Denver Nuggets, Miami Heat, Salary Cap / CBA

Der ganz normale Wahnsinn

Die Rückkehr von In-Season-Trades und Deadline

Letztes Jahr wurde eine „Epic trade deadline“ versprochen, bevor dann das genaue Gegenteil eintraf. Dieses Jahr war eine der deutlichsten Prognosen die komplett entgegengesetzte, und wiederum kann man vom Gegenteil sprechen – ziemlich überraschend vertradeten dieses Jahr 17 Teams insgesamt 37 Spieler. Der zentrale Unterschied zu 2014 ist aber nicht die reine Menge, sondern, dass dabei wieder wirklich gute Spieler wie Goran Dragic umziehen durften und vor allem Teams wieder Erstrundenpicks abgeben – und zwar nicht nur echte und vermeintliche Contender, sondern auch Mittelfeldteams wie Denver. Im Stil des letzten Jahres sind allenfalls kleinere Transaktionen wie zwischen Kings und Wizards, die einfach Backup-Guards tauschten oder ähnlich zwischen Rockets und Knicks. Als einziges nennenswertes Asset wurde hier ein Zweitrundenpick eingesetzt, entsprechend geringfügig ist die Bedeutung der Trades.

Der große Rest der Trades zeigt allerdings die klaren Unterschiede zum Vorjahr. Diese Entwicklung ist nicht ganz neu, in den letzten Monaten hatte sich bereits mehr bewegt als in den Jahren zuvor. In Zahlen: 2012/13 und 2013/14 wurde zwischen Opening Day und Deadline jeweils genau ein Pick getradet, von Memphis für einen miserablen Salary Drop bzw. Cleveland für Luol Deng. Diese Saison? Dreizehn, beziehungsweise zwölf, wenn man den Dion Waiters-Timofey Mozgov Trade als einen betrachtet. Auch der Wolves-Trade für Adreian Payne war einfach Asset für Asset, aber trotzdem: Es sah sich rund die Hälfte der Liga auf der einen oder anderen Seite eines Trades mit Erstrundenpick, teilweise gar auf beiden.

„Good lord.“

Wenn sogar Gerüchte-Guru Adrian Wojnarowski von der schieren Menge an Informationen überrollt wird, kann man guten Gewissens sagen: Diese Entwicklung hat überrascht. Umso spannender ist die Frage, was diesen radikalen Umschwung bedingt hat. War es nur die logische Folge der eher dürren Trade-Landschaft der letzten Jahre, dass zum richtigen Zeitpunkt diverse General Manager aktiv werden? Oder war Donnerstag, der 19. Februar 2015, einfach ein völlig absurder Ausreißer aus der Entwicklung der letzten Jahre?

Es lassen sich durchaus Argumente dafür finden, die Trades nur als Rückkehr zur alten Arbeitsweise der NBA zu beurteilen. Die Front Offices außerhalb Brooklyns haben sich zwar an das neue Collective Bargaining Agreement (CBA) angepasst und agieren bezüglich Salary und Assets vorsichtiger – wagen sich aber nach gut drei Jahren wieder etwas mehr aus der Deckung. Diese Lesart funktioniert etwa für die Trades der Thunder, Cavaliers, Mavericks, Grizzlies und Trail Blazers: Contender oder Teams, die es gerne wären, geben Talente und Picks für sofortige Unterstützung ab. OKC und Cleveland hatten aus verschiedenen Gründen viele Assets gesammelt und sie schließlich eingesetzt: Bei den Thunder war die Strategie Sam Prestis lange, die gedrafteten Spieler in ein Playoff-Team einzubauen, und ganz untreu geworden ist er seinem Plan mit der Verpflichtung von Enes Kanter und Kyle Singler auch nicht (Mehr dazu von Sebastian Hansen). In Cleveland wurde aus einem Post-Lebron-Rebuild-Team plötzlich wieder ein Mit-Lebron-Contender, womit die verfügbaren Assets (wie der oben beschriebene Pick aus Memphis) anders eingesetzt werden mussten. Aufgrund der bei beiden Teams nicht optimal verlaufenden Saison und gleichzeitiger Ungeduld durch auslaufende Verträge bestand zusätzlicher Handlungsdruck. Trotzdem sind die Trades kein völliger Bruch mit den veränderten Bedingungen, sie finden den Mittelweg zwischen traditionellem Contender-Verhalten und dem gesteigerten Wert von Picks und jungen Spielern im neuen CBA.

Mittendrin statt dabei

Davon kann nicht bei allen Transaktionen die Rede sein. Auch einige Mittelfeldteams haben sich zu einer Großzügigkeit hinreißen lassen, die angesichts der letzten Jahre völlig unverständlich erscheint. Die Suns und den abgegebenen Lakers-Pick hat Jonathan Walker bereits hier angesprochen. Einen genaueren Blick sind auch die Denver Nuggets wert, die den erst kurz zuvor für Timofey Mozgov erhaltenen OKC-Pick wieder abgeben, um JaVale McGee in den kommenden eineinhalb Jahren nicht bezahlen zu müssen. Einen eher späten Pick für insgesamt etwa 16 Millionen Dollar an Einsparungen ist zwar ein an sich recht angenehmer Gegenwert, der noch durch die Trade Exception in Höhe von McGees diesjährigem Gehalt (11,2 Mio. Dollar) versüßt wird. Allerdings ist die Motivation des Teams kaum ersichtlich: Sowohl in der Tabelle wie auch beim Gehalt befinden sich die Nuggets mitten im Nirgendwo. Die Playoffs sind außer Reichweite und dürften das tendenziell auch noch nächste Saison sein, völlig unabhängig davon, was das Team mit der TPE oder dem Cap Space anfangen würde. Die Betonung liegt auf dem oder: Eine Kombination ist nicht möglich, weil die Exception für die Cap Space-Nutzung verworfen werden müsste. Falls der junge GM Tim Connelly aber weiter auf Rebuild setzt, stört ein größerer, aber bald endender Vertrag kaum. Die Nuggets hätten einfach auf die Offseason 2016 hinplanen können, in der neben dem Vertrag von McGee auch noch die von Danilo Gallinari, J.J. Hickson und Wilson Chandler ausgelaufen wären. Für diesen Weg haben sich etwa die Boston Celtics entschieden, die den ähnlich teuren Gerald Wallace einfach auf dem Gehaltszettel halten, obwohl diverse Picks zur Verfügung stünden.

Stattdessen gibt Celtics-GM Danny Ainge seine Assets trotz Rebuild für Isaiah Thomas aus. Hier ist die Logik etwas verständlicher: Der günstige, langfristige Vertrag des Guards könnte vor allem in den Jahren 2016 und 2017 attraktiv werden, wenn der Salary Cap massiv angestiegen ist. Die 6,2 Millionen Dollar – der Vertrag ist mit sinkenden Gehältern strukturiert – dürften dann deutlich unter MLE-Niveau liegen – für einen Spieler, der in der vergangenen Saison die 20-Punkte-Marke knackte. Trotzdem ist eine gewisse Widersprüchlichkeit nicht von der Hand zu weisen, nachdem die Celtics die bisherige Saison genutzt hatten, Win Now-Spieler wie Rajon Rondo, Brandan Wright und Jeff Green abzugeben. Eine Verschlechterung der eigenen Draft-Position ist der zusätzliche Haken am Trade.

Beide dieser Teams, Celtics und Nuggets, wurden vermutlich durch die eingenommenen Picks zu den Trades verleitet. Eigene Picks wären zu wertvoll gewesen, durch die diversen anderen Transaktionen standen aber die Wahlrechte der Thunder und Cavs zur Verfügung. Außerdem ist es ist deutlich praktischer, fremde Picks weiterzugeben, weil der eigene Handlungsspielraum damit weniger eingeschränkt wird. Somit haben also erst die Contender-Trades weitere Aktionen möglich gemacht – die früheren Trades verstärkten das Aufkommen zur Deadline.

Keep Winning?

PatRileyNoch erstaunlicher ist allerdings der Trade der Heat für Goran Dragic – und die Tatsache, dass die meisten Beobachter ihn begrüßen. Für Dragic und seinen Bruder Zoran musste Pat Riley ‚nur‘ einige Spieler von marginaler Bedeutung und zwei Draftpicks abgeben. Die Namen Shawne Williams, Justin Hamilton, Norris Cole und Danny Granger lassen den Trade wirklich brauchbar erscheinen. Aber: Die Heat schulden ihren 2015er-Pick bereits den 76ers, ursprünglich noch vom LeBron-Sign and Trade aus Cleveland. Aufgrund der komplizierten Protection dieses Picks gehen die beiden jetzt getradeten frühestens 2017 und 2021 (!) nach Phoenix, oder anders gesagt: Im letzten Draft vor Dwyane Wades 40. Geburtstag. Dafür zieht ein Spieler nach Miami, der gerade erst seinen eigenen Kopf in Sachen Teamauswahl demonstriert hat und aller Wahrscheinlichkeit nach diesen Sommer seine Spieleroption zieht.

Riley riskiert also Picks weit jenseits der Perspektiven des aktuellen Teams, ohne eine langfristige Verstärkung auch nur annähernd gesichert zu haben oder diese Saison einen Contender zu kreieren: Bereits vor Bekanntwerden von Chris Boshs gesundheitlichen Problemen und trotz ‚Hassanity‘ war das Potential der Heat stark begrenzt. Ein Team mit klar negativer Bilanz – derzeit 23 zu 31 – wird auch mit Dragic kaum Meister, praktisch könnten jetzt sogar einige Teams wie die Pacers mit dem möglicherweise bald zurückkehrenden Paul George den Playoffplatz der Heat in Gefahr bringen. Das ist absolut vergleichbar mit Billy Kings Trades für die Nets und könnte spätestens im Sommer auch allgemein so gesehen werden. Selbst wenn Dragic am South Beach bleiben will, wird ein teurer Vertrag fällig, weil sicher Teams wie die Lakers mitbieten. Im Zweifel haben sich die Heat also mit zwei Picks das Recht erkauft, Dragic mit einem Fünfjahresvertrag überzubezahlen.

Playing by the Rules?

Gerade dieser Punkt war wohl allerdings auch Antrieb für die Aktivitäten: Es wurden vor allem Spieler vertradet, deren Vertrag im kommenden Sommer ausläuft. Zu dieser Deadline war das sowohl im Interesse der abgebenden als auch der annehmenden Franchises. Erstere verfolgten wie sonst auch das Ziel, eine unklare Situation aufzulösen und einen Verlust ohne Gegenwert zu verhindern. Vor allem im Fall der oft deutlich teurer werdenden Restricted Free Agents wie Brandon Knight und Enes Kanter wollten sich Franchises im Rebuild nicht festlegen und bevorzugten längerfristige Assets. Auch der deutlich kleiner dimensionierte Trade des letztjährigen Zweitrundenpicks K.J. McDaniels passt in diese Kategorie – die 76ers gaben den Rookie nur aufgrund der Tatsache ab, dass er nur einen Einjahresvertrag unterschrieben hatte und daher bereits im Sommer RFA wäre. Isaiah Canaan und der zusätzliche Zweitrundenpick versprechen hier mehr nachhaltigen Wert, der in Philadelphia bekanntlich besonders groß geschrieben wird

Die Rockets gehören dagegen als Win Now-Team tendenziell zu den Franchises, die in der kommenden Free Agency eine Chance sehen. Bei Spielern von größerem direkten Einfluss wie Dragic und den RFAs wird der Grund deutlich: Die kommende Offseason wird aufgrund des ab 2016 extrem steigenden Salary Caps die beste Gelegenheit, gute Spieler zu verpflichten, die sich trotzdem langfristig als günstig herausstellen könnten. Die Wahrscheinlichkeit dazu ist relativ gering, wie Verträge aus dem letzten Sommer zeigen – die Summen sind bereits erheblich gestiegen. Trotzdem lässt sich damit die Goldgräberstimmung erklären, mit der einige Franchises sich auf die Spieler mit auslaufenden Verträgen stürzen.

Allerdings hätte der gestiegene Cap genauso zum Gegenteil eingeladen: Da der Rahmen der Rookie Salaries im CBA auf den Dollar genau festgelegt ist und keine prozentuale Angleichung an die Einkünfte der Liga erfolgt, profitieren die jungen Spieler nicht vom neuen TV-Vertrag der NBA. Umgekehrt sind für die Franchises, die in den nächsten Jahren viele Draftpicks haben, junge Spieler noch lohnenswerter als jetzt schon.

Fazit

Die Einschätzung von Trades ist selten sofort eindeutig möglich, die noch nicht restlos geklärten Konsequenzen aus dem steigenden Salary Cap ab 2016 und ein mögliches neues CBA im darauffolgenden Jahr machen Prognosen noch schwerer. Trotzdem erscheinen nicht zu wenige Trades dieser Deadline im Vergleich zur Zurückhaltung der vergangenen Jahre als gerade zu absurd. Entsprechend ist es nicht unwahrscheinlich, dass alle Nicht-Contender sich über die abgegebenen Picks noch ärgern werden. Heat, Suns, Nuggets und Celtics sind aus diesem Blickwinkel die Verlierer der Deadline.

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2 comments

  1. Jonathan Walker

    Sehr guter Überblick, Julian.

    Aber: Warum siehst du die Suns in Sachen Firstrounders als Verlierer? Sie gaben einen (zugegebenermaßen wahrscheinlich guten) Firstrounder (LAL) ab und bekamen drei (CLE, MIA, MIA) zurück, wovon 2 ähnlich wertvoll sein sollten wie der abgegebene.

  2. Julian Lage

    |Author

    Ich hatte mich schon etwas gewundert, wieso du über den Lakers-Pick so locker wegsiehst in deinem Artikel, wollte meinen hier aber auch nicht noch länger machen…

    Das hat zwei Seiten: Erst mal sind die Trades für Picks und der Knight-Trade an sich unzusammenhängend. Wie schon im Suns-Thread angesprochen (noch etwas optimistischer als mit etwas mehr Abstand, die Stimmung ist da ja auch schon mies genug ;) ) hätten die Suns nur Dragic und Thomas für den gleichen Preis abgegeben und dann die Saison mit dem jungen Roster zu Ende gespielt, hätte mir das wirklich gut gefallen. Der Knight-Trade ist aber irgendwo zwischen mies und desaströs anzusiedeln. Weder passt Knight spielerisch sicher, noch passt das wirklich in irgendeinen sinnvollen Rebuild- oder Zeit-Plan.

    Davon unabhängig passt die Rechnung einfach nicht. Der Cavs-Pick wird ziemlich sicher später als 25 sein. Dann, das etwas absurde am Dragic-Trade ist, dass er den Heat noch viel mehr schaden wird als er den Suns hilft. Die Heat haben sich über die nächsten 6 Jahre jeglicher Handlungsmöglichkeit beraubt und damit die Chancen auf einen sinnvollen Rebuild ruiniert – aber vermutlich kommen gar keine so guten Picks raus für die Suns. Bei einem ungeschützten Pick weiß man ja vorher, dass schlecht spielen nichts bringt, und bis 2017 werden die Heat mit Bosh und Co. ohnehin noch Playoffkandidaten sein. Aller Voraussicht nach ist das deutlich schlechter als der Lakers-Pick, der denke ich sicher in der Lottery landet.
    Dazu kommt aber, dass die Suns für diese Picks ja zusätzlich zum Knight-Dragic-Swap noch Plumlee, Thomas und Ennis abgegeben haben. Thomas für den Cavs-Pick finde ich für die Celtics unpassend, aber vom Wert her ok. Ennis und Plumlee sollten zusammen auch noch halbwegs was wert sein, vielleicht nicht ganz so viel wie der 2017er-Heat-Pick. Wenn man noch die Verschlechterung des eigenen Picks dieses Jahr miteinbezieht, geht es aber ungefähr auf: Die Suns haben grob überschlagen Dragic und den Lakers-Pick für Knight und den 2021-Pick getradet. Das ist vom Wert her schlecht und, wie oben angesprochen, von der Richtung her miserabel.


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