Alltimers, NBA, Off-Court

What is my position, Coach?

Point Guard. Shooting Guard. Small Forward. Power Forward. Center. So werden seit Jahrzehnten die Positionen in der NBA bezeichnet. Zwei Spieler im Backcourt, drei im Frontcourt, sauber getrennt mit klaren Aufgaben: Der Point Guard organisiert das Spiel, der Shooting Guard ist der Scharfschütze aus der Distanz, als Small Forward muss man das Bindeglied zwischen Guard und Big Man sein und Vieles können, der Power Forward agiert zwischen High und Low Post, der Center ist die Dominanz unterm Korb. Doch gilt diese Einteilung auch heute noch?

Verkennen der Realität

anthonychandlerWenn man sich die heutige NBA anschaut, ist jedem Fan recht schnell klar, dass diese klassische Einteilung nicht mehr funktioniert. Es dominiert momentan das Mode-Wort „Small ball“. Dies ist beileibe kein Einzel-, sondern eher der Regelfall. Mittlerweile nutzt nahezu jeder Coach das Verschieben seines Small Forwards auf die Power Forward-Position, um eine schnellere Pace zu spielen. Das berühmteste Beispiel in dieser Saison für den Einzug des small balls stellt Carmelo Anthony dar. Der Power (!) Forward der Knicks spielt 90% seiner Zeit auf der Vier, nur 8,3% bekleidet er seine angestammte Position des Small Forwards. Die Knicks gehen manchmal sogar so small, dass Anthony gar als Center aufläuft. Der Erfolg gibt Coach Woodson recht: Die Knicks sind zu diesem Zeitpunkt ein Top 3 Team im Osten und konnte einige gute Siege verbuchen.
Wie Anthony funktionieren nicht nur LeBron James (68% seiner Zeit auf PF) oder Kevin Durant (immerhin 17%), sondern nahezu jeder Small Forward der Liga: Shawn Marion (64%),  Danilo Gallinari (44%), selbst die Lakers mit Gasol und Howard nutzen Metta World Peace zu gut 10% auf Power Forward, obwohl man mit Jamison und Hill gute Alternativen hat.

Wenn Carmelo Anthony so effektiv auf der Vier funktioniert, was ist er denn dann wirklich? Ein Small Forward? Ein Power Forward? Die Lösung ist – wie so oft – etwas komplexer: Es gibt keinen Small und keinen Power Forward. Diese Positionsbezeichnungen sind veraltet und zwängen Spieler in Rollen, die sie gar nicht erfüllen wollen oder können – oder sollen. Von den geliebten Positionseinteilungen muss man abrücken, um zu verstehen, wie der heutige Basketball gespielt wird: aufgeteilt in Rollen, nicht in Positionen.

Rollen- statt Positionseinteilungen

Meistens findet man Trendsetter dort, wo der Erfolg zu Hause ist. Für das letzte Jahr haben die Miami Heat die NBA so geprägt wie kaum ein anderes Team. Coach Spoelstra hat für sein System ein neues Wort gefunden:

“We have to view this team in a different lens. When we try to think conventionally and put guys in certain boxes or positions, it really hamstrings us. Not only in terms of our flow, but mentally too. We developed that term (position-less) just for guys to understand our versatility and how we need to play.”

erikspoelstraDie Heat spielen positionslos und kommunizieren damit genau das, was in dieser Saison nahezu jedes Team praktiziert: small ball mit viel Spacing, um das gesamte Feld auszunutzen. Wie kann man dieses positionslose System denn nun greifbar machen? Zuvorderst, indem man eingesteht, dass die Heat keine einzige Position klassisch besetzt haben, aber im letzten Jahr Meister wurden. Mario Chalmers war kein Point Guard, der das Spiel organisierte, Dwyane Wade nicht der Sniper von draußen, Shane Battier am ehesten noch irgendwie ein Small Forward, obwohl er eigentlich ein klarer Shooter war und demnach klassischer ein Shooting Guard sein müsste, auf der Vier lief mit LeBron James mit Sicherheit kein klassischer Power Forward auf, Chris Bosh spielte viel zu weit weg vom Korb, um als Center gelten zu können. Trotzdem hatten die Heat Erfolg. Wieso funktionierte das Team also?

positionvsrolle
Die Heat spielten vielleicht nicht mit klassischen Positionen, aber sie nutzten – wie jedes andere Team – ihre Spieler in verschiedenen Rollen. Diese Rollen sind nicht immer zu greifen, aber eine grobe Kategorisierung ist möglich. Besonders zwei Modelle scheinen einleuchtend für die Einteilung zu sein:

Rolleneinteilung 1: Jumpshooter, Slasher, Post-Option / Wing- & Post Defender

Dieses Modell teilt die Rollen in die Offensive und Defensive ein. Offensiv unterscheidet das Modell im Sinne der Abschlussart eines Spielers.

Jumpshooter

Diese Spieler sorgen für Spacing und ziehen das Spiel auseinander. Bei den Heat bekleideten Mario Chalmers und Shane Battier diese Rolle, eventuell könnte man hier auch Chris Bosh einordnen, der als nomineller Center sehr häufig aus der Mitteldistanz agierte.

Slasher

Diese Spieler sind mit gehöriger Athletik versehen und finden die Lücke zum Korb, um dort hochprozentig abzuschließen. Bei den Heat fand man sowohl Dwyane Wade als auch LeBron James in dieser Rolle wieder.

Post-Option

Diese Rolle ist nicht auf den Low Post begrenzt, sondern geht bis zum High Post heraus. Im Grunde ist dies die Rolle für den Spieler, der noch am ehesten unter dem Korb agiert, um Offensiv-Rebounds kämpft und für Alley-Oop-Anspiele zu gebrauchen ist. Beim letztjährigen Meister fanden sich vor allem Chris Bosh und LeBron James in dieser Situation wieder.

In der Defensive bleibt das bekannte Schema aus Verteidiger am Perimeter und unter dem Korb bestehen – auch aus Mangel an anderen Einordnungen, weil eine Defensive reagieren muss. Der Wing-Defender verteidigt die Jumpshooter und Slasher, der Post Defender die Post-Optionen näher am Korb.
Zu beachten ist hier vor allem, dass die Anzahl der Wing/Post Defender variieren kann und muss: Man muss sich dem Gegner anpassen. Wenn dieser mit 3 Jumpshootern, einem Slasher und einer Post-Option agiert, benötigt die Verteidigung im Regelfall vier Wing- und nur einen Post-Defender.

Wem diese Zuordnung nicht gefällt, weil die die Rollen in der Offensive nur aufs Werfen beschränkt werden und diese nicht genug Freiräume lassen, dem könnte eine weitere Variation des Rollenschemas gefallen:

Rolleneinteilung 2: Playmaker, Wing, Big.

Playmaker

jameswadeOffensiv: Der Spielgestalter ist der Spieler, der das beste Ballhandling mit sehr gutem Decision-Making kombinieren kann. Das ist in der NBA im Normalfall noch immer der klassische „Point Guard“, aber er muss es eben nicht sein. LeBron James, Kobe Bryant oder auch Dwyane Wade sind Gegenbeispiele genug. Der Playmaker hat zu Beginn der Einleitung eines Plays den Ball in den Händen und trifft die Entscheidung, welches Play nun gelaufen wird. Bei den Miami Heat ist dies LeBron James.

Defensiv: Der Playmaker existiert defensiv nicht und geht in eine der folgenden beiden Rollen auf:

Wing

mariochalmersOffensiv: Die Flügelspieler besitzen im Grunde eine von zwei Eigenschaften: Der überwältigende Großteil hat ein gutes Händchen bis hinter die Dreierlinie und sorgt dafür, dass der Playmaker und die Big Men genügend Platz auf dem Feld haben. Bei den Heat waren dies im letzten Jahr Mario Chalmers und Shane Battier. Ein kleiner Teil der Winger ist jedoch (auch) ein Slasher, der den entstandenen Platz nutzt und in Nähe des Korbes abschließt. Dies tut er, weil er entweder besonders athletisch ist und zum Korb ziehen kann oder nicht über einen ausreichenden Wurf von außen verfügt. Bei den Heat hat dies Dwyane Wade bekleidet, bei den Mavericks spielt Shawn Marion diese Rolle.

Defensiv: Der Wing verteidigt die Wingspieler des Gegners am Perimeter. Bei den Heat waren dies auf jeden Fall Chalmers, Wade und Battier. Je nach Rolleneinteilung des Gegners konnte auch LeBron James auf den Flügel gehen, um einen weiteren Wing zu verteidigen.

Big

dwighthowardOffensiv: Der Big Man definiert sich in der heutigen NBA eigentlich gar nicht so sehr durch die Offensive. Wenn er dies tut, ist er noch immer im Low Post zu finden. Beispiele für den offensiven Big wären Dwight Howard, Andrew Bynum oder Roy Hibbert. Bigs können aber auch bis zum High Post agieren und von den Horns aus Impact auf das Spiel haben. Hier findet man bei den Heat dann Chris Bosh wieder.

Defensiv: Der Big ist vor allem der Anker in der Defensive, der für Stabilität sorgt, Würfe blockt und reboundet. Im Meisterjahr nutzten die Heat hier vor allem noch Joel Anthony. In dieser Saison soll Chris Bosh diese Rolle ausfüllen. Auch LeBron James ist zu einem großen Teil ein Big in der Defensive. Hier finden am ehesten noch die klassischen Center ihr zu Hause: Tyson Chandler ist sowohl Center als auch Big, der den Korb beschützt.

Wichtig ist bei allen Rolleneinteilungen, dass es offensiv immer genau einen Playmaker gibt, die anderen Rollen aber – je nach Team – unterschiedlich vergeben werden. Selbst bei Miami ist die Einteilung nicht so leicht. Probleme treten dann auf, wenn ein Spieler mehr als eine Rolle zugewiesen bekommt. Die Rollenspieler Battier und Chalmers sind klare Winger, die im Prinzip nur werfen sollen. Dwyane Wade ist eine Kombination aus einem Wing und einem Playmaker – nämlich immer dann, wenn LeBron auf der Bank sitzt oder off-the-ball agiert. James selbst ist zwar primär der Ballhandler, kann aber auch als Wing oder Big agieren – ebenso auch defensiv!

Wenn James doch wieder jede Rolle ausfüllen kann, welchen Ertrag hat es nun, wenn sich vom klassischen Positionssystem verabschiedet und zu einem – ebenfalls unzulänglichen – Rollensystem wechselt?

Die Auflösung der starren Positionsverteilung

Die NBA ist dynamisch. Das Spiel selbst ist es. Die Spieler nehmen unterschiedliche Rollen an, bekleiden verschiedene Positionen. Das Rollenschema greift besser und vereinfacht sogar die Einteilung der Spieler. Lediglich die Unterscheidung in Offensive und Defensive kommt hinzu, wodurch – ebenso wie bei den Positionen – nun fünf verschiedene Bezeichnungen entstehen: Playmaker, Wing (defensiv/offensiv) und Big (defensiv/offensiv). Die Vereinfachung hilft zudem dabei, präziser die Rolle des Spielers zu beschreiben als die klassische Position.
Wenn wir auf die Ausgangsfrage zurückkommen, was Carmelo Anthony nun für eine Position bekleidet, wird die NBA-Fangemeinde weiterhin darüber streiten, ob er nun Small Forward (er ist immerhin ein Scorer am Flügel) oder Power Forward (es gibt durchgehend drei kleinere Spieler auf dem Feld) ist. Als Vertreter der Rollenschemata kann man Anthony hier relativ genau einordnen: Er ist offensiv ein Wing. Defensiv passt er sich dem an, was sein Gegenspieler spielt: Er verteidigt entweder als Wing, wenn sein Gegenspieler ebenfalls wurfstark ist, kann aber aufgrund seines Körpers auch als Big auflaufen und näher am Korb verteidigen.

rollendefmeloanthony

Was bringt diese Erkenntnis nun? Wenn wir uns einen fiktiven Angriff eines Teams anschauen und an einer beliebigen Stelle den Angriff anhalten, können wir mit großer Sicherheit einen Playmaker, Wings und Bigs ausmachen. Wenn man an dieser fiktiven Stellen jedoch bestimmen sollte, wer PG, SG, SF, PF oder C ist, wird man scheitern. Man kann zwar versuchen, die Spieler einfach nach ihrer Größe zu ordnen, aber das würde nicht erklären, wieso auf einmal der Shooting Guard zum Korb cuttet, der Center sich in der Midrange wiederfindet und der Power Forward am Perimeter das Spiel aufzieht – so wie es in dieser Saison zu fast jeder Zeit bei den Miami Heat der Fall war.

Fazit

Von den Positionseinteilungen sollte man sich verabschieden. Man kann offensiv zwischen Paul George und Danny Granger, zwischen Nicolas Batum und Wesley Matthews, zwischen Shannon Brown und Jared Dudley gar nicht unterscheiden. Trotzdem sollen Shooting Guard und Small Forward zugewiesen werden – dabei spielen beide Starter offensiv fast identische Rollen. In einem Rollenschema sind alle genannten Spieler Wings – und genau das tun sie auch. Ebenso kann man mit den Rollen in der Offensive Chris Paul, Kobe Bryant, James Harden und LeBron James zusammenfassen zu dem, was sie zu größeren Teilen auf dem Feld tun: Sie sind die primären Ballhandler und Playmaker ihrer Teams, egal auf welcher „Position“ sie auflaufen.

Unter Einbezug der Rollen kann man demnach präzisere Aussagen über das Spiel eines Spielers treffen – und dies ist schließlich deshalb wichtig, wenn eine Vergleichbarkeit hergestellt werden soll. Man kann LeBron James nicht mit Nicolas Batum (als SF) oder Pau Gasol (als PF) vergleichen, auch wenn man James zwangsläufig das Label SF oder PF verpassen möchte. Man kann auch Brandon Roy in seiner Blazers-Zeit nicht mit Ray Allen vergleichen, obwohl jeder intuitiv bestätigen wird, dass beide Shooting Guards sind. Man vergleicht auch nicht Derek Fisher mit Deron Williams – beides angeblich Point Guards. Man kann aber die Playmaker James, Roy und Williams zur Playmaking-Ballhandling-Decisionmaking-Facette vergleichen; man kann auch Derek Fisher und Nicolas Batum und Ray Allen auf den Wing-Positionen vergleichen; ebenso bekommt man Pau Gasol aus dem Vergleich getrennt, da er offensiv und defensiv als Big fungiert.

Sollte also in Zukunft ein Vergleich von NBA-Spielern anstehen, dann sucht den besten Playmaker, den besten Wing, den besten Big. Die alten Positionsbezeichnungen haben ausgedient, weil sie das Spiel und dessen Dynamik nicht mehr abbilden können.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben