Alltimers, NBA

No Power Forwards needed?

Niedergang eines Spielertyps?

Im Artikel des letzten Monats, in dem es um den Siegeszug des Dreiers ging, wurde die Historie des Drei-Punkte-Wurfs beleuchtet und darüber hinaus erklärt, welche Spielertypen warum so großen Erfolg in der heutigen NBA haben. Logischerweise gibt auch immer Verlierer, wo es Sieger gibt. Wenn der Trend also zum Forward-Hybriden geht, der offensiv für Spacing sorgt und defensiv gegen die Bigs des Gegners mithalten kann, müsste sich die NBA vom klassischen zweiten Big entfernen, da dieser nicht für Spacing sorgen kann und dadurch noch zusätzlich die Zone verstopft. Doch ist das tatsächlich der Fall?

Der Prototyp eines Power Forwards

Wenn wir uns einen klassischen Power Forward vorstellen, so sieht dessen Offense ungefähr so aus:

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Unterm Ring schließt er gut ab, aus der Mitteldistanz funktioniert er nur noch zu Teilen (hier: vom linken Block aus recht mittelmäßig), danach verabschiedet sich sein Wurf völlig.  Der Big Man kann also kaum für Spacing sorgen, weil er selbst ja nur am Ring funktioniert. Diesen Platz besetzt aber in den moderneren Aufstellungen der Center, der zumeist offensiv limitiert ist und für Offensiv-Rebounds oder Dunks sorgen soll. Wie soll der PowerForward ohne Wurf hier also effizient agieren? Er versperrt den Drive des Ballhandlers und steht sich mit dem Center auf den Füßen. Zur Folge müsste dies eigentlich haben, dass das Team Probleme in der Offense hat.

Um die Shotchart aufzulösen: Sie gehört Blake Griffin. Gerade bei dem Big der Los Angeles Clippers gibt es in Fanlagern meist nur zwei Extreme: die eine Seite sieht ihn als wandelnde Highlightmaschine, die durch schier unbändige Athletik nicht zu stoppen sei; die andere Seite weist auf die miserable Freiwurfquote und den wackligen Jumper hin, die für den Misserfolg in den Playoffs verantwortlich seien. Daraus folgen zwei Annahmen, die sich nicht vereinbaren lassen. Für die erste Kategorie ist Griffin ein Franchise Player, für die zweite ein überhypter Dunker. Für beide Seiten finden sich einige Argumente.

Überhypter Dunker?

Blake Griffin ist ein miserabler Freiwerfer. Im letzten Jahr traf er nur 66% seiner Freiwürfe. Viele Fans fragen sich, wie so jemand NBA-Talent haben kann. Tatsächlich hat Griffin nicht nur Probleme damit, seine Würfe zu treffen, sondern lässt sich davon so sehr beeinflussen, dass er sein Spiel umstellt. Er vermeidet es, in der Crunchtime angespielt zu werden, weil er fürchtet, dass er direkt gefoult wird. Somit bietet er verständlicherweise abermals eine weitere Angriffsfläche für alle Hater. Die berechtigte Kritik wird dann noch mit der Stagnation in der Entwicklung eines Sprungwurfes kombiniert und ergibt demzufolge einen viel zu eindimensionalen Big, der außer gewaltvoll Stopfen nichts vorzuweisen hat.

Diese These kann man auch durchaus stützen, wenn man sich die Wurfleistung Griffins anschaut. Dazu reboundet Griffin durchaus gut, taucht aber in den wichtigen Momenten ab.

Franchise Player?

Schaut man sich jedoch die Shotchart mal detaillierter an, kann man auch zu anderen Schlüssen kommen.

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Shotchart von Blake Griffin aus der Saison 2012/2013

Eindeutig ist zu entnehmen, dass Griffin hochprozentig am Ring abschließt. Soweit keine Neuigkeit. Neu ist allerdings die Menge an Abschlüssen, die Griffin direkt am Korb genommen hat. Der Großteil der Abschlüsse wurde dort getätigt. Dies verändert die Wahrnehmung von Griffin als eindimensionaler Dunker zunächst nicht, aber hinterfragt werden muss die Leistung Griffins. Wenn Griffin ein guter Finisher mit hohem Volumen ist – und dies  gar neben DeAndre Jordan -, wieso steht er dann unter solcher Beobachtung? Fakt ist, dass Griffin ein effizienter Spieler ist (ORt von 112 ist weit über Ligaschnitt), der zudem ein guter Passer für einen Big Man ist. Wenn man 13,4 Würfe pro Spiel effizient verwerten kann, sollte ruhig das Label eines Franchise Players benutzt werden dürfen.

Brauchen Power Forwards einen Wurf?

Was bedeutet das also für den klassischen Power Forward in der NBA? Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass immer mehr Bigs an ihrem Wurf arbeiten. Spieler wie Kevin Love oder Jared Sullinger kommen als klassische Power Forwards in die Liga und trainieren sich meist innerhalb von einer Offseason einen Wurf an, um ihrem Team zu helfen.

Dagegen gibt es mit Thomas Robinson einen prominenten Vertreter der klassischen Bigs, der als Lottery Pick Erwartungen weckte und sich bisher nur als Trademasse auszeichnen konnte. Sacramento, Houston und Portland haben bisher keine Nische gefunden, um Robinson zu etablieren. Woran liegt es, dass Griffin gehypt wird, viele Minuten sieht und seinem Team hilft und Thomas Robinson auf den Bänken der Franchises versauert? Vereinfacht gesprochen: Weil Robinson bisher nicht nachweisen konnte, dass er offensiv überhaupt etwas beherrscht. Wer nun an den College-Robinson denkt, der sich durch Energy-Plays ausgezeichnet hat, den muss die NBA-Geschichte bisher eines Besseren belehren: Thomas Robinson trifft bisher knapp 52% seiner Würfe in seiner Karriere – direkt am Ring! Das ist eine miserable Ausbeute für jemanden, der keinen Wurf vorweisen kann. So hilft er bisher auch keinem Team, auch wenn er seine 11 Minuten in Portland etwas besser nutzt als noch in seiner Rookiesaison und hier 53% seiner Würfe in Ringnähe erfolgreich abschließt – immer noch mies.

Im Gegensatz dazu führt Blake Griffin momentan die klassischen Power Forwards (Abschluss am Ring, kein Dreier pro Spiel) mit über 70% verwandelter Wurfversuche direkt am Ring an. Griffin nimmt dazu ligaweit die neuntmeisten Würfe am Ring überhaupt; nur LeBron James schließt mit einer höheren Quote ab. Wie gut dies historisch einzuordnen ist, zeigt ein Quervergleich:

Ein Blick zurück

In der letzten Saison, die Michael Jordan als Champion beendete, waren die Rollen im Basketball noch recht klassisch verteilt. Es gab überwiegend klassische Power Forwards. Bigs mit Wurf traten nur vereinzelt auf. Wenn wir also einen Blick zurück auf das Jahr 1997/98 werfen, lassen sich dank NBA.com folgende Feststellungen treffen:

pfs1997-98Es gab 19 Forwards, die mindestens 4 Würfe direkt am Ring und keine 1,5 Dreier pro Spiel nahmen (Exkurs: Malone damals mit mehr Würfen aus der Mitteldistanz (und toller Quote!) als direkt am Korb, obwohl dieser als einer der klassischsten Power Forwards gesehen wird). Am besten finishte Vin Baker direkt in Korbnähe und kam auf 69%. Die heutigen Forwards können dies vorweisen:

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13 Forwards, wobei man sehen muss, ob Brandan Wright dieses Wurfvolumen am Korb halten kann. Festzuhalten sind also folgende Beobachtungen:

  • Der klassische Power Forward befindet sich in der Tat auf dem Rückzug, wenn man die oben gesetzten Kriterien als Umschreibung des klassischen Power Forwards ansetzt. Es gibt quantitativ weniger Spieler in dieser Kategorie. Nur Denver kann momentan zwei Spieler in der Aufzählung vorweisen – und dies auch nur wegen des Ausfalls von JaVale McGee, der Hickson auf die 5 rücken lässt. 97/98 konnten zumindest drei Franchises ringnahe Forwards vorweisen.
  • Im Vergleich zur alten Power Forward-Riege schließt Blake Griffin überdurchschnittlich häufig am Korb ab. Seine knapp sieben versuche wurden 97/98 nur von Abdur-Rahim und Baker übertroffen, mit Karl Malone ist er gleichauf. Aus dieser Gruppe scort Griffin aber am effizientesten aus seinen Möglichkeiten. Das bedeutet, dass er auf absolut elitärem Niveau agiert, wenn er am Ring agiert. Kein Forward konnte 97/98 das Paket aus Volumen und Quote bringen, das Griffin in dieser Saison am Ring bringt.

Fazit

Blake Griffin ist offensiv ein mehr als überdurchschnittlicher Spieler in der NBA – schon jetzt und auch ohne Wurf. Durch seine Dominanz am Ring hilft er seinem Team. Natürlich wäre ein Mitteldistanzwurf lobenswert und würde Griffin auch in die Riege der Franchise Player aufsteigen lassen, aber auch ohne Wurf ist das Paket, was Griffin anbietet, beachtenswert.

Natürlich könnte man einschränkend darauf hinweisen, dass Chris Paul für knapp die Hälfte der Field Goals Griffins den Assist spielte, aber auch vor Paul lieferte Griffin ab: 2010/11 mit Baron Davis und Eric Gordon als beste Passgeber erzielte Griffin auch schon über 66% aus dem Feld, wenn er direkt in Korbnähe abschloss. Es gibt also eine Symbiose zwischen Paul und Griffin: Paul findet noch bessere Positionen für Griffin, aber weiß auch gleichzeitig, dass Griffin seine Anspiele verwerten wird.

Der klassische Power Forward ist auf dem Rückzug, seitdem die Statistiken Einzug in die NBA genommen haben. Es ist sinnvoller, anstatt der vielen Midrange-Jumper lieber Dreipunkte-Würfe zu kreieren. Dennoch bleibt ein elitärer Finisher wie Blake Griffin wichtig für jedes Team. Griffin weiß – im Gegensatz zu Thomas Robinson –, was er kann. Das ist in diesem Stadium seiner Karriere schon sehr wertvoll.

Generell ist es für eine erfolgreiche Karriere in der NBA nicht so wichtig, dass man alles beherrscht, sondern dass man weiß, wo die eigenen Stärken liegen. Blake Griffin hat Impact auf ein Basketballspiel. Auch wenn er keinen sicheren Sprungwurf, keine Freiwürfe und keine Defense beherrscht. Aber über einen gewissen Deutschen sagte man ja auch mal, dass er nicht verteidigen, nur unzureichend rebounden und kein Leader für sein Team sein könne. NBA-Spieler müssen nicht perfekt, sondern effizient sein und Impact haben, um es in der NBA weit zu bringen. Auch klassische Power Forwards sind von dieser Regel nicht ausgenommen.

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3 comments

  1. Sebastian Hansen

    Ich glaube man darf sich bei diesem Artikel nicht so sehr auf die Effizienz der einzelnen Spieler konzentrieren, sondern man sollte auch Teambuilding-Effekte miteinbeziehen. Schaut man sich die NBA zurzeit an, werden viele Teams von Spielern geführt, die einen starken Zug zum Korb haben und die dann auch viele Würfe direkt am Ring nehmen. Beispiele sind für mich hier natürlich James, dazu Rose, Westbrook, Wall, Ellis, Wade, Harden, Parker aber eigentlich auch George, Melo und Durant. Das heißt, diese Spieler brauchen den Platz in der Zone, um dort ihre Würfe nehmen und Treffen zu können. Dazu kommt, dass man eigentlich einen One-Two-Punch braucht, um etwas reißen zu können. Das heißt, idealerweise zwei starke Spieler, die stark am Ring und auch allgemein finishen und scoren können. Außerdem braucht man mindestens einen starken Verteidiger in der Mitte (der natürlich auch einer der beiden “Stars” sein kann, siehe Howard). Und jetzt kommen wir zu dem Problem: Guards oder SFs können meistens relativ gut werfen, das heißt sie versperren sich meistens nicht den Weg bzw. ziehen gegnerische Verteidiger vom Ballführenden ab. Der einzige Spieler, der dann auf dem Feld stehen und nicht werfen können sollte, ist idealerweise dann der Defensivcenter und es gibt auch kaum Defensivcenter, die gut werfen können. Ist nun aber einer der beiden Scoringstarken Stars mit hohem Volumen ein PF der kaum werfen kann (so wie Griffin), dann steht dieser sich mit dem Center auf den Füßen, wie du schon angedeutet hast. Weicht der Center dann nach außen aus, passiert das, was bei Memphis-OKC letztes Jahr signifikant war: Gasol scherte sich einen Dreck um den in der Mitteldistanz rumstehenden Perkins, sondern half lieber bei Durant aus. Ideal wäre natürlich, wenn der Scoring-PF auch defensivstark wäre und C spielen könnte, dann hätte man das Problem nicht. Bei Leuten wir Griffin oder Randolph ist das aber halt nicht gegeben. Auch ideal wäre, wenn es wurfstarke Center-Verteidiger gäbe; gibt es aber kaum. Das macht das aufbauen um jemanden wie Griffin so schwierig. Die Clippers haben das ganz gut gelöst, aber mMn nicht ideal.

  2. Dennis Spillmann

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    Danke für dein Feedback, Sebastian.

    Meine Aussage ist eigentlich recht simpel: Du musst Impact auf ein Basketballspiel haben. Da ist es egal, ob du ein breites Arsenal oder eben nur einen Skill hast, den du aber perfektionierst.
    Blake Griffin schließt besser am Korb ab als 95% der NBA – und er nimmt 7 Würfe pro Spiel dort. Er sollte das eigentlich noch öfter versuchen und nicht so oft den Mitteldistanzwurf nehmen, aber selbst sein momentanes Spiel reicht aus, um effizient zu agieren. Und das gelingt ihm alles trotz Jordan/Hollins neben ihm. Von daher funktioniert ein sehr guter Power Forward ohne Wurf noch immer in der NBA.

    Natürlich ist Griffin noch kein Franchise Player und kann sein Team noch nicht so anführen, wie dies eben Chris Paul tut. Aber sein beschränktes Skillset reicht eigentlich aus, um zu dominieren, weil er eben einige Skills gemeistert hat. Gerade dir als Thunder-Fan sollte diese leidige Diskussion mit Russell Westbrook ja bekannt sein. Und Griffin hat in seiner Karriere bisher besser geliefert als Westbrook, was die Wurfeffizienz angeht.

    Nochmals, worauf es mir ankam: Blake Griffin schadet der Offense der Clippers nicht. Das müsste er ja, wenn ihm vorgeworfen wird, dass er zu eindimensional ist. Die Clippers waren in den letzten beiden Jahren mit ihm als erste Scoringoption jeweils Vierter im Offensive Rating und sind es jetzt wieder. Natürlich liegt das auch daran, dass mit Chris Paul ein überragender Spielmacher zum Team kam. Trotzdem hat Griffin bisher in jedem Jahr seiner Karriere ein besseres ORtg gehabt als sein Team. Seine Offense funktioniert augenscheinlich. Auch ohne Jumper.

  3. Sebastian Hansen

    Ich weiß. Ich streite auch gar nicht ab, dass es funktionieren kann und die Clippers zeigen ja deutlich, dass es geht. Allerdings ist es deutlich schwerer ein Team um Griffin zu bauen, als wenn du da einen anderen Spielertypen oder gar einen Rollenspieler (Ibaka z.B.) hast. Wollte ich nur drauf hinweisen ;)
    Dass Griffin ein sehr guter Einzelspieler ist, steht denke ich außer Frage.


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