Brooklyn Nets, NBA, Playoffs 2014, Toronto Raptors

DeMars Entscheidung

Zu DeRozans Offense und der Verteidigung gegen Joe Johnson

Die erste Playoffbegegnung der Brooklyn Nets bei den Toronto Raptors versprach auf Seiten der Kanadier ein großes Spektakel zu werden. Nach sechs Jahren Postseason-Abstinenz beeindruckten die Akteure am Seitenrand durch ihre Begeisterung, die sich Stunden vor dem Spiel in Torontos Downtown kanalisierte und langsam in Richtung Air Canada Center schwappte. In der Halle war die Atmosphäre gigantisch, ebenso wie auf dem seit Tagen belagerten Maple Leaf Square, kurzerhand in Raptors Square umbenannte Versammlungsplatz vor der Halle. Diese elektrisierende Energie sollte durch eines der dynamischsten Guard-Duos der Liga, DeMar DeRozan und Kyle Lowry, auch auf den Court gebracht werden.

Enttäuschendes Debut

Die Fans enttäuschten nicht, das Guard-Duo schon eher. Allen voran DeRozan blieb in Spiel Eins trotz 13 Wurfversuchen und drei Turnovern in 37 Minuten Spielzeit ähnlich bleich wie Terrence Ross, der aufgrund von Foulproblemen nur 17 Minuten auf dem Feld stand. Ein Grund war DeRozans Reserviertheit mit dem Ball und die Unfähigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen. Wie wir auf Facebook am 19. Januar bereits aufmerksam machten, ist das Duo DeRozan/Lowry eines der, wenn nicht das, drive-freudigsten der Liga. Dabei übernimmt DeRozan eher die Rolle des Off-Guards, der sich weniger um den Spielaufbau kümmert, sondern nach Anspiel direkt in die Zone zieht, um für sich abzuschließen, während Lowry der klassischere Pick-&-Roll Point Guard ist. Auffällig ist, dass DeRozan trotz dieser Rolle und deutlich weniger Ballbesitz als Lowry öfter den Drive ansetzt.

* Pro Spiel (Daten bis zum 19. Januar 2014)

In seinem Playoffdebut gegen die Nets war davon wenig zu sehen. DeRozans Quote an Touches war niedrig. Auch wenn er eine hohe Quote an Ballbesitzen an Mitspieler weiter passte, waren darunter kaum Anspiele, die wie üblich nach einem Drive DeRozans kamen. Diese ziehen für gewöhnlich die Defensive zusammen und ermöglichen oft einen bis drei Pässe weiter einen freien Wurf. Nicht jedoch in diesem Spiel. So gab er den “DeFrozen”, der untypisch weder als Scorer noch als drivender Vorbereiter gefährlich war.  DeRozan agierte in der regulären Saison fast genauso oft aus ISOs heraus wie aus dem Pick-&-Roll als Ballhandler. Seine Probleme, früh in der Serie aus dem Eins-gegen-Eins zu scoren, zeigen sich anhand der Team-Points per Possession in ISO-Situationen, die nach zwei Spielen bei 27 Possessions 0,30 ppp betrug – zu diesem Zeitpunkt sogar noch die meistgentuzte Angriffsoption der Raptors in dieser Serie.

DeRozans Reaktion

Die Medien lieben es, wenn ein All-Star mit großer Last auf seinen Schultern zunächst enttäuscht und fangen sogleich an, Fragen zu stellen. Wie wird er wohl reagieren? Zerbricht er unter dem Druck, Eckpfeiler einer jungen Mannschaft in seiner ersten Postseason gegen ein Veteranenteam, zu sein? Übernimmt er die restlichen Spiele und wird zum Helden? Bei einem Spieler, der den besten Point Guard in der Eastern Conference 2013-14 neben sich hat und selbst in der Rolle des Combo-Guards als Scorer und Vorbereiter gefährlich sein kann, sich jedoch zu oft in leeren ISO-Situationen verfängt, ist diese Frage interessant. Wie gut gelang es DeRozan seither, die Balance zwischen effizientem Scoring und effektivem Passpiel zu halten?

DeRozan-Touches-Decisions

Score-Effizienz pro Touch & Passeffektivität (zum Vergößern klicken)

Der angesprochene Punkt der reservierten Spielweise DeRozans in Spiel Eins, der nur sehr wenige seiner Touches für das eigene Scoring nutze, oder um gute Würfe für Teamkollegen zu ermöglichen, zeigt sich auch in der oberen Grafik. DeRozan erzielte pro Touch nur 0,29 Punkte. 51% der Touches leitete er weiter, jedoch konnte die Offense der Raptors kaum direkt von diesen Anspielen profitieren. DeRozan brachte es pro Pass auf nur 0,12 Assistbeteiligungen – sprich Pässe, von der die Mannschaft  als direkter Assist, Hockey-Assist oder Anspiel auf einen Spieler, der gefoult wurde, profitiert. Ein Indiz dafür, dass DeRozan kaum positiven Einfluss auf die Offensive der Dinos hatte.

DeRozans Reaktion in Spiel zwei war vorherzusehen. Er forderte den Ball in der Offensive stärker und passte weniger Touches weg, erzielte in einem seiner am Touches-reichsten Spiele dieser Serie sehr viele Punkte bei nur zwei Assistbeteiligungen. Bis auf die Niederlage im vierten Spiel ist zu erkennen, dass DeRozan sich im Vergleich zum ersten Spiel nicht nur wieder wie gewohnt stark in die Offensive als Korbjäger einschaltet, sondern auch lernt, die Aufmerksamkeit der Nets-Defensive zu nutzen, um effektive Pässe zu spielen. In den letzten beiden Spielen erzielte er mit 14 Assistbeteiligungen mehr als in den ersten vier Parteien, was nicht nur auf eine erhöhte Passquote zurückzuführen ist, wie die Assistbeteiligungen heruntergebrochen auf einen Pass zeigen.

DeRozan und die Raptors als Team nutzen in dieser Serie weiterhin zu viele Isolationen. Im Vergleich zur Regular Season ist die Häufigkeit dieser Situationen an der gesamten Anzahl der Abschlüsse um fast sechs Prozent gestiegen, ohne darin effizient zu sein. Dies ist auch den großen Defensivreihen der Nets geschuldet, die dem Team aus Toronto das Leben im Halbfeld schwer macht und abgewehrte Pick-&-Roll-Angriffe öfter als Eins-gegen-Eins Aktionen des Backcourts enden.

Auch in Spiel Fünf und Sechs zeigte sich, wie wichtig DeRozans Management der eigenen Touches ist. Während der epischen Aufholjagd Brooklyns im dritten Viertel der fünften Partie sah DeRozan meist nur aus der Ecke zu, wie Greivis Vasquez und John Salmons Pick-&-Rolls mit Amir Johnson zu laufen versuchten. Im vorgestrigen Ausgleich Brooklyns hielt DeRozan die Raptors in der katastrophalen ersten Halbzeit mit 18 Punkten halbwegs im Spiel. DeRozan traf viele glückliche Würfe aus hässlichen Einzelsituationen, doch er zeigte auch viele Aktionen aus schnellen Entscheidungen, die zu guten Würfe für die Raptors führten und die gegen diesen Gegner so wichtig sind. Dieses Video illustriert einige der schwierigen ISO-Situationen DeRozans und wie die Raptors zu guten Würfen am Korb und am Perimeter kommen, wenn er gute und vor allem schnelle Entscheidungen trifft:

Kyle Lowry und Greivis Vasquez gelang es bisher sehr gut, die Pick-&-Roll-Traps der Nets zu umkruven. Alle Ballhandler Torontos hatten jedoch aufgrund der Größe der Verteidiger Probleme mit Turnovern und der Einbindung des Frontcourts in Aktionen. Gerade Kyle Lowrys bisherige hervorragende Leistung als Ballhandler, Verteidiger und irrsinniger Dreierschütze aus dem Dribbling wird in diesem Artikel nicht gebührend abgehandelt. Lowry macht seinen Job und bestätigt bisher auch in den Playoffs, dass er zu den besten Lead Guards dieser Saison gehört. Aufgrund des fast kompletten Ausfalls von Terrence Ross als Offensiv- und Ballhandlingoption und der Schwierigkeit, den Frontcourt in flüssigen Aktionen zu involvieren, ist DeRozans Leistung als einer von nur drei soliden Ballhandlern, der dazu hohe Aufmerksamkeit genießt, umso wichtiger, auch wenn er nur der Co-Star im Backcourt der Kanadier ist.

Slowing Down Joe

Joe Johnson war in den ersten Spieler dieser Serie “en fuego”, ein Match-Up-Albtraum gegen die schmächtigeren DeMar DeRozan und John Salmons, der besonders von dem Match-Up-Albtraum um Paul Pierce profitiert. Im ersten Artikel zur Serie wurde bereits gemutmaßt, dass die Raptors nicht drum herum kommen würden, Johnson ob des angerichteten Schadens deutlich aggressiver anzugehen:

Die Nets spielen mit Shaun Livingston, Andrei Kirilenko und Alan Anderson einige Shooter, die recht streaky sind. Die Offensive von Brooklyn ist ausgeglichen und kann schlechte Rotationen mit freien Würfen bestrafen, doch Joe Johnsons Ausbeute sollte inzwischen Grund genug sein, diese Spieler viel stärker zu vernachlässigen und die Mitte auch für Joe zur No-Johnson-Area zu erklären…

Wie erwartet gehen die Raptors stärker gegen Johnson vor und doppeln ihn aggressiver, vor allem mit Spielern, die Livingston und Anderson decken sollten. Die Raptors konnten Johnson kaum ausbremsen. Der Feed zu Johnson gegen DeRozan oder Salmons ist über weite Strecken die Initialzündung der Nets-Offensive – nachdem sie in Spiel Fünf in hohen Rückstand gerieten, begann fast jeder Spielzug der Nets im dritten Viertel mit dieser Aktion. Nach sechs Spielen kommt Johnson weiterhin in die Zone und ist dort extrem effizient, auch weil er die Raptors konsequent bestraft, wenn diese ihm das Eins-gegen-Eins gegen DeRozan oder Salmons gewähren. In den ersten drei Spielen nahm Johnson 25 Würfe in der Zone zu 9 Würfen aus der Mid-Range. In den letzten drei Partien verschob sich diese Quote auf immerhin 22 Würfe zu 11. Wie auch im ersten Artikel besprochen ist das Doppeln Johnson zwar ein nötiges, aber riskantes Unterfangen, da es offene Dreier für Spieler auf der Weakside – oder wenn sie von Patrick Patterson gedeckt werden auch auf der Strongside – verursacht. Einige Adjustments der Raptors und die Tücken des Kickouts sind in diesem Video zusammengefasst:

Spiel Sieben hält weitere Fragen offen. Aus Spiel Sechs war aufgrund des untypischen Spielverlaufs wenig herauszulesen. Aufgrund von Foulproblemen und einem hohen frühen Defizit Torontos liefen unerwartete Raptors-Lineups um Steve Novak und Tyler Hansbrough, sowie Nets-Lineups ohne Williams, Johnson und Pierce, auf, die wir im siebten Spiel so nicht sehen sollten. Die bedeutendste Änderung in Jason Kidds Strategie war das Einrücken Alan Andersons in die Starting Five, der mit Hilfe der Nets-Bigs gute Arbeit gegen das Pick-&-Roll von Kyle Lowry verrichte. Dieses Match-up und die bereits genannten Fragezeichen um DeRozans Entscheidungsfindung, der Reaktion der Raptors auf Joe Johnson, einem eventuellem Auftauchen Deron Wiliams und Amir Johnsons (und Terrence Ross) sowie dem Distanzwurf beider Mannschaften sollten für den Verlauf des heutigen Spiels ausschlaggebend sein.

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