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Emmanuel Mudiay und die möglichen Folgen seiner Entscheidung gegen ein Jahr am College

Der im Kongo geborene Aufbauspieler Emmanuel Mudiay sollte in der kommenden Saison einer der neuen College-Superstars werden. Er gilt als ein Kandidat für die Top 3 der Draft 2015, wobei er teilweise sogar als potentieller First Pick angesehen wird. Auf den drei größten Scouting Websites der USA wird er an #5 (ESPN), sowie zweimal an #2 (Scout.com und Rivals) gelistet. Auch bei Events wie dem McDonalds All-American (15 Punkte und 6 Assists) und dem Nike Hoop Summit (20 Punkte und je 3 Steals und Assists) wusste er zu überzeugen. Als klarer One-and-Done-Kandidat sollte es für ihn in seinem einen Jahr am College darum gehen, seinen jetzt schon extrem hohen Draftstock zu halten bzw. noch etwas aufzupolieren, um eventuell sogar Nachfolger von Toppick Andrew Wiggins zu werden.

Als Mudiay sich im August des vergangenen Jahres für die Southern Methodist Mustangs entschied, wurde er als die Superverpflichtung des ehemaligen NBA Champions und Trainers der Mustangs, Larry Brown, gefeiert. Auch wir beglückwünschten die Mustangs zu diesem Recruiting-Coup und sahen für das eher mittelmäßige Basketballprogramm den langersehnten Aufschwung voraus – wegen Mudiay. In den letzten Tagen kam es allerdings zu einer Kehrtwende, wie Trainer Larry Brown erklärte:

Emmanuel has decided to pursue professional basketball opportunities. This is not an academic issue, since he has been admitted to SMU, but rather a hardship issue. After talking to Emmanuel, I know he really wants to alleviate some of the challenges his family faces and recognizes that he has an opportunity to help them now.

Nüchtern betrachtet scheint diese Entscheidung sehr reif. Durch ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, Shabazz Muhammad, der während dem Recruiting wohl illegalerweise Geld erhalten hat, mag man aber auf die Idee kommen, dass auch hier Geld geflossen sein könnte und Mudiay nur einer langwierigen Sperre der NCAA entgehen möchte (auch wenn natürlich fleißig dementiert wird). Mittlerweile scheint es auch wahrscheinlich, dass Mudiay aus akademischen Gründen hätte gesperrt werden können. Es hätte wohl Anrechnungsprobleme mit seinen High School-Leistungen geben können, da seine Schule Prime Prep nicht allen amerikanischen Schulstandards voll entspricht. Alles Spekulationen, die an dieser Stelle zu weit gehen würden. Es soll eine andere Frage im Vordergrund stehen: Wie könnte sich diese Entscheidung auf den Draftstock des NBA-Talents auswirken? Dabei werden in mögliche Szenarien die potentiellen Folgen seiner Entscheidung skizziert.

Das Brandon Jennings-Szenario

Brandon Jennigs war 2008 die Nummer Eins in ESPN Top 100 der besten High School-Recruits im Land. Entsprechend gut wurden dabei seine Chancen, in der folgenden NBA-Draft früh gezogen zu werden, eingeschätzt. Er entschied sich damals aber aufgrund von schulischen Problemen (lies: dem nicht Bestehen des Collegeaufnahmetests SAT), dem College den Rücken zuzukehren und professionell in Europa zu spielen. Seinem Draftstock hat dies nicht gerade gut getan, wurde der als Top 5-Pick gefeierte Point Guard letztlich “nur” an #10 gezogen. Woran lag das?

Er bekam weniger Spielzeit, als dies am College zu erwarten gewesen wäre. Ein professionelles Basketball-Team kann es sich auf hohem europäischen Level nicht erlauben einen 18/19jährigen Spieler gegen ältere, erfahrenere Männer viele Minuten einzuräumen, so talentiert der Youngster auch sein mag. Einem so jungen Athleten ist es nicht möglich neben Umstellungen in Spielstil und Kultur auch noch das Schicksal eines ambitionierten Proficlubs nachhaltig mitzubestimmen. Jennings spielte während seines Aufenthalts in Europa für den damaligen Euroleagueteilnehmer Lottomatica Virtus Roma nur rund 20 MpG und war zudem nicht mehr im direkten Fokus der NBA-Scouts. So gut auch die Beobachtungssysteme geworden sind, ihr Hauptaugenmerk legen NBA-Teams immer auf das College-Geschehen im eigen Land.

Ähnliche könnte auch der Weg von Auswanderer Mudiay verlaufen. Sein Draftstock könnte deutlich fallen, zumal er gerüchteweise sogar in China unterkommen könnte. Auf der einen Seite könnte sich die Entscheidung nach China zu wechseln finanziell lohnen, auf der anderen Seite sollte man das Niveau in dieser Liga zumindest kritisch betrachten. Ob eine Liga, in der selbst ein 36-jähriger Stephon Marbury (ja, er spielt dort immernoch) fast 30 Punkte im Schnitt auflegt gut für die Entwicklung eines NBA-Talentes, sei einmal dahin gestellt. Denn selbst wenn er ähnliche Stats auflegen würde, sollten NBA-Scouts nur bedingt in der Lage sein, diese richtig einzuordnen. Insgesamt besteht also auch bei ihm das Risiko sich aus dem Fokus zu spielen und als Folge dessen in die Mitte der Lottery zu fallen.    

Das Jeremy Tyler-Szenario

2009 zog mit Jeremy Tyler ein weiterer Amerikaner den professionellen Basketball der NCAA vor. Von ESPN damals ebenfalls hoch eingeschätzt (Rang 7 in deren Top 60 Ranking), verzichtete er dabei sogar auf ein Jahr Highschool, wodurch er zwei Jahre professionellen Basketball spielen musste, bevor er sich zum Draft anmelden konnte. Übersee kam Tyler nur wenig zum Zug (7,6 MpG für Maccabi Haifa).  Erst ein Jahr später in Japan kam er mit 9,9 Punkten bei 51,7% aus dem Feld und 6,4 Rebounds besser zurecht. Da Tyler vor seinem Wechsel nach Europa in keinem Mockdraft auftauchte, welche üblicherweise jeweils nur für etwas mehr als 2 Jahre in die Zukunft erstellt werden, kann man eigentlich von keinem Abfallen seines Draftstocks sprechen. Trotzdem wäre mit seinem Talent, im Nachhinein betrachtet, etwas mehr als nur der 39. Pick im NBA Draft drin gewesen. 

Könnte Mudiay ein ähnliches Schicksal ereilen? Die Situationen lassen sich schwer vergleichen, da Tyler auf seine letzte Highschool-Saison verzichtete und somit wohl auch vom Radar der meisten Scouts verschwunden war. Diese Gefahr droht dem Kongolesen nur in einer sehr abgeschwächten Form. Das Risiko, dass er aber nicht zu überzeugen weiß bzw. zu wenig Einsatzzeit erhält, um zu überzeugen, besteht dennoch zweifellos. Aber allein der Fakt, dass er jetzt schon des Öfteren ganz weit oben steht, was die Mock-Drafts angeht, sollte ihn zumindest nicht soweit fallen lassen, wie dies bei Tyler der Fall war. Trotzdem, auch wenn es aktuell unwahrscheinlich erscheint, wäre dies ein bedingt mögliches Szenario, wenn Mudiay den Absprung aus seinem Profiteam verpasst und länger als das Übergangsjahr bis zur ersten Draft-Eligibility bleibt. Er könnte sich aus den Köpfen der Scouts spielen.

Das Dante Exum-Szenario

Wir alle kennen ihn noch aus dieser Draft, die Wildcard aus Down Under. Der Australier Dante Exum, konnte in den vergangenen Monaten bei internationalen Duellen immer wieder auf sich aufmerksam machen. Über die Saison hinweg gab es allerdings kein Videomaterial von ihm, da er sich im Australian Institute of Sports die Möglichkeit offen halten wollte, im Anschluss ein US-College zu besuchen und deswegen bei keinem professionellen Basketballteam spielen durfte/wollte. Trotz oder gerade wegen der mangelnden Scouting-Möglichkeiten überwogen bei Exum die bei der Junioren WM in Prag sowie dem Nike Hoop Summit ’13 gesammelten Eindrücke. Als Folge dessen wurde er in diesem Jahr an vierter Stelle ausgewählt, obwohl Exum als auch aus dem Hoopsummit bekanntes Talent nie gegen ernstzunehmende Konkurrenz Basketball gespielt hatte.

Möglich scheint dieses Szenario weniger aufgrund der Tatsache, dass auch Mudiay wenig Videomaterial liefern wird, sondern vielmehr deshalb, weil die bisher gesammelten Eindrücke überwiegen könnten. Denn auch bei Exum gibt es Zweifler, die in Frage stellen, ob er wirklich so gut ist, wie man dies 2013 erahnen konnte. Sein Draftstock blieb davon recht unberührt, auch wenn ihm Bustpotential bescheinigt wird. Auch Mudiay könnte nach einer mäßigen/schlechten Saison in Übersee ein solcher Risikopick werden. Natürlich aber nur unter der Voraussetzung, dass die bisher gesammelten Eindrücke ausreichen, um die NBA-Franchises von seinem Talent zu überzeugen.

Das Emmanuel Mudiay-Szenario

So richtig erfolgreich war keiner der beiden bisherigen Europa-Legionäre. Emmanuel Mudiay könnte, gerade auch im Hinblick auf eine potentielle Entscheidung für China der Erste sein, der diesen Übersee-Weg wirklich erfolgreich beschreitet. Um seinen Draftstock zu halten und sicher in der Top 3 der kommenden Draft landen zu können, wird es allerdings nicht reichen “nur” in China zu dominieren. Er müsste dies in einer Weise tun, wie einst JR Smith, der nicht nur 34,4 Punkte im Schnitt erzielen, sondern auch 60 Punkte Performances hinlegen konnte. Und selbst dann wäre es nicht sicher, ob er seinen Draftstock halten kann.

Ein anderer Weg wäre der über Europa. Würde er auf dem alten Kontinent einen ähnlichen Impact wie einst ein Andrea Bargnani (natürlich einmal ungeachtet der Position) haben, wäre er sicher ein Kandidat für den begehrten Platz an der Spitze der Draft. Ob es dem Kongolesen gelingt direkt signifikante Spielminuten zu erhalten, sei an dieser Stelle ebenfalls noch einmal dahingestellt, hat Bargnani doch Jahre gebraucht, um sich diese Zeit auf dem Parkett zu erarbeiten.

In diesen (erfolgreichen) Fällen könnte sich ein wie schon bei Brandon Jennings Abgang prophezeiter Trend, hin zu einem Zwischenstopp als Profi in Übersee auf dem Weg in die NBA entwickeln. 

Hat Mudiay sich verzockt?

Viel “Würde”, viel “Könnte” steht hinter den aufgezeigten Szenarien. Denkbar sind wohl alle aufgezeigten Möglichkeiten. Welche sich im Nachhinein als richtige Prognose herausstellen wird oder ob es gar ganz anders kommt, wird sich dabei wohl erst am Ende der kommenden Saison zeigen. Die Chancen, dass er an Draft-Wert verlieren wird, erscheint dabei aber als realistischer. Gerade der Aspekt, dass er teilweise aus dem Fokus (und damit auch aus den Köpfen) der NBA-Scouts verschwinden könnte, sollte dabei nicht unterschätzt werden.  Ein Brandon Jennings-ähnliches Szenario drängt sich als am wahrscheinlichsten auf. Er wird wohl nicht von Beginn an direkt viel Spielzeit erwarten können – zumindest nicht in Europa. Und ohne Courttime fällt es schwer zu glänzen. Wir werden mehr wissen, wenn die nächste Draft ansteht.

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