Los Angeles Lakers

Ballhog or Ballgod?

kobebryantshooting41 Würfe. In Worten: Einundvierzig. Nach dem Sieg der Los Angeles Lakers gegen die Golden State Warriors am vergangenen Samstag hatte Kobe Bryant diese Zahl in der Boxscore-Spalte ‘Field Goals Attempted’ stehen. Zur historischen Einordnung: In den vergangenen 27 Jahren wurde die Marke von 40 Versuchen aus dem Feld in 22 Spielen durchbrochen. Es kommt demzufolge seltener als einmal pro Spielzeit vor. Dass Bryant mit neun solcher Spiele der Führende dieser Statistik ist, wird viele Leser nicht überraschen, da der Ruf als Ballhog dem Laker seit 17 Jahren vorausgeht. Michael Jordan ist dieses “Kunststück” viermal gelungen (seine 49 FGA bei einer Niederlage gegen die Orlando Magic 1993 sind auch der Rekord in dem angesprochenen Zeitraum), Allen Iverson dreimal und Shaquille O’Neal, David Robinson, Hakeem Olajuwon, Chris Webber, Zach Randolph und Dominique Wilkins jeweils in einem Spiel. Bei seiner 81-Punkte-Gala hatte Bryant am Ende bloß fünf FGA mehr auf dem Konto als beim Spiel gegen Golden State. Einen Teil seiner Anhängerschaft konnte er durch die 13 Punkte bei 50% im vierten Viertel plus Verlängerung besänftigen, für seine Kritiker war es natürlich wieder ein gefundenes Fressen, dass Bryant trotz Steve Nash, Dwight Howard und Pau Gasol soviele Würfe genommen hat.

Muss Bryant so oft werfen?

An dieser Stelle soll es allerdings nicht um das eine Spiel gegen den Nachbarn der Lakers aus Oakland gehen, sondern um die grundsätzliche Frage, ob die Nummer 24 in dieser Saison zu viele Würfe nimmt – obwohl er mit einer mehr als einwandsfreien Effizienz punktet. Zum Vergleich:

NameWürfe pro SpielPunkte pro SpielTrue Shooting PercentageOffensive Rating
Kobe Bryant21,529,758,9%116
Carmelo Anthony20,628,358,8%114
LeBron James18,325,460,6%120
Kevin Durant17,327,965,4%123
James Harden17,025,660,0%115
Paul Pierce15,321,057,4%107
Dwyane Wade14,519,757,8%113

 [Stand: 25.12.2012]

This season, the Lakers (12-14) are just 4-11 when Bryant takes 20 or more shots in a game. Yet, they are 8-3 when he shoots less than 20 times. [Chris Broussard]

Solche oder ähnliche Aussagen liest und hört man nach dem schwachen Start der Lakers in diese Saison oft. Alternativ auch mit der schwachen Bilanz des Teams, wenn Bryant über 30 Punkte erzielt. Die Implikation hierbei: Wenn Bryant viel wirft bzw. punktet, sinkt die Chance auf einen Erfolg der Lakers, was im Klartext bedeutet, dass er seiner Mannschaft mit einer hohen Anzahl an Würfen und eigenen Punkten schadet.

Man mag die Ansicht vertreten können, dass der Shooting Guard der Lakers zu viele Würfe nimmt, allerdings sollte man sich nicht dieser Statistik bedienen, weil es keinen eindeutigen Kausalzusammenhang gibt. Spielen die Lakers schlechter, weil Bryant soviele Würfe nimmt oder spielen die Lakers einfach besser, wenn Bryant nicht soviele Würfe nehmen muss? Und die Frage, wie die Spiele ausgegangen wären, wenn Bryant weniger Würfe genommen hätte, behandelt die Statistik nicht. Es wird eher suggeriert, dass die Spiele gewonnen worden wären, wenn er weniger Würfe genommen bzw. weniger Punkte erzielt hätte.

bryantgrinstOb Bryant ausschließlich gute Würfe nimmt, steht nicht zur Debatte. Das tut er nämlich nicht – zumindest in den Augen eines Außenstehenden. Während manch ein Zuschauer nur die Augen verdrehen kann, wenn er mit 22 Sekunden auf der Shotclock ohne potentielle Rebounder einen langen Dreier – der berühmt-berüchtigte ‘Heat Check’ – auf den Ring setzt, nimmt Bryant sich das Recht heraus, gelegentlich solche Würfe zu nehmen, weil sie oftmals der Auslöser für außerordentliche Leistungen seinerseits waren. Es sind die Momente, wo die Instinkte die Oberhand gewinnen, während manch anderer Spieler durch das eigene Gewissen zurückgehalten wird. Allerdings kann und sollte man von einem Scorer nicht erwarten, dass er seine Instinkte zu stark unter Kontrolle hält und sich ausschließlich auf seinen Kopf verlässt. Zuviel Nachdenken könnte schnell zu einem Nachteil der eigenen Fähigkeiten werden.

Ursachenforschung: Wieso nimmt Bryant diese Würfe?

Was sind also die Gründe, weshalb Bryant wieder die Nummer eins bei den Würfen ist? Ist es vielleicht der Grund, den Ric Bucher vermutet? Dass Bryant der Erfolg der Mannschaft nicht mehr interessiert, sondern bloß seine Position in der ewigen Scoring-Liste:

Someone who knows Kobe Bryant well suggests that he has turned his attention from making his case as the NBA’s all-time greatest player by surpassing Michael Jordan in championships to finishing his career as the NBA’s all-time leading scorer. The reason? He has a better shot at success. […] Knowing Kobe’s mindset, this shift makes all the sense in the world because he’s always been most comfortable betting on himself. He can’t control what kind of team the Lakers put around him, but keeping himself and his scoring average purring along until he’s 38? That is within his control.

Oder liegt ein unbekannter Scout, der sich mit Chris Broussard unterhalten hat, näher an der Wahrheit?

I don’t think it’s that Kobe doesn’t trust his teammates; it’s just that he trusts himself more. A questionable shot by him still might be better than a good look for one of those other guys.

Randnotiz: Die Lakers exklusive Bryant punkten bis zum Spiel gegen die New York Knicks mit einer TS% von 53,3.

Ein dritte Möglichkeit wäre das Phänomen, dass bestimmte Spieler an der Seite großer Namen eingeschüchtert sind – insbesondere in den Spielsequenzen, in denen es nicht läuft. An die deutsche Nationalmannschaft mit Dirk Nowitzki dürfen sich viele Leute noch erinnern. Wenn es nicht lief, wurde Nowitzki gesucht und die Mitspieler hatten wenig Interesse, es selbst zu versuchen (statische Offense, kein Versuch die Passwege zu verbessern). Wer ist verantwortlich, wenn sich bestimmte Spieler nicht trauen, in solchen Momenten aktiv und frei aufzuspielen statt den Ball immer zum Star zu passen?

Wo soll der Ball hin?

Sportlich konnte Andrew Bynum diese Saison nicht für Aufmerksamkeit sorgen. Für seine neue Mannschaft aus Philadelphia konnte er verletzungsbedingt noch kein Spiel absolvieren. Mit einer kürzlichen Aussage zu seinem ehemaligen Mitspieler Kobe Bryant sorgte er allerdings für ein Medienecho:

I thought it really helped me a lot obviously at first, because he draws so much attention it’s hard for guys to double team and key on you, so it helped me tremendously. Later, I felt I was able to get the ball more and do more things with the ball, so I could definitely see how it could stunt growth. [ESPN]

Bryant sah auch keinen Grund diese Aussage zu verleugnen:

For sure, because when you’re playing with me you obviously have to sacrifice something. Same thing with me and Shaq. You kind of off-set each other to a certain extent. So, I mean, that’s true. When he gets back and he’s healthy, he’ll come out here and he’ll be the focal point of their attack and he’ll be getting the ball more and you’ll see big games from him more consistently.

bryantbynumLetztlich haben beide Spieler mit ihren Aussagen Recht. Mit einem Point Guard der Kategorie ‘pass first’, der den talentierten Center als erste Option gesehen hätte, wäre Bynums persönliche Entwicklung vermutlich besser gelaufen. Wobei man die Aussage als leicht egoistisch einordnen kann, da er an der Seite Bryants letzten Endes zum All Star und zweitbesten Center der NBA gereift ist und mit seiner Mannschaft relativ viel Erfolg hatte (zwei Championships). Bynum ist in Hollywood allerdings Geschichte und Dwight Howard die Gegenwart. Mit Blick auf die Menge der Field Goal Attempts wird seit einiger Zeit geschlussfolgert, dass der beste Center der Liga in Los Angeles nicht optimal eingesetzt wird. Da Bryant viele Würfe nimmt und Howard wenige, lag der Grund auf der Hand: Die Black Mamba weigert sich Superman anzuspielen.

Leider ist die Basketballwelt nicht immer so einfach. Howard erzielt bei seinen Aktionen im Post aktuell 0,81 pro Play – was dem 49. Platz in der NBA entspricht und keine herausragende Platzierung darstellt. Die Gründe hierfür? Eine schwache Positionierung in Low-Post in Verbindung mit schwachen Entry-Pässen, sodass die Entfernung von Howard zum Korb mehrere Dribblings erfordert. Resultat: Keine optimalen Würfe und oftmals Ballverluste (höchste TOV% der letzten drei Jahre). Es sind Bryant und Pau Gasol, die Howard auch mal in guten Positionen/Situationen finden, während Metta World Peace, Chris Duhon und Darius Morris den Ball eher um den Perimeter als in den Post spielen.
Seit drei Spielen ist Steve Nash – für viele Fans die Verkörperung eines offensiven Genies – von seiner Verletzung zurück und agiert als Lenker und Denker der Offense von Coach Mike D’Antoni. Bryant hatte am Ende dieser drei Spiele aber weiterhin viele Würfe (16-41 gegen Golden State, 14-24 gegen New York, 13-24 gegen Denver) im Boxscore stehen, während Howard in der Zeitspanne auf insgesamt 22 FGA kommt – knapp sieben pro Spiel.

Weigert sich Nash etwadwighthowardshot auch, Howard häufig genug anzuspielen, oder kann man Bryant – mit dem Verweis auf die Spiele mit Nash – davon freisprechen, verantwortlich zu sein, dass ein Howard auf einem Niveau spielt, der zu einem überspitzten Vergleich mit Kosta Koufus führt? Waren die vielen Punkte in der Abwesenheit von Nash und Gasol einfach notwendig und auch richtig, da er sie mit einer hohen Effizienz erzielen konnte? Ist es zu kurz und einfach gedacht, wenn man behauptet, dass die Lakers erfolgreicher wären, wenn die restlichen Mitspieler mehr Würfe hätten und mehr Punkte erzielen würden? Dies kann man sich selbstverständlich wünschen, aber letztlich nicht einfach von Rollenspielern erwarten – zumindest nicht, wenn es effizient gelingen soll.

Fazit

Es ist kein Geheimnis, dass Bryant nicht der geduldigste Mitspieler ist und das Heft lieber selbst in die Hand nimmt statt in brenzligen Situationen darauf zu bauen, dass die Mitspieler seine Mannschaft zum Sieg führen. Wenn er viele Würfe nimmt, nimmt er diese nicht aus egoistischen Gründen, sondern weil er der Meinung ist, es wäre das beste für den Erfolg der Mannschaft in jenem Moment. Man könnte ihn deshalb für eine kurzfristige Denkweise kritisieren, denn manchmal wäre es für die längerfristige Entwicklung und das Selbstvertrauen mancher Spieler von Vorteil, wenn ein Star sich in schwierigen Spielsituationen zurückhalten würde, damit die Mitspieler lernen – auch auf die Gefahr hin, Spiele zu verlieren. Ob dies allerdings in der bisherigen Saison für eine bessere Bilanz gesorgt hätte, darf arg bezweifelt und eigentlich auch ausgeschlossen werden.

Um aber zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Der vermeintliche Zusammenhang ‘viele Würfe von Kobe Bryant’ plus ‘schlechte Bilanz in diesen Spielen’ mit der Schlussfolgerung ‘Bryant schadet dem Team’ deutet auf eine äußerst oberflächliche Betrachtungsweise und Auseinandersetzung mit den Los Angeles Lakers dieser Saison hin. Diese Sichtweise/Kritik wäre nachvollziehbarer gewesen, wenn er seine Punkte mit einer schwächeren Effizienz erzielt hätte, aber nicht bei einem True Shooting von knapp 60%. Die schlechte Bilanz trotz der hohen Ausbeute Bryants zeigt eher, dass diese alleine nicht immer für einen Sieg der Lakers ausreicht und deutet auf andere Probleme und Schwachstellen hin. Es ist die Verteidigung, auch die von Bryant, wo man die Kritik in Tinseltown ansetzen sollte.

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