Dallas Mavericks, Gedanken, Miami Heat

NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 6

Finally, we have a champ. Die Dallas Mavericks, Dirk Nowitzki und somit Basketballdeutschland sind auf dem Basketball-Olymp angelangt. Im sechsten Spiel der diesjährigen Auflage der NBA-Finals konnten die Dallas Mavericks die Miami Heat 105-95 besiegen. Jason Kidd, Dirk Nowitzki und Peja Stojakovic machten sich damit unsterblich. Jason Terry, DeShawn Stevenson, Juan José Barea und Tyson Chandler wahrscheinlich ebenso. Dabei gewinnt Dallas enorm komfortabel und zeigt sich als über die Finalsserie gesehen besseres Mannschaft. Kommentiert von Jan Karon:

• Die Brisanz vor dem Spiel war extrem hoch: Nach Spiel 5 wurde ein Video publik, in dem sich LeBron James und Dwyane Wade über Dirk Nowitzki und dessen Krankheit lustig machten. James’ Auftreten in der gesamten Serie war extrem enttäuschend. Seine bisherige Bilanz von 2-5 in Elimination Games erschien schlecht, wies aber auch Durchschnittswerte von 31 PpG, 10 RpG und 7.5 ApG auf. Dabei glich das Spiel einem Spagatversuch auf Messers Schneide: Für Wade und James bei den Heat steht denr Versagerstempel auf dem Spiel, bei Nowitzki die Gefahr, im Falle eines siebten Spiels erneut so knapp davor zu scheitern, und entgültig die letzte Chance für einen Titelgewinn nicht genutzt zu haben. Shawn Marion äußerte sich bezüglich des weiteren Verlaufs der Finalsserie, er habe nach Miami nur zwei Paar Socken mitgenommen – und er habe nicht vor, länger als ein Spiel zu bleiben. Hier war Feuer drin.

• Die Heat mit einem entscheidenden Adjustment, das schon länger überfällig war: Bibby flog aus der Rotation, Chalmers startete und House übernahm die Aufgabe des Back-Up Point Guards, wobei stets LeBron, Chalmers oder Wade den Spielaufbau übernahmen, als House mit auf dem Feld stand. Warum diese Veränderung überfällig war? Chalmers und House lieferten heute sechs Punkte mehr als Bibby in der ganzen Serie. Jener konnte nicht überzeugen und wurde auf Dauer zu einem Non-Factor im Schatten von Mario Chalmers. Wade hingegen war das erste Mal derjenige, der den Heat-Huddle lenkte, nachdem dies in der vorigen Spielen James’ Aufgabe war. Die Heat hatten sich was vorgenommen.

• Die erste Halbzeit glich absolut einer Sinuskurve. LeBron James begann wie vermutet aggressiv, traf seine ersten vier Würfe und konnte zu Anfang des Spiels wichtige Akzente setzen. Dallas wechselte im Anschluss auf Zonenverteidigung und startete einen 17-2 Run. Bemerkenswert: Nowitzki mit frühen Foulproblemen und ohne Shooting Touch in der ersten Halbzeit. Während des Runs saß er auf der Bank. Miami wurde von Jason Terry (19 Punkte in der ersten Halbzeit), Ian Mahinmi, Brian Cardinal und DeShawn Stevenson zerstört. 23 Bankpunkte und zwischenzeitlich eine Line-Up von Kidd – Terry – Stevenson – Cardinal – Mahinmi waren der Erfolg für Dallas, so absurd das auch erscheint. In der Zeit, in der Dallas die von Assistent Dwyane Casey installierte Zonenverteidigung spielte, blieb Miami bei zwei Punkten in der Zone, vier Freiwürfen und sechs Ballverlusten.

• Im Anschluss ein 14-0-Run von Miami, angeführt von Wade, der Würfe kreierte, die Chalmers, Haslem und House verwerten konnten. Zum Ende dieses Runs kam es dabei zu Rudelbildung, nachdem DeShawn Stevenson und Udonis Haslem aneinandergerieten und Chandler sowie Chalmers auch mitinvolviert wurden. Drei technische Fouls und der reale Fingerzeig auf die Bedeutung dieses Spiels.

• Ein Grund, weshalb die Heat verloren haben, ist – so bitter das klingen mag – die Verwertung der Freiwürfe. Was so selbstverständlich und leicht klingt, war ein großes Problem. Die Freiwürfe, die Miami bekam und auch oft gut erspielte, wurden miserabel genutzt: 20-33 sind 13 Fehlwürfe von der Wohltätigkeitslinie. Dreizehn Punkte, die fehlen und 20% schlechter als beispielsweise die 21-26 von Spiel 5.

• Die Finalsserie ist gewissermaßen ein Versagen und Scheitern von LeBron James. Sein gesamtes Spiel und das seines Teams war heute auch schlichtweg weit weg von Meisterlichkeit. Es ist im Endeffekt auch der Sieg von Teambasketball und Roundscoring über die individuelle Klasse und die Leistungsfähigkeit der drei Zugpferde. Unsportliches Verhalten, Underperformance, Versagen in der Crunchtime, eine ersichtliche mentale Dauerblockade. Man weiß nicht, ob man ihn kritisieren, bemitleiden, auslachen oder an ihm verzweifeln soll. Die Leidensliste des Königs liest sich jedoch lang. Die Serie hat wahrhaftig gezeigt, dass es James auf das höchste Treppchen, das von Pippen ins Gespräch gebracht wurde (Hassan Mohamed kommentierte), entfernt bleibt. Und das auf Dauer. Der Verbund zu einer Superallianz mit Wade und Bosh, eine handvoll Tralala um die persönlichen Fehden der drei Superfreunde im Kontrast zu den nackten Zahlen der 4th quarter-Leistungen von James. Dann der Vergleich zu Nowitzki. Zu Wade. Man wird sich lange fragen warum, aber diese Finals waren alles, nur nicht die Endspiele von LeBron James. Weshalb er dabei so psychisch gefesselt wirkte, ist dabei die Frage, die sich die Fans lange stellen werden.

• Interessant die Sequenz, als Dallas und Miami small gingen – und mit James/Haslem beziehungsweise Marion/Nowitzki im Frontcourt spielten. Dallas kam damit offenkundig besser zurecht. Die Bank, namentlich Jason Terry, machte aus 15 Würfen 31 Punkte zur Halbzeit. Brian Cardinal war +16 in Elimination Games (What the fuck…?) und Bareas Penetrationen stellten Chalmers und das Defensivsystem der Mavs vor Schwierigkeiten. Das Konzept für Dallas Offensiverfolg ist nicht schwer: viel Spacing, Uneigensinnigkeit, Kreieren von Nowitzki und Terry und nötiges Ballsharing bei den vielen möglichen Offensivwaffen, die die Mavericks im Roster haben.

• Ein für Basketball-Deutschland wichtiger Sieg. In letzter Zeit vermehrten sich die öffentlichen Berichte bis hin zu Zeit, Spiegel oder ZDF. So sehr die Berichterstattung der Finals in Deutschland mit entscheidender Beteiligung eines wirklich großen deutschen Sportlers anprangerswert ist, so sehr war es heute schön, dass mit Sport1+, NBA International League Pass, Sport1 online und zattoo vier wirklich passable Übertragungen möglich gemacht wurden. Dazu morgen Feiertag und in zahlreichen Städten Public Viewing, sodass am heutigen Montagmorgen wohl so viele Basketballfans in Deutschland versammelt waren, wie bisher noch nie in der deutscher Geschichte..

Dirk Nowitzki mit dem natürlich verdienten MVP-Award. Trotz der starken Performances von Terry und Marion war Dirk der unangefochtene Leader, der mehr als eain Mal über sich hinauswuchs und sich mit dem Gewinn dieses Titels absolut unsterblich macht. Interessant auch seine Reaktion unmittelbar nach Spielende: Er flüchtet erstmal in die Kabine und will den lang ersehnten Moment alleine genießen. Danach ist er sichtlich sentimental uned glücklich. Kaum ein Sportler hat es so sehr verdient wie Dirk Nowitzki, der zwar heute nicht seinen besten Tag hatte, aber die komplette Postseason über betrachtet, ein grandioses Saisonfinish spielte.

• Allgemein sind die Mavs ein Team, in dem man vielen Spielern den Titel gönnt: Tyson Chandler, Peja Stojakovic, Jason Kidd (!), selbst Mahinmi, Barea und Cardinal sei es nicht vergönnt. Ein unfassbarer Akt eines wirklichen Kollektivs, das vor dem Beginn der Playoffs kaum einer für den Titelgewinn auf dem Zettel hatte. Und es bestätigte sich wieder: Ein Teameffort und Support für Nowitzki sind Dallas Erfolgsgarantie.

Jetzt feiern wir also, Nowitzki hat seinen Karrierenmeilenstein, James wird mehr denn je kritisch beäugt werden und stark zurückkommen müssen, Spoelstra wird wieder mit Kritik konfrontiert werden und die Mavs haben es geschafft, die wahrscheinlich letzte Chance auf den Titel zu nutzen. Denn – und da leg’ ich mich bereits jetzt schon fest – man wird es nicht schaffen, nochmals einen solchen Run durch die Playoffs hinzulegen. Das war geschriebene Geschichte und eine Cinderella-Story, würde als Drehbuchvorlage für einen Film taugen. Jetzt ist Sommerloch. Basketball-Deutschland hat nach den Sternen gegriffen. Wir versöhnen uns mit diesem in letzter Zeit so verfluchten Schlafrhythmus und gratulieren den gesamten Dallas Mavericks und ihren Anhängern zum Gewinn der NBA-Meisterschaft. Wir ziehen den Hut.

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