Gedanken

There can only be one?

Zur leidvollen GOAT-Debatte

Die Miami Heat sind seit etwas mehr als zwei Wochen NBA-Champions. Die Fans und Beobachter der NBA haben so langsam ihren Frieden mit dem Titelgewinn der Heat geschlossen. Schließlich ist die Offseason schon in vollen Zügen. Eine Debatte hält jedoch schon länger Einzug in Basketballkreisen: Kann LeBron James doch noch an Michael Jordan vorbeiziehen, um als größter Basketballspieler aller Zeiten in die Geschichte einzugehen? James wird seit spätestens zwei Saisons als bester Basketballer der NBA angesehen. Dabei drängt sich natürlich die Frage auf, ob wir den besten Basketballer aller Zeiten miterleben.

Was außer Acht gelassen wird, ist, dass diese Frage nicht nur hypothetisch, subjektiv und deshalb letztlich müßig zu diskutieren ist; vielmehr ist es die Unvergleichbarkeit der unterschiedlichen Epochen der NBA, die eine Diskussion über den besten Spieler aller Zeiten so schwerlich – wenn nicht gar unmöglich – macht.

Zur Unvergleichbarkeit des Seins

Natürlich wird der geneigte NBA-Beobachter sagen, dass man aber doch Jordans sechs Titel nicht übertreffen kann, dass Jordan alle Finals gewonnen hat, in jeder Serie Finals-MVP war und es einfach nicht besser geht. Selbst wenn James noch fünf weitere Titel gewänne, wäre er ja zwei Mal gescheitert, als er 2007 gegen die Spurs und 2011 gegen die Mavericks nicht den Titel erringen konnte. All diese Argumentationen fußen aber darauf, dass es eine Vergleichbarkeit zwischen der Zeit Jordans und der James‘ gäbe. Wie wir alle wissen, ist dem nicht so. Zur Verdeutlichung jedoch nochmals einige Punkte, wieso die 90er nicht mit der heutigen Zeit zu vergleichen sind.

Medizinische Fortschritte / Professionalisierung des Sports

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Seit der ersten Meisterschaft Jordans sind nun bereits zwei Jahrzehnte vergangen; und trotz der Glorifizierung der Slam Dunk Contests als Spitze der athletischen Ausprägungen ist die Liga noch mal athletischer geworden, weil die Professionalisierung des Sports weiter fortschreitet. Dazu sind die unbeweglichen Center, die so typisch für den Kultcharakter der Neunziger waren, heute nahezu verschwunden. Gemeint sind nicht die klassischen Center mit Skills, sondern die recht unathletischen NBA-Spieler, die vor allem groß (und meist weiß) waren – sonst nichts.

Die Medizin hat sich in den letzten Jahrzehnten so sehr entwickelt, dass nicht nur mit größeren Verletzungen effizienter umgegangen werden kann, sondern vor allem in Sachen Regeneration nach den Spielen ein Quantensprung erzielt wurde. Dies bringt die NBA-Spieler dazu, noch bessere Leistungen abzurufen, da sie ausgeruhter oder schneller wieder fit sind. Durch diese verbesserte Leistungsfähigkeit wird eine Unvergleichbarkeit geschaffen.

lebronbusinessGenerell wird von den Profis in der heutigen Zeit auch off court ein viel professionelleres Verhalten erwartet, auch aus dem einfachen Grund, dass durch die sozialen Medien so gut wie nichts mehr unentdeckt bleibt, was in der Öffentlichkeit vor sich geht – oder gar selbst von den Athleten verbreitet wird. Dieser nette Nebeneffekt führt dazu, dass die Spieler eine Vorbildfunktion für die restliche Gesellschaft innehaben und auch Rookies nahezu sofort erfahren, was es bedeutet, ein Profi zu sein. Ein Michael Jordan, der seine Spielsucht in den 90ern relativ unbeobachtet ausleben konnte, wäre in der heutigen social-media-Welt gar nicht mehr möglich. LeBron James hingegen hätte die infame „Decision“-Übertragung nicht in den 90ern verwirklichen können. Beide Ereignisse sind nur Beispiele, die die Wahrnehmung eines Athleten beeinflussen, auch wenn sie in ihrer Zeit andere Auswirkungen hatte. James ist für seinen unbeholfenen TV-Auftritt von den Fans gehängt worden – nicht wenige halten ihm den Wechsel in den Südosten noch immer vor. Professionalisierung ist also heute weit wichtiger als früher. In den 80ern hatte Larry Bird noch problemlos Bierkästen zum Spiel mitbringen können. Die Vorbildfunktion verbietet dies heute, denn ein NBA-Spieler ist nicht mehr nur Sportler, sondern wird ebenfalls als Mensch wahrgenommen.

Weiterentwicklung des Regelwerks / Taktische Innovationen

Auch wenn in den Neunzigern härter verteidigt wurde, da die Referees noch eine andere Linie verfolgten und das Handchecking noch erlaubt war, sind die Voraussetzungen in der heutigen Zeit bei Weitem nicht einfacher. Durch die Verschiebung der Auslegung der Illegal Defense von der Interpretation in den Neunzigern (kein Spieler einer angreifenden Mannschaft darf frei stehen gelassen werden) zur heutigen Zeit (man darf keine drei Sekunden in der Zone verweilen) entstanden vor allem für die Defensive ungeahnte Möglichkeiten, auf eine Offensive zu reagieren.

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Beide Spielstile haben ihre Berechtigung. Die Fähigkeit, sich auf die Möglichkeiten der Defensive einzustellen und dies gewinnbringend für sich zu nutzen, zeichnet einen Spieler aus. Allerdings kann man diese beiden Zeiten in der NBA nicht vergleichen. Zu groß sind die Unterschiede durch die Regeländerungen. Ja, LeBron James wurde nie so hart angegangen oder per Handchecking vom Zug zum Korb abgehalten, aber Michael Jordan hat auch nie gegen eine Zonenverteidigung oder Triple Teams gespielt. In der heutigen Zeit kommt es in der Defensive  vor allem auf Rotationen, Helpside und generelle Reaktionszeiten an, während in den Neunzigern vor allem die 1-on-1-Defense im Fokus stand. Was nun schwieriger zu verteidigen ist, kommt immer auf den jeweiligen Spielertypen an, wobei wir bei einem weiteren Punkt wären.

Einzigartigkeit der Spieler

LebronJamescelebrateMit der Einzigartigkeit der Spieler sind nicht nur die zu vergleichenden Stars gemeint (Jordan, James und Bill Russell hatten in ihren teams vollkommen andere Rollen inne), sondern auch alle Spieler um diese herum. Wer kann denn das Leistungsniveau der gesamten Liga im Wandel genau beurteilen? War die NBA in den Neunzigern in der Gesamtheit besser besetzt? Waren die Spitzenteams besser besetzt? Woran kann man das belegen?

Uns fehlt schlicht die Relation, die herangezogen werden muss, um ein gemeinsames Fundament zu finden. Wenn wir also irgendwann die Möglichkeit hätten, die individuellen (Wer hat mehr Impact auf das Spiel gehabt?) und die teaminternen (Wer hatte den besseren Supporting Cast?) Faktoren zu gewichten, scheitert es an der Vergleichbarkeit der Stärke der NBA zur Zeit der beiden zu vergleichenden Superstars. Dazu fehlt die Aussagekraft über die generelle Schwierigkeit, in der NBA zu gewinnen, welche Mitspieler für den Erfolg wichtig gewesen wären und welche Skills man selbst besitzen musste, um der jeweils beste in seiner Zeit zu sein.

Jede Zeit hat ihren eigenen GOAT

Wenn über den größten Spieler aller Zeiten geredet wird, wird dies in der Regel mit dem Namen Michael Jordan assoziiert. Dass dies nicht immer so war, verlieren einige Fans immer aus den Augen. Vor Jordan wurde auch Basketball gespielt. Bill Russell gewann 11 Titel mit den Boston Celtics. Wie konnte Jordan je an dem personifizierten Erfolg vorbeiziehen? Jordan hat gerade einmal sechs Titel gewonnen. Russell hat in seiner gesamten Karriere zwei Mal den Titel NICHT gewonnen. Trotzdem gilt Michael Jordan als der beste Basketballer aller Zeiten. Woran liegt das?

Zuvorderst am kollektiven Gedächtnis. Jordan wurde weltweit berühmt, ausgestrahlt und alle Basketballjournalisten haben ihn erlebt. Durch die mediale Wahrnehmung hatte Jordan ganz andere Möglichkeiten, sein Vermächtnis in der Sportwelt zu hinterlassen. Bill Russell sahen Fans in der Halle und einige Basketballfans auszugsweise im Fernsehen. Michael Jordan sahen alle Fans im Fernsehen. LeBron James‘ potentielle Strahlkraft geht durch die social medias sogar noch darüber hinaus. Nicht nur der Basketballer James wird wahrgenommen, sondern auch die Privatperson.

Die Voraussetzungen und Wirkungsmöglichkeiten unterscheiden sich in jeder Epoche, mit jeder Entwicklung der Medienlandschaft, mit jedem einzelnen NBA-Spieler, mit der Entwicklung des Spiels. Somit hat jede Epoche ihren eigenen GOAT. Über Bill Russell zu Magic und Bird zu Jordan bis hin zu James. Eine Diskussion, wer nun besser war, ist müßig. Viel sinnvoller wäre es, wenn man die jetzige Zeit genießt und die besten Sportler ihrer Zeit verfolgt.

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