Dallas Mavericks, Gedanken, Miami Heat

NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 5

Wow, dieses Dallas Mavericks-Team ist verdammt, verdammt groß. Aus dem Serienstand 1-2 und der Tatsache, dass Spiel 2 eigentlich schon so gut wie sicher bei den Heat war, wird erst ein hart umkämpfendes 2-2 und im Anschluss heute Nacht die Führung. Das schmierige Klatschblatt vonner Raststätten-Tanke würde schreiben „Mavericks entzaubern Heat“ oder „Dallas zelebriert ein Amuse-Gueule des Basketball“. Und es war in der Tat ein unheimlich sehenswertes und intensives Basketball-Spiel, das vorallem offensiv wirklich einem offenem Schlagabtausch glich. Dallas führte eigentlich die komplette erste Halbzeit, geriet dann durch den zweiten Chalmers-Mittellinien-Dreier zum Viertelende mit einem Punkt in Rückstand. Ab Viertel 2 dasselbe Spiel: Dallas geht in Führung, zieht zwischenzeitlich davon, verspielt dann aber vier Minuten vor Spielende den Vorsprung. Infolgedessen scheint Miami das Spiel umgedreht zu haben, führt mit vier Punkten – und vergeigt es auf schlimmste Art und Weise in der Crunchtime. Möglicherweise ein neck breaking-Game und eine Vorentscheidung? In jedem Falle will ich nicht in der Haut der Protagonisten stecken, wenn die Serie in solch’ eine Phase geht. Extremsituation bis aufs äußerste und – gerade im Falle eines siebten Spiels – für den Verlierer, ungeachtet wer dies wäre, eine extrem bittere Pille, die es zu schlucken gilt. Diese Serie hat keinen Verlierer verdient und auch kein jähes Ende. Kommentiert von Jan Karon:

• Dirk Nowitzki outscorte LeBron James in dieser Serie 44-9 in vierten Vierteln. Auch heute vielleicht kein schlechtes letztes Viertel, aber eine unsägliche Crunchtime von James, und auch von Wade. Als Dallas in den letzten drei Minuten des Spiels das Level anzog, kam Miami nicht mit. James mit – man kann es nicht anders sagen – viel Choking in der Crunchtime; Wade ebenso mit schlechter Wurfauswahl. Ich war lange Zeit des Spiels kurz davor zu sagen, dass mir Wade und LeBron sehr gut gefallen haben. Wade, weil er trotz sichtlich schmerzender Hüftverletzung zurückkam – Spoelstra bestätigte auf der Pressekonferenz, dass er nicht damit gerechnet hatte – und in der Offensive auch Verantwortung trug (der Dreier zu Miamis Vier-Punkte-Vorsprung) und LeBron, weil er lange Zeit des Spiels eine Balance aus Allround-Spiel und Scoring fand. In der Crunchtime war dies dennoch, neben der katastrophalen Teamdefense, der Genickbrecher. James beispielsweise mit zwei Punkten, 1-4 FG im letzten Viertel. Da sind seine Playmaking-Fähigkeiten schön und gut, aber ein schwacher Trost.
Ich begrüße den Schritt der drei Superfreunde bei der Pressekonferenz komplett aufzutauchen, aber für die Spiele in Miami ist ein dermaßen schlechtes Closing entschieden abzustellen.

• Erneut ein starker Teameffort Dallas’. Dirk als solides Fundament und gewiss wichtigste Stütze, aber Barea und Terry mit der Form aus der Lakers-Serie und Chandler mit dem Anknüpfen an sein letztes Spiel. Auch Kidd mit seiner stärksten Performance in dieser Serie. Dallas’ Offense, basierend auf viel Bewegung und Ballmovement, welche eine Vielzahl von Würfen hochprozentig traf, stellte Miami vor ernsthafte Probleme. Auch der Fastbreak war trotz Dallas’ vermeintlicher Altersschwäche eine Waffe der Mavericks. Im ersten Viertel wurden neun der ersten 13 Punkten im Schnellangriff erzielt. Miami verlor in den ersten 5.30 Minuten vier Mal den Ball. Daraus resultierten acht Punkte. Die Pace des Spiels war heute vom Gefühl her auffällig hoch.

• Nachdem die Serie bisher von eher niedrigem Spieltempo und viel Defense geprägt worden war (in diesem Falle sprechen die die 88 Punkte pro Partie eine unverkennbare Sprache), war Spiel 5 das erste Spiel mit wirklich lausiger Defense. Dallas Shooting war heute zweifellos hervorragend, aber Halbzeit-Werte von 130.4 Efficiency, 72 (!) eFG%, 65% FG, 71,4% 3FG und null OREB%, weil sie einfach alle Schüsse trafen, sind unzulässig für ein solch’ wichtiges NBA-Spiel. Verrückt. Das erste Mal in dieser Final-Serie, dass es einem Team gelang, in einem Viertel 30 Punkte zu erzielen. Heute wurde wie gesagt Offensivbasketball auf sehr hohem Niveau gespielt; die Defense war trotzdem auf beiden Seiten nicht so stark, wie in den ersten beiden Spielen. Miami hat dieses Spiel am defensiven Ende verloren.

• Haywoods Ausfall, für viele Mavericks wieder ein potentielles Horrorszenario, wurde heute stark von Ian Mahinmi und Brian Cardinal kompensiert, die beide einige wirklich gelungene Plays in dem bisschen Spielzeit, das ihnen zustand, zu Stande bringen konnten.

• Das erste Mal, dass sich der Einfluss der Bankspieler beider Mannschaften völlig antagonistisch zur Prognose von vor der Serie verhielt. Was ich damit meine: Nach den Western Conference-Finals wurde der Benchmob und deren Unberechenbarkeit (Dennis Spillmann: Carlisles Rotations-Cleverness) als große Stärke Dallas’ stililisiert, war er heute nichts desto trotz (trotz soliden Aufspiels Mahinmis, Stevensons sowie Cardinals und exzellentem Terrys) für die Runs der Heat verantwortlich, während die Starting Five Dallas’ (im Durchschnitt: +11) Miamis (im Durchschnitt -9) auseinandernahm. Das mag nicht unbedingt etwas über die Leistung der Bankspieler/Starter aussagen, ist aber bemerkenswert, weil in den Zeitpunkten, in denen Dallas’ Bank spielte, die Heat punkten konnten.

• Ich bin derzeit wahrlich Verfechter der These: Dallas in sechs oder Heat in sieben. Dieses sechste Spiel wird in mentalem Hinblick verdammt wichtig.

• Jason Terry ist die große Geschichte des heutigen Abends. Ein Reporter auf der Pressekonferenz offenbarte eine Statistik, die besagt, dass die Mavericks in dieser Postseason ungeschlagen sind, wenn Terry mehr als acht Punkten im vierten Viertel erzielt. Auch heute wieder war er ein entscheidender Faktor in der Schlussphase. Der Pass zu Kidd, der in dessen Dreier mündete, aber auch der „Dagger“-Dreier gegen LeBron James. Auch interessant erscheint das Verhältnis zwischen Nowitzki und Terry. Dirk mäßigte diesen bereits vermehrt, nachdem sich Terry übermäßig über Plays freute oder in wichtigen Momenten sich zuviel zutraute. Auf der Pressekonferenz sagte Nowitzki, Terry würde es lieben, auf dem Feld zu reden, und darüber hinaus auch, sich reden zu hören. Gab aber im gleichen Satz zu, dass seine heutige Leistung phänomenal war und Dallas Terry brauche. Man merkt, dass hier trotz zweier völlig verschiedener Spielermentalitäten Achtung voreinander herrscht.

• Nicht dass ich es jinxen möchte, aber die Finals letztes Jahr in ihrem 2-3-2-Modus liefen bisher exakt genauso wie sie dieses Jahr laufen. Aus Sicht der Lakers – übrigens auch mit Home Court Advantage – 1-1, 2-1, 2-3 und schlussendlich 4-3. Sofern Miami das sechste Spiel gewinnt, kommt – wie bereits angedeutet – ein ganz neuer, zusätzlicher Faktor ins Spiel: das Nervenkostüm. LeBron und Dirk als Spieler, die nach dem Ring lechzen. Das Vereinigen der drei Superlative gegen den wohl letzten Versuch der alternden Mavericks mit Teambasketball nach den Sternen zu greifen. Wer wird hier mehr Kaltschnäuzigkeit an den Tag legen können?

Die Mavericks sind verdammt nah dran am Titel, die Heat hingegen gefordert und mit dem Rücken zur Wand stehend, trotz einem/zweier verbleibenden Heimspiele. Das ist eine der spannendsten und großartigsten Serien der letzten zehn Jahren. Sie hat wirklich kein Ende verdient. Und ich bin froh, Teil von ihr zu sein.

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