob diese Strategie von Erfolg geprägt war oder doch noch der Rebuild eingeleitet werden muss.

Bis dahin können die Heat nur ihren Lauf genießen und hoffen, dass er noch eine Weile hält. Die Chancen dafür, stehen nicht schlecht: Die vier Gegner bis zum Allstar-Break lauten Brooklyn, Philadelphia, Orlando und Houston.

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3 comments

  1. kdurant35

    Guter Artikel.

    Ich bin wirklich gespannt welchen Weg Miami einschlägt. Zur TD wird eventuell ein Zeichen gesetzt.

    In einem Punkt bin ich jedoch nicht bei dir. Oder besser gesagt sehe ich strittig – die Flexibilität über 17 hinaus. 18 wird der Johnson Vertrag böse und Bosh könnte wieder in den Büchern stehen. Denn die unter 25 gespielten Spiele schützen nur den Cap 2017. Wenn er bis Sommer 2018 die Anzahl spielt steht er wieder in den Büchern.

  2. Julian Wolf

    |Author

    Guter Punkt mit dem Bosh-Gehalt! Bei den ganzen Medical-Sachen steigt ja auch keiner mehr richtig durch :D

    Dann könnte den Heat echt ein wegweisendes halbes Jahr bevorstehen: Erst vermutlich eine Richtungsentscheidung zur Trade Deadline, und dann gleich die große (einzige?) Chance, den Kader auf einen Schlag nach vorne zu bringen.
    Wird auf jeden Fall spannend…

  3. Jonathan Walker

    Sehr guter Artikel, der die Situation aus allen Winkeln betrachtet. :tup:

    Momentan würde ich eher nicht davon ausgehen, dass Bosh in absehbarer Zeit noch mal 25 Spiele irgendwo aufläuft. Er arbeitet ja wohl selbst nicht mal mehr an einem Comeback.

    Der gewichtigste lautet Picks. Nicht weniger als 7 Stück geben die Heat davon bis 2021 an andere Teams ab, ohne dafür welche zurückzubekommen. Besonders die beiden Erstrunden-Picks 2018 und 2021, die nach Phoenix gehen, schmerzen dabei.

    2018 ist ja immerhin noch Top-7 geschützt (2019 ungeschützt; 2021 sofort ungeschützt), was bei der Gesamtbetrachtung eigentlich nicht ganz unwichtig ist. Die Situation der Heat nächstes Jahr erinnert also ein wenig an die der Lakers diese Saison, nur nicht ganz so extrem. Sie sollten entweder ziemlich sicher zu den 5 schlechtesten Teams der Liga gehören, um den Pick behalten zu können. Oder eben so gut, dass er nicht so weh tut. Mehr oder weniger napp die Playoffs zu verpassen wäre ärgerlich. Dafür wäre es diese Saison eigentlich gut gewesen, hoch picken und deutlich Richtung Rebuild zu gehen (Dragic, die ganzen Rollenspieler und evtl. auch Whiteside abgeben), um im nächsten Draft noch mal ein Talent abzugreifen und dann erst zu versuchen, besser zu werden (damit der Verlust der Picks 2019 und 2021 halb so wild wird).

    Durch die Winning Streak ist das jetzt alles komplizierter geworden. Doch ich traue Riley zu, an der Deadline trotzdem kühl und kalkuliert zu agieren. Nur ist die Bilanz jetzt halt schon ein wenig zu gut.


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