EuroLeague

Fenerbahçe Doğuş – Jahr eins nach dem großen Wurf

Der Euroleague-Champion vor der Saison 2017/18
© David Jones, CC BY 2.0

Wir blicken zurück auf den 21. Mai 2017: Endlich ist es geschafft. Fenerbahçe Istanbul sichert sich mit einem 80:64-Sieg über Olympiakos Piräus nach drei Final-Four-Teilnahmen in Folge zum ersten Mal den größten Titel im europäischen Vereinsbasketball. Nikola Kalinic und Topstar Bogdan Bogdanovic waren mit jeweils 17 Zählern die besten Punktesammler aufseiten der Kanarienvögel.

Blickt man sowohl auf den Saisonstart als auch auf die Saisonmitte, dann ist zu erkennen, dass bei Fenerbahçe mal wieder der Motor stotterte. Das ist nicht unüblich, da Headcoach Zeljko Obradovic viel experimentiert, um in der Endphase, wenn es um die Wurst geht, variabel und vor allem unberechenbar zu sein. In diesen Phasen schickt er verschiedenste Lineups aufs Feld. Es gab Three-Guard-Lineups mit Bobby Dixon, Kostas Sloukas und Bogdan Bogdanovic. In anderen Lineups musste Small Forward Nikola Kalinic den Center mimen. In der türkischen Liga ließ er im zweiten Playoff-Viertelfinalspiel bei Tofas Bursa im Schlussviertel Kostas Sloukas mit vier türkischen Spielern durchspielen, einfach nur, weil es viel Kritik an Fenerbahçe gab, dass kein türkischer Spieler eine bedeutende Rolle spielt. Mit dieser Aktion bewies Obradovic das Gegenteil. Es waren teils verrückte Aufstellungen, doch diese zahlten sich aus. Denn Fenerbahçe beendete die Hauptrunde der Euroleague nur auf Platz fünf. Obwohl der Gegner im Viertelfinale die heimstarke Truppe von Panathinaikos Athen war, gewannen die Türken gleich zweimal in Griechenland, siegten auch in Spiel drei und sweepten sich ins Final Four vor eigenem Publikum. Die heimische Meisterschaft gewannen die Blau-gelben ohne Probleme. Seit 30 Spielen (Playoffs mitberechnet) ist die Truppe von Coach Obradovic ungeschlagen.

Offseason

Insgesamt vier Spieler verließen den amtierenden türkischen Meister. Zwei Abgänge schmerzen dabei besonders. Bogdan Bogdanovic, der als Projekt gekommen war, verlässt nach drei Jahren den Verein. Er unterschrieb einen Vertrag über drei Jahre bei den Sacramento Kings, der ihm rund 30 Millionen Dollar einbringen soll. Damit bekam Bogdanovic den bisher teuersten Rookie-Vertrag der NBA-Geschichte.
Ekpe Udoh wechselt ebenfalls in die NBA, doch im Gegensatz zum Serben ist er ein Rückkehrer. Er unterschrieb einen Vertrag, der über zwei Jahre geht und 6,5 Millionen Dollar wert ist. Der dritte im Bunde ist Pero Antic. Der Ex-Hawk verlässt trotz laufenden Vertrages die Istanbuler, um noch einmal eine größere Rolle zu spielen. Antic wird die kommende Spielzeit für Roter Stern Belgrad auf dem Parkett stehen. Zusätzlich wurde der türkische Point Guard Berk Ugurlu, der meist in der Garbage Time zum Zuge kam, an den Ligakonkurrenten Pinar Karsiyaka ausgeliehen.

Da Fenerbahçe bemüht war, den Rest vom Kern zu behalten, wurden gleich mehrere Verträge verlängert. Sehr wichtig für den Verein war es, dass Kostas Sloukas, Nikola Kalinic und Luigi Datome gleich um mehrere Jahre verlängerten. James Nunnally beschloss, seine Vertragsoption für die kommende Saison zu ziehen und dem Team erhalten zu bleiben. Bei diesen Personalien scheint die Verlängerung vom türkischen Nationalspieler Baris Hersek, der oft über die vollen 40 Minuten Banksitzer war, nur eine Randnotiz zu sein.

Fünf Neuzugänge finden sich auf der Habenseite. Mit Marko Guduric, der behutsam zum Star aufgebaut werden soll, unterschrieb ein serbischer Nationalspieler für vier Jahre. Dazu gesellen sich Nicolo Melli (Vertrag bis 2020), Jason Thompson und Brad Wanamaker (beide bis 2018) sowie Sinan Güler (bis 2019 mit Option auf ein weiteres Jahr).

Die wohl beste Aktion der Offseason dürfte der Einstieg der „Dogus Group“ sein. Dogus-Besitzer Ferit Sahenk gilt als glühender Fenerbahçe-Anhänger. Schon vor einigen Jahren versuchte er, Hauptsponsor von Fenerbahçe zu werden, doch damals wurde dieser Wunsch von Präsident Aziz Yildirim abgelehnt, da Ülker zu dieser Zeit der große Geldgeber für die Basketballer war. Zum Ende der Saison 2014/15 wurde die Zusammenarbeit mit Ülker beendet, man spielte die letzten beiden Saisons unter dem Namen „Fenerbahçe Istanbul“. In den kommenden drei Jahren wird die Mannschaft nun „Fenerbahçe Doğuş“ heißen. Dafür dreht Sahenk den Geldhahn auf und investiert für die kommenden drei Jahre insgesamt 45 Millionen Euro, folglich 15 Millionen Euro jährlich. Eine stolze Summe – viele andere Teams können von einem 15-Millionen-Etat nur träumen.

Frontcourt

Keine Frage: Wenn Ekpe Udoh geblieben wäre, wäre einer Dreierrotation aus Nicolo Melli, Jan Vesely und ebengenanntem Udoh ein Traum für Basketballfans. Udoh und Vesely haben sich mit ihrer überragenden Defense, Athletik sowie Passing toll ergänzt. In einigen Partien litt das Spacing darunter, wenn beide gleichzeitig auf dem Court waren und genau diese Schwäche hätte Nicolo Melli kaschiert. Hätte. Denn Udoh ist weg.

Udohs Abgang ist ein Schlag ins Gesicht von Fenerbahçe. Unter Obradovic hat er basketballerisch einen großen Schritt nach vorne gemacht. Mit einem durchschnittlichen Index Rating von 20,7 war er Gesamtdritter in dieser Kategorie. Mit 2,2 Blocks pro Spiel war Udoh der mit Abstand beste Shotblocker der Euroleague, Alex Tyus folgt mit 1,5 auf Platz zwei. Mit durchschnittlich 7,8 Rebounds war er auch in dieser Kategorie die Nummer eins der Königsklasse – Nicolo Melli rangiert mit 7,4 Boards auf dem zweiten Rang. Dazu war Udoh mit 12,1 Punkten pro Partie der zweitbeste Scorer von Fenerbahçe. Dazu glänzte er auch im Passing. Es gab nicht wenige High-Low-Anspiele von ihm zu Jan Vesely.
Udohs größte Stärke kann man an den bereits erwähnten Statistiken jedoch noch gar nicht wirklich herauslesen. Er ist eine Wand. Er war Zweiter im „Defensive Player of the Year“-Voting der Euroleague hinter Adam Hanga – für viele Basketballfans und -experten unverständlich, da er einen immensen Impact auf die Verteidigung von Fenerbahçe hatte. Er konnte im Grunde jede Postion verteidigen, selbst nach dem Switchen konnte er die kleinen, schnellen Gegenspieler vor sich halten. Udoh wird mit seiner Klasse definitiv fehlen.

Nun besteht die Hauptrotation aus Jan Vesely, Nicolo Melli und Jason Thompson, dem NBA-erfahrenen Big Man, der das letzte Jahr in China verbrachte.

Mit Vesely hat man den wohl perfekten Inside-Player, der für einen Europäer extrem athletisch ist und fast jeden Alley-Oop-Pass durch die Reuse stopft. Darüber hinaus punktet er recht häufig mit dem Rücken zum Korb. Seine Schwachstelle ist dagegen der Sprungwurf. Dass er keinen akzeptablen Wurf besitzt, wirkt sich auch auf seine Leistung von der Freiwurflinie aus. Vesely hat in seinen sechs absolvierten Euroleague-Saisons durchschnittlich 51,7% seiner Freiwürfe getroffen, im vergangenen Jahr 55,7%. Sobald er in einer engen Schlussphase den Ball haben sollte, wäre es keine schlechte Idee, ihn an die Freiwurflinie zu schicken. Unvergesslich bleiben seine 1/10 FT im Euroleague Finale 2016, in dem Fenerbahçe erst nach Verlängerung gegen ZSKA Moskau verlor und Vesely viel Kritik einstecken musste. Aufgrund seiner Athletik und seines Timings hat der Tscheche seine Stärken beim Rebounding und Shotblocking, wodurch er nicht selten in den wöchentlichen Highlights vertreten ist. Defensiv kann Vesely seinen Mann vor sich halten. Allerdings nimmt er sich manchmal selbst aus dem Spiel, indem er gambled und somit einfache gegnerische Punkte zulässt.

Nicolo Melli, der lukrative Angebote aus der NBA ausgeschlagen haben soll, kommt mit einem vollen Gesamtpaket zum Titelträger. Nicht umsonst bekam er in der vergangenen Saison einen Platz im All-Euroleague Second Team. Durch seinen Wechsel von Mailand nach Bamberg stabilisierte er seinen Sprungwurf und traf in den letzten beiden Spielzeiten 45,3% sowie 43,4% von Downtown. Melli kann vielseitig punkten, egal ob aus dem Dribbling, im Post, in Korbnähe oder auch als Spot-Up Shooter. Dazu ist sein hoher IQ ein großer Vorteil, wodurch er ein ausgezeichneter Passer ist. Außerdem ist er für einen Europäer sehr athletisch, was ihm vor allem auch beim Rebounding hilft. In der vergangenen Saison war Melli mit 7,4 Rebounds der zweitbeste Rebounder – hinter Ekpe Udoh. Defensiv besitzt er ein feines Gespür. Im eins gegen eins ist er nur schwer zu schlagen. Da er ein exzellenter Teamplayer ist, gehört er auch zu den besten Teamdefendern der Mannschaft. Darüber hinaus weiß er auch, wann er in der Help-Defense eingreifen muss.

Jason Thompson ist das große Fragezeichen bei Fenerbahçe. Der langjährige NBA-Starter, der seine vergangene Saison in China verbrachte, schlägt erstmals in Europa seine Zelte auf. In der chinesischen Liga konnte der Big Man 18,7 Punkte (56,2% FG) und 13,9 Rebounds auflegen. Auch er ist athletisch und wird bei Fenerbahçe als Wühler unter dem Korb agieren, vor allem wenn er als Center agieren wird. Im Gegensatz zu Vorgänger Udoh hat er einen besseren Wurf aus der Mitteldistanz. In den Testspielen bei Fenerbahçe drückt er sogar vom Perimeter ab. Auch seine klugen Pässe Richtung Vesely erinnern stark an seinen Vorgänger. Defensiv wird Thompson gegen die Bigs dagegenhalten. Was Help-Defense und die Verteidigung von Guards betrifft, ist er nicht so stark wie sein Vorgänger. Die entscheidenden Fragen werden sein: Wie viel Lust hat Thompson noch? Er hat als langjähriger NBA-Spieler viel erlebt und schon ordentlich Geld verdient. Ist er hungrig? Will er eine entscheidende Rolle bei einem europäischen Spitzenclub spielen? Wenn ja, dann wird er ein Gewinn für die Truppe von Headcoach Obradovic sein.

Nikola Kalinic gehört auf dem Statistikbogen nicht wirklich zu den auffälligsten Akteuren, dennoch gehört er zu den wichtigsten Spielern von Fenerbahçe, da er der wohl vielseitigste Verteidiger der Truppe ist und alle Positionen verteidigen kann. Seine Hauptposition ist die Drei, doch dank verschiedener Lineups verbringt er eine gewisse Zeit auf der Vier oder Fünf. Mit Ekpe Udoh gründete er beim Final Four der Euroleague die „Wall of Istanbul“ und brachte sowohl die Akteure von Real Madrid als auch die Mannschaft von Olympiakos Piräus zur Verzweiflung. Offensiv hat der serbische Nationalspieler einen Schritt nach vorne gemacht. Seine Rolle im Angriff hat sich vergrößert, da er seinen Jumpshot verbessert hat. Mittlerweile bestraft er die Gegner, wenn sie ihn offen stehen lassen, was in den Jahren zuvor nicht der Fall war. Dadurch erhöhte er die Anzahl seiner Feldwurfversuche im Vergleich von 15/16 zu 16/17 von 3,9 auf 5,9. Zusätzlich wurde die Anzahl der Dreierversuche von 0,9 auf 2,2. In der Saison 15/16 traf Kalinic trotz viel weniger Würfe nur 43,4% seiner Würfe aus dem Feld und 24,2% seiner Versuche von Downtown. In vergangenen Saison wurden diese Werte deutlich übertroffen. 48,2% seiner Feldwurfversuche sowie 34,7% seiner Dreierversuche fanden in der Saison 2016/17 das Ziel. Somit konnte der Forward seinen Punkteschnitt von 4,9 auf 7,4 erhöhen. Auffällig sind bei ihm die vielen klugen Laufwege, wodurch er zu vielen einfachen Punkten in Korbnähe kommt.

Auf Luigi Datome wartet eine interessante Rolle. Der bärtige Italiener, der sich mit dem Euroleague-Triumph von einem Großteil seiner Haare verabschiedet hat, wird mit dem Bogdanovic-Abgang mehr Verantwortung übernehmen müssen. Datome verzichtet auf den Zug zum Korb und es ist deutlich zu sehen, dass der Forward dem gegnerischen Kontakt aus dem Weg geht. Er kann als Spot-Up Shooter agieren, aber auch aus der Isolation scoren, wenn der Ball nicht laufen sollte wie erwünscht. Ein Großteil seiner Feldwurfversuche sind Sprungwürfe. Vor allem bei den Dreiern ist Datome sehr erfolgreich. In den letzten beiden EL-Saisons hat er knapp über 46% seiner Würfe von draußen getroffen. Sein Wurf aus dem Zweipunktebereich muss wieder besser werden, denn die 42,2% aus der vergangenen Spielzeit waren am Ende doch recht mau.

Ein Kandidat für eine größerer Rolle könnte James Nunnally sein. Er bewies zu seiner Zeit bei Avellino, dass er auch ein Team anführen kann und wurde 2015/16 zum MVP der italienischen Lega A. Mit dem Wechsel zu Fenerbahçe verkleinerte sich seine Rolle drastisch und Nunnally musste sich unterordnen und sich in das neue Team einfügen. Dies war am Anfang schwer, doch mit der Zeit wurde es besser und Nunnally fand seine Rolle als Spot-Up Shooter, der zur Not auch selbst kreieren kann, vor allem dank seiner Schnelligkeit. Dazu ist er von draußen gefährlich. 45,1% seiner Dreier netzte der US-Amerikaner in der vergangenen Saison ein. Nunnally ist ein Mann für die kleinen wichtigen Dinge. Er ist ein ausgezeichneter Teamverteidiger und offensiv überlässt er anderen die Show und spielt nahezu fehlerlos seinen Stiefel herunter.

Kleinere Rollen warten auf Center Ahmet Düverioglu und Baris Hersek. Düverioglu, der junge Brettcenter, wird aufgrund der vielen Spiele wohl in einigen Ligaspielen mehr Minuten sehen und soll dort beweisen, dass er ein Rim Protector sein kann. In der Offense wird er als Screener aktiv sein und seine wenigen Wurfversuche per Layup oder Dunk abschließen. Hersek wird wohl in vielen Spielen ein DNP bekommen. Er dürfte eine Option für eine Einwechslung gen Viertelende sein, um eventuell noch einmal zu foulen. Defensiv ist der türkische Nationalspieler nicht tragbar und offensiv scheint er mit dem Wechsel von Karsiyaka zu Fenerbahçe sein ganzes Selbstvertrauen verloren zu haben.

Backcourt

Bogdan Bogdanovic ist weg und damit verliert das Team nicht nur den besten Scorer (14,4 PpG, 50% FG, 43% 3PT bei 4,9 Versuchen pro Spiel), sondern einen Alleskönner. Der Serbe kann in Korbnähe mit beiden Händen finishen. Auch vor großen und kräftigen Gegnern hat er keine Angst und schließt häufig erfolgreich ab. Eine Stärke von ihm ist, dass er als Swingman das Spiel gestalten kann, was Fenerbahçe unberechenbarer machte. Defensiv ist Bogdanovic eine Klette. Obwohl er offensiv der Fixpunkt war, scheute er nie Defensivaufgaben und übernahm meist die Verteidigung des besten gegnerischen Guards und sorgte dafür, dass sie nicht heißlaufen. Doch das wichtigste, was nun fehlen wird, sind Bogdanovics Qualitäten als Leader. Er sorgte in seiner Zeit bei Fenerbahçe nicht gerade für wenige Gamewinner.

Marko Guduric wird von vielen Spielern als sein Nachfolger gesehen, doch das ist er (momentan) noch nicht. Der 22-jährige Serbe sollte als Projekt gesehen werden, da er noch nicht so weit ist, um das Team des EL-Champions zu führen. Bereits bei Roter Stern Belgrad war deutlich, dass er momentan eher ein Rollenspieler ist. Guduric stand pro Partie durchschnittlich 18:47 Minuten auf dem Court. Offensiv hat er Luft nach oben. Manchmal versucht er es noch mit dem Kopf durch die Wand und nimmt dadurch schlechte Würfe, was nicht selten in Ballverlusten und Fehlwürfen resultierte. Auch wenn Twitter-Guru David Pick ihn bei einem seiner Tweets „Sniper“ nannte, ist Guduric (noch) keiner. Er erzielte 7,8 Punkte pro Begegnung und traf nur 30,3% seiner Dreier (bei 3,2 Versuchen pro Spiel). Bei Fenerbahçe muss Guduric nun vielseitiger in der Offensive werden, sein Ballhandling und Passing deutlich verbessern, damit er eine noch viel bessere Zukunft vor sich hat. In der Defense packt der Serbe schon hart zu, vor allem im Eins-gegen-Eins, abseits des Balles leistet er sich noch einige Unachtsamkeiten, die es abzustellen gilt.

Bobby Dixon, der als türkischer Guard seine Sneaker für Fenerbahçe schnürt, pendelt gern zwischen Genie und Wahnsinn. Keine Frage, Dixon ist ein sehr flinker Spieler. Seinen Entscheidungen kann man jedoch nicht immer trauen. Es gibt Spiele, manchmal kann man die Leistungen sogar auf Viertel reduzieren, in denen er gute Würfe nimmt und schnell heiß läuft, so weit so gut. Doch in den nächsten Minuten kann er einen mit seinen Wurfentscheidungen zur Weißglut treiben, vor allem, wenn diese verrückten Dinger nicht fallen. Er ist der Point Guard-Typ, der zuerst den eigenen Wurf sucht. 11,4 Punkte pro Spiel konnte er zum Titel beitragen. 38,8% seiner Würfe von Downtown fanden ihr Ziel. Defensiv wird Dixon zum Problem. Er kann zwar aufgrund von seiner Schnelligkeit für Steals sorgen, doch seine Größe von nur 1,78 Meter macht es schwer, ihn zu verstecken, da viele gegnerische Spielmacher meist größer und körperlich überlegener sind.

Brad Wanamaker, der sehr lange auf dem Markt war und mit seinen Gedanken zwischen NBA und Euroleague pendelte, könnte sich als neuer Go-to-Guy bei Fenerbahçe entpuppen. Denn diese Rolle hatte er schon bei seinen vorherigen Vereinen inne, egal ob Pistoia, Bamberg oder Darüssafaka. Er weiß, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen; auch wenn er bei Darüssafaka wilde Würfe am Ende genommen hat, die nicht gefallen sind. Im vergangenen Jahr stand er bei den EL-Partien durchschnittlich 33:28 Minuten auf dem Court. Der US-amerikanische Point Guard bringt den unbändigen Willen mit, zum Korb zu ziehen und somit auch oft an die Freiwurflinie zu kommen. Er kann sich seinen eigenen Wurf kreieren und bringt einen ziemlich sicheren Mitteldistanzwurf mit. Auch sein Dreier hat sich stabilisiert. Den traf er mit 38,6% bei 4,3 Versuchen pro Spiel. Neben Kostas Sloukas und Sinan Güler dürfte Wanamaker zu den besten Passgebern der Mannschaft zählen. Vor allem ein Pick-and-Roll mit Thompson oder Vesely wird häufig zu sehen sein. In der Defensive hat er dank seines bulligen Körpers gute Aussichten in der Mann-gegen-Mann Verteidigung. Da er offensiv viele Körner verbraucht, kommt es schon zu mentalen Aussetzern, wodurch es einfache Punkte für den Gegner gibt. Da nun seine Rolle aber schrumpft, könnte dieses Problem schnell behoben werden.

Mit Sinan Güler kommt nun der erste echte türkische Guard, der neben seiner intensiven Verteidigung auch Spielmacherqualitäten besitzt. Der Routinier hat im Spätherbst seiner Karriere nochmals eine große Entwicklung genommen und durfte 29 Minuten pro Spiel auf dem Parkett stehen, was mit Sicherheit ein ausgezeichneter Wert für einen türkischen Spieler ist. In dieser Zeit legte er 10,5 Punkte, 5,6 Assists (bei 2,3 Turnover) und 1,3 Steals auf. Güler traf 40,7% seiner Feldwürfe und 35,6% seiner Dreier. Er wird mit seinem Playmaking und seinen vielen Drives mit dafür sorgen müssen, den Abgang von Bogdanovic vergessen zu machen.

Der Ruhepol in der Mannschaft heißt Kostas Sloukas. Der griechische Point Guard, der seit Jahren in seiner Heimat als legitimer Nachfolger von Star-Point Guard Vassilis Spanoulis gesehen wird, kommt brandheiß von der EuroBasket zurück. Sloukas beendete das Turnier mit durchschnittlich 14,9 Punkten und 4,1 Assists. Seine Wurfquoten waren schlicht beeindruckend. 52,3% Field Goals, 58,6% getroffene Dreier (bei 4,1 Versuchen!) und 95% seiner Freiwürfe fanden das Ziel. Bei Fenerbahçe wird er in dieser Saison wohl in vielen 2-PG-Lineups spielen (neben Güler, Wanamaker oder Dixon) und seine Stärken als Spielmacher zeigen. Sloukas ist sehr geduldig, auch wenn wenige Sekunden auf der Shotclock verbleiben. Er wird der Spielgestalter sein, wenn Fenerbahçe ins Setplay gehen muss, da er immer cool bleibt, das Auge für den freien Mitspieler hat und zur Not auch von ganz weit draußen einen Wurf versenken kann.

Melih Mahmutoglu, Kapitän der Truppe, der in der vergangenen Saison in einigen Spielen außen vor war, kommt mit einer starken EuroBasket-Performance im Gepäck zurück. Er erzielte 14 Punkte pro Spiel und traf 50% seiner Dreier bei 5,7 Versuchen pro Partie. Auf ihn wartet die Rolle des Spot-Up Shooters. Bestätigt er seine starken Leistungen der Europameisterschaft, dann wird er mehr Spielanteile bekommen als in der vergangenen Saison.

Egehan Arna wird wohl ein Kaderfüller sein, fraglich, ob er es in das 12-Mann-Aufgebot bei Fenerbahçe schafft. Sollte der 20-Jährige Spielanteile bekommen, wird er als Spot-Up Shooter aktiv sein.

Ausblick

Jason Thompson soll Ekpe Udoh eins zu eins ersetzen. Diese Gegebenheit hat Fenerbahçe beim Abgang von Bogdanovic nicht. Die Rollen von Dixon und Sloukas werden sich vergrößern. Dazu wurden Sinan Güler, Marko Guduric und Brad Wanamaker verpflichtet. Die Guards sollen zusammen den Abgang des letztjährigen Topscorers kompensieren.

Fenerbahçe Doğuş geht mit neun ausländischen Spielern in die Saison. Das heißt, es werden immer drei Spieler in den Ligaspielen eine Pause bekommen, was bei dem stressigen Spielplan von Vorteil sein dürfte. Die Kanarienvögel werden auch in der neuen Saison einer der größten, wenn nicht sogar der größte Favorit auf den Titel sein, auch wenn zwei wichtige Stützen den Verein verlassen haben. Dafür haben sie „Obrakadabra“ an der Seitenlinie, der nicht sein Spiel dem Gegner aufzwingt, sondern auf den Gegner wartet und darauf immer eine passende Antwort findet. Der Truppe ist in der Euroleague-Hauptrunde vieles zuzutrauen. Es könnte ein Kampf um die besten Plätze sein, aber auch ein Platz im hinteren Bereich der Playoffplätze wäre keine Überraschung, da Obradovic wieder viel experimentieren wird, um seine besten und passendsten Lineups zu finden.

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