Miami Heat, Playoffs 2014, San Antonio Spurs

Game 5 will decide

Die Auswirkungen des neuen Finalsformats

Die ersten drei Spiele der NBA Finals sind gespielt und mit ein wenig Glück wird der neutrale Zuschauer noch vier weitere Partien begutachten dürfen. Dass dies in diesem Jahr wahrscheinlicher ist als in vielen anderen, liegt zum einen natürlich an der Leistungsstärke der beiden Kontrahenten; zum anderen aber auch an einer Regeländerung, die längst überfällig schien: Die NBA kehrt nach 1984 erstmalig wieder zum 2-2-1-1-1-Format in den Finals zurück.

spursvsheat

Die Geschichte dieser Finals liefert naturgemäß Schlagzeilen. Nach LeBron James‘Krämpfen in Spiel 1 kehrt der King in Spiel 2 zurück, nur um im dritten Spiel von seinem direkten Gegenspieler Kawhi Leonard vorgeführt zu werden. Die Spurs führen mit 2:1 nach Spiel 3 und die Basetballwelt erwartet gebannt, dass die Miami Heat zurückschlagen – wie sie es bisher nach jeder Niederlage in den Playoffs getan haben.
Außer Acht fällt dabei aber meist der Umstand, dass die Niederlage in Spiel drei für die Heat weit schmerzhafter sein könnte als dasselbe Resultat in Spiel 3 vor einem Jahr. Die Vorzeichen haben sich gewiss ein wenig geändert: Heimvorteil haben die Spurs; im Vorjahr war noch Miami der Rechteinhaber des siebten Spiels. Dennoch bedeutet diese Niederlage weitaus mehr. Dies liegt am geänderten Finals-Format.

Ein Blick zurück

In den letzten 30 Jahren konnte sich das nominell schlechtere Team zumindest teilweise darauf ausruhen, wenn es einfach die Spiele gewann, die es gewinnen musste: die Heimspiele. Dies gelang Miami zuletzt 2012 bei der ersten Meisterschaft, davor aber auch 2006 um Wade und Shaquille O’Neal. Der Vorteil dessen war offensichtlich: zum einen ist es für das Selbstbewusstsein ungemein förderlich, wenn man drei Spiele am Stück siegreich beendet; zum anderen schiebt es den Druck auch dem eigentlichen Favoriten zu, denn der Außenseiter fährt mit einer 3:2-Führung zum Favoriten, der nun zwei Mal verhindern muss, dass der Außenseiter Champion wird (im Folgenden wird das Team mit Heimvorteil immer als Favorit bezeichnet, das Team mit nur drei Heimspielen als Außenseiter, auch wenn dies vielleicht nicht immer treffend ist, da es auch in diesen Finals zwei Teams auf Augenhöhe sind).

Wenn wir auf die Dramatik der Finals des letzten Jahres blicken, sollte schnell klar werden, wie sehr das damalige System den Favoriten benachteiligt, auch wenn sich hier der Favorit durchsetzen konnte. Nach vier Spielen in den Finals steht es zwischen den San Antonio Spurs und den Miami Heat 2:2, die Serie ist ausgeglichen. Unser Redakteur Hassan Mohamed hatte zu einem Spiel 5 einer ausgeglichenen Serie Folgendes retweetet: 

Schockierend ist diese Erkenntnis nun nicht. Wer Spiel 5 gewinnt, ist ein Spiel davon entfernt die Serie auch zu gewinnen. Dementsprechend ist diese Beobachtung zunächst unauffällig. Interessant wird dies erst, wenn man untersucht, wie ein Spiel 5 in den Finals ausging. Die Heat verloren Spiel 5 bei den Spurs und schafften es mit größter Mühe, den zweiten Titel der Ära James zu erringen. Sie sind also ein Ausnahmefall – meint man. Durch das bisherige 2-3-2-Format der Finals kann man nämlich zu anderen Schlüssen kommen.
In den 29 Jahren dieses Formats fand 26 Mal ein Spiel 5 statt (die ‚89 Pistons, ‚95 Rockets und ‚07 Spurs hatten es besonders eilig und sweepten ihre Gegner), 14 Mal gewann der Außenseiter diese Partie! Dies ist einerseits erstaunlich, andererseits noch nicht mit dem Tweet zu vergleichen, weil hier alle fünften Spiel begutachtet wurden. Unerwartet ist es trotzdem, dass der Underdog mit 53% der fünften Spiele gewinnt. Dies ist aber vor allem dem Fakt geschuldet, dass der Außenseiter Heimrecht in Spiel 5 hat!

Um jedoch ein Argument zu kreieren, das etwas mehr Substanz hat, sollte nur auf die Serien geschaut werden, bei denen es nach vier Spielen einen Gleichstand gab. Es geht hier vor allem um die Betrachtung der Duelle, die auf Augenhöhe geführt wurden. Favoriten, die nach vier Spielen bereits 3:1 führen und wissen, dass sie – auch wenn sie Spiel 5 verlieren – noch zwei Heimspiele bestreiten werden, agieren unter Umständen nicht mit der letzten Entschlossenheit in Spiel 5.
In den letzten 29 Jahren gab es tatsächlich acht Serien, die nach vier Spielen unentschieden waren. Sechs dieser acht Spiele gewann der Außenseiter! 75% der engen Serien ging also an das Team, das kein Heimvorteil hatte, aber de facto in der Serie nach fünf Spielen führte. Bei drei dieser sechs Serien gewann der Underdog dann tatsächlich auch noch ein Spiel beim Favoriten, um Champion zu werden.

Eine Argumentation, die drei Serien (von 29) als Basis nimmt, um für die Veränderung des Formats zu stimmen, klingt zunächst unschlüssig. Dennoch ist der Wechsel der einzig folgerichtige Schritt. Illustriert kann dies am besten an den beiden Dallas vs. Miami-Finalserien werden, die beide Underdog-Siege in Spiel 5 und Außenseiter-Champions hervorbrachten.

Dallas vs. Miami 2006

Die Mavericks gewinnen die ersten beiden Heimspiele souverän und sehen hiermit schon wie der designierte Champion aus. Vor 2006 hatte kein Heimteam mehr 4 der folgenden 5 Spiele verloren. Wir erinnern uns sicherlich alle noch viel zu gut an das Refereeing gegen Dwyane Wade, aber der Knackpunkt ist ein ganz anderer: Die Heat dürfen Spiel 5 zu hause bestreiten. Dirk Nowitzki und die Mavericks müssen in Miami verweilen, bekommen keinen Schauplatzwechsel und verlieren auch Spiel 5 mit dem denkbar knappsten aller Ergebnisse in Overtime, nachdem Dirk Nowitzki Dallas 9 Sekunden vor Schluss in Führung brachte, dann aber Dwyane Wade foulte und dieser die Heat jubeln ließ.
Die Heat holen sich auch Spiel 6 und werden zum ersten Mal in ihrer Franchisegeschichte Meister. Die Frage ist jedoch, ob sie dies auch geworden wären, wenn dieses entscheidende Spiel 5 in Dallas stattgefunden hätte. Man darf zumindest davon ausgehen, dass es Dallas eher geholfen als geschadet hätte, wenn man mit einem 2:2 nach Hause gekommen wäre und auf seinem Homecourt hätte spielen dürfen. Die Annahme, dass Dirk 2006 durch das 2-2-1-1-1-Format bereits Meister geworden wäre, ist keine unbegründete.

Miami vs. Dallas 2011

Umgekehrte Vorzeichen erkennt man dann 2011. Die neu zusammengesetzten Heat gewinnen Spiel 3 der Serie und sichern sich somit wieder ihren Heimvorteil, den sie in Miami an die Mavericks verloren hatten. Spiel 4 geht an die Mavs. Spiel 5 findet in Dallas statt, was die Mavericks recht souverän für sich verbuchen können und den Favoriten Miami unter ziemlichen Zugzwang stellt. Die Heat müssen nun zwingend die beiden Heimspiele gewinnen, um noch Champion werden zu können. Wie wir alle wissen, gelingt dies nicht. Dirk Nowitzki krönt sich selbst, LeBron bleibt ohne Ring. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Mavericks ein Spiel 5 in Miami gewonnen hätten. Wäre LeBron schon in Jahr 1 nach der Decision Champion gewesen? Unrealistisch scheint selbst dieses Szenario nicht.

San Antonio und Miami

Wie gerade ausgeführt hat Miami eine bewegte Geschichte mit den fünften Spielen in den Finals. Ihre erste Meisterschaft mit James errungen die Heat übrigens als Außenseiter, weil sie die drei aufeinanderfolgenden Heimspiele nutzten, um Oklahoma City 4:1 zu schlagen. Miami gewann bisher erst eine einzige Meisterschaft als Favorit – und dies auch nur wegen des Wunderwurfs von Ray Allen in Spiel 6.

2012 sah bis zu diesem Zeitpunkt auch wie ein typischer Außenseiter-Sieg aus: Die Spurs gewannen Spiel 5, weil sie Heimrecht hatten, und hatten die Heat in Spiel 6 am Rande der Niederlage, nur um doch noch die Spiele 6 und 7 zu verlieren. Die Spurs sind aber auch das Phänomen der Finals, wenn es um ihre Beziehung zu einem fünften Spiel geht. Sie sind die einzigen Favoriten, die ein Spiel 5 gewannen, wenn die Serie bisher ausgeglichen war (‘03 und ’05). Sie sind auch das einzige Team, das Spiel 6 beim Stand von 3:2 als Favorit noch verlor und in ein siebtes Spiel musste. Dies zeigt aber auch eindrucksvoll, wie wichtig Spiel 5 für die Finalserie ist.

Fazit

Die Änderung des Finalformats war eine absolut grundlegende und richtige Entscheidung. Ein Außenseiter darf zu keinem Zeitpunkt der Serie einen Vorteil erlangen. Die Historie zeigt, wie unfassbar wertvoll ein Sieg in Spiel 5 ist: ein Außenseiter in 29 Jahren konnte ein Spiel 7 erzwingen, wenn das Team 2:3 zurücklag. Spiel 5 ist – wenn nicht schon die Entscheidung – der Wendepunkt der engen Serien.
Dass dieses Spiel beim Favoriten ausgetragen wird, ist ein absolutes Muss. Die San Antonio Spurs wird es freuen. Sie sind in der komfortablen Ausgangsposition, dass sie selbst bei einer Niederlage in Spiel 4 wieder auf ihr Heimrecht setzen können – oder bereits in Spiel 5 die Entscheidung herbeiführen können. Denn ein Anrecht auf dieses fünfte Heimspiel als Favorit haben sie.

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