Alltimers, NBA

C.R.E.A.M.

Sollten Spieler auf Geld verzichten?

Die Freunde des amerikanischen Sprechgesangs der 90iger Jahre kennen die eingängige Abkürzung aus der Artikelüberschrift. C.R.E.A.M. steht für ‚Cash Rules Everything Around Me‘, zu Deutsch: Geld regiert die Welt. Insbesondere zur Free Agency steht dieses Thema auf Webseiten, in Blogs oder bei Twitter ganz oben. Fans und Experten reden und streiten über Loyalität bzw. dem Mangel dessen, über die Gier nach Geld und von fehlendem Interesse am sportlichen Erfolg. In diesem Artikel soll es weniger um die sportlichen Implikationen gehen. Diese hat Julian Lage in mehreren Artikeln untersucht, u.a. ‚Home Sweet Home‘ und ‚Keep Gettin‘ Dem Checks‘. Es soll sich die Frage gestellt werden, inwieweit es verwerflich ist, das beste finanzielle Angebot anzunehmen.

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Die Sinnbilder beider Seiten in diesem Sommer dürften Carmelo Anthony und Dirk Nowitzki sein. Beide Stars bleiben bekanntermaßen bei ihren jeweiligen Teams. Die New York Knicks werden Anthony in den nächsten fünf Jahren über 120 Millionen überweisen. Nur wenige Millionen unter den theoretisch möglichen 129. Im Gegensatz dazu müssen die Dallas Mavericks für die Dienste von Nowitzki weit weniger tief in die Tasche greifen. Der Power Forward verzichtete auf äußerst lukrative Angebote aus Houston und Los Angeles, um stattdessen für das Gehalt eines guten Rollenspielers bei seiner Herzensmannschaft zu bleiben. Der lange Blonde sammelte mit seiner Entscheidung viele weitere Sympathiepunkte für ein bereits überlaufendes Punktekonto und beweist für viele Beobachter wahre Loyalität. Wobei es in der Basketballwelt auch vorher niemanden gab, der nach Nowitzkis Verbleib im Sommer 2010 dessen Loyalität zu den Mavericks bezweifelt hätte. Anthony auf der anderen Seite musste sich nach Bekanntgabe seiner Entscheidung viel Kritik anhören. Die Chicago Bulls und die Houston Rockets – zwei Playoffmannschaften, die mit ihm zu den Top-Favoriten auf den NBA-Titel aufgestiegen wären – hätten ihn gerne verpflichtet. Aus CBA-strukturellen Gründen konnten sie allerdings nicht mit dem Angebot der Knicks gleichziehen. Erfolg und Gewinnen sei Anthony nicht wichtig, da er lieber bei einer Mannschaft bleibt, die es in der vergangenen Saison nicht in die Playoffs geschafft hat und ihm keinen vielversprechenden Supporting Cast zur Seite stellen kann, spotteten viele Fans. Seine starke Verbundenheit zu New York City ist der offizielle Grund für seinen Verbleib im Big Apple. Ob er auch geblieben wäre, wenn die Knicks nicht mehr als Chicago oder Houston geboten hätten? Darüber lässt sich nur spekulieren. Interessanter ist aber die Frage, ob eine Entscheidung für das Geld grundsätzlich mit fehlendem Interesse an Erfolg, Gier und wenig Loyalität gleichzusetzen ist.

Triumph

Der Gewinn delebronjamesstandings letzten Saisonspiels. Die „Larry O’Brien“-Trophäe gen Himmel strecken. Die NBA-Champion. Dies dürfte die herrschende Meinung sein. Alles andere geht in den Geschichtsbüchern unter. Der Threepeat der Lakers zu Beginn des 21. Jahrhunderts bleibt bestehen. Die Portland Trail Blazers oder Sacramento Kings, die aus dem Threepeat fast eine einfache Meisterschaft gemacht hätten, werden mit der Zeit verblassen. Diese absolute Sichtweise sollte allerdings jeder für sich hinterfragen. Letzten Endes kann Erfolg auch relativ sein. Warum kann sich ein Spieler in einer Mannschaftssportart nicht erfolgreich schimpfen, wenn er das realistische Maximum aus sich und seinen vorhandenen Mitspieler herausholt? Das ökonomische Maximalprinzip: Aus gegebenen Mitteln den möglichst größten Output erzielen. Dies kann nicht grundsätzlich der Titel sein. Viele Fans, aber auch viele Spieler selbst werden es anders sehen, aber man kann behaupten, dass bspw. LeBron James in Cleveland in einer andersartigen Betrachungsweise ebenso erfolgreich war wie später in Miami. Aus Maurice Williams und Drew Gooden lässt sich nunmal nicht dasselbe herausholen wie aus Dwyane Wade und Chris Bosh. Der Titel als einziges Bewertungskriterium für Erfolg ist gängig, wird aber dadurch nicht richtig.

Auch muss man sich auch vor Augen führen, dass man sich durch einen Gehaltsverzicht nur verbesserte Chancen erkauft, da es keine Garantien für Erfolg gibt. Selbst das talentierteste Trio der letzten 25 Jahre mit einem der besten Spieler in der Basketballhistorie konnte keine Titel garantieren. Ob eine verbesserte Wahrscheinlichkeit allein Millionenbeträge wert ist?

Protect Ya Neck

Schade? Paradox? Zumindest verwunderlich ist es, wenn den Spielern eine Gier nach den grünen Scheinen vorgeworfen wird. Die Spieler sind der Grund, weshalb wir die NBA schauen. Es sind die Spieler, die viel investiert haben, um dort hinzukommen, wo sie sind; um zu den besten 400 von zig Millionen Basketballspieler weltweit zu gehören:

A lot of late nights in the gym, a lot of early mornings, especially when your friends are going out, you’re going to the gym, those are the sacrifices that you have to make if you want to be a NBA basketball player. – Jason Kidd

Müsste man nicht besonders ihnen jede Dollar gönnen? Man könnte natürlich sagen, dass sie sich auch mit sechsstelligen Beträgen mehr als glücklich schätzen sollten, da sie ihr Hobby zum Beruf machen konnten, während andere Berufsgruppen, die täglich wesentlich bedeutsamere Leistungen liefern, mancherorts um den Mindestlohn kämpfen müssen. An dieser Stelle wird aber natürlich unter der Prämisse des aktuell im NBA-Ökosystem vorhandenen Geldvolumens geschrieben. Es wäre natürlich zu befürworten, wenn der Basketball Related Income in der NBA bei der Hälfte läge, aber dafür normale Familien sich auch mal einen Besuch in einer der 30 Arenen leisten könnten, ohne sich das Geld vom Mund absparen zu müssen. Dies ist aber nicht der Fall. Das Geld ist im System vorhanden.

Wenn ein Kobe Bryant sieht wie die Einschaltquoten abstürzen, sobald er nicht spielt, und er auch ansonsten mitbekommt, wie er als ‚Cash Cow‘ gemolken wird, um den Anteilseigner eine hohe Rendite zu beschweren, ist es dann geldgierig oder einfach nachvollziehbar, wenn er einen fairen Anteil vom Kuchen haben möchte? Selbst wenn er vorher bereits einen dreistelligen Millionenbetrag verdient hat. Als Student oder Normalverdiener geht es einem sicherlich einfach von der Zunge, dass es egal ist, ob man 200 oder 220 Millionen verdient, weil die Summen unglaublich weit weg sind und die meisten wohl bereits mit einer Million mehr als zufrieden wären. Letztlich ist dies aber ziemlich anmaßend, da man sich kaum in dieselbe Situation versetzen kann.

Dollar, Dollar Bill, Y‘all

Beim Schauen von Dokumentation wie „30 for 30: Broke“ von ESPN kann man oftmals nur den Kopf schütteln.

Wenn Spieler wie Antoine Walker oder Eddy Curry der Meinung sind, dass sie sechsstellige Beträge in wenigen Jahren auf den Kopf hauen müssen, ist es natürlich ihr gutes Recht. Sobald die Geldgier von den Lippen kommt, ist in vielen Fällen sicherlich das Bild des verschwenderischen Millionärs das vorherrschende. In nicht wenigen Fällen sicherlich auch zu Recht. Das ‚Big Picture‘ kennt man aber nicht immer. Spieler wie Kobe Bryant oder LeBron James wollen in die Fußstapfen von Michael Jordan treten. Auch falls es ihnen auf dem Parkett in der sporthistorischen Betrachtungsweise nicht gelingen sollte, gibt es noch eine Karriere nach dem Dasein im verschwitzten Trikot, bspw. in der Rolle als Teameigner. In diesem Umfeld würden die beiden Herren zu den Geringverdienern gehören. Sie hätten einen Steve Ballmer bei einem Angebot für die Los Angeles Clippers nicht ausstechen können. Als Spieler mit Ambitionen nach der aktiven Karriere kann es somit durchaus sinnvoll sein, sein Einkommen in diesem begrenzten Zeitraum zu maximieren. Bryant hätte das Angebot der Lakers auch großzügig von 48 Millionen auf 10 Millionen runterhandeln, aber die Differenz könnte im ‚Big Picture‘ wertvoller für ihn sein als ein paar Siege, die er sich mit einem Gehaltsverzicht hätte erkaufen können. Wie gesagt: Man darf nicht so tun, dass jeder Gehaltsverzicht im Titel endet, vor allem wenn man es von Spielern verschiedener Teams erwartet. Es gibt nunmal nur einen NBA-Titel pro Saison.

Das ‚Big Picture‘ kann auch etwas kleiner, aber nicht minder bedeutend sein. Ein Jamal Mashburn wurde mit seinen NBA-Millionen zu einem erfolgreichen Geschäftsmann und hat unzählige Arbeitsplätze in seinen Unternehmen und Restaurants geschaffen.

I always wanted to be that guy with the briefcase. I saw pro sports from a different angle. I grew up in Harlem, and my dad was a boxer. He worked hard all his life, he sparred with Muhammad Ali. He accomplished a lot, but in the end he had nothing to show for it. So, I used to look at those guys with the briefcases and think, ‘What’s inside there?’ To me, it signified the brain, and I had a lifelong desire to carry that briefcase. – Jamal Mashburn

Beim Beginn dieses Karriereweges kann das verfügbare Budget ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein. Ist es daher falsch, sich dafür in beste Position bringen zu wollen, in dem man regelmäßige das beste verfügbare Gehaltsangebot von den NBA-Franchises annimmt statt landesweit der NBA-Championship hinterher zu laufen, wo Gewinn sowieso mit viel Glück einhergeht? Überhaupt in der NBA zu spielen – egal bei welcher Mannschaft – ist doch bereits der Traum, den jeder junge Basketballer einst hatte, und der für die anderen 99,9% für ewig ein Traum bleibt. Dies ist bereits ein unglaublicher Erfolg.

Neben den Geschäftsleuten gibt es ja ebenso die Wohltäter, die ihre NBA-Millionen auch für gemeinnützige Projekte genutzt haben. Beispielhaft könnte man Dikembe Mutombo, der mit seiner Stiftung u.a. ein Krankenhaus im Kongo bauen ließ, oder Luol Deng nennen.

For everything she did for her children and for her family, the value of love and giving back and sharing. Not just with you, not just with your family, but with the people you encounter in life, with your community, and that was the kind of love that my mom gave. – Dikembe Mutombo

Zudem wird es viele Sportler mit großem Herzen geben, deren Gemeinnützigkeit geheim bleibt. Bitte nicht als Kritik auffassen, aber ich hätte es lieber gesehen, wenn Nowitzki das höhere Angebot aus Houston oder Los Angeles angenommen bzw. das Höchstgebot von Mark Cuban ausgehandelt und die Differenz zu seinem jetzigen Gehalt einer gemeinnützigen Organisation überwiesen hätte. Die Mavericks waren in den vergangenen Playoffs der beste Gegner des späteren Meisters aus San Antonio, aber im wahrscheinlichsten Fall wird der Gehaltsverzicht im kommenden Jahr für Dallas keinen wesentlichen Unterschied machen, wenn einzig der Titel den Erfolg abbildet.

Outro

Ob ein Spieler bereit ist, freiwillig auf Geld zu verzichten oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung. Es gibt allerdings wenig rationale Gründe, die Spieler, die den lukrativsten Vertrag anstreben, zu kritisieren. In manchen Fällen, vielleicht auch den meisten, mag es die reine Gier nach Geld sein. Dieser Artikel will nicht proklamieren, dass es nicht so ist, sondern nur für weitere mögliche Sichtweisen sensibilisieren, sodass man diese Möglichkeiten zumindest einräumt.

Solange ein Spieler nicht viel verlangt und später über zu wenig Unterstützung meckert, ist alles in Ordnung. Ansonsten empfehlen wir etwas Nachhilfe zum Collective Bargaining Agreement beim geschätzten Larry Coon oder hier bei Go-to-Guys.de.

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