Brooklyn Nets, NBA, New York Knicks

Desaster im Big Apple

Die teuren Fehler der Knicks und Nets

Als die Unterschrift unter den Vertrag gesetzt wurde, war es schon lang keine Überraschung mehr: Phil Jackson wird bei den New York Knicks Präsident und möglicherweise auch GM und Trainer in Personalunion. Jetzt darf also der erfolgreichste NBA-Coach aller Zeiten versuchen, ein Borderline-Playoffteam mit einer Gehaltsrechnung von knapp 90 Millionen Dollar zu restrukturieren. Das einzig Positive für die Knicks: Dem Nachbarn aus Brooklyn geht es mit einem noch teureren Team nicht viel besser – wie kam es zu diesem doppelten Desaster?

 Knicks & Nets: Bis 2010

Schon seit einigen Jahren lässt sich eine sehr ähnliche Entwicklung der beiden New Yorker Teams feststellen. In den Jahren vor der Saison 2010/11 befanden sich beide in einem Rebuild, wobei die Knicks sich in dieser Zeit von dem Isiah Thomas-Debakel erholen mussten, während die Nets immerhin auf zwei Finalteilnahmen seit 2000 zurückblicken konnten.

Gleichzeitig standen für die Nets aber mit einem Besitzer- und Namenswechsel sowie dem Umzug nach Brooklyn weitere große Veränderungen an, die alle in einem direkten Zusammenhang stehen: In direkter Konkurrenz zu den Knicks sollte nicht nur ein gewöhnungsbedürftiger Ritter Zuschauer anziehen, sondern natürlich in erster Linie das Team. Wenn man aber die verbliebenen Zuschauer sowieso schon mit einem geplanten Wegzug verärgert hat, können auch Jahre mit gerade zweistelligen Siegzahlen keinen allzu großen Schaden mehr anrichten – entsprechend wählten die Nets den Weg durch die Tiefen der Lottery. Die Knicks wollten dagegen zumindest den Anschein von Wettbewerbsfähigkeit erwecken, konzentrierten sich aber ebenfalls mehr (Danilo Galinari, 2008) oder weniger (Jordan Hill, 2009) erfolgreich auf das Sammeln von Talenten.

DWilliams

Den großen Umbruch wollten beide Teams in der Saison 2010/11 vornehmen. Die größten Hoffnung in dieser Hinsicht endete mit der ‚Decision‘, so dass die Pläne D fortfolgende bemüht werden mussten: Die Knicks sicherten sich noch im Sommer für 100 Millonen Dollar fünf Jahre Amar‘e Stoudemire und agierten in den ersten Monaten mit einem ausgeglichenen Team vergleichsweise erfolgreich. Im Februar 2011 gingen dann die seither für die beiden Franchises prägenden Trades über die Bühne, Carmelo Anthony und Deron Williams folgten dem Ruf der Großstadt. Seither sollten die Teams jeweils möglichst um die Stars aufgebaut werden, was auch mehr oder weniger erfolgreich so geschah. Betrachtet man also einzeln, wie die Teams heute aussehen, sieht man, was alles schief lief.

 Knicks: Gestern

Der Anthony-Trade wird mittlerweile als Beispiel dafür diskutiert, dass ein Superstar auch zu teuer sein kann – mit Gallinari, Chandler, Mozgov und einigen Picks gaben die Knicks viele Bausteine für ein ausgeglichenes Team ab. Genau das ist heute das Kernproblem, außer Antony stehen zu wenige dauerhaft verlässliche Spieler im Kader. Konkret geben die Knicks diese und kommende Saison jeweils knapp 60 Million Dollar für Amar’e Stoudemire, Tyson Chandler, Andrea Bargnani, JR Smith und Raymond Felton aus. Für jeden dieser Spieler findet sich mindestens ein Fragezeichen, entweder in der derzeitigen Leistung oder der Art, wie der Spieler ins Team geholt wurde: Stoudemire ist praktisch Invalide und hat nie dauerhaft neben Anthony funktioniert. Zudem verdienen nur zwei NBA-Spieler dieses Jahr mehr, der Vertrag ist unversichert und damit seit Jahren nicht zu traden. Da Stoudemire immerhin dafür sorgte, dass die Fans und insbesondere Anthony sich (wieder) für das Team interessierten, wäre der ursprüngliche Vertragsschluss der Knicks gar nicht so problematisch gewesen –  hätten die Knicks nicht den anschließenden Fehler begangen, ihre Amnesty Provision auf das letzte Vertragsjahr Chauncey Billups‘ zu verwenden. Die Amnesty war notwendig, um Tyson Chandler bezahlen zu können und sorgt damit für dessen größten Haken. Ansonsten konnte der Center mit einer DPoY-Auszeichnung und einer zumindest effizienten Offense überzeugen, nur die immer wiederkehrenden Verletzungsprobleme trübten den Eindruck etwas.

Bargnani, Felton und Smith eint in erster Linie eine Leistung in dieser Saison, die nur mit viel gutem Willen noch als enttäuschend beschrieben werden kann. Die Feldwurfquote des Trios dümpelt bei um die 40%, und auch die TS% kann diesen ersten Eindruck nicht korrigieren. Zudem ist insbesondere den beiden Guards die häufige Desorganisation des Teams mit anzulasten, während Bargnani sich mit einem übermotivierten Dunk auf die Krankenstation beförderte. Einen weiteren Vorteil weisen Smith und Felton jedoch auf: Beide kamen als Free Agents und damit vergleichsweise günstig nach New York. Smith erhielt im ersten Jahr nur gut 2 Millionen Dollar, mit seinem neuen Vertrag 18 Millionen Dollar über 3 Jahre. Im Fall Feltons war weder das Sign and Trade noch das Gehalt überteuert, mit unter 4 Millionen Dollar pro Jahr verdient er weniger als viele Backups. Andrea Bargnani war in jeder Hinsicht teurer, zusätzlich zu 11 Millionen Dollar jährlichen Gehalts gaben die Knicks für ihn weitere Picks ab – obwohl in Toronto durchaus die Amnesty für den ehemaligen ersten Pick in Erwägung gezogen wurde. Immerhin hatten für den einzigen abgegebenen Erstrundenpick sowieso schon die Nuggets Tauschrechte, so dass die Raptors nur den schlechteren der beiden Picks bekommen.

Knicks: Heute

Damit bleibt: Für die Knicks gab es nicht die eine schlechte Entscheidung, sondern eine Vielzahl von nicht zusammenpassenden Moves. Amar’e Stoudemire wäre lang kein so folgenschwerer Fehler gewesen, hätte das Knicks-Management die Amnesty Clause nicht für Chauncey Billups verbraucht. In einem funktionierenden Team – wie teilweise während der letzten Regular Season – fänden Spieler wie JR Smith oder Andrea Bargnani besser ihre passende Rolle. Bei der Draftpicks und einigen kleineren Verpflichtungen der vergangen Jahre waren die Knicks sogar recht erfolgreich, zu nennen sind in dieser Hinsicht beispielweise Iman Shumpert und Tim Hardaway Jr. sowie Pablo Prignioni und Kenyon Martin.

Hier kommt Phil Jackson ins Spiel: Seine Hauptaufgabe in den nächsten Jahren dürfte es sein, eine dauerhaft funktionierende Management-Kultur zu installieren. Als das größte Hindernis in dieser Hinsicht könnte sich aber nicht die Teamstruktur erweisen, sondern James Dolan. Er gilt als einer der Besitzer, die oft und dann mit meist negativen Folgen auf ihre Angestellten einwirken. So soll er etwa im Anthony-Trade beschleunigt und damit ein besseres Ergebnis für seine Franchise verhindert haben, auch ein Veto gegenüber einem ansonstenAnthony beschlossenen Shumpert-Transfer nach OKC zur letzten Deadline wird kolportiert. Damit einhergehend wechselte Dolan das Management wiederholt aus, der jetzt entmachtete Steve Mills amtierte erst seit September des letzten Jahres. Ob Jackson also tatsächlich die Handlungsfreiheit bekommt, die er wohl erwartet, wird sich noch zeigen. Allerdings: Isiah Thomas hatte sie ja anscheinend auch…

 Nets: Gestern

Die Brooklyn Nets zahlen dieses Jahr knapp 102 Millionen Dollar an Spielergehältern und zusätzliche etwa 80 Millionen an Luxussteuer – für ein Team, das derzeit knapp über 50% steht. Da gut 40 Siege im Osten für Heimvorteil reichen könnten, wirkt die Tabellenposition noch einigermaßen schmeichelhaft, aber die harsche Kritik zu Saisonbeginn traf das Team zu Recht. Die letzten Jahre hatte das Management um Billy King größtenteils damit verbracht, die freizügige Ausgabenpolitik Mikhail Prokhorovs zu nutzen, praktisch alle Trades beruhten auf dem Prinzip ‚Gehalt aufnehmen‘. Für Deron Williams mussten die Nets mit dem gerade gedrafteten Derrick Favors und zwei Picks vor allem Talent abgeben, und auch der Trade für Kevin Garnett und Paul Pierce hat neben Geld auch noch einiges an Assets gekostet. Aber auch diese Transaktionen haben immer jeweils die abgebenden Teams finanziell entlastet, was sich etwa in dem zusätzlichen Terry-Bogans Swap zeigt. Besonders auffällig ist in dieser Hinsicht jedoch der Trade für Joe Johnson: Die Hawks bekamen für den überbezahlten Allstar diverse Spieler mit niedriger dotierten auslaufenden Verträge, teilweise auch als Sign and Trade. Wie Bogans konnte sich auch DeShawn Stevenson noch über einen Zahltag freuen, nur, damit die Nets teure Spieler aufnehmen können.

In all diesen Trades bekamen die Nets immerhin brauchbare Spieler, die seit dem Jahresbeginn 2014 einen Beitrag zur aufsteigenden Formkurve des Teams leisteten. Wenn die Gehälter nur eine untergeordnete Rolle spielen – wie eben bei Prokhorov – ist es vergleichsweise harmlos, für Joe Johnson und Deron Williams jeweils über 20 Millionen Dollar zu bezahlen. Die Leistung der beiden Guards entspricht dem zwar nicht, aber solange Gehalt statt Assets der Preis ist, kann das durch tiefe Besitzer-Taschen ausgeglichen werden.

Nets: Heute

Das ist auch der Grund, wieso ein einziger miserabler Trade den Nets so viele Probleme bereitet hat und noch bereiten wird: Zur Deadline 2012 gaben sie ihren eigenen, nur Top 3–geschützten Pick für Gerald Wallace ab. Im Jahr 2014 hat Wallace wenig beeindruckende 5,1 Punkte und 3,7 Assists pro Partie erzielt, bei noch ausstehenden 2 Jahren und gut 20 Millionen Dollar Gehalt. Mit diesen müssen sich zwar mittlerweile die Boston Celtics auseinandersetzen, ließen sich das aber im Garnett+Pierce-Trade fürstlich entlohnen: Einen Großteil der Picks und Tausch-Rechte dürften King de facto dafür ausgegeben haben, dass er den erst eine Saison zuvor mit einem neuen Vertrag ausgestatteten Gerald Wallace wieder los wird. Hier zeigen sich die möglichen Folgen: Erst 2018 wird der letzte – komplett ungeschützte – Pick aus Brooklyn an die Celtics gehen, den Boston für die Aufnahme Wallace‘ bekam. Bezieht man die Rookie-Vertragslaufzeit mit ein, sind dann also 10 Jahre seit dem ursprünglichen Trade vergangen. Dass die Blazers mit dem ersten von den Nets abgegebenen Pick Damian Lillard zogen, macht die Sache optisch noch unangenehmer – obwohl natürlich keine Garantie bestünde, dass die Nets einen vergleichbar erfolgreichen Pick vorgenommen hätten.

Knicks & Nets: Morgen

Egal, ob es im Wesentlichen eine katastrophale Entscheidung oder die Summe jahrelanger Fehlschläge war – für beide Teams ist die aktuelle Saison eine Enttäuschung. Spätestens seit der Verletzung von Brook Lopez hat keines der Teams eine realistische Hoffnung auf überraschend erfolgreiche Playoffs. Wenn sich seine gesundheitlichen Probleme nicht bessern, könnte zudem sich in Lopez ein weiterer Spieler der Nets auf der ‚Überbezahlt‘-Liste etablieren, die mit Deron Williams und Joe Johnson sowieso schon zwei langfristige Posten aufweist. Darin dürfte auch zukünftig das Problem der Nets bestehen: Bis in die Saison 2015/6 sind noch etwa 60 Millionen Dollar an Gehältern in den drei Großverdienern gebunden. Handlungsspielraum besteht also kaum, zumal ja auch praktisch alle anderen verfügbaren Assets abgegeben wurden.

Bei den Knicks sieht die Perspektive anders aus,Jackson hier laufen praktisch alle unangenehmen Verträge nach der kommenden Saison aus. Für 2015/16 könnten nur Felton und Smith per Spieleroption bleiben, was sich auf lediglich gut 10 Millionen Dollar summiert. Hier ist das Problem: Wenn Anthony geht, steht die Franchise wieder im Nirgendwo. Für Jackson dürfte es keine allzu begeisternde Aussicht sein, dass sein Erfolg so von der Entscheidung eines Spielers abhängt. Aber immerhin: Die Knicks zumindest noch einige eigene Picks wirklich unter Kontrolle, während die Nets dagegen bis 2018 entweder den Pick komplett abgeben oder Tauschrechte eingeräumt haben.

 Fazit

Auch wenn beide Teams sich noch gewisse Hoffnungen auf mehr oder weniger erfolgreiche nächste Jahre machen – eine Meisterschaft wird unter diesen Bedingungen vorerst kaum nach New York kommen. Die Franchises kombinieren die Probleme des Big-Market-Verhaltens mit Fehlentscheidungen, die nicht kurzfristig zu beheben sind. Insofern wird auch die Jackson-Verpflichtung vorerst nur einen geringen Einfluss auf die Zukunft der Knicks haben.

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2 comments

  1. Sebastian Hansen

    Das wirklich bittere bei den Knicks war ja, dass man die Team-Option für Billups kurz vor dem Lockout nicht hätte annehmen müssen. Dann wäre man den für nichts losgeworden und hätte das Problem mit der Amnesty nicht gehabt.

  2. Julian Lage

    |Author

    Ja, klar, da kann man immer noch weiter reingehen. Auch mit Lin ist das sicher nicht optimal gelaufen (kein S+T z.B.), viele kleinere Verpflichtungen wie Udrih und MWP diese Saison oder Camby letzte haben gar nichts gebracht usw. Aber bei Billups waren soweit ich mich erinnere zumindest 4 von 1X Mio garantiert, d.h. einfach ‘für nichts’ wäre es auch nicht gewesen.


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