Gedanken, Miami Heat, Oklahoma City Thunder, Playoffs2012

NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 2

Es steht 1-1! In einer dramatischen Partie schaffen es die Miami Heat, 42 Minuten des zweiten Spiels zu dominieren, um in der Schlussphase nahezu den sicher geglaubten Sieg aus der Hand zu geben. Wie immer offenbart go-to-guys-Redakteur Jan Karon seine Gedanken zu den einzelnen Spielen der Finals.

Was zu Beginn dieser Gedanken zu dem zweiten Spiel der Finals festgehalten werden muss: Die Miami Heat haben die richtigen Adjustments getroffen. Chris Bosh rückte in die Starting Five, LeBron James verteidigte das gesamte Spiel über gegen Kevin Durant, Dwyane Wade verzichtete auf erzwungene Würfe und das gesamte Transition Game der Heat zeigte sich massiv verbessert.

Folgerichtig verlief die erste Hälfte zu Gunsten der Miami Heat: Im ersten Viertel schossen die Thunder 5 von 20 aus dem Feld, Miami begegnete bei jedem Wurfversuch Oklahoma City aggressiv und aufmerksam in der Defensive. Das im ersten Spiel gelobte Teamspiel der Heat bestätigte sich auch im zweiten. So schafften es die Heat durch Penetrationen und Kickouts hochprozentige Abschlüsse zu produzieren und zwangen die Thunder andererseits zu schwierigen Abschlüssen. Geht es nach dem Gameplan, so konnte Miami die sich gesetzten Ziele umsetzen und den Thunder – so fern es ging – das Leben schwer machen. Die Thunder lagen zum Ende des ersten Viertels mit zwölf Punkten hinten – und hatten angesichts der Überlegenheit der Heat Grund glücklich zu sein, es bei lediglich zwölf Punkte halten zu können. Miami ging mit dem größten Vorsprung unter den Big Three in den zweiten Spielabschnitt.

Auffällig erscheint, dass eine der großen Stärken der Thunder in Spiel 1 – die Überlegenheit im Schnellangriff – völlig abhanden kam, und Miami im Gegenzug das Team war, welches durch Fastbreaks dem Spiel ihren Stempel aufdrückte. Hervorzuheben sind an dieser Stelle zwei Spieler, die paradoxerweise entgegengesetzt zum Spielverlauf performten, namentlich Serge Ibaka und LeBron James. Ibaka weil er riesigen Einfluss auf das Spiel hatte – und James, weil er alles andere als dominieren konnte, sondern eine verhältnismäßig schwache Halbzeit spielte.
Während der spanische Nationalspieler sowohl defensiv in Form von herausragender Helpdefense, drei Blocks und auch offensiv wichtigen Abschlüssen glänzte, erschien James gar nicht in der Rolle, das Spiel Miamis zu tragen. So war sein Einfluss zwar unverkennbar – James erzielte 14 Punkte zur Halbzeit –, doch benötigte der Superstar hierfür 13 Würfe. Vielmehr waren es Chris Bosh und der nach Spiel 1 viel gescholtene Dwyane Wade, die die Offensivlast der Heat auf ihren Schultern trugen.Während sie im ersten Spiel gemeinsam 29 Punkte erzielten (37% FG), hatten sie zur Halbzeit des zweiten Spiels bereits 25 Punkte bei mehr als 60% Feldwurfquote auf ihrem Konto. Bosh sammelte zudem zehn (!) Rebounds zur Halbzeit. Ganz anders die Thunder: Deren Zugpferde Durant und Westbrook schossen zur Spielpause 5-19 aus dem Feld; das gesamte Team kam nicht über eine Feldwurfquote von 34% hinaus (in Spiel 1 mehr als 55%).

Was von Beginn der Serie klar war: Das dritte Viertel ist das entscheidende dieser Serie. Miami und Oklahoma City waren die beiden Regular Season-Teams mit den jeweils stärksten dritten Spielabschnitten. In den Playoffs ist Miami 12-1, wenn sie das dritte Viertel gewinnen; und 0-6, wenn sie es verlieren. Das heißt: In allen Spielen, die die Heat in dieser Postseason verloren, verloren sie auch das dritte Viertel. Dieses Mal kam es anders: Miami verlor zwar das dritte Viertel minimal mit einem Punkt, man hatte als Zuschauer aber nie das Gefühl, dass deren Sieg in Gefahr war. Selten kamen die Thunder unter zehn Punkte ran und alles in allem wirkten die Vorjahresfinalisten sehr abgebrüht. Es sollte auch am Ende reichen.

Dies wiederum war das Ergebnis des exzellenten Umschaltens Miamis. Bis zum Ende des dritten Viertels verbuchten die Thunder keinen einzigen Fastbreak-Punkt – wohlgemerkt bei einem Playoffdurchschnitt von mehr als 17. Ebenfalls auffällig: Sowohl Kevin Durant als auch LeBron James bekamen ihr drittes Foul im dritten Spielabschnitt angehängt, was zwar noch zwangsläufig keine Gefahr darstellte, aber beide Head Coaches vor gewisse Risiken stellte.

Das vierte Viertel wiederum verlief völlig anders als im ersten Spiel. War es im ersten Aufeinandertreffen der Finalisten eine relativ eindeutige Angelegenheit zu Gunsten Oklahoma Citys, war in Spiel 2 zu konstatieren, dass über lange Zeit Miamis Vorsprung erhalten blieb und es nach einem sicheren Sieg aussah. Bei steigender Intensität bekam Durant erst das vierte, dann das fünte Foul angehängt – und wurde nicht ausgewechselt –, bevor er knapp eine Minute vor Ende den vielleicht spielentscheidenden Runner vergab.  Bis zu diesem Zeitpunkt war der Superstar der Thunder fehlerlos bei seinen Wurfversuchen aus dem Feld in der zweiten Halbzeit (8-8 FG).
Zuvor konnte er, beflügelt von seiner Treffsicherheit und ebenso dem Effort Westbrooks und Hardens, den Thunder einen Run, der Miami vor ernsthafte Schwierigkeiten stellte und plötzlich ein Spiel auf Schlagdistanz ermöglichte, bescheren. In dieser Phase wirkte die Offensive Spoelstras statisch; bis auf Isolations für James oder Pick-and-Rolls zwischen Wade und Bosh hatte man im Angriff nicht viel zu bieten. Das Freispielen der Distanzschützen – Shane Battier spielte erneut stark auf und konnte mit 17 Punkten aus acht Würfen maßgeblich zum Sieg beitragen – gelang nicht und Oklahoma City nutzte die Schwächephase, um den Rückstand kontinuierlich abzubauen, bis plötzlich in den letzten Spielminuten ein offenes Spiel entstand. Es ist auch hier festzuhalten: Der Schlüssel für Miamis Erfolg ist eine agressive Offensive, die nicht nur den Big Three hochprozenzige Würfe ermöglicht, sondern auch für die sich an der Dreipunktelinie anbietenden Rollenspieler Abschlüsse kreiert.

Im Endeffekt kam vieles zusammen, was den Thunder den Sieg verwehrte: LeBrons Stärke an der Freiwurflinie (12-12 FT), das nicht gepfiffene Foul an Durant 50 Sekunden vor Schluss oder völlige Verschlafen der ersten Halbzeit. Und es sind – da muss man sich als langjähriger NBA-Fan nichts vormachen – Kleinigkeiten, die in solchen Spielen den Unterschied machen. Ein nervenstarker und attackierender LeBron James (acht seiner zwölf Abschlüsse in Korbnähe fanden das Ziel), eine wie schon hervorgehoben zu passive und lethargische Halbzeit seitens Oklahoma Citys, das zu späte Bemerken der Überlegenheit im Open Court (die Thunder erzielten in der zweiten Halbzeit elf Punkte aus dem Schnellangriff – in der ersten wie beschrieben null) oder auch das Zulassen von elf Offensivrebounds kosteten den Gewinner der Western Conference den Sieg.

Es ist gewissermaßen eine paradoxe Serie: Miami schien im ersten Finalspiel überlegen, ließ sich aber in der zweiten Hälfte des Spiels das Momentum klauen und verlor. Dann das miserable Spiel in der zweiten Partie Oklahoma Citys, und dennoch die Siegchance, die im Endeffekt nicht genutzt wurde (genutzt werden konnte). Als neutraler Beobachter ist man nun mit einer Serie konfrontiert, in der Oklahoma City objektiv gesehen das bessere Team ist, aber nun mit einem 1-1 nach Florida reist und drei Spiele in Miami spielen muss. Es bleibt spannend.

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5 comments

  1. Alexander Aust

    Wow, was war denn in der ersten Halbzeit mit den Thunder los? So schlecht habe ich Sie, in diesen Playoffs, noch nicht spielen sehen. “Lethargische erste Halbzeit” trifft den Nagel auf den Kopf, Jan.
    Nichtsdestotrotz, war das wiedermal ein saustarkes Comeback seitens der Thunder. Es macht Spaß zuzusehen wie die Jungs im Vierten ein ums andere mal eine Schippe drauflegen können. Leider hat es heute nicht gereicht. Wie LeBron Durant verteidigt hat fand ich nicht einmal erwähnenswert, viel wichtiger war aus meiner Sicht die Defense von Wade gegen Westbrook. Aus den “aggessiven Drives” aus Spiel 1 sind “wilde Drives” in Spiel 2 geworden. Teilweise wieder zu überhastet gespielt der junge Russel, aus meiner Sicht Wades Verdienst. Daher auch Wade für mich der MVP in Spiel 2 (den du wieder vergessen hast Jan ;)). Er hat für die Heat im letzten Viertel viele wichtige Plays gemacht . James dagegen mit nur einem FG im Vierten. Hm, egal.
    Ein fader Beigeschmack bleibt natürlich das nicht gepfiffene und vor allem klare Foul an Durant kurz vor Schluss vor Schluss. An den Schiris konnte man heute Nacht nicht meckern, aber dar letzte noncall war schon sehr bitter für OKC, schade.

  2. Smido83

    Klasse Zusammenfassung mal wieder. Die Thunder haben das Ding aber mal so richtig verbockt in den ersten Minuten. Frage mich was mit denen im ersten Viertel los ist. War im letzten Spiel ja auch schon so ein schlechter Start.

    Was den No Call 12 Sek. vor Ende betrifft… da werde ich mal ganz unkreativ den NBA-Chef zitieren.
    “Hammer Spiel, Hammer Serie, hammer keine anderen Refs?” :shock:

    Ja, solche No Calls kommen wohl in fast allen Spielen mal vor. Aber wenns 12 Sekunden vor Ende in einem Spiel der Finals passiert, welches auch noch auf Messers Schneide steht… da wird immer ein fader Beigeschmack zurückbleiben.

    Trozdem natürlich ein verdienter Sieg der Heat. Vor allem defensiv haben sie meiner Meinung nach OKC dominiert. Das Spiel hat eines gezeigt, auch OKC braucht in der Offence seine Rollenspieler. Fisher 1/5, Sefolosha 1/5, Perkins 1/5, Ibaka 2/5… das ist zu wenig. Da reichen auch 80 Punkte der “Thunder Big 3” nicht gegen ein Team wie Miami. Was auch noch zu erwähnen ist, Durant/Westbrook/Harden haben zusammen 6/20 Freiwürfen verworfen. Auch diese sehr ungewöhnliche Quote von der Linie hat zur Niederlage beigetragen. Vor allem wenn ein James im absoluten MVP Mode spielt. Er überzeugt mich momentan auf ganzer Linie. Keine Spielereien, keine übertriebenen Gesten, kein Herumgehampel… er spielt einfach Basketball. Und zwar auf dem höchst möglichen Level.

    Ich bin jetzt sehr gespannt, ob es die Thunder schaffen eines der nächsten beiden Spiele in Miami zu gewinnen um den Heimvorteil wieder zu bekommen. Wenn es schon in Miami zu einem Finalspiel kommt, dann glaube ich aber nicht, dass sich die Heat das nehmen lassen werden. Also mein Tip, entweder die Heat gewinnen 4:1 oder es gibt ein Spiel 7 in Oklahoma. ;)

  3. Octavianus

    Das mit Oklahoma und den schlechten Starts ist ja irgendwie keine Seltenheit und in meinen Augen gibt es dafür auch klare Gründe: Westbrook und Perkins.

    Perkins hat in dieser Serie aber auch gar nichts auf dem Platz verloren, das einzige Argument für ihn sind wohl die guten Screen, die er setzt. Aber ansonsten sorgt er dafür, dass Ibaka gegen Battier am Perimeter verteidigen muss und das dies nicht gut gehen kann, sah man ja bereits in den ersten zwei Spielen. Gegen Spieler wie Bynum oder Duncan hat Perkins seinen Soll erfüllt, gegen Miami müsste Collison deutlich mehr Minuten sehen.

    Bei Westbrook sehe ich dann einfach das Problem, dass er kein “richtiger” Point Guard ist. Spielt ein Sefolosha sinkt regelmäßig sein Verteidiger zur Hilfe in die Zone hinein und erschwert es OKC ungemein zu punkten. Sefolosha ist zwar ein guter Schütze von draußen, aber Westbrook spielt einfach nie in solchen Situationen einen Pass nach draußen und versucht stattdessen selber zu punkten zu kommen, was seine schlechte Wurfquote erklärt. Ich kann mich sicherlich an 3-4 dieser Aktionen erinnern, wo dies geschehen ist. Sobald dann allerdings Harden ins Spiel komtm verläuft das Spiel komplett anders, der Verteidiger sinkt nicht ab und die Thunder können leichter zu ihren Punkten kommen.

    Sefolosha oder Perkins, einer von beiden darf in meinen Augen nicht unter den Starter sein, wenn man diesen schlechten Beginn nicht nochmal erleben möchte. Small-Ball mit Ibaka (Collison) auf der 5 und Durant auf der 4 mit Sefolosha und Harden auf der 2 und 3 ist für mich da die beste Lösung.

    Zum no-call bei James gegen Durant: Hätten die Schiedsrichter Eier gehabt, hätten sie Durant schon lange vorher beim klaren Charge gegen Battier vom Platz gestellt. Finde allerdings von Durant sehr gut, dass er diese Szene nicht an die große glocke hängt und eher die Schuld bei sich sucht.

  4. Hassan Mohamed

    Zum no-call bei James gegen Durant: Hätten die Schiedsrichter Eier gehabt, hätten sie Durant schon lange vorher beim klaren Charge gegen Battier vom Platz gestellt. Finde allerdings von Durant sehr gut, dass er diese Szene nicht an die große glocke hängt und eher die Schuld bei sich sucht.

    Von einem klaren Offensiv-Foul würde ich keineswegs sprechen (Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=H9hFq8lETtQ). Shane Battier bewegt sich noch etwas weiter in die Bahn von Kevin Durant, als dieser sich vom Boden löst. Durant mit einem Foul zu ahnden, wäre in meinen Augen verkehrt gewesen.

  5. Octavianus

    In der Wiederholung sieht es nicht so aus wie in reeller Geschwindigkeit, aber trotzdem: In meinen Augen hat Battier seine Position eingenommen, bevor Durant abhebt. Soweit ich weiss besagt die Regel, dass man seine Füße noch bewegen darf, solange man in der richtigen Position vor dem Angreifer ist. So oder ähnlich hat es glaube ich auch Jeff van Gundy vorher schon erklärt.


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