Miami Heat

Ohne Dragic, ohne Chance?

Die Miami Heat sind DIE positive Überraschung dieser Playoffs und stehen derzeit als erster fifth Seed der Geschichte in den NBA Finals. Faktoren für diese positive Entwicklung der Heat im Vergleich zur Regular Season gibt es viele: Bam Adebayos Steigerung nach der ohnehin schon starken Regular Season, die taktische Brillanz von Coach Spoelstra, das hohe Fitnesslevel des Teams auch nach einer langen Pause und vieles mehr. Ein Spieler sticht unter all diesen positiven Geschichten jedoch besonders hervor. Goran Dragic, in der Regular Season noch von der Bank gekommen, ist zurück auf dem Allstar-Niveau vergangener Tage und verschafft den Heat einen Boost in der Bubble. In der vergangenen Offseason wurde der „Dragon“ noch beinahe als Salary Dump zu den Dallas Mavericks gesendet und jetzt ist er die beste dritte Option der Liga und an den meisten Tagen sogar viel mehr als das für die Heat. Doch nun droht der Slowene für den Rest der Serie mit einer Verletzung auszufallen. Wie wichtig ist er für die Heat? Welche Rolle spielt er in ihrer Offense? Und was bedeutet sein Ausfall für die Serie gegen die Lakers?

Der Drache ist erwacht

Dragic scheint sich körperlich nach der langen Pause und dem Schonen während der Regular Season in bester Verfassung zu befinden. Er zeigt spürbar mehr Burst und Schnelligkeit als vor einigen Monaten und bringt so den Heat ein Element, das ihnen ansonsten fehlt. Wenig überraschend wurde Dragic vom ersten Moment an in der Bubble in die Starting Lineup befördert und spielt deutlich mehr Minuten als zuvor in der Regular Season. Er ist nicht nur der Top Scorer der Heat in diesen Playoffs, sondern weist darüber hinaus mit 27.8% die höchste Usage aller Spieler Miamis auf.

Eingesetzt wird er insbesondere als Ballhandler im Pick&Roll (55.9% seiner Possessions in diesen Playoffs inklusive Pässen), vor allem in Kombination mit Big Bam Adebayo. Mit Bams Fähigkeiten als Screener und Dragics Antritt ist die eingespielte Kombination der beiden mit nur zwei Verteidigern fast nicht zu verteidigen. Spielen die Gegner eine aggressive Verteidigung, findet Dragic Bam für den einfachen Lob oder ermöglicht diesem, im Vier-gegen-Drei seine Passqualitäten einzusetzen. Nach Pässen von Dragic zu einem Big im Pick&Roll erzielen die Heat so starke 1.333 Punkte pro Possession.

Spielen die Gegner hingegen eher eine konventionelle Verteidigung, bekommt Dragic eine leichte Penetration in die Zone und kann entweder selbst abschließen oder findet seine so frei gewordenen Mitspieler am Perimeter. Dragic verfügt dabei über weites Arsenal an Abschlüssen, mit denen er scoren kann. Ihn zeichnet nicht nur eine unfassbare Kreativität und Touch beim Layup (1.278 ppp beim Abschluss am Ring; 69. Percentile) aus, er kann auch dank seines guten Ballhandlings auf der Stelle stoppen und zum Jumper aus der Midrange oder dem Floater ansetzen.

Versuchen Gegner das Pick&Roll zwischen Dragic und Bam zu switchen, entsteht nicht nur ein Missmatch, sondern gleich zwei, die von den Spielern der Heat gekonnt ausgenutzt werden können. Sowohl Bam gegen einen kleineren Spieler im Post oder Dragic gegen den Big des Gegners sind keine angenehme Wahl für das gegnerische Team. So war es auch vor allem Dragic, der die Switching Defense der Celtics in den Conference Finals bestrafen konnte, indem er aggressiv gegen Switches zum Korb zog und so die initiale Penetration in die Zone erzeugen konnte, auf der so viel von Miamis Motion-Offense basiert.

Wie alle Spieler der Heat ist er zudem extrem aktiv off-ball und cuttet viel zum Korb oder kommt um Screens in der sehr Player-Movement basierten Offense Miamis. Mit seiner Bedrohung hält er die gegnerische Defense stets auf Trapp und wirft auch immer wieder aus Hand offs mit Bam oder Spot ups, wenn Butler oder Herro den initialen Drive durchführen. Insbesondere aus dem Catch & Shoot weiß Dragic effizient zu scoren (1.317ppp, 77. Percentile). Pull-up-Versuche streut der Slowene zwar gelegentlich in sein Spiel ein, ist dabei aber nur unterdurchschnittlich effizient und sucht viel lieber den Abschluss am Korb.

Außerdem trägt Dragic entscheidend zur Transition-Offense seines Teams bei. Gelangen die Heat in Ballbesitz, pusht er enorm das Tempo und kann so oftmals gegen eine noch nicht geordnete Defense attackieren oder Bam für den einfachen Abschluss finden. Mit Dragic auf dem Feld fügen die Heat ihrer Offense daher 2.4 Punkte pro 100 Possessions mehr durch Transition hinzu als ohne ihn.

Dieser Aspekt ist umso wichtiger für den 34-Jährigen, da sich gegnerische Teams zuletzt im Halbfeld mehr auf ihn und seine Drive eingestellt und darauf konzentriert haben, seine Kreise einzudämmen. Das eröffnet jedoch auch mehr Räume für die anderen Creator Miamis.

Das vierköpfige Monster der Heat

Dieses Prinzip, dass immer andere Creator zur Verfügung stehen, ist es, das die Heat Offense in diesen Playoffs so stark macht. Kein anderes Team, das es mindestens in die zweite Runde der Playoffs geschafft hat, verfügt über vier Spieler mit einer Usage von über 20%. Miami hat in Dragic, Jimmy Butler, Bam und Tyler Herro nicht nur vier solcher Spieler, sie closen teilweise sogar alle gemeinsam die Spiele der Heat. Mit vier Spielern, die alle off the dribble für sich selbst oder andere kreieren können, stellen sie ihre Gegner vor besondere Herausforderungen. Die Krönung der Leistungen des Quartetts fand schließlich in Spiel vier der Conference Finals gegen die Boston Celtics statt, als sie gemeinsam 103 der 112 Punkte ihres Teams erzielten und jeder der Spieler mindestens 20 Punkte für sich im Boxscore verbuchen konnte.

In einer Liga, in der zunehmend mehr Teams auf einen heliozentrischen Ansatz um einen Creator mit extrem hoher Usage bauen, bilden die Heat so einen interessanten Gegensatz zum Trend der NBA. Miami gleicht den Mangel an einem Top10-Spieler der Liga aus, indem sie die Last der Shot Creation auf vier verschiedene Spieler aufteilen. So wird sichergestellt, dass immer mindestens zwei der Creator auf dem Feld stehen und die Offense ist weniger abhängig von den willkürlichen Leistungsschwankungen eines einzelnen Spielers. Da die vier gemeinsam beinahe die gesamt Creation-Aufgaben ihres Teams übernehmen, können sie trotzdem noch eindimensionale Rollenspieler als Ergänzung zu diesem Kern aufbieten, ohne dass daraus Probleme auftreten.

Effektivität der Heat Spieler und des Teams gesamt bei selbst kreierten Würfen (in Klammer Anzahl der Possessions); Quelle: Synergy

Die Folge daraus ist, dass sich die gegnerische Defense nie auf einen Spieler konzentrieren kann, sondern stattdessen durch die konstante Bewegung der vier Spieler beständig in nachteilige Situationen gerät. Außerdem wird es so für die gegnerischen Teams der Heat um ein Vielfaches schwieriger, defensive Schwachstellen zu verstecken. Dieser Nachteil kam insbesondere in den Conference Finals gegen die Celtics zum Tragen, als die Heat verstärkt Kemba Walker als Schwachstelle der Defense attackierten und in mehr als nur einmal in Foul-Trouble brachten. So konnten die Heat nicht nur einfache Punkte an der Freiwurflinie erzielen, sondern sie zwangen Boston auch zu defensiven Adjustments, die die Offense der Celtics ins Schwanken brachten.

In manchen Spielen kommt das Fehlen eines echten Star-Creators auf Seiten der Heat jedoch trotzdem zu Tragen. Insbesondere wenn gegnerische Teams über keine Schwachstellen verfügen, die von den vier Creatorn erfolgreich attackiert werden können, kommt die Offense teilweise ins Stocken. Sie verfügt zwar nach wie vor über viel Spieler- und Ball-Movement, aber daraus entstehen keine Vorteile für die Angreifer. Ein primärer Ballhandler vom Schlag eines LeBron, Kawhi oder Luka Doncic kann in solchen Situationen dann in der Isolation jederzeit vernünftige Locks kreieren. Von den Spielern der Heat hat jedoch niemand dieses Niveau und sie sind stattdessen sehr abhängig vom Pick&Roll. Insbesondere in den Finals gegen das defensive Bollwerk der Lakers wird das nun zum Problem.

Ohne Chance in den Finals?

Nach dem Blowout in Spiel 1 der Finals stellt sich die Frage, ob und wie die Heat diese Serie drehen können. Ohne Goran Dragic, der in Spiel 1 verletzt vom Feld musste und eventuell für die gesamte Serie nicht zur Verfügung steht, wirkt der Kampf Miamis beinahe aussichtslos. Mit seinen oben beschriebenen Fähigkeiten ist Dragic der eine Spieler, der die Guard-Defense der Lakers wirklich vor Herausforderungen stellen kann. Im ersten Spiel war Dragic in seinen 18 Minuten vor der Verletzung zwar relativ unauffällig, aber die Heat konnte in seinen Minuten trotzdem das Ergebnis ausgeglichen gestalten in einem Spiel, in dem sie im kompetitiven Teil  bis zu 35 Punkte zurück waren. Dies zeigt, wie dringend Miami Dragic braucht, wenn sie die Serie gegen den großen Favoriten aus LA ausgeglichen gestalten wollen. Für den neutralen Basketball-Fan bleibt nur zu hoffen, dass der Slowene bald auf das Feld zurückkehren kann und so doch noch Spannung in den Finals aufkommt.

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