Alltimers, Philadelphia 76ers

Die indirekte Bedeutung von Fouls und Freiwürfen

Warum das Ziehen von Fouls so wichtig sein kann
Screenshot: NBA League Pass

Im Anschluss an das letzte Preseason-Spiel der Miami Heat und der Philadelphia 76ers amüsierte eine Twitter-Diskussion zwischen Joel Embiid und Hassan Whiteside die soziale NBA-Medienwelt .

Ungeachtet der Tatsache, dass die beiden die gegenseitigen Scharmützel eher lustig gemeint haben, stechen vor allem zwei Aussagen Embiids heraus. Einerseits verweist Embiid auf eine Kritik, die Whiteside schon früh öfter lesen/hören musste: Er kümmere sich mehr um persönliche Stats als um den Team-Erfolg. Gerade in seinem ersten Jahr bei den Heat musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, zu sehr auf Blocks und Rebounds abzuzielen und dabei dem Team eigentlich defensiv zu schaden. Andererseits konnte Whiteside aufgrund früher Foul-Problematik kaum auf dem Parkett bleiben in der ersten Halbzeit. Dies hängt in gewisser Weise mit dem ersten Punkt zusammen, da Whitesides Abwesenheit seinem Team schadet.

Wohnort: Freiwurflinie

Bereits in früheren Artikeln wurde sich der Wichtigkeit von Freiwürfen gewidmet. Diese beiden Analysen beschäftigen sich aber eher mit dem direkten Wert von Freiwürfen. Freiwürfe sind, verkürzt gesagt, die effizientesten Würfe, die ein Spieler nehmen kann. Spieler, die häufig an die Freiwurflinie kommen und dort treffen, sind oft auch Effizienz-Monster. Es ist einer der wichtigsten Skills im Arsenal einer Offensivoption.

Freiwürfe zu werfen ist untrennbar mit dem Ziehen von Fouls verbunden. Dieser Artikel soll sich nun auf all jene indirekten Folgen des Ziehens von Fouls konzentrieren, die nicht unmittelbar aus dem Foul selbst resultieren. Als Anschauungsmaterial hierfür dient das erste Viertel eben jenes in der Einleitung genannten Spiels aus der Preseason.

Embiid, der im Zentrum des „Tweefs“ und dieser Analyse steht, ist sich selbst der Wichtigkeit der Freiwürfe bewusst. Als Rookie wurde seine Free Throw Rate von 56,9 % nur von Superstar James Harden übertroffen. Trotz massiver Turnover-Zahlen (5,4 pro 36 min) konnte er sein Offensivrating stabilisieren (103). Nachdem er im seinem ersten Preseason-Spiel gegen die Brookyln Nets in knapp 15 min Spielzeit sage und schreibe 18 Freiwürfe nahm, äußerte er im Interview gegenüber einem Beat Writer, dass er während der Saison „an der Foul-Linie leben“ werde.

Effekt 1: Foul-Grenze erreichen

Im ersten Viertel erreichten die Sixers nach nur vier Minuten Spielzeit die Foulgrenze. Alle fünf Fouls wurden von Embiid gezogen. Daraus folgte, dass die Sixers fast acht Minuten lang für jedes weitere Foul an die Linie gehen konnten.  Dies gelang in der Folge auch, da man im ersten Viertel vier Freiwurfversuche aus Non-Shooting-Fouls erhielt (auch wenn man dies eigentlich sogar noch besser ausnutzen sollte; Embiid war aufgrund seiner Minutenrestriktion aber selbst nicht auf dem Feld). Dies ist generell ein probates Mittel des angreifenden Teams. Erreicht das gegnerische Team schnell die Foulgrenze, sollten aggressive Plays wie Drives oder Isolations vermehrt gesucht werden. Da man schon für einfache Fouls Freiwürfe zugesprochen bekommt, muss die Defensive tendenziell konservativer verteidigen. Denn auch defensiv gilt: Freiwürfe sind jene Würfe, die man der Offensive nicht geben möchte.

Beispielhaft dienen diese Szenen, in denen Sixers-Spieler nach einfachen Foul-Calls an die Linie gehen konnten.

Hier ist es besonders ärgerlich für die Heat, da es für dieses harmlose non-shooting-Foul zwei Freiwürfe für Okafor gab.

Timothe Luwawu-Cabarrot kann hier einen Closeout attackieren, bewegt sich aber in einem ungünstigen Winkel zum Korb. Er forciert das non-shooting-Foul für weitere Freiwürfe.

Effekt 2: Rim Protector eliminieren

Whiteside musste, wie von Embiid richtigerweise festgestellt wurde, bereits nach zwei Minuten das Feld verlassen, da Embiid gegen ihn bereits drei Fouls gezogen hatte. Whiteside, der mittlerweile als einer der besseren Ringbeschützer gilt, fehlte den Heat nun als integraler Bestandteil der Defensive. Seine Anwesenheit diktiert die Pick’n’Roll-Coverage, und er ist der Aufgabe gewachsen, Embiid einigermaßen im 1-gegen-1 zu verteidigen.

Aufgrund der frühen Fouls änderte sich das Defensivverhalten der Heat.

Ohne Whiteside übernahm James Johnson zunächst die Defense von Embiid. Während die Heat vorher versucht hatten, den Sixers-Center nur mit einem Defender zu verteidigen, müssen sie ohne ihren Ringbeschützer dazu übergehen zu doppeln. Kelly Olynyk, der eigentlich für Covington verantwortlich war, sinkt hier ab, um einen Pass auf Embiid zu verhindern. Simmons spielt den schnellen Pass auf Covington, der den offenen Dreier versenkt. Die Abwesenheit Whitesides führt hier also zu einem der Würfe, die Defensiven eigentlich unter gar keinen Umständen ermöglichen wollen: offene Catch-and-Shoot-Dreier.

Der folgende Ballbesitz zeigt ein ähnliches Resultat, doch dieses Mal reagiert die Defense nicht auf die Gefahr von Embiid, sondern auf den Drive von Simmons. Der Sixers-Playmaker geht in die Isolation gegen Justise Winslow, während Covington sich hinter der Dreierlinie der Strong Side positioniert. Dessen Verteidiger, Jordan Mickey, entscheidet sich spät doch dafür, gegen den Drive von Simmons auszuhelfen und rotiert so von Covington weg. Simmons ändert im Sprung seine Entscheidung und passt auf den freien Covington für einen Dreier. Das ursprüngliche Problem ist, neben der fragwürdigen Entscheidung Mickeys, dass Whiteside fehlt. Sein “Ersatz” auf der 5 ist immer noch James Johnson, der aber als Help Defender ziemlich nutzlos ist. Er konzentriert sich zu sehr auf seinen Gegenspieler Okafor und hat dem Ball sogar den Rücken zugedreht. Es ist zu vermuten, dass Mickey mit Whiteside als defensive Absicherung seinen Gegenspieler nicht verlässt.

Was passiert, wenn die Heat doch versuchen, Embiid nicht zu doppeln? Olynyk hat gegen den 7-2-Riesen keine Chance.

Darüber hinaus fehlt Whiteside nicht nur als Pick’n’Roll- und Help-Defender, sondern er ist auch einer der wichtigsten Impact-Spieler der Heat. Das Team wird alleine dadurch schwächer, dass der Center nicht auf der Platte steht. Es war bezeichnend, dass die Sixers nach seiner Auswechslung mehrmals das offensive Brett attackieren konnten. Im folgenden Video erkennt man, wie Covington einen Abpraller zu Redick hinter die Dreierlinie tippen kann, der ihn verwandelt. Ohne Whiteside fehlt die Reboundpräsenz.

Fazit

Joel Embiid ist, die Gesundheit mal außen vor gelassen, ein fantastischer Basketballer, der sich als Rookie vor allem defensiv profilieren konnte. Offensiv hat er hingegen noch einiges zu lernen. Sein Go-to-Skill wird aber das Ziehen von Fouls und Freiwürfen sein. Insbesondere sein “Rip Trough Move” ist höchst zuverlässig. Die vorangehende Analyse zeigt aber, dass das Ziehen von Fouls noch weitere, indirekte Auswirkungen auf den Verlauf eines Spiels hat, die quasi eine Art Bonus darstellen. Vor allem offene Dreier oder Drives zum Korb sind Resultate aus der Foulbelastung, die man einem Rim Protector anhängen kann. In den Zeiten von Small Ball könnte ein Two-Way-Big die Matchups wieder in eine andere Richtung diktieren. Dies gilt umso mehr, wenn Embiid seine direkten Gegenspieler und Verteidiger durch viele Fouls zum Zuschauen zwingt.

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3 comments

  1. Coach K

    Guter Bericht, der im allgemeinen das alles anspricht was die Auswirkungen sind für das Spiel.
    Dies wird meistens aber außen vorgelassen.

  2. Poohdini

    |Author

    Dir sei gedankt. Ist auch deshalb ein wenig kürzer, weil ja schon öfter über das Thema geschrieben wurde. Hab es ja im Text verlinkt.

  3. Coach K

    Dir sei gedankt. Ist auch deshalb ein wenig kürzer, weil ja schon öfter über das Thema geschrieben wurde. Hab es ja im Text verlinkt.

    Ja ist natürlich auch taktisch bedingt was du dann alles tun kannst wenn du Fouls ziehst.


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