Gedanken, Miami Heat, Oklahoma City Thunder, Playoffs2012

NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 1

Fragte man letzten Herbst, nachdem der Lockout beendet war, welche beiden Teams als Favoriten in die Saison gehen würden, fielen zwei Namen.

Im Westen die Oklahoma City Thunder. Das Team um Kevin Durant war in der Spielzeit zuvor nur knapp in den Western Conference Finals an dem späteren Champion aus Dallas gescheitert und galt als stärkstes Team des Westens. Der Kern, der neben Durant aus James Harden und Russel Westbrook bestand, ging in die dritte gemeinsame Saison und wurde von passenden Rollenspielern wie Thabo Sefolosha, Serge Ibaka, Kendrick Perkins und Nick Collison ergänzt. Im Osten hingegen führte kein Weg an Miami vorbei. Trotz des verlorenen Finales gegen die Mavericks und harscher Kritik an der Performance LeBron James’ in entscheidenden Spielmomenten, galt das Team aus Florida als individuell stärkstes Team des Ostens. Das Dreigestirn aus Dwyane Wade, Chris Bosh und eben genanntem James schien der unangefochtene Favorit der Eastern Conference zu sein.

Letztendlich kam es auch so wie prognostiziert. Die Thunder besiegten in der Postseason die Dallas Mavericks, Los Angeles Lakers und San Antonio Spurs, gaben dabei gerade mal drei Spiele ab und schlugen damit alle Western Conference-Gewinner der vergangenen zwölf (!) Jahre.
Miami bezwang in der ersten Runde die Atlanta Hawks, im Anschluss die Indiana Pacers, bevor  in den Eastern Conference-Finals die Boston Celtics warteten. In einem zähen Schlagabtausch konnte sich Miami nach sieben Spielen gegen die Kelten durchsetzten.

Finals: Game 1

Am Mittwoch, um drei Uhr deutscher Ortszeit war es angerichtet: In Oklahoma City fand das erste Spiel der diesjährigen Finals statt. Gute 2.5 Stunden später war klar: Der Sieger des ersten Aufeinandertreffens der Favoriten war das Heimteam der Thunder. Wie bereits bei den Finals des letztes Jahres kommentiert go-to-guys-Redakteur Jan Karon jedes der Finalspiele.

Das erste Spiel der diesjährigen Finals erzählt die Geschichte, zweier sich grundsätzlich unterscheidenden Halbzeiten:
Die Heat, ohne Chris Bosh in der ersten Starting Five, begannen bärenstark, gingen früh 10-2 in Führung. Das berühmt-berüchtigte Pick-and-Roll der Thunder wurde aggressiv verteidigt. Der Ballführende, zumeist Russell Westbrook, wurde direkt im Anschluss an den Screen gedoppelt, notfalls behalf man sich mit Switches. Interessant: James startete die Partie gegen Kendrick Perkins, was zur Folge hatte, dass Shane Battier gegen Kevin Durant verteidigte.

In Folge der aggressiven Verteidigung fand Oklahoma City keinerlei Rhythmus in der Offensive. Zwar startete Kevin Durant in seinem ersten Finalsspiel 3-3 aus dem Feld und zeigte schnell Gegenwehr, der Rest der ersten Fünf Oklahoma Citys warf jedoch 0-6 aus dem Feld und war nahezu bis zur sechsten Minuten ohne einzigen Punkt. Ganz im Gegenteil die Miami Heat: Zwar erzielten James, Wade und Bosh lediglich zehn Punkte, die „Glue Guys“ Shane Battier und Mario Chalmers konnten sie aber mit 17 Punkten unterstützten. Insgesamt erzielte Miami im ersten Spielabschnitt 29 Punkten, traf fünf von sechs Dreipunktewürfen und ging mit sieben Punkten Vorsprung in die erste Viertelpause. Der Schlüssel zum Erfolg der Heat wird darin liegen, so wenig Verantwortung wie nötig und so viel möglich von den Schultern James’ und Wades zu legen, und im Gegenzug hochprozentige Abschlüsse für den Rest des Teams zu generieren.

Interessant im Bezug auf das zweite Viertel war die Rolle der Bankspieler. So kam auf Seiten der Heat Chris Bosh ins Spiel, der, im Gegensatz zu LeBron James, im Post gedoppelt wurde, sodass sein Einfluss begrenzt wurde. James Harden, der für gewöhnlich die zweite Garde der Thunder anführt, war ebenfalls kein wirklicher Faktor, erzielte zwar fünf Punkte, schaffte es aber nicht wie gewohnt dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Es sollten die einzigen fünf Punkte für Harden bleiben. Was jedoch Battier und Chalmers für die Heat leisteten, konnten auf Seiten der Thunder Derek Fisher und Nick Collison garantieren. Ersterer brachte als routinierter Veteran sichtlich Erfahrung und Abgebrühtheit ins Spiel der ansonsten jungen Thunder und steuerte im zweiten Spielabschnitt sieben Punkte bei. Collison hingegen brachte es in acht (!) Minuten auf vier Punkte und sechs Rebounds, konnte dabei entscheidende Second Chance-Opportunities gewährleisten. Beide Teams warfen zur Halbzeit mehr als 50% aus dem Feld. Es war das erste Playoff-Spiel, in dem die Thunder mehr als 55% aus dem Feld trafen und dennoch mit mehr als fünf Punkten Rückstand in die Halbzeit gingen. Der Grund dafür: die starke Heat-Offense. Zwölf Assists bei nur zwei Ballverlusten sprechen eine deutliche Sprache. Schafft es Miami, sich offene Würfe zu erarbeiten, bricht das Oklahoma City den Nacken.

In der zweiten Halbzeit wendete sich das Blatt. Vor der heimischen Kulisse – die Thunder waren in bisher acht Playoff-Heimspiele ohne Niederlage und wurden von einem euphorischen Meer aus blautragenden Fans beflügelt – fand man zurück ins Spiel. Schuld daran war das Stagnieren der Offensivemaschiniere Miamis. Anstatt weiter den Korb zu attackieren und somit Räume für freie Würfe zu kreieren, verließ man sich auf Jumpshots James’ und Wades, die nicht fielen. Gleichwohl kam im dritten Viertel der vielleicht größte Match-Up-Vorteil der Thunder zum Vorschein: Wenngleich man Durant vielleicht phasenweise durch James und Battier aus Sicht Miamis limitieren kann, so hat man kein Gegenmittel für Russell Westbrook. Während Wade die Lampen ausschoss – nach drei Vierteln kam er auf zwölf Punkte aus 15 (!) Würfen –, dominierte ihn Westbrook offensiv in jeglicher Hinsicht. Während der Point Guard der Thunder in der ersten Halbzeit aus zehn Würfen neun Punkte machte, gelangen ihm allein im dritten Viertel aus sieben Würfen 12 Punkte. Schafft es Westbrook die Zone der Heat zu attackieren und hochprozentige Würfe zu erspielen, scheint Miami machtlos. Sowohl Chalmers als auch Wade können ihn nicht vor sich halten. 16 Sekunden vor Ende des dritten Viertels brachte folgerichtig Westbrook die erste Führung. Die Thunder hatten Blut geleckt. Das Publikum war plötzlich da.

Hierbei muss Kritik an Head Coach Erik Spoelstra geäußert werden, der klar das sich ändernde Momentum verkannte. Wenn Wade reihenweise schlechte Abschlüsse kreiert, muss der Coach in der Lage sein, seinem Superstar einzureden, er solle dem anderen Superstar, der nach drei Vierteln 23 Punkte auf seinem Konto hat, den Ball geben. Ebenso völlig unverständlich, warum Spoelstra die Hedges, also das aggressive Doppeln Westbrooks nach Pick-and-Rolls, einstellte und jegliche Blocks switchen ließ. Im vierten Viertel hingegen ist Spoelstra anzukreiden, dass er Durant heißlaufen ließ und auf Battier als Gegenspieler beharrte, wenngleich ersichtlich war, dass James den deutlich besseren „Fit” darstellte.

Die Geschichte des restlichen Spiels ist schnell erzählt: Mit der Führung im Rücken fängt Oklahoma City Wind in die Segel, startet das vierte Viertel 5-0. Sefolosha schafft es James (sieben Punkte im vierten Viertel) zu limiteren; Durant dominiert Battier nach Belieben (15 Punkte im vierten Viertel). Das gesamte Team der Heat erzielt in der zweiten Hälfte 40 Punkte; Westbrook und Durant zusammen 41. Das Duo erzielt auch 25 der letzten 31 Thunder-Punkte – und spielt bei den restlichen sechs Punkten Vorlagen. Die Line-Up Fisher – Westbrook – Sefolosha – Durant – Collison steht nahezu zwölf Minuten auf dem Feld und outscort Miami in jenem Spielabschnitt mit 13 Punkten. Es ist das erste Spiel, in dem Miami mehr als 20 Fastbreak-Punkte weniger als ihr Gegner verbucht (4-24). Die Thunder erzielen 14 Punkte mehr in der Zone. Die Heat werfen 6-26 aus der Mitteldistanz und kommen gerade mal auf 18 Freiwürfe. Die Thunder können 21 ihrer letzten 29 Ballbesitze in Punkte ummünzen. Oklahoma City siegt. 105-94.

Fazit

Während meiner Kindheit sagten Helden aus Kinderserien zu Kontrahenten oftmals „Die Schlacht hast du gewonnen, aber nicht den Krieg“. Ich hielt das stets für eine Floskel und lachte müde.

Auf die Serie könnte das jedoch zutreffen. Dass Oklahoma City das erste Spiel nach Aufholjagd in der zweiten Halbzeit gewinnt, ist kein Zufall: Das Team spielte in der laufenden Postseason drei Spiele weniger, hatte vier Tage mehr Regenerations- und Vorbereitungszeit, konnte die Serie zu Hause beginnen und hat eine größere Rotation. Miami wirkte müde und darf das auch. Gleichzeitig konnten die Heat zeigen, dass sie den Thunder weh tun können. Zumal festgehalten werden muss: zwar trafen Chalmers und Battier anfangs jeden Wurf, waren aber in der zweiten Halbzeit nicht mehr zu sehen. James, Wade und Bosh hingegen agierten noch unter ihren Möglichkeiten.

Man darf auf die Adjustments vor Spiel 2 gespannt sein. Bleibt Sefolosha der Gegenspieler James’, muss der Ball zu LeBron in den Lowpost gebracht werden. Und zwar in jedem Angriff. Dort hat der Schweizer Shooting Guard so große physische Nachteile, dass die Thunder ohne Double Teams keine Chance gegen den MVP haben sollten. Interessant zu sehen werden aus Sicht der Heat auch die Match-Ups in der Defensive sein. Nach diesem ersten Spiel sollte es eigentlich einleuchtend sein, dass Battier kein Hindernis für Durant darstellt, und James gegen ihn verteidigen sollte. Verteidigen muss. Wie man dann jedoch den Einfluss Westbrooks reduziert, bleibt fraglich, zumal Chalmers/Wade damit rechnen sollten, dass James Harden in den nächsten Spielen eine deutlich größere Rolle spielen wird. Ebenfalls wird es interessant zu beobachten, wie Miami die Überlegenheit in der Zone zurückerobern will. Oklahoma City konnte öfter in Korbnähe scoren, greifte sich mehr Rebounds und konnte mehr Second Chance-Points verbuchen. Bei Miami bekleiden Bosh, Haslem, James und Battier die Frontcourt-Position, sodass hier permanent Größennachteile entstehen werden. Spannend zu sehen, wäre eine Box-and-1-Verteidigung, bei der Durant Sonderbewachung kriegt und die restlichen Heat-Spieler eine Raumdeckung aufziehen.

In jedem Fall, ist die erste Schlacht gewonnen, der Krieg aber noch lange nicht. Diesmal ist das keine Floskel, und diesmal lache ich auch nicht müde. In diesen Playoffs stehen sich die zwei besten Spieler der Welt gegenüber – und ebenfalls die zwei besten Teams. Zeit, die Helden aus den Kinderserien eines Besseren zu belehren.

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2 comments

  1. Alexander Aust

    Ein gutes erstes Spiel für eine Finalserie. Geile Stimmung in der Hütte und ein klasse Comeback des Heimteams.
    Wie erklärt ihr euch denn diese saugute Thunder-Defense in der zweiten Hälfte? War es wirlich die Schwäche der Heat, oder spielen die Thunder einfach viel intensiver? Gegen die Spurs hat man ja im letzten Spiel ja ähnlich stark verteidigt in Hälfte zwei. Also mir gefallen diese Thunder, wirklich sehr stark was die Jungs spielen.

    Hätte da noch was. Könntet ihr zu jedem Spielen euren persönlchen Player of the Game oder “MVP” bestimmen? Würd mich mal interessieren ob euch die Durant- oder Westbrook-Leistung mehr beeindruckt hat.

  2. Jan Karon

    |Author

    Ein gutes erstes Spiel für eine Finalserie. Geile Stimmung in der Hütte und ein klasse Comeback des Heimteams.
    Wie erklärt ihr euch denn diese saugute Thunder-Defense in der zweiten Hälfte? War es wirlich die Schwäche der Heat, oder spielen die Thunder einfach viel intensiver? Gegen die Spurs hat man ja im letzten Spiel ja ähnlich stark verteidigt in Hälfte zwei. Also mir gefallen diese Thunder, wirklich sehr stark was die Jungs spielen.

    Es war das Unvermögen der Heat. Statt den herausgespielten starken Würfen in Hälfte 1, gaben die Thunder Wade und James das 1-gg.-1, um im Umkehrschluss die offenen Würfe zu vereiteln. Hier aber versagte Miamis Offense; James bekam zu selten den Ball (im Post), Wade nahm wilde und schlechte Würfe. Sicherlich steigerte sich OKC die Defense, aber in meinen Augen war das Hauptversagen der Heat-Offense geschuldet.

    Hätte da noch was. Könntet ihr zu jedem Spielen euren persönlchen Player of the Game oder “MVP” bestimmen? Würd mich mal interessieren ob euch die Durant- oder Westbrook-Leistung mehr beeindruckt hat.

    Gute Anmerkung, ich werde mich darum kümmern und in den restlichen einen Spiel-MVP bestimmen. In diesem Spiel war es eindeutig Durant; Westbrook war zwar der Gamechanger im dritten Viertel, aber Durant in den restlichen Vierteln die führende Kraft, die auch den Sieg in trockene Tücher gebracht hat.


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