NBA

Derrick Rose zum Minimum?

Das Schicksal mittelmäßiger Ball Handler

Das Schicksal mittelmäßiger Ball Handler

Derrick Rose wird sich im Laufe der Woche dafür entscheiden, für welche Franchise er auflaufen wird bzw. auflaufen darf. Brandon Jennings und Monta Ellis haben noch keinen Deal in der Free Agency unterschrieben. Das große Geld ist bereits verteilt worden. Übrig sind zumeist nur noch die Mid Level oder Bi-Annual Exceptions. Wenn es schlecht läuft, müssen die Spieler gar das Veteranen-Minimum nehmen. Alle drei Spieler stehen sinnbildlich für einen Spielertyp, der – wie kaum ein anderer – Boom or Bust ist. Warum haben Ball Handler es auf der einen Seite in der Liga so schwer; auf der anderen Seite sind sie aber die Superstars, die Gesichter der gesamten NBA?


Derrick Roses Karriere versinnbildlicht den schmalen Grat, auf dem jeder Ball Handler wandelt: Zu Beginn findet er sich in der Liga zurecht, steigt aufgrund seiner unglaubliche Athletik zu einem Star (für manche zu einem absoluten Franchise Player und einer Identifikationsfigur) auf, um dann – auch bedingt durch Verletzungen – kometenhaft abzustürzen. Wie Rose erging es bereits vielen Spielern, die den Ball brachten. Die Cleveland Cavaliers, die an den Diensten Roses interessiert sind, können mit dem letztjährigen Backup Deron Williams und der diesjährigen Verpflichtung Jose Calderon gleich zwei Spieler präsentieren, die in ihrer Prime sehr gute Passer waren, aber mit fortschreitendem Alter zu Minimumspielern wurden.

Aber Rose wird erst 29 – eigentlich das Alter, in dem man seinen erwachsensten, besten Basketball spielt. Deron Williams ist mittlerweile 33, Calderon geht auf die 36 zu. Der Einbruch ist hier verständlich, die jahrelange Belastung einfach zu hoch.
Rose hat aber – in Gemeinsamkeit mit Ellis und Jennings und im Gegensatz zu Williams und Calderon – so signifikante Lücken in seinem Spiel, dass er für viele Franchises uninteressant wirkt. Generell ist Rose mit seinen Problemen nicht alleine, sondern hat auch in der Liga einige Spieler mit ähnlichem Skillset: Rajon Rondo, Jeff Teague und Dennis Schröder beispielsweise.

Sie alle vereint ein Umstand, der sie schnell „unspielbar“ macht: Sie treffen zu oft die falsche Entscheidung und sind deshalb nur in speziellen Situationen zu gebrauchen. Keine Rolle in der NBA ist unbarmherziger zu besetzen als die des primären Ball Handlers.
Wir lieben unsere Chris Pauls und Steph Currys für ihr Talent. Wir lieben sie deshalb, weil sie so viele Dinge exzellent können, vor allem aber lieben wir ihr Decision Making. Paul und Curry sind grundsätzlich verschiedene Spieler; der eine ein Basketballschach-spielender, überlegter Passer, der sein Scoring (leider) hinten anstellt; der andere ein fast pace Gunner, der sein Passing noch ein wenig verbessern könnte. Aber beide treffen zu einem großen Teil die richtigen Entscheidungen. Beide sehen und lesen Basketball, antizipieren, was in ein-zwei Sekunden passieren wird, passen ihre Aktion darauf an und kommen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Steph Curry entscheidet, dass der Abstand zwischen ihm und seinem Gegenspieler so groß ist, dass er einen off-the-dribble Dreier nehmen kann, um seinem Team zu helfen.

Chris Paul dagegen nutzt einen geschickt gestellten Pick, um den frei curlenden Mitspieler zu bedienen.

Beide Plays sind richtig. Sie sind situationsangepasst und setzen alle Beteiligten nach den jeweiligen Stärken ein. Wenn wir den Bogen zu Rose und Co. zurückschlagen, sehen wir hingegen häufiger Fehlentscheidungen, die auf mehreren Ebenen zustande kommen: Der Ball Handler überschätzt seine eigenen Fähigkeiten; er glaubt, dass er eine Lücke sieht, um seinen Mitspieler zu bedienen, die aber in der nächsten Zehntelsekunde durch einen Arm geschlossen wird; er glaubt, dass er ein guter Schütze ist, obwohl er das in der Liga bisher nicht konstant bewiesen hat; er glaubt, dass sein Dribbling und seine Fakes ausreichen, um zum Korb vorzudringen.

Der Ball Handler kann aber eventuell auch die Stärken seiner Mitspieler nicht adäquat einschätzen. Er passt evtl. in der Not zu einem freien Mitspieler, der am Perimeter steht und über keinerlei Wurf verfügt; er vertraut den Wurffähigkeiten seines Mitspielers nicht; oder er überschätzt die Qualitäten seines Nebenmannes und verschafft diesem einen zu schweren Wurf.

All dies sind Situationen, in denen der Ball Handler selbstverschuldet sein Team nicht in die Spur bringt. Schlimmer ist für ihn nur das, was der Gegner tut, um ihn aus dem Spiel zu nehmen. Bei all den schwierigen Kandidaten ist dies recht einfach: Der Gegner sinkt ab und bietet Rose, Schröder und Ellis den Distanzwurf an, weil er weiß, dass diese Spieler ihn nicht beherrschen. Dies verkompliziert den Spielaufbau der Spieler noch weiter. Sie werden gezwungen, den Wurf zu nehmen oder zu verweigern (Rose und Rondo nahmen generell keine Pull-Up Dreier), treffen dadurch die falsche Entscheidung (Schröder Pull-Up Dreier 28%) oder meisterten den Wurf (Teague mit fast 35% Pull-Ups).

Was Ellis, Rose und Co. alle gemein haben, ist der nicht vorhandene Dreier. Jeff Teague – in dieser Offseason ordentlich entlohnt – fällt so ein bisschen (positiv) aus dem Rahmen, sollte angesichts des nicht besonders guten Spacings in Minnesota aber genauer beobachtet werden.


Die Probleme des Decision Makings potenzieren sich für ein Team nochmals, wenn der Spieler kein Dreierschütze ist. Deshalb finden vormals primäre Ball Handler wie Deron Williams oder Jose Calderon noch immer Jobs: Sie können werfen. Nicht nur, dass es in der modernen NBA als essentiell gilt, den Dreier zu treffen; es ist vielmehr auch das Synonym für einen off-ball-Spieler. Die Erklärung ist zwar etwas zu kurz gegriffen, weil man auch off-ball agieren kann, wenn man keinen Wurf hat, dafür aber besonders geschult sein muss: Man muss beispielsweise die Chancen erkennen, die Cuts bieten (es sollte niemanden überraschen, dass unsere Ball Handler-Gruppe dies nicht beherrscht; Rose noch am häufigsten mit einem Mal pro Spiel, aber auch nicht effizient genug). Aber dies ist generell nicht das Spiel der Ball Handler. Sie haben ihr Leben lang den Ball in den Händen gehabt und vielleicht Spieler gesehen, die zu Cuts ansetzten, um diese zu bedienen; selbst sind sie die Plays nie gelaufen.

Deshalb wird von ihnen erwartet, dass sie als Ballpassstationen oder Dreierschützen fungieren können, um die Löcher der Defense zu bestrafen. Nur können sie dies eben auch nicht. Was wird aus Spielern, die zu oft die falsche Entscheidung treffen, aber off-ball nicht agieren können?

Die Ball Handler in der Free Agency beantworten diese Frage: Sie werden zu Minimumspielern. Der Aufbau bleibt die schwierigste Rolle im Basketball. Bist du nicht wirklich gut, musst du den Ball aus den Händen geben und den Speilaufbau einem anderen überlassen. Hast du dann keine weiteren Tools, um dich in den Dienst der Mannschaft zu stellen (besonders gute Verteidiger sind in unserer Gruppe ebenfalls nicht zu finden), wirst du schnell zu einem Risiko für dein Team.
Die Franchises sind in dieser Hinsicht zu verstehen, da sie auf der Suche nach den Pauls, Currys, Hardens oder LeBrons sind. Der Ball Handler ist das Fundament jedes Teams. Wenn das Fundament bereits wackelt und bröckelt, hilft es dir auch nichts, weitere gute Spieler im Kader zu haben.

Deshalb gibt es in der heutigen NBA auch eine besondere große Spanne zwischen (fast) Maximal-Vertrag-Ball Handlern (Harden, Curry, Paul, Conley und Holiday)  und den restlichen Aufbauspielern, die oft fürs Minimum unterschreiben. Eine wirkliche Mittelschicht gibt es nur per Definition (Spieler, die mittelmäßiges Gehalt verdienen; dazu zählen bspw. Teague, Schröder oder George Hill), aber nicht auf dem Feld. Bei Schröder bestehen weiterhin Zweifel, dass er Decision Making und Wurf verbessert; Teague ist wieder in einem Team gelandet, bei dem er nicht die erste Ball Handling Option ist; Hill wird generell nur als Komplementärspieler mit ordentlichen Ball Handling Skills angesehen. Klassische Impact-Ball Handler sind diese nicht. Atlanta wird mit Schröder als primärem Ball Handler keine Rolle spielen; bei Teague und Hill hofft man, dass sie die off-ball-Rolle (sehr) gut ausfüllen können. Die Franchises suchen sich ihren Ball Handler dann auf anderen Positionen.


Für Derrick Rose, Brandon Jennings und Monta Ellis bedeutet dies alles nichts Gutes. Die Liga hat zunächst festgestellt, dass sie als erste Ball Handling Option untauglich sind; andere Qualitäten können die  nominellen Lead-Guards aber nicht ins Team einbringen. Die einzige Hoffnung besteht nun darin, einen Ein-Jahres-Deal zu bekommen und zu beweisen, dass man entweder in einer sehr viel kleinen Handling-Rolle als Backup funktionieren kann oder doch noch andere Qualitäten hat. Weist man dies nicht nach, könnte die NBA-Karriere schon beinahe beendet sein. Denn die Rolle des Ball Handlers ist die unbarmherzigste in der NBA.

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