Golden State Warriors, Milwaukee Bucks, NBA

Flucht aus dem Mittelmaß?

Im Mittelmaß gefangen zu sein, ist das schlimmste, was einem NBA-Team passieren kann – gerade als kleiner Markt. In der Regel zu gut, um die ganz hohen Draftpicks und damit die Chancen auf einen Star zu haben, zu schlecht, um auch nur im entferntesten an die zweite Playoff-Runde zu denken oder die Anziehungskraft für die begehrtesten Free Agents zu haben. Die Milwaukee Bucks kämpfen nun schon seit elf Jahren gegen das Mittelmaß an, ohne sich so wirklich aus ihm befreien zu können. Selbst glückliche Fügungen wie die Draft 2005, als man trotz fünf schlechterer Teams die Lottery gewann, verhalfen der Franchise nicht zum Durchbruch. 2005 ist ein gutes Stichwort, denn dieses Kapitel wurde vor kurzem endgültig abgeschlossen, als man den an Nr. 1 gedrafteten Andrew Bogut zusammen mit Stephen Jackson nach Oakland verfrachtete, um im Gegenzug Monta Ellis, Ekpe Udoh und Kwame Brown zu erhalten. Gut genug, um den Mittelmaß-Fluch zu beenden?

Um diese Frage zu beantworten, muss man erst einmal sehen, wieso die Bucks überhaupt im Mittelmaß feststecken. Schließlich sollte man meinen, dass bei den ständigen Verletzungen von wichtigen Spielern wie Bogut oder Michael Redd auch mal hohe Draftpicks rausspringen mussten, um das Team nachhaltig zu verstärken. Wenn man sich aber die Draftgeschichte der Bucks ansieht, stellt man verblüfft fest, dass gerade die Zweitrundenpicks der letzten Jahre extrem gut waren, während man mehrere hohe Picks in den Sand setzte. Das lässt sich bis auf das Jahr 2000 zurückverfolgen, als man Michael Redd mit dem 43. Pick verpflichten konnte, und setzt sich kontinuierlich fort: Ronald Murray (2002, 41. Pick), Keith Bogans (2003, 43), Ersan Ilyasova (2005, 36), Ramon Sessions (2007, 56), Luc Richard Mbah a Moute (2008, 37) oder Jodie Meeks (2009, 41) hatten und haben alle mehr oder weniger erfolgreiche Karrieren als Rotationsspieler hingelegt. Milwaukee hat es also immer wieder verstanden, mit späten Picks wenigstens gute Rollenspieler zu finden und so den Kader in der Breite zu stärken – gut, wenn man ein starkes Fundament hat, schlecht, wenn man eben im Mittelmaß gefangen ist oder es versäumt, dieses Fundament aufzubauen. Genau das haben die Bucks mit mehreren zweifelhaften Erstrundenpicks getan: Yi Jianlian (2007, 7, obwohl er vorher äußerte, lieber woanders spielen zu wollen) und Joe Alexander (2008, 8 ) haben die Bucks mit Workouts beeindruckt, die, positiv ausgedrückt, viel Raum für Spekulation boten. Gerade Alexander wurde noch einen Monat vor der Draft in vielen Mock-Drafts als Pick in den Zwanzigern gelistet, ehe seine Position stieg und stieg. Dazu gesellt sich Larry Sanders, der 2010 an 15. Stelle gepickt wurde und noch im ersten Jahr in die D-League wanderte, sowie Tobias Harris als 19. Pick des aktuellen Jahrgangs, der sicherlich nach gerade einmal 34 Einsätzen mit elf Minuten im Schnitt noch nicht abschließend zu bewerten ist, aber bislang nicht den Eindruck erweckte, ein wichtiger Bestandteil der Rotation werden zu können.

Auch die Free Agency oder Trades brachten den Bucks eher selten Erfolg ein. 2005 verpflichtete man den amtierenden MIP Bobby Simmons, der aber in drei Jahren (eines davon verpasste er verletzungsbedingt) nie wirklich glücklich wurde und den man schließlich gegen Richard Jefferson eintauschte. Aus Jefferson wurde eine Menge Cap-Futter, aus dem wiederum horrende Verträge für John Salmons (später Stephen Jackson), Drew Gooden und Charlie Bell wurden. Mit anderen Worten: Ein wirklich gutes Signing gelang so gut wie nie, im Gegenteil: Man nahm immer wieder miese Verträge (Maggette, Jackson, Udrih) auf, beraubte sich somit jeder Cap-Flexibilität und versank in den Niederungen der Plätze 9-11 im Osten. Einzig 2009/10 stellt eine Ausnahme dar, aber da hatte John Salmons ja sein Contract-Year und legt seither sportliche 11,6 Punkte, 3,4 Rebounds, 2,9 Assists bei einer FG% von 41,4 auf – das alles für 40 Millionen über fünf Jahre. Sagen wir es so: Die Bucks haben sich selten wirklich glücklich angestellt, wenn sie mal Geld hatten, um potente Free Agents zu holen, oder haben sich per Trade Head Cases wie Jackson oder Maggette geangelt, die für die Teamchemie und den Erfolg pures Gift waren.

So kann man den Bucks eigentlich nur Glück wünschen, dass sie sich im kommenden Sommer besser anstellen – womit wir wieder beim aktuellen Trade wären. Denn der sorgte nicht nur dafür, dass man Jacksons Horrorvertrag (10 Mio. in der kommenden Saison) abstoßen konnte, sondern man spart nebenbei noch 9 Millionen Dollar an Gehalt ein. Das sollte es ermöglichen, den immer besser werdenden Ersan Ilyasova weiter an die Bierstadt zu binden und somit einen wichtigen Schritt Richtung erfolgreicher Zukunft zu gehen. Der andere bestünde darin, dass man sich auf irgendeinem Wege einen starken Big Man angelt, denn der fehlt mit dem Weggeben von Bogut. Ob man den Bucks jetzt einen Vorwurf machen will, weil sie ihren Center getradet haben, hängt ganz davon ab, was man in dem Australier sieht: Die einen rechnen ihn zu den fünf besten Centern der Liga, der eine defensive Präsenz hat und einer der wenigen Spieler ist, die sich gerne im Lowpost aufhalten. Die anderen reden über einen Dauerverletzten, der den Cap mit 27 Millionen in den nächsten beiden Jahren belastet hätte, aber selbst bei voller Gesundheit nie den Unterschied zwischen einem soliden und einem Zweitrundenteam machen konnte. Die Wahrheit dürfte wohl irgendwo in der Mitte liegen, aber der Move der Bucks bleibt zumindest diskutabel.

Diskutabel vor allem deswegen, weil man normalerweise in der NBA nie groß gegen klein tradet. Ausnahmen kann es natürlich geben, aber dann sollte man im Gegenzug besser einen jährlichen All Star erhalten (zumindest für jemanden mit der potentiellen Klasse eines Bogut) und ob Monta Ellis das wirklich ist? Seine Vorzüge – extreme Ausdauer, kann sich immer seinen eigenen Wurf kreieren, scort aus allen erdenklichen Lagen – sind ebenso anerkannt und unbestritten wie seine Nachteile: Ist vor allem ein Shoot First-Guard á la Allen Iverson, der den Pass erst als zweite Option sieht, hat defensiv mentale Aussetzer und springt viel zu oft in vermeintliche Passwege, wodurch er defensive Mismatches oder offene Würfe gegen sein eigenes Team produziert. Natürlich ist es so, dass man bei überdurchschnittlichen Spielern gerne mal die zu sehr auf die Schwächen achtet und natürlich ist es auch so, dass Milwaukee neben Brandon Jennings keinen einzigen Spieler hatte, der sich selber Würfe erarbeiten konnte. Aber ist es wirklich sonderlich intelligent, zwei identische Spieler im Backcourt zu haben? Schließlich ließe sich der Scouting-Report von Ellis eins zu eins auf Jennings übertragen. Vor allem: Wann hat das letzte Mal ein Team die Meisterschaft gewonnen, dass seine beiden besten Spieler im Backcourt hatte? In den letzten dreizig Jahren können das nur die Bad Boy-Pistons von sich behaupten, aber a) war das Duo Thomas/Dumars ein paar Klassen besser als Ellis/Jennings und b) war der Supporting Cast um Welten besser als der der Bucks.

Nun ist es ja nicht so, dass die Bucks lediglich Ellis ertradet haben (auch wenn er natürlich der Hauptgrund für den Spielertausch war), sondern auch Ekpe Udoh, letztjähriger Lottery-Pick der Warriors. Hat man damit den defensiven Einfluss Boguts ersetzt? Schließlich gilt Udoh als athletischer Verteidiger und Shotblocker, der gerade in dem Bereich sein Spiel von Beginn an auf NBA-Niveau hieven konnte. Das war es dann aber auch schon, denn selbst wenn ich gerne eingestehe, dass er ein guter Verteidiger ist: Er kommt nicht einmal annähernd an die Präsenz ran, die ein gesunder Bogut defensiv hat. Er ist auch am Mann kein wirklich guter Verteidiger, sammelt in Windeseile Fouls ein und offensiv ist sein Spiel bestenfalls als roh zu beschreiben. Das Entwicklungspotential ist vorhanden und zeigt in einigen Aspekten (Mitteldistanzwurf, Abschluss am Brett, Turnoverquote) in die richtige Richtung, aber am Ende des Tages wird Udoh nicht mehr als ein Rollenspieler sein – nicht, dass Milwaukee davon schon genug hätte…

Der Trade ist aber auch für die Warriors riskant. Nicht nur wegen der angesprochenen Verletzungsproblematik bei Bogut, sondern auch, weil der designierte Eckpfeiler des zukünftigen Backcourts, Stephen Curry, Dauergast beim Teamarzt ist. Hier ist das Problem vielleicht noch drastischer als bei Bogut, dessen Verletzungen immerhin unabhängig voneinander waren: Curry hat immer Probleme mit dem rechten Knöchel, die laut Meinung einiger Experten auch laufstilbedingt nie wirklich verschwinden werden. Dazu hat man deutlich mehr Geld aufgenommen, aus unerfindlichen Gründen Jackson gegen Jefferson getauscht und so den Salary Cap um zusätzliche 11 Millionen für 2013/14 beladen – es sei denn, man überzeugt Jefferson, auf seine Spieleroption zu verzichten, was vermutlich nur mit Gewalteinfluss möglich sein dürfte. Das Hauptaugenmerk dürfte wohl eher darauf liegen, den eigenen Pick im kommenden Draft zu kriegen, was gelingt, sobald man unter den ersten sieben auswählen darf – die Bilanz von 2:8 seit dem Trade macht Hoffnung, dass dieses Unterfangen gelingt.

Ob allerdings ein Nukleus um Bogut, Lee, Curry und den eventuellen Draftpick 2012 eine große Zukunft verspricht? Eher nicht, auch wenn sich Lee und Bogut auf dem Papier gut ergänzen dürften. Trotzdem fehlt hier einfach die Klasse, um ganz oben angreifen zu können, sehr viel eher dürften ein paar Erstrundenauftritte das obere Limit darstellen. Ähnliches lässt sich über die Bucks sagen, sollten sie (was als wahrscheinlich anzunehmen ist) den freien Capspace nutzen, um Ilyasova langfristig zu binden: Man hat weiterhin viele gute Rollenspieler, der Backcourt dürfte massig Punkte produzieren (und zulassen), aber ein echter Star fehlt ebenso wie die Perspektive, irgendwann zu den Topteams aufzuschließen. Insofern bleibt alles beim alten und das heißt: Im Mittelmaß gefangen. Mal wieder.

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